»Die Freude am eigenen Untergang ist Teil der europäischen Identität«

Europa ist mehr als ein Kontinent: Es ist eine Idee, ein Mythos – und vor allem ein ziemliches Durcheinander. Sind Europa und die Werte, die es verkörpert, noch zu retten? Ein Gespräch mit dem niederländischen Bestseller-Autor Ilja Leonard Pfeijffer, der einen brisanten Europa-Roman geschrieben hat.

Vergangenheit hat Europa jede Menge, wie hier im ArchäologischenMuseum in Athen.Aber was ist mit der Zukunft?

Foto: Loulou D’Aki

Ilja Leonard Pfeijffer ist ein Außerirdischer: ein Niederländer, der in der Altstadt von Genua lebt. Man erkennt ihn auf Anhieb, wenn er aus dem Zwielicht der Gassen auf einen zukommt: groß, langes Haar, ausladender Schritt – ein Wikinger im blauen Anzug mit weinroter Krawatte (trotz 30 Grad!). Manche grüßen ihn, andere rufen ihm was zu, die Menschen hier kennen den Mann, der seit Jahren in den Cafés ihres Viertels sitzt und seine Romane, Gedichte, Theaterstücke mit Füller in Notizbüchlein schreibt.

Pfeijffers jüngster Roman Grand Hotel ­Europa, der gerade in Deutschland erschienen ist, stand in den Niederlanden ein halbes Jahr lang auf Platz eins der Bestsellerliste, 250 000 verkaufte Exemplare. Das Werk ist eine Liebeserklärung und zugleich ein Untergangsbuch, das die mentale Verfasstheit Europas in einer packenden Erzählung zum Leben erweckt. Nach der Lektüre ist man stolz auf diesen Kontinent, aber auch ein bisschen besorgt, wie es weitergehen wird mit diesem Europa. Pfeijffer spricht Deutsch und wechselt zu fließendem Englisch, wenn es komplizierter wird. Er trinkt einen Espresso nach dem anderen und entnimmt seine ­Zigaretten einem silbernen Etui.

SZ-Magazin: Woran denken Sie, wenn Sie an Europa denken?
Ilja Leonard:
Pfeijffer Daran, wie ich vor zwölf Jahren von den Niederlanden nach Italien gezogen bin. Eigentlich wollte ich nur ein paar Wochen in Genua verbringen, aber ich habe mich erst in die Stadt und dann in eine Frau verliebt und bin geblieben. Heute weiß ich, dass ich erst durch diese Luxusemigration zu einem echten Europäer geworden bin, inzwischen ist es meine erste Identität.

Inwiefern ist Genua europäischer als Leiden, wo Sie vorher gelebt haben?
Mein Gefühl hat weniger mit Genua zu tun als damit, dass ich aus meiner Heimat weggezogen bin. Es hätte auch jede andere europäische Stadt sein können, die mich darüber nachdenken lässt, was sie mit meiner Heimat verbindet. Ich fühle mich an vielen Orten Europas zu Hause, weil ich mich kulturell mit ihnen verbunden fühle. Ich habe einen Bezug zu Berlin, weil ich Berlin Alexanderplatz gelesen habe, einen Bezug zu Athen, weil ich Platon gelesen habe, ich habe sogar einen Bezug zu Lübeck, weil ich Thomas Mann gelesen habe.

Können Sie beschreiben, was es für Sie bedeutet, sich europäisch zu fühlen?
Vor ein paar Monaten war ich länger in den USA. In New York, aber vor allem in Dallas habe ich gespürt, dass ich anders bin als die Menschen dort, ich war sogar stolz darauf. Es hat mit einer Beziehung, ja einer Liebe zur Vergangenheit zu tun. Ich habe keine Geschichte gespürt, das hat mich irritiert. Dass wir in Europa von Historie, von Kirchen, Monumenten und alten Stadtvierteln umgeben sind, beeinflusst unsere Mentalität.

