Entgrenzt

Der Züricher Fotograf Roger Eberhard hat weltweit Orte aufgenommen, an denen einst Grenzen lagen – die dann aber verschwanden, weil Reiche ­untergingen, V­erträge erloschen oder Gletscher schmolzen. Die Bilder enthalten eine tröstliche Wahrheit: die Vergänglichkeit menschlicher Spaltung.

Es ist alles eine Frage des Blickwinkels. Von außen betrachtet, signalisiert eine Grenze Herrschaft, Macht, Misstrauen. Nach innen hingegen soll sie Sicherheit und Souveränität ausstrahlen. Kein Wunder, dass Grenzmauern, Zäune, Wachtürme zu den Lieblingsbauwerken von Populisten gehören, schließlich sind sie so etwas wie zementierte Symbole für die schützende Allmacht der Regenten. Trump hat seinen Wahlsieg 2016 großteils dem Versprechen zu verdanken, er werde eine Mauer zu Mexiko bauen und damit das Migrationsproblem ein für alle Mal lösen. Als Bestätigung seines

Trump hatte diese Zahlen aus einem Fox-News-Bericht, der sie wiederum von der kanadischen Soziologin Elisabeth Vallet, nun ja, kreativ geliehen hatte. Die reagierte scharf auf Trumps Tweet – abgesehen davon, dass sie selbst aktuell 70 statt 77 solcher Bauprojekte zählt und in Europa keine Mauern, sondern Zäune hochgezogen werden, weist sie in ihren geopolitischen Studien immer wieder nach, dass Grenzanlagen als Abschottungsinstrumente kaum je erfolgreich waren. Der New York Times sagte sie, ihr falle kein einziges historisches Beispiel für eine Mauer ein, die wirklich funktioniert habe. Am Ende hätten sogar Riesenprojekte wie die französische Maginot-Linie oder die Große Mauer in China ihre jeweiligen Länder nicht vor Invasoren geschützt.

Der Schweizer Fotograf Roger Eberhard wollte 2016, als Trump seinen Wählern eine »riesige, wunderschöne« Mauer versprach, zunächst nur entlang der ersten offiziellen Grenze zwischen den USA und Mexiko fotografieren, als Zeichen dafür, wie kurzlebig, beweglich, ja beliebig solche Markierungen auf Dauer sind. Also flog er nach Texas, um dort nichts zu dokumentieren als die völlige Abwesenheit einer Grenze, die dort 1828 gezogen worden und schon acht Jahre später Makulatur war – Texas hatte sich von Mexiko losgesagt und eine unabhängige

Während seiner Recherchen zu dieser Reise fiel Eberhard einerseits auf, dass es heute sehr viel mehr Mauern, Sperren, Grenzanlagen gibt als am Ende des Kalten Krieges: Saudi-Arabien baut auf einer Strecke von 800 Kilometern hypermoderne Sperranlagen an der Grenze zum Irak, Israel mauert sich ein, Kenia zieht aus Angst vor islamistischen Milizen Zäune entlang der somalischen Wüste… Andererseits fand Eberhard, kaum dass er anfing, in der Geschichte zu suchen, überall vergessene, ungültig gewordene oder auch absurde Grenzen, wie etwa die

Die Fotos von Eberhards insgesamt 42 weltweiten Grenzerfahrungen sind im Bildband Human Territoriality versammelt, der dieser Tage erscheint (Edition Patrick Frey). Darin finden sich auch zu den Bildern in diesem Heft noch zusätzliche Informationen. Eberhards Fotos zeigen selten tatsächliche Relikte wie etwa Steine aus dem Hadrianswall oder griechische Siedlungsruinen auf der Krim. Meistens ist da nur menschenleere Wiese, Wasser, Straße, oder ein Getreidefeld bei Rakau, einem Städtchen westlich von Minsk, das seit 1905 zu vier verschiedenen Ländern gehört hat – Zarenreich, Zweite Polnische Republik, Sowjetunion, Weißrussland. Auf Eberhards Bild ist von alledem nichts zu sehen, nur ein stilles Weizenfeld und dahinter der Wald, der hier wahrscheinlich schon wuchs, bevor all diese Staaten nacheinander auf irgendwelchen Landkarten auftauchten.