»Wer Mohammeds Ratschläge befolgt, ist ein besserer Liebhaber«

Der muslimische Theologe Ali Ghandour fordert eine Besinnung der Muslime auf ihre erotischen Traditionen – und auf die gute alte Regel, dass die weibliche Lust mindestens so wichtig ist wie die männliche.

Allwissend: Muslimische Gelehrte priesen Allah auch als den, der so klug gewesen war, die Frau mit einer Klitoris auszustatten.

SZ-Magazin: Herr Ghandour, in Ihrem Buch Liebe, Sex und Allah: Das unterdrückte erotische Erbe der Muslime zitieren Sie arabische Dichterinnen, die ihre Vulva feiern, und islamische Gelehrte, die Sextipps geben. Sie sagen sogar, das Vorspiel sei eine islamische Tradition, die über die arabische Welt ins mittelalterliche Europa gekommen sei. Wie kommen Sie darauf?
Ali Ghandour: Der Prophet Mohammed wollte, dass Männer und Frauen gleichermaßen Spaß am Sex haben. In einer Überlieferung sprach er direkt zu den Männern: »Schlafe mit der Frau erst, wenn sie die gleiche Lust wie du empfindet.« Die Männer sollten nicht wie Tiere über die Frauen herfallen, sondern die weibliche Lust ernst nehmen und befriedigen, sagte er. Das war im 7. Jahrhundert – und damit alles andere als eine Selbstverständlichkeit. Ich meine, muslimische Gelehrte schrieben vor Jahrhunderten bereits über den Cunnilingus oder über Petting (er spricht leiser und blickt im Café, wo das Interview stattfindet, nach rechts). Die am Nebentisch denken jetzt schon, ich bin ein Perversling …

Und wenn schon. Sie plädieren in Ihrem Buch doch für einen gelasseneren Umgang mit dem Thema.
Stimmt. Ich bin auch noch nicht fertig. Im Koran selbst wird zum Bettgeflüster aufge­rufen. Etwa im Fastenmonat Ramadan, da sollen Muslime tagsüber keinen Sex haben, sondern sich ganz dem Fasten widmen. Aber dafür rät der Koran abends zu ausgiebigem Bettgeflüster. Dirty Talk war also auch im 7. Jahrhundert bekannt, nur würde ich es als Muslim nicht dirty nennen.

Warum nicht?
Weil daran nichts dirty ist. Es ist etwas ganz Natürliches. In der klassisch muslimischen Vorstellung werden Sex und Lust als Teil der menschlichen Natur verstanden. Lust zu empfinden ist ein Geschenk Gottes. Es heißt sogar, beim Orgasmus ist man Gott näher als im Gebet. Die Vorstellung von Sex als etwas Schmutzigem, von Genuss als etwas Sündigem kommt eher aus der kirchlichen Tradition. Im Christentum galt Sex lange Zeit nur als Mittel zur Fortpflanzung.

Würden Sie sagen, der Islam hat eine realistische Vorstellung vom Liebesleben?
Na ja, die muslimische Ehe ist in erster Linie ein Vertrag, der von beiden Seiten wieder aufgelöst werden kann.

Klingt nicht gerade romantisch.
Und deshalb realistisch. Nach muslimischer Lehre kann man sich scheiden lassen, wenn die Chemie im Bett nicht mehr stimmt. Also muss man sich im Bett anstrengen, damit beide auf ihre Kosten kommen. Da gibt es diese Überlieferung von Bukhari, einem der wichtigsten Hadith-Gelehrten. Darin erzählt er die Geschichte einer Frau namens Tamima Bint Wahab. Sie kam zum Propheten Mohammed und beschwerte sich über ihren frisch angetrauten Ehemann. Der habe einen Penis wie ein schlaffer Saum, sagte sie und griff nach dem Saum ihres Kleides. (Ghandour greift nach seinem Schal und lässt ihn nach unten baumeln.) Die Dame wollte wieder zu ihrem Ex-Mann zurück und musste nach muslimischem Recht davor noch einen anderen heiraten. Den armen Kerl wollte sie also schnell wieder loswerden. Das durchschaute der Prophet und sagte, sie sollten erst einmal Sex haben, dann könnten sie sich ja immer noch scheiden lassen. Statt »Sex« verwendete er das Wort »Usaylataki«, eine Verniedlichung des Wortes Honig, als Metapher für die Süße des Geschlechtsverkehrs.