Haben Sie ein Beispiel?
Ich habe mir in Genua gerade eine Altbauwohnung mit Blick auf die Kathedrale San Lorenzo aus dem zwölften Jahrhundert gekauft. Viele Menschen aus anderen Kulturen würden das nicht verstehen, sie würden in ein Neubaugebiet ziehen, in eine moderne Wohnung, in der alles funktioniert. Was für mich Patina ist, ist für sie einfach nur alt und kaputt, aber ich fühle mich zwischen den alten Steinen zu Hause. Schon die alten Griechen gingen davon aus, dass das goldene Zeitalter in der Vergangenheit liegt, als die Götter noch leibhaftig auf der Erde wandelten.

Ist diese Vergangenheitsfixierung gut oder schlecht für Europa
Beides. Ich glaube, Europäer sind weniger optimistisch als der Rest der Welt, aber auch weniger naiv. Auf Englisch würde man sagen: sadder but wiser. Es macht einen Unterschied aus, dass auf diesem Grund jahrhundertelang immer wieder Krieg geführt wurde. Es macht einen Unterschied aus, dass das Blut unserer Ahnen in diese Erde geflossen ist. Das Problem ist: In Europa gibt es so viel Vergangenheit, dass kaum Platz für die Zukunft bleibt. Viele Menschen haben Angst vor der Zukunft. Und manchmal fühlt man sich hier, als säße man in einem ehemals glamourösen Grandhotel, von dem allmählich der Putz bröckelt. Diese Dekadenz ist Teil der europäischen Identität, der Gedanke, dass wir das Ende einer Epoche erleben, die Freude­ am eigenen Untergang.

Grand Hotel Europa ist der Titel Ihres aktu­ellen Romans, eine Liebeserklärung und Kritik an Europa, eine Huldigung, aber auch eine Polemik auf seine nostalgische Dekadenz, eine Festschrift, aber auch ein Untergangsbuch. In einer Szene erzählt Abdul, ein Flüchtling aus Nordafrika, wie er das Mittelmeer überquert hat und in Sizilien angekommen ist: »Es gab viele alte Menschen dort, sie sahen müde aus«, sagt er, »ich hatte mir die Zukunft anders vorgestellt.«
Alt und müde – auch das ist Europa. Es gibt zu viele alte und zu wenige junge Menschen. Dazu kommt, dass auch unsere Haltung dem Leben gegenüber müde und rückwärts­gewandt ist. In Europa blickt man wehmütig zurück und sorgenvoll in die Zukunft. In den meisten anderen Ländern ist es umgekehrt. Die Millionen Flüchtlinge brechen nach Europa auf, weil sie dem Traum von einer besseren Zukunft nachjagen, und finden eine Welt vor, die sich nach der Vergangenheit sehnt.

Was schlagen Sie vor?
Eigentlich ist es einfach und doch so kompliziert: Da klopfen massenhaft junge Menschen an unsere Pforte, und zufällig sind junge Menschen genau das, was wir brauchen. Im Roman ist Abdul der Einzige, der ausschließlich an die Zukunft denkt. Für ihn ist die Vergangenheit ein hässlicher Ort, von dem er geflohen ist. Im Grunde ist es pervers: Die Europäer reisen in die ärmsten Länder der Erde nach Afrika und Asien, um sich authentisch zu fühlen und ihre Überlegenheit bestätigt zu bekommen, während sie die Menschen, die von dort stammen, nicht zu sich lassen.

Es gibt einen Unterschied: Die Flüchtlinge wollen bleiben, die Touristen nicht.
Ja, trotzdem ist es eine perverse Situation. Eine Bekannte von mir war für ein paar Wochen als freiwillige Helferin in einem Waisenhaus in Mosambik. Sie zahlte Geld dafür, diese Erfahrung machen zu können – eine typisch westliche Art, um unseren Schuldkomplex loszuwerden. Das Waisenhaus lag am Strand, sie hatte eine tolle, intensive Zeit, bis sie herausfand, dass etliche der Kinder gar keine Waisen waren. Dieses Dorf hatte ein florierendes Geschäft daraus gemacht, dass es zu wenige Waisenkinder für zu viele freiwillige Helfer gab. Die meisten Kinder kehrten nach der Saison einfach zu ihren Eltern zurück.

