Ich und der ganz andere

Irland wagt ein Experiment: Eine Versammlung aus hundert Bürgern diskutiert wichtige Themen und beeinflusst das Parlament. So ist lebendige Politik entstanden - und eine unwahrscheinliche Freundschaft zwischen zwei Männern: einem Schwulen und einem Homophoben.

Unterschiedlicher geht es kaum: Die beiden Iren Finbarr O'Brien (links) und Chris Lyons dürften eigentlich keine Freunde sein.

Finbarr O'Briens trauriges Leben, das bisher 62 Jahre dauert, kennt auch Schönheit. Die Geburten seiner beiden Söhne. Nachmittage mit seinen Enkelkindern. Auch der Moment, als er erfuhr, dass sich der Mann, dessen Namen er nicht ausspricht, umgebracht hat. Aber die beste Zeit seines Lebens, sagt Finbarr O'Brien, war eine andere. Sie währte etwas mehr als ein Jahr und begann an einem Tag im Herbst 2012, der gewöhnlicher nicht hätte sein können. Als hätte diese unwahrscheinliche Großartigkeit, die auf ihn wartete,

Wie an jedem Arbeitstag steuert Finbarr damals seinen Van die 110 Kilometer rund um das südirische Städtchen Macroom über sanfte grüne Hügel und schmale steinerne Brücken, 540 Briefkästen. Nachdem er alle Pakete und Briefe zugestellt hat, trinkt er auf dem Heimweg einen Kaffee. Er sitzt allein an einem Tisch, als eine Frau das Café betritt. Er kennt sie, wie er fast jeden hier kennt. O'Brien ist ein guter Briefträger. Keiner, der neugierig Postkarten liest. Einer, dem die Menschen von sich

Sie kommt an seinen Tisch. Finbarr, fragt sie, hast du Lust, ein Jahr lang für jeweils ein Wochenende im Monat nach Dublin zu fahren, um über eine neue Verfassung für Irland zu beraten? Er lacht. Nein, sagt sie, das meine sie ernst. Finbarr hat eine Ahnung, was die Verfassung ist. Was das Problem mit ihr sein soll, weiß er nicht. Er fragt, was das alles mit ihm zu tun habe.

Sie habe den Auftrag, Teilnehmer für eine Bürgerversammlung zu suchen, ein Experiment, das die

Irland leidet in dieser Zeit, wie viele westliche Demokratien, an einer Wirtschaftskrise, die übergeht

Warum das Volk nicht mal machen lassen? Was, wenn man die Menschen mitentscheiden lässt

Die Verfassung verbietet die gleichgeschlechtliche Ehe, und die katholische Kirche, mächtig in Irland, will,

Referenden scheiden aus. Zu viele Menschen im Land sind wütend, und wenig zieht Wut

Also wagt Irland jenes Experiment. Hundert Bürger sollen zusammenkommen, zufällig gewählt aus dem Wahlvolk,

Könnte schiefgehen, klar. Aber es gibt eine Vorsichtsmaßnahme. Die Versammlung kann nicht einfach so

So kommt es, dass wenig später, 250 Kilometer südwestlich von Dublin, im kleinen Macroom,

Ich bin nicht gebildet und verstehe nichts von Politik. Bei uns auf dem Land

Wenn man Finbarr O'Brien fünf Jahre später besucht und eine halbe Stunde zu früh

Auf diese Frage gibt es viele richtige Entgegnungen, die vielleicht wichtigste ist, dass in

Finbarr O'Brien war die irische Version des wütenden, alten, weißen Mannes. Gut möglich, dass

Heute besitzt er eine Sonderausgabe der irischen Verfassung, in Leder gebunden. Manchmal schaut er

Caroline lässt an jenem Tag im Herbst 2012 im Café ihre Telefonnummer da. Falls

Wenige Wochen später, an einem Dezembertag, steigt Finbarr aus einem Taxi und schaut empor