Ist das nicht auch eine Form von Scham, wenn der Prophet das Wort »Sex« vermeidet?
Schon, aber es ist eine Scham, die nicht tabuisiert, sondern Sex in eine ästhetische Metapher packt. Was aber viel interessanter an diesem Hadith ist: Der Prophet lächelte, es war ihm offensichtlich nicht peinlich. Er war von starken Frauen umgeben und daran gewöhnt, dass sie ihm gegenüber selbstbewusst auftreten und ihre sexuellen Rechte höchstpersönlich einfordern.

Sie beschreiben den Propheten Mohammed geradezu als Frauenversteher. Hierzulande wird sein Umgang mit Frauen eher kritisiert als gelobt, zum Beispiel seine Heirat mit Aischa. Viele gehen davon aus, dass sie zum Zeitpunkt der Heirat minderjährig war.
Das genaue Alter ist unter Gelehrten hoch umstritten, ich bin immer wieder überrascht, wie viele Menschen es hierzulande offenbar besser wissen. Was man hingegen sagen kann, ist, dass man im 7. Jahrhundert kurz nach der Geschlechtsreife heiratete. Aus theologischer und historischer Perspektive halte ich den Propheten auf jeden Fall für einen Frauenversteher. Wer seine Ratschläge befolgt, ist ein besserer Liebhaber. Seine Frau Aischa ist übrigens für ganz andere Dinge bekannt, passt aber nicht ganz zum Klischee der unterdrückten, unfreien Muslima: Aischa hat als erste muslimische Frau im 7. Jahrhundert ein ganzes Heer angeführt und gilt als hochgeschätzte Gelehrte. Oder seine erste Frau Khadischa, sie war eine reiche Händlerin und nicht nur älter als der Prophet Mohammed, sondern sie war es, die um seine Hand anhielt. Wer weiß das in unserer Gesellschaft schon?

Na ja, aber muslimische Männer dürfen heute noch vier Frauen heiraten und muslimische Frauen nur einen. Das klingt nicht gerade fair.
Die gesellschaftliche Struktur hatte unmittelbaren Einfluss auf den Glauben. Im 7. Jahrhundert war Polygamie fast in der ganzen nicht-christlichen Welt gang und gäbe. Frühe muslimische Gelehrte begründen diese Ungleichheit damit, dass es um die Sicherstellung der Abstammungslinie ging. Man musste wissen, welches Kind zu welchem Vater gehört. Das Erb- und Strafrecht war darauf angewiesen. Man wurde nicht als Individuum gesehen, sondern als Teil einer Sippe, eines Stammes oder einer Familie.

Aber heute gibt es DNS-Tests.
Jetzt ziehen Sie mich in die Falle. Ja, die Begründung, die man damals gebracht hat, finde ich auch nicht mehr plausibel. Das ist ein Problem. Ich persönlich sage, die klassische Argumentation ist nicht mehr zu halten.

Was macht man jetzt als Gelehrter?
Das Einzige, was jetzt bleibt, ist zu sagen, das hat Gott in seiner Weisheit so bestimmt. Aber das ist für jemanden, der nicht glaubt, wohl keine ausreichende Antwort. Mir ist kein Gelehrter bekannt, der sich mit diesem Thema befasst hat. Es ist heute ein sehr gefährliches Terrain, weil es das Patriarchat sensibel anfassen würde. Meine Position ist: Die Theologie muss sich für queere Lebensentwürfe öffnen, sich zumindest damit ernsthaft auseinandersetzen.

Die früheren Gelehrten schienen da mutiger zu sein.
Ja, sie konnten frei über Sex und Erotik schreiben, weil sie nichts zu befürchten hatten. Weder die Juristen noch die Kalifen hatten ein großes Interesse daran, den Alltag der Menschen zu kontrollieren. Heute sind die meisten muslimischen Gesellschaften ideologisiert, sei es von Nationalismus oder Islamismus. Sie wollen den Bürger kontrollieren, und da gehört die Sexualität eben dazu. Gelehrte müssen sich mit diesen Systemen meistens arrangieren und machen deshalb einen großen Bogen um das Thema.