Als Deutschland vor einigen Monaten die EU-Ratspräsidentschaft übernahm, sagte Angela Merkel: »Ich glaube an Europa. Ich bin überzeugt von Europa.« Teilen Sie ihre Meinung?
Ja. Ich liebe Europa, ich liebe auch die Europäische Union, obwohl viele das nicht nachvollziehen können.

Aber Sie haben doch gerade beschrieben, wie schwer wir uns damit tun, eine Vision für die Zukunft zu entwickeln, weil wir so sehr an der Vergangenheit hängen. »Es gibt zu viele Erinnerungen in der Welt. Zu viel Staub«, heißt es in Ihrem Buch.
Na ja, wenn man ein Problem erkannt hat, kann man sich ja an die Lösung machen. Vor ein paar Jahren sagte ein amerikanischer Politiker, ich weiß nicht mehr, wer es war: »The future is important because that’s where we’re all going.« Ein unglaublich banaler Satz, aber er stimmt. Wir können Angst vor der Zukunft haben, aber wir werden ihr nicht entkommen, deswegen ist es klüger, sich darauf vorzubereiten, als zu versuchen, die Vergangenheit wiederherzustellen. Ich glaube nicht nur an Europa, ich bin davon überzeugt, dass ein vereintes Europa – nennen Sie es ruhig die Vereinten Staaten von Europa – unsere einzige Möglichkeit ist, nicht in der Bedeutungslosigkeit zu ver­sinken, weil jede einzelne Nation viel zu schwach ist, sich im Konzert der internationalen, teils autoritären Mächte Gehör zu verschaffen.

Seit Jahren ist die Solidarität unter den europäischen Staaten nicht besonders stark: Brexit, Finanz- und Flüchtlingskrise, Rechtsruck – die einzigen Konstanten sind Abschottung, Streit und Uneinigkeit.
Das europäische Projekt hatte immer Schwierigkeiten, trotzdem geht es immer weiter, das hat auch etwas Tröstliches. Ich möchte mich nicht mit Thomas Mann vergleichen, aber sein Zauberberg ist vor ungefähr hundert Jahren erschienen, auch ein Untergangsbuch. Wenn es möglich ist, alle hundert Jahre ein neues Buch über den Untergang Europas zu schreiben, ist das vielleicht ein Trost.

Wenn es um Außen- und Sicherheitspolitik geht, wird in Europa viel über Moral, Diplomatie und rote Linien diskutiert. Leider wirken Staatschefs wie Trump, Putin, Orbán oder Xi Jinping nicht sonderlich beeindruckt: Die Krim wurde trotzdem annektiert, in Hongkong wurde trotzdem das sogenannte Sicherheitsgesetz eingeführt, die Pressefreiheit in Ungarn wurde trotzdem abgeschafft. Europa scheint nicht die Macht zu haben, Unrecht in der Welt, ja nicht einmal in Europa zu verhindern.
Ja, das stimmt schon, wir sitzen in diesem Grandhotel Europa und reden und reden und klopfen uns auf die Schulter, dass wir für das Gute stehen. Tatsache ist: Die glorreichen Zeiten Europas sind vorbei. Vor gut hundert Jahren waren Großbritannien, Spanien oder die Niederlande Weltmächte. Diese Zeit ist Gott sei Dank vorbei, aber wir begreifen erst allmählich, dass sich unser Kontinent seit Jahrzehnten politisch und ökonomisch im Niedergang befindet.

Der bulgarische Politikwissenschaftler Ivan Krastev sagt, Europa habe in der Corona-Krise endgültig verstanden, dass es sich auf sich selbst verlassen muss.
Stimmt, diese Pandemie hat den Niedergang der USA nicht ausgelöst, aber beschleunigt und sichtbar gemacht. Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs haben wir es uns unter dem Regenschirm der Amerikaner gemütlich gemacht. Merkel hat verstanden, dass diese Phase vorüber ist, dass wir auf ziemlich problematische Weise zwischen den einstigen und künftigen Weltmächten USA, Russ­land und China eingezwängt sind.