Drinnen ist alles riesig, Räume, Vorhänge, Lampen. Die Gemälde erzählen Geschichten, von denen er

Von den Worten des Regierungschefs behält er nichts. Aber dann spricht ein weißbärtiger Mann,

Arnold sagt, die Iren vertrauten ihren Eliten nicht mehr. 
Stimmt, denkt Finbarr.
Arnold sagt, man sei hier, um die Demokratie zu bewahren, er zitiert den irischen Literaturnobelpreisträger Seamus Heaney und sagt: »Die Väter unserer Verfassung haben 1937 einen guten Job gemacht. Jetzt sind wir dran.«
Finbarr hat Gänsehaut.
Der Saal klatscht, der Premierminister, der Parlamentspräsident, die Abgeordneten und Minister, die vielen Menschen, die Finbarr nicht kennt, auch er. Was in Gottes Namen macht er hier?

Einen Monat später, an einem Samstagmorgen Ende Januar 2013, betrachtet Finbarr in einem Hotel

Finbarr tritt in einen riesigen Konferenzraum, Deko in Irlandgrün, hinten stehen Kameras, vorn eine

Wenige Momente später tritt ein junger Mann an den Tisch. In seiner Lippe glänzen

Ich dachte sofort, den schlage ich durchs Fenster. Meine Gedanken waren außer Kontrolle. In

Der junge Finbarr erduldet den Missbrauch. Er spricht nicht darüber, aber in seinem Kopf rasen die Gedanken. Sein Kinderhirn verwebt in dieser Zeit zwei Dinge zu einem.
Männer, die sich sexuell zum selben Geschlecht hingezogen fühlen.
Gewalt gegen Kinder.

Die Schlussfolgerung ist für ihn zwangsläufig: Schwule sind pädophil. Auch wenn er die Worte

Natürlich ist das alles zu viel für ihn, viel zu viel, als Jugendlicher beginnt

Als er alt genug ist, fährt er manchmal die eine Stunde nach Cork, wo der Mann angeblich lebt. Er läuft dann stundenlang durch die Straßen und sucht nach ihm.
Hätte ich ihn gesehen, hätte ich ihn totgeschlagen.

Finbarr wird Lkw-Fahrer, weil er so nicht viel mit anderen zu tun haben muss.

Als Finbarr erfährt, dass der Mann sich umgebracht hat, nimmt er sich vor, das

Finbarr heiratet, seine Frau erfährt nichts. Seine Söhne werden zu Männern, sie erfahren nichts.

Noch etwas bringt sie ihm bei. Wenn die Panik kommt, sagt sie, soll er

Es funktioniert. Er benutzt den Trick ständig. Es fühlt sich an, als habe er

Aber dann sitzt Finbarr Ende Januar 2013 etwas verloren in diesem riesigen Hotel, in

Zurücklehnen, umschauen. Großer Saal, holzvertäfelte Wände, braun-beige gemusterter Teppichboden, in den Raum strömende Menschen. Der Gepiercte

Ernsthaft? Das ist der erste Typ, dem ich hier begegne? Ich sah ihn auf

Chris Lyons ist 26, als ihm die Mutter eines Freundes, die bei einem Meinungsforschungsinstitut

Seine Traurigkeit ist mittlerweile in Aktivismus umgeschlagen. Er ist wütend. Irland soll noch eine Chance

Ich fuhr nicht nach Dublin, um zu fragen: Darf ich bitte heiraten? Ich fuhr

Auf eine Art ist die erste Person, der beide, Finbarr O'Brien und Chris Lyons,

Neben mich setzte sich eine Frau, ich fragte sie, wer sie sei, und sie

Chris sagte genau das, was ich fühlte! Bei den anderen hätte man denken können,

Ich konnte sehen, wie meine Worte bei Finbarr verfingen, also redete ich weiter, sagte,