Sie schreiben, die Muslime der Vormoderne hätten einen viel gelasseneren Umgang mit ihrer Sexualität gepflegt als die Muslime heute. In Ihrem Buch untersuchen Sie dafür eine lange Zeit vom 7. bis zum 19. Jahrhundert. Ist da eine allgemeingültige Aussage möglich?
Ich beschreibe ja nicht die gesamte muslimisch geprägte Welt, sondern widme mich in meinem Buch dem Leben der Großstädter und nicht dem der arabischen Beduinen, die viel konservativere Ansichten hatten. Aber wenn wir uns den Alltag in Bagdad oder Kairo in der Vormoderne ansehen, können wir sagen: Da ging die Party richtig ab.

Wie kann man sich das Leben damals vorstellen?
Menschen in Bagdad, Kairo oder Damaskus besuchten Freudenhäuser, Hamams, Tavernen, um sich mit Frauen oder jungen Männern zu vergnügen. Das waren krasse Zeiten. Auch Homoerotik war kein Tabuthema.

Obwohl Homosexualität heute von den meisten Gelehrten als unvereinbar mit der Religion angesehen wird?
Ja, das schloss sich nicht aus. Die Autoren schrieben am Anfang jedes Kapitels ein paar Zeilen, dass diese oder jene Praxis aus ihrer Sicht zwar verboten sei. Aber ein paar Seiten später erzählten sie die hemmungslosesten Geschichten.

Zum Beispiel?
Sexorgien mit Dschinnen, frivole Anekdoten über die Beschaffenheit der Geschlechtsorgane, aber auch Geschichten voller erotischer Sinnlichkeit. Junge Frauen und Männer galten in der Vormoderne als gleichermaßen anziehend, ihre Schönheit wurde in Tausenden Gedichten gepriesen, kontinuierlich vom 8. bis zum 19. Jahrhundert. Und die kamen oft von muslimischen Rechtsgelehrten.

Ich habe mir ein paar Zitate aus Ihrem Buch herausgeschrieben. Ein Rechts­gelehrter aus Medina, Said ibn al-Musayyib, pflegte demnach im 8. Jahrhundert zu sagen: »Oh Allah, stärke meinen Penis, denn darin liegt die Zufriedenheit meiner Gemahlin.« Ibn Sirin aus Basra im 11. Jahrhundert: »Der schamloseste Sex ist der köstlichste.« Al-Ahnaf aus dem Irak, ein Gelehrter der zweiten Generation und Schüler von zahlreichen Gefährten Mohammeds: »Wenn ihr von den Frauen geliebt werden wollt, dann seid schamlos im Beischlaf und habt schönes Benehmen [mit ihnen].« Waren das nicht einfach ein paar merkwürdige Gelehrte, die das so dahinschrieben?
Nein, das waren alles hochangesehene Gelehrte, die man heute zum Lager der Orthodoxie zählt. Das macht es ja so interessant.

Wie kamen solche Zeilen damals bei den Muslimen an?
Der Universalgelehrte Dschalal ad-Din as-Suyuti, der im 15. Jahrhundert in Ägypten lebte, war so was wie der muslimische Thomas von Aquin. Er ist der Mega-Prototyp-Sunnit, zählt zu den wichtigsten Korankommentatoren – und er schrieb ausführlich über die Erotik. Er dankte Gott für die Schönheit der Frauen, schrieb Sätze wie: »Gelobt sei Der, Der die Frau mit Klitorisvorhaut und Gesäß verschönerte.« Dutzende erotische Geschichten, Bücher wie etwa Die kostbaren Perlen in den Eigenschaften der fettleibigen Frau stammen aus seiner Feder. Das gewagteste Buch nennt sich Nawadir al-ayk fi ma’rifat an-nayk, also Die Feinheiten der Erotik, darin empfiehlt er 140 verschiedene Sexstellungen.