Glauben Sie, dass Europa politisch, vielleicht sogar militärisch mehr Härte zeigen müsste? Dass es nicht reicht, moralisch auf der richtigen Seite zu stehen?
Wir haben ein Gespür für das Gute, aber nicht die Macht, es durchzusetzen. Wahrscheinlich wollen wir das auch gar nicht, und vielleicht ist das auch gut so. Wir scheuen uns davor, zu dominant aufzutreten. Die ­Kolonialisierung ist ein grauenhaftes Kapitel der europäischen Geschichte, aber wenigs­tens haben wir etwas daraus gelernt. Wir sind skrupulöser im Umgang mit fremden Kulturen. Erinnern Sie sich an den Afghanistan-Krieg nach dem 11. September 2001? Ich habe mich lange damit beschäftigt. Es ist erwiesen, dass die Soldaten in bestimmten Situationen unterschiedlich agiert haben, je nachdem, ob sie aus einem Land mit oder ohne koloniale Vergangenheit stammten. Die Amerikaner gingen viel rücksichtsloser vor als Engländer, Franzosen oder Niederländer, denen durchaus bewusst war, dass man in ein fremdes Land nicht einfach reinmarschieren kann, ohne das Vertrauen der einheimischen Bevölkerung zu gewinnen.

Gut, aber noch mal: Was sollte Europa tun, um weltpolitisch nicht in der Bedeutungslosigkeit zu versinken?
Eine gute Frage. Zum Glück bin ich kein Politiker.

Was meinen Sie damit?
Ich habe keine Angst zuzugeben, wenn ich etwas nicht weiß. Aber einen Trumpf haben wir: Wir sind ein riesiger Markt von 500 Millionen Menschen. Und die globalen Technologiekonzerne haben durchaus Respekt vor der Europäischen Kommission und ihren Regeln. Als die Pandemie ausbrach, gab ich zusammen mit zwei anderen Schriftstellern ein Skype-Interview. Einer von ihnen lebt in Rio de Janeiro und flehte mich regelrecht an, wir dürften nicht aufgeben, wir müssten auf unserem Weg der Tugend bleiben, Europa sei die letzte Hoffnung, das letzte Beispiel einer funktionierenden Demokratie. Er hatte fast Tränen in den Augen.

Wie haben Sie reagiert?
Nun, er hat recht. Wir brauchen Europa als Symbol der Hoffnung, als Möglichkeit eines demokratischen Kontinents, der sich nicht für den leichten, sondern immer wieder für den schwierigen und anstrengenden Weg entscheidet, Kompromisse zu finden.

Wie soll das gehen, wenn die Menschen demokratischen Systemen immer weniger vertrauen? Im Moment scheinen die Nationalisten, die Populisten, die Verschwörungsideologen immer mehr an Boden zu gewinnen.
Die Demokratie steckt in der Krise, weil die Menschen das Gefühl haben, dass sie den undurchsichtigen Kräften eines Marktes, den sie kaum noch verstehen, hilflos gegenüberstehen. Sie ahnen, dass jeder hart erkämpfte Kompromiss von einer winzigen Verschiebung der globalen Finanzmärkte über den Haufen geworfen werden kann. Und ganz ehrlich, die Demokratie zeigt sich wirklich nicht von ihrer besten Seite, wenn sie Staatschefs wie Donald Trump, Viktor Orbán oder Recep Tayyip Erdoğan produziert. Dabei wussten schon die alten Griechen, dass die Ochlokratie die Verfallsform der Demokratie ist, dass also die Pöbelherrschaft übernimmt, wenn die Demokratie entartet.

Europa ist mehr als ein Kontinent, es ist ein politischer und ökonomischer Raum, aber auch eine Idee, ein mentaler Ort.
Ja, ein Mythos, wie der amerikanische Traum. Vergessen Sie niemals, wie reich, wie vielfältig Europa ist. Zwischen Genua und Amsterdam liegen nur gut tausend Kilometer, aber auf dem Weg passiert man mehrere Länder und hört verschiedene Sprachen, und selbst innerhalb der Länder unterscheiden sich die einzelnen Regionen teils stark voneinander. Fahren Sie mal tausend Kilometer durch die USA, dann wissen Sie, was ich meine. Unsere Aufgabe ist es, die Nationen dieses Kontinents zusammenzuführen, ohne die regionalen Traditionen, Reichtümer und Identitäten zu verlieren. Italien könnte dafür ein gutes Beispiel sein. Politisch ist das Land eine Einheit, aber die einzelnen Regionen und ihre Bewohner sind extrem unterschiedlich. Gehen Sie mal in Genua und dann in der Emilia-Romagna essen, Sie werden kein einziges Gericht auf der Speisekarte wieder­erkennen.

