Zimmer mit Anschluss

Das Lebensgefühl einer Stadt erspürt man besser bei Menschen, die am Reiseziel zu Hause sind. Sechs Empfehlungen für Übernachtungen in familiärer Umgebung.

AMSTERDAM

Roel - gesprochen klingt der Name des 48-jährigen Holländers so, wie man sich den Ton eines großen schweren Mühlsteins vorstellt: ein tiefes Rrroool mit kehligem R. Aber Roels Mühle mahlt nicht, sondern sie pumpt Wasser zu den Fußballfeldern eines nahen Sportplatzes. Übernachtet man bei ihm und seinem elfjährigen Sohn Nick in der Mühle, führen sie erst mal durch ihr Zuhause, von der Schraube im Keller bis unters Reetdach. Einst stand die Mühle mitten in Amsterdam und pumpte rund 290 Jahre lang Wasser in die umliegenden Wohnhäuser. 1963 baute man sie ab und sieben Kilometer außerhalb der Stadt wieder auf. Dort steht sie immer noch. Und woran erkennt man einen echten Müllerssohn? Statt auf Bäume klettert Nick am liebsten die Mühlenflügel hinauf. Um sein Taschengeld aufzubessern, vermietet er Besuchern gern die Fahrräder seines Papas. Damit kommt man in gut zwanzig Minuten ins Zentrum der Stadt - vorausgesetzt, es bläst nicht zu viel Wind. Dann bleibt man ohnehin besser zu Hause und lauscht dem Knarzen der Mühle.

110 Euro/Nacht; Roelklungel@gmail.com

Paris

PARIS

Der zehnte Bezirk in Paris ist so etwas wie das französische Kreuzberg: Eine quirlige Künstlergegend im Nordosten der Stadt, wo man auf den Märkten viele verschiedenen Sprachen hört und keine Eiffelturm-Hüte kaufen kann. Früher war dieser Arrondissement ein Arbeiterviertel, heute zählt es zum Pflichtprogramm für Galeristen aus aller Welt. Viele Ausstellungen finden in privaten Wohnungen statt. Auch Eric Bergels stilvoll eingerichtete Wohnung eignet sich bestens dafür: ein heller, geräumiger Altbau mit Stuck an der Decke, rustikalem Holzboden und einer beachtlichen Kakteensammlung. Eric, 45 Jahre alt, dreht Dokumentarfilme und arbeitet als freier Autor, gerade schreibt er an einem autobiografischen Drehbuch für eine Fernsehserie. Früher hat er als Restaurantkritiker gearbeitet und sich durch die Käseteller und »boeuf-carottes« von Paris gekostet. Warum er trotzdem nur einen alten Gasflammenherd besitzt? Das sei eben typisch für Paris, sagt er.

95 Euro/Nacht; Erickovitch@icloud.com

Paris

BARCELONA

In der Wohnung von Niki Robinson und Joe Fletcher im Barceloneser Stadtteil Raval erinnert nur wenig daran, dass das Paar aus London stammt. Bis auf die Enten an der Wohnzimmerwand. Die seien »kitsch and very British«, sagt Niki. Vor acht Jahren zogen Niki, Designerin, und Joe, Filmemacher, in die Stadt am Meer. Noch am Tag ihrer Ankunft wurde ihr Auto abgeschleppt. Auf dem Flohmarkt nahe der Verwahrstelle verliebten sie sich in ihren ersten Katalanen mit Bart. Seither sammeln die beiden eben Enten sowie Bilder von bärtigen Einheimischen. Weil das Haus früher eine Klavierschule war, besteht der Besitzer darauf, dass in jeder Wohnung ein altes Klavier steht. Spielen können Niki und Joe darauf nicht, denn in den Neunzigerjahren, als das Haus vorübergehend besetzt war, haben Mäuse das Innenleben des Instruments verspeist. Besuchern zeigt Niki gern die besten Läden der Stadt für Design, Antiquitäten oder Mode.

60 Euro/Nacht; Info@antiquesandboutiques.com

Paris

WIEN

Im Altbau von Sophie Schneider und Ava Hermann hat jedes Möbelstück eine interessante Geschichte - und Sophie und Ava erzählen all diese Geschichten gern ihren Gästen. Sie sind Expertinnen für Dinge mit Vergangenheit: Beide studieren Konservierung und Restaurierung.

35 oder 40 Euro/Nacht; Ramperstorffergasse@gmail.com

Paris

ISTANBUL

Vor dreißig Jahren zogen Karin und Vural Sübiler von Hamburg an den Stadtrand von Istanbul, in dieses verwunschene Landhaus mit Blick auf eine über 500 Jahre alte Festung direkt am Bosporus. Der wilde Garten mit Schildkröten und drei Hunden ist das perfekte Kontrastprogramm zur pulsierenden City von Istanbul, die man per Bus (Haltestelle vor der Tür) in vierzig Minuten erreicht.

30 Euro/Nacht; cansubiler@gmail.com

Paris

[plugin standalonebildergalerie Bild26="Paulus Fugers’ Gäste kochten in seinem Loft schon brasilianische Fischsuppe, Hühnchen mit mexikanischer Mole-Sauce und Blini (russischer Pfannkuchen)." Bild21="" Bild28="" Bild29=""]

BERLIN

Bei Paulus Fugers gibt es viel Raum: zum Wohnen, zum Arbeiten und zum Gestalten. Sein Loft war früher ein Billardsalon und davor ein Kino. Heute zeigt der Niederländer dort Kunst und Filme, oder er lädt Autoren zu Lesungen ein. Als Kunststudent kam Fugers 1983 nach Berlin, um die Maler der »Neuen Wilden« kennenzulernen. Er blieb dann einfach und hat seither so ziemlich alles gemacht, was man in Berliner Partygesprächen gut anbringen kann: gemalt, gefeiert, in Bars gearbeitet - und eben kuratiert. Fugers eigene Partys sind übrigens legendär.

45 Euro/Nacht; Telefon 0172/311 84 31

(Fotos: Paulus Fugers, Mari Luz; Katharina Schiffl, AirBnB, Peter de Krom

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