Auf eine Art ist die erste Person, der beide, Finbarr O'Brien und Chris Lyons,

In der ersten Teepause halten sie Smalltalk. Beim Mittagessen sitzen sie nebeneinander. Beim Abendessen

Abends sitzen sie an der Bar und trinken Bier. Finbarrs Angst geht nicht weg,

Fortan ist das Versammlungswochenende etwas, auf das sich Finbarr jeden Monat freut. Er kommt

Zu Beginn sprechen sie auch oft über die Politiker in der Versammlung, darüber, dass

Nur verhalten sich die 33 anders als die 66. Finbarr käme nicht auf die

Sichtbarkeit ist etwas, was Finbarr nicht gleichgültiger sein könnte. Er fragt, wenn er etwas

Aber je länger die Versammlung dauert, bemerken Finbarr und Chris, desto mehr verwischt der

Mit der Zeit verändern sich auch die Gespräche zwischen Finbarr und Chris - sie

Finbarr hört zu und merkt, dass er noch einem Fehlschluss aufsaß, einem, an dem

Chris teilt Dinge mit Finbarr, die selbst gute Freunde nicht wissen, und er spürt,

Bei den anderen Mitgliedern der Versammlung wird die unwahrscheinliche Freundschaft zwischen dem jungen Schwulen, dessen

In gewisser Weise hilft das Chris bei seinem ursprünglichen Ziel, hier so laut wie

Mitte April 2013 trifft sich die Versammlung zur Sitzung, in der es um die

Am Samstag wird beraten, am Sonntag abgestimmt. Finbarr sitzt ziemlich weit vorn, Chris einige

Eigentlich ist diese Versammlung nichts anderes als ein Parlament, eine Volksvertretung, nur dass diese

Als an jenem Samstagmorgen die Debatte beginnt, ist Finbarr O'Brien ziemlich gut informiert. Nach

Guten Tag, mein Name ist Claire O'Connell, ich bin 22 Jahre alt und studiere

Finbarr beschließt, mit Ja zu stimmen. Dann kommt auf der Bühne die Gegenseite zu

Dann steht er auf einmal da, Finbarr O'Brien, weinroter Pulli, darunter ein weißes Hemd,

Das größte Problem der Menschen ist Ignoranz. Sie wissen nicht genug. Mir persönlich ging

Er spricht nicht aus, dass er am nächsten Tag für die Homo-Ehe stimmen wird,

Am nächsten Tag stimmen 79 Mitglieder der Bürgerversammlung für die Verfassungsänderung - 79 Prozent

Schwer zu sagen, wie viel Anteil Finbarr O'Brien daran hat. Chris Lyons sagt, es

Aber war er nicht gerade deswegen ein herausragender Politiker? Ist nicht das, was Finbarr

Wenn man Menschen interviewt, die mit im Raum waren, eine Lehrerin aus Dublin, eine

Finbarr O'Brien, der die Unsichtbarkeit bevorzugt hatte, war vielleicht die sichtbarste Person der Versammlung.

Das Parlament folgt der Empfehlung der Bürgerversammlung: Es setzt ein Referendum zur Homo-Ehe an,

Chris weint in jenen Tagen viel, so gerührt ist er. Auf seinem Smartphone scrollt

Finbarr verfolgt das Referendum vor dem Fernseher. Am Morgen war er mit seiner Frau

Dann verkündet der Nachrichtensprecher das Ergebnis: 62 Prozent dafür. Im Fernsehen laufen Bilder von

Wenn Finbarr heute über Politik spricht, tut er das als Eingeweihter. Manchmal kommt es

Am Ende verteidigt ein ehemaliger Wutbürger Politiker. Zwei Menschen, die einander hassen müssten, sind

Manchmal, wenn der Schmerz wieder hochkommt, öffnet Finbarr O'Brien eine Schachtel, die er im

Dann stimmen sie dafür, das in der Verfassung festgeschriebene Verbot zu kippen. Die Regierung