Glauben Sie, dass China im 21. Jahr­hundert endgültig zur dominierenden Weltmacht aufsteigen wird?
Es erscheint mir unausweichlich. Übrigens denken nur wir Europäer, dass wir jahrhundertelang das Sagen in der Welt hatten. Dabei trifft das nur für die vergangenen 200 Jahre zu, als die europäischen Nationen, beflügelt durch die industrielle Revolution, weite Teile der Welt beherrschten. Tatsächlich ist die Dominanz Europas eher die Ausnahme. Selbst zur Blütezeit des Römischen Reiches unter Kaiser Augustus hatte China viel ­größere Anteile am Welthandel, die Römer haben es nur nicht mitbekommen. Heute ist vor allem Südeuropa total abgeschlagen. ­Italien zum Beispiel ist immer noch die achtgrößte Wirtschaftsnation der Welt, aber das wird nicht so bleiben, weil traditionelle Wirtschaftszweige an Bedeutung verlieren, weil man mit der Digitalisierung und Niedriglohnländern nicht mithalten kann. Gehen Sie runter zum Hafen von Genua. Hier wurden jahrhundertelang Schiffe gebaut, eine unglaublich große Tradition, aber sie funktioniert nicht mehr. Und wissen Sie, was die einzige Alternative ist? Der Tourismus. Also verkaufen wir unsere Vergangenheit an die Touristen.

Sie sagen das mit einem kritischen Unterton. Wo liegt das Problem?
Na ja, ohne Tourismus wären Italien oder Griechenland Dritte-Welt-Länder. Europa, vor allem Südeuropa, entwickelt sich zu einem Garten Eden, in dem der Rest der Welt Urlaub macht.

Garten Eden – das klingt doch ganz reizvoll.
Der Schein trügt. Ich rede von einem Ort, der wie ein Freizeitpark für Touristen funktioniert, die sich anschauen, wie Europa früher ausgesehen hat. Ein Ort des Stillstands ohne weltpolitische Bedeutung, der aber natürlich – da haben Sie recht – gerade deshalb besonders schön sein kann. Gut möglich, dass weite Teile Südeuropas dann funktionieren wie Venedig heute. Venedig ist die schönste Stadt der Erde, leider ist es keine Stadt mehr, sondern reine Kulisse, ein Hotel, ein Ort ohne Seele. Gut möglich, dass Italien das Zentrum dieses Garten Edens wäre. Dieses Land hat so viel zu bieten: kulinarisch, kulturell, historisch, die Menschen sind gastfreundlich, vielleicht gibt man die Industrie irgendwann ganz auf. Das Problem ist, dass sich die Italiener das Leben in ihren eigenen Städten dann nicht mehr leis­ten können, dort wohnen nur noch Touristen in Hotels und Airbnb-Wohnungen. Die Italiener werden am Stadtrand leben und jeden Tag ins Zentrum pendeln, wo sie im Dienstleistungssektor als Kellnerin oder Museumswächter arbeiten, um Menschen aus den USA und Asien zu beaufsichtigen, die vor Gemälden stehen, die sie nicht verstehen.

Das klingt elitär. Auch der Pro­tagonist in Grand Hotel Europa, der so heißt wie Sie, schimpft über ungebildete Touristen. Könnte es nicht sein, dass gerade Menschen aus anderen Kulturen einen Zugang zu den Bildern finden, der Kunsthistorikern verwehrt ist?
Ich meine das nicht elitär, es ist einfach nur logisch, weil sie aus einer anderen Kultur kommen. Ich glaube nicht, dass ich diesen Menschen zu nahe trete, wenn ich behaupte, dass die meisten von ihnen eher nicht über den kunstgeschichtlichen Hintergrund ver­fügen, der notwendig wäre, um die Kluft ­zwischen ihren Erfahrungen und dem historischen und religiösen Kontext dieser Werke zu überbrücken. Aber ich möchte Ihnen eine andere Frage stellen: Warum wollen so viele Menschen aus der ganzen Welt diese Gemälde sehen? Warum stehen sie stundenlang in der Schlange und zahlen viel Geld, um sich anschließend ein paar Sekunden lang die Mona Lisa anzuschauen?