Ein arabisches Kamasutra sozusagen?
Genau, mit mehr Sexstellungen als im indischen Kamasutra. Das hat nur 64.

Und das gibt es nur auf Arabisch?
Ja, leider. Es ist nicht leicht zu übersetzen, weil As-Suyuti erotische Momente und Bilder oft sehr poetisch beschreibt. Ich möchte seine Werke eines Tages übersetzen. Aber nicht jetzt. Sonst denken alle: Der Typ schreibt nur über Sex.

Sie sprechen nur von männlichen Gelehrten. Wieso schrieben die Frauen keine erotische Literatur? Lag es doch am Patriarchat?
Natürlich auch, ja. Frauen waren und sind benachteiligt. Die meisten Gelehrten waren Männer, sie bestimmten die Diskurse. Das ist aber nicht typisch muslimisch, ich bin davon überzeugt, dass Geschlechterdiskriminierung nicht gottgewollt ist. Es gab auch weibliche arabische Gelehrte sowie Dichterinnen, die sehr offen über Sex schrieben. Die Dichterin Amra bint al-Hamaris lebte im 7. Jahrhundert und schrieb Zeilen wie: »Lust auf eine glatte Vulva, nach Safran duftend! So eng wie eine Tülle, so voll wie Höcker, dass ein Penis darin ersticken würde. Ja, süßer als Honig ist sie für den Genießer.« Leider ist davon nicht viel überliefert, denn die schriftliche Tradition war nicht der Maßstab, es gab eine stark ausgeprägte orale Tradition. Und es gab Räume, die nur Frauen zugänglich waren.

In Ihrem Buch kritisieren Sie, der heutige Feminismus sei stark eurozentriert, und andere Kulturen und Einflüsse würden oft ausgeblendet. Im Deutschen sprechen wir über »Scham«, »Schamlippen« oder »Unschuld verlieren«. Wie wird im Arabischen über weibliche und männliche Geschlechtsteile gesprochen?
Die Vulva wird in der klassisch-arabischen Literatur nie verniedlicht, wie im Englischen mit »Pussy«, also Kätzchen. Meistens werden majestätische, aktive Begriffe gebraucht. Dichterinnen wie Umm al-Ward beschrieben ihre Vulva als angriffslustigen, tapferen Löwen. Der berühmte Hofdichter Abu Nuwas, der im 8. Jahrhundert in Bagdad lebte, ließ Palastdienerinnen von ihrer Vulva erzählen. Hier ein kurzer Auszug: »Meine Vulva schäme ich mich nicht zu beschreiben: Seidig wie eine Bullenstirn, prall und leicht erregbar, geschmückt mit Rasur und Amberduft. Ja, sie ist das Schönste, das man je sah! Der Glückliche, der in ihr ruht, spürt an beiden Seiten die Glut.«

Ja, das ist ziemlich deutlich. Wie, finden Sie, sprechen wir heute über Sex?
Es geht nicht mehr um die Lust, nicht mehr um Erotik, um die Kunst des Genießens. Längst ist vergessen, dass Sex auch eine spirituelle Ebene hat. Es fehlt die Tiefe. Manche Sufis glauben, dass die höchste Gotteserkenntnis im Moment des Geschlechtsverkehrs möglich ist. Der Orgasmus galt für sie als Vorgeschmack aufs Paradies.

Jenes Paradies, in dem 72 Jungfrauen auf die Männer warten sollen? Wie passt das zusammen mit dem, was Sie so erzählen?
Das mit den 72 Jungfrauen steht weder im Koran noch in authentischen Überlieferungen. Die Zahl 72 taucht erst in späteren Texten auf. Ich weiß nicht, wie es im deutschen Diskurs zu so einem Thema wurde. Ich habe mittlerweile das Gefühl, dass in diesem ewigen Gerede um die Jungfrauen etwas ganz anderes mitschwingt. Und zwar die Wut darüber, dass Muslime im Paradies überhaupt Sex haben. Wieder dominiert dieser Blick der einstigen Kolonialherren: Guckt mal, diese Barbaren! Wie wild die es treiben! Sogar im Paradies! Ich versuche mittlerweile gar nicht mehr, das zu verteidigen, als ob der Sex per se etwas Schmutziges wäre, das keinen Platz im Jenseits haben darf. So eine Haltung kann nur aus einer sexfeindlichen Denkweise stammen.