Sagen Sie es.
Die Antwort hat Walter Benjamin vor fast hundert Jahren beschrieben: die Aura des Kunstwerks, die geprägt ist von seiner Unnahbarkeit, Echtheit und Einmaligkeit. Diese Menschen wollen die Mona Lisa nicht sehen, sie wollen in ihrer Nähe sein, sie wollen sich das Bild aneignen, durch ihre Anwesenheit und, wenn möglich, ein Selfie.

Ein Satz aus Ihrem Roman: »Ein Museum ist das Symptom einer sterbenden Kultur.« Man könnte auch gegensätzlich argumentieren: Ein Museum ist das Merkmal einer zivilisierten und achtsamen Kultur.
Ja, es ist ehrenhaft, dass wir diese Kunstschätze bewahren, aber sie wurden nicht dafür geschaffen, in den Uffizien oder den Vatikanischen Museen zu hängen. Sie haben ihren ursprünglichen Ort eingebüßt, sie funktionieren nicht mehr im Originalkontext. Unsere Museen sind Mausoleen. Eine lebendige Kultur hätte solche Orte nostalgischer Geschichtsverherrlichung gar nicht nötig. Verstehen Sie mich bitte nicht falsch: Ich habe nichts gegen Touristen, aber sie zerstören nun mal notwendigerweise das Geheimnis der Orte, die sie massenhaft aufsuchen.

Ist das ein Plädoyer gegen das Reisen?
Ich habe nichts gegen Menschen, die neugierig auf andere Teile der Welt sind, aber eine Sache ist schlimm: Wenn man sich deswegen überlegen fühlt. Wenn man sich für einen besse­ren Touristen hält, weil man keine Pauschalreise bucht, sondern die vermeintlich authentische Fremde, unter Umständen auch authentische Armut und authentisches Unglück sucht, um anschließend Fotos zu posten und damit anzugeben. Diese Menschen reisen, um ihre Identität, genauer: ihr Image aufzupolieren, dabei richten sie unter Umständen großen Schaden an. Manchmal ist es auch einfach nur absurd, wenn man in einem indischen Tempel Touristen antrifft, die in farbigen Gewändern die Erleuchtung suchen, während die Inder mit Nike-T-Shirts am Strand sitzen.

Aber Sie können doch nicht leugnen, dass es den Horizont und die westliche Perspektive sinnvoll erweitert, wenn man mal in Afrika, Südamerika oder Asien gewesen ist?
Natürlich, aber es kommt immer darauf an, wie man reist und mit welcher Motivation. Ich plädiere für langsames, nicht voyeuristisches Reisen, bei dem man länger an einem Ort bleibt. Ich würde niemals nach Laos reisen, vielleicht für ein Jahr, aber nicht für drei oder vier Wochen. Ich bin sicher, so eine Reise wäre bereichernd, trotzdem muss die Erfahrung oberflächlich ausfallen. Vor Kurzem  habe ich ein Interview mit einer niederländischen Moderatorin gelesen, die für eine Reisesendung kreuz und quer durch die Welt fliegt. Sie sprach davon, wie aufregend ihr Leben sei, heute hier, morgen dort, immer on the run, alles sei so intensiv. Ich wurde traurig, weil ich spürte, dass diese Art des Reisens nur eine andere Art des Stillstands ist. Ich finde es viel heroischer, zu Hause zu bleiben und sich um einen Garten oder seinen alten Nachbarn zu kümmern. Ich glaube, dass man sich als Mensch stärker entwickelt, wenn man seine unmittelbare Umgebung prägt, als durch die Welt zu fliegen, um sich seine Vorurteile bestätigen zu lassen und bekannte Orte oder noch besser: unbekannte Orte zu finden.

Warum suchen so viele Menschen ­authentische Erfahrungen?
Weil man ihnen im Alltag kaum noch begegnet. In einer Welt, in der wir von Fake umgeben sind, wird Authentizität zum höchsten Wert, nach dem man sich sehnt. Das größte Kompliment, das man einem Menschen heute machen kann, ist, dass er authentisch sei. Wir fordern und verehren authentische Politiker, obwohl deren Authentizität immer nur inszeniert sein kann.

Finden Sie Genua authentisch?
Ja. Genua ist eine der wenigen Städte in Europa, in denen der historische Stadtkern kein Freilichtmuseum ist. Hier leben alle nebeneinander und miteinander, alter italienischer Adel, Prostituierte, Migranten aus Afrika. In Amsterdam gibt es auch Menschen unterschiedlicher Nationen und Schichten, aber in unterschiedlichen Stadtteilen, man muss die U-Bahn nehmen, wenn man Menschen begegnen will, die anders sind als man selbst. Wenn ich heute durch Amsterdam laufe, komme ich mir vor wie ein Fremder. Ich bin in meiner Heimat, werde aber überall auf Englisch angesprochen.

In Deutschland gab es diese Debatte auch. Der heutige Bundesgesundheitsminister und damalige Staatssekretär Jens Spahn beschwerte sich darüber, dass man in Kneipen in Berlin-Mitte fast nur auf Englisch bedient werde. Er wurde heftig angegriffen, es wurde ihm Intoleranz vorgeworfen.
Das verstehe ich nicht. Es ist nicht intolerant, es hat auch nichts mit links oder rechts zu tun. Natürlich gibt es größere Probleme in der Welt, trotzdem finde ich es traurig, wenn man in seiner Heimat kaum noch seine Muttersprache hört. Dahinter steckt ja keine Weltoffenheit, sondern wirtschaftliches Kalkül. Man verkauft seine Sprache und Tradition, um Geld zu verdienen.

In Ihrem Roman gibt es eine lustige Szene, in der der Protagonist für einen Hotelangestellten gehalten wird, weil er einen Anzug, Krawatte und elegante Schuhe trägt.
Das ist mir wirklich passiert, sogar zweimal, einmal in einem Hotel in Palermo und einmal in der Bibliothek von Utrecht, wo ich für einen Mitarbeiter vom Sicherheitsdienst gehalten wurde. Die gesellschaftlichen Klassen haben ihre Kleidung getauscht. Früher erkannte man die Mächtigen daran, dass sie Anzug und Krawatte trugen, heute sind nur noch die Menschen elegant angezogen, die in Dienstleistungsberufen arbeiten, während die Mittel- und Oberschicht mit Flipflops und Kapuzenpullover im Flieger sitzen.

Tragen Sie ausschließlich Anzüge, um gegen diese Entwicklung zu protestieren?
Nein, das hat mit der Frau zu tun, die ich liebe. Als ich sie kennengelernt habe, war sie immer so elegant angezogen, dass ich irgendwann selbst damit angefangen habe, mich herauszuputzen. Es hat mit Respekt, mit Haltung zu tun. Ich habe das Gefühl, ich muss es mir verdienen, neben ihr durch die Stadt zu laufen.

Am Ende Ihres Romans verlässt der ­Protagonist das stil- und geheimnisvolle Grand Hotel Europa und geht nach Abu Dhabi – ein Schritt, in dem beides steckt: Resignation und Aufbruch, Niederlage und Hoffnung.
Ich freue mich, dass Sie es so sehen. Der Mann will nicht in die Wüste von Abu Dhabi, er ist Europäer und Bildungsbürger durch und durch, aber er folgt der Frau, die er liebt, er trifft eine Entscheidung. Und wer weiß, wie es ihm in Abu Dhabi ergehen wird? Ich habe mal ein Interview mit einem Museumsdirektor aus Abu Dhabi gelesen. Er meinte, die Stadt er­innere ihn an Florenz zur Zeit der Medici. In Europa könne er nur bewahren, in Abu Dhabi könne er Neues schaffen.