Na ja, aber für viele Leute gelten diese sogenannten 72 Jungfrauen als Paradebeispiel dafür, dass Männer im Islam bevorzugt werden.
Die Genüsse des Paradieses im Koran sind in der Tat aus einer männlichen Perspektive beschrieben. Aber wenn Gläubige daran glauben, dass im Jenseits absolute Gerechtigkeit herrscht, dann gehen sie auch davon aus, dass der Genuss gleich für alle sein wird. Wissen Sie, was komischerweise nie thematisiert wird: Im Koran werden auch junge Männer erwähnt, die im Paradies immer wieder Wein einschenken. Einige Gelehrte sagen zwar, die jungen Männer sind nur als Augenschmaus gedacht. Sie trauen sich nicht, da mehr hineinzuinterpretieren. Aber ich finde das sehr interessant.

Wie sind Sie eigentlich auf das Thema Sex im Islam gestoßen?
Ich habe als Jugendlicher im Bücherregal meines Vaters gestöbert. Auf einem Buch stand lang und breit der Name des Autors: Imam Mufti irgendwas. Ich dachte, das sei irgendein religiöses Buch. Erst als ich den Namen bei meiner Recherche in Deutschland wiederentdeckte, habe ich’s gecheckt: Das war nicht irgendein unbekannter Gelehrter, das war Imam Ibn Kamal Pascha aus dem 16. Jahrhundert, der Obermufti des Osmanischen Reichs.

Was stand drin?
Richtig abgefahrene Storys. Das Buch ist ein Handbuch aus erotischen Geschichten, sexuellen Ratschlägen zur Verhütung, Luststeigerung oder zur Penisvergrößerung. Es heißt Rudschu’ asch-Schaykh ila sibah fi l-quwwati ’ala-l-bah, also: Die Rückkehr des Greises zur Potenz seiner Jugendzeiten, und könnte durchaus als Drehbuch für einen Pornofilm durchgehen oder als Auszug aus Fifty Shades of Grey. Das war schon lustig, da wurde ich als Teenie von einem muslimischen Gelehrten, der seit fast 500 Jahren tot ist, in eine Welt entführt, die ich nicht kannte. In einer Geschichte geht es um eine reiche Frau, die es auf junge Männer abgesehen hat.

Eine Art Sugarmama also?
Genau. Sie hat ihr ganzes Geld für ihre jungen Lover ausgegeben, ihnen teure Anzüge gekauft und irgendwann gemerkt, dass sie das nicht mehr glücklich machte. Also holte sie den Rat ihrer Dienerin ein. Die riet ihr, auch mal reifen Männern eine Chance zu geben, und verkuppelte sie mit ihrem schönen Bruder. Bevor sie hinter den beiden die Tür schloss, rief sie ihrem Bruder noch zu: »Ich will von dir, dass du sie befriedigst und dass sie deinetwegen jeden Burschen vergisst, den sie davor kennengelernt hat!« Er antwortete: »Deine Wünsche sind mir Befehl!« Na ja, und dann ging’s zur Sache. Der Liebesakt wird en detail beschrieben. Von einem muslimischen Gelehrten.

Haben Sie Ihren Vater dann gefragt, Papa, was hast du da für seltsame Bücher im Schrank?
Nee, darüber haben wir nie gesprochen.

Warum nicht? Gehörte es sich nicht?
Nein, von seiner Seite aus gab es keine Tabus. Wenn ich mit ihm und seinen Freunden zusammensaß, haben die richtig deftige Witze erzählt. So arabische Witze, wo es nur um das eine geht. Aber ich wollte als Teenie einfach nicht mit meinem Vater über Sex sprechen. Das dürfte man kultur­übergreifend verstehen, oder?

Mit welchen Frauenbildern sind Sie aufgewachsen?
Meine Eltern waren beide Anwälte in Casablanca. Die Familie meiner Mutter ist eher traditionell, aber ich bin mit starken Frauenfiguren aufgewachsen. Meine Oma hat sieben Kinder allein großgezogen, und ihre Töchter sind heute alle erfolgreich: Eine Tante ist Anwältin und war Abgeordnete im Parlament, eine andere war linke Aktivistin, eine andere ist Dichterin. Und ich habe fast nur Cousinen. Erst als ich zum Studieren nach Deutschland ging, habe ich gemerkt, welche Bilder von arabischen Frauen kursieren.

Frauen mit Kopftuch von hinten, in der Hand eine Alditüte?
Ja, genau. Diese ganze Kopftuchdebatte! Darüber haben wir in Casablanca nie gesprochen. Oder über Scharia, Zwangsehen, Klassenfahrten, Schwimmunterricht. Das war in unserer Familie kein Thema. Wir haben über Gott gesprochen, dass er es nicht gern sieht, wenn wir lügen oder ungerecht sind. Dass wir Gutes tun sollen, ihm vertrauen und ihn lieben sollen. Ich glaube, mit diesen Werten wachsen viele Menschen in der arabischen Welt auf, vor allem in den Großstädten. Es sei denn, man ist verseucht durch eine Ideologie.

Oder liegt es daran, dass Sie ein Mann sind und von gesellschaftlichen Verboten nichts gespürt haben?
In einer patriarchalen Gesellschaft genießt man als Mann auf jeden Fall Privilegien. Allerdings hatte meine ältere Schwester innerhalb der kleinen Familie vielleicht mehr Rechte als ich. Ich durfte mich nie in ihr Leben einmischen. Hat mich auch nie interessiert. Aber als ich in Deutschland war, mitten in diesen Debatten, »der Islam« sei so rückständig, habe ich mich wieder an die Sexbücher in Papas Schrank erinnert. Ich habe mich gefragt, wie passt das zusammen? Heute wird Sex im Namen des Islam tabuisiert, und im Mittelalter schrieb und sprach man darüber völlig frei?

Und, haben Sie eine Antwort gefunden?
Eine endgültige Antwort findet man bei solchen Themen nicht. Aber indem ich mich intensiv mit der Geschichte der Sexualität bei Muslimen auseinandergesetzt habe, konnte ich meine Gedanken besser ordnen. Man merkt dann, dass es viele Punkte gibt, die zentral sind, um diesen Wandel zu verstehen.

Welcher Punkt war Ihnen da besonders wichtig?
Der Traditionsbruch um das 19. Jahrhundert. Die meisten Länder im Nahen und Mittleren Osten wurden damals allmählich kolonialisiert oder befanden sich unter dem Protektorat einer europäischen Macht. Der Westen war militärisch und wirtschaftlich überlegen, die Muslime fühlten sich bedrängt und suchten den Fehler bei sich. Sie versuchten, die Eigenschaften des Siegers zu entschlüsseln – und stellten sich die Frage: Was hat er, was ich nicht habe? So ist das eben: Wenn man verliert, stellt man sich und seine Art zu leben infrage.

Auch seine Art zu lieben?
Ja, die Kolonialmächte rechtfertigten ihren Imperialismus unter anderem mit der Behauptung, sie würden die anderen Völker zivilisieren. Sie vertraten die These: Je vielfältiger das Sexleben, desto wilder, undisziplinierter ist eine Gesellschaft. Das Bild vom Araber, der sich wollüstig in seinen Harem stürzt, blieb über Jahre bestehen.

Welchen Einfluss hatte das auf den Umgang mit der Religion?
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ging die Flexibilität in der muslimischen Normenlehre nach und nach verloren. Auf einmal waren Muslime auf der Suche nach eindeutigen Wahrheiten – was im Gegensatz zur muslimischen Normenlehre steht, die ein Musterbeispiel an Ambiguität war. Dieser Eindeutigkeitswahn hat massiv zur Entstehung von Ideologien beigetragen. Plötzlich war der Islam nicht mehr nur eine Religion, sondern auch ein Gegen-Narrativ, eine Antithese zum Kolonialismus oder – in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts – zum Kommunismus.

Die islamische Welt wäre ohne den westlichen Imperialismus also sexuell freizügiger als heute?
In den muslimischen Städten bestimmt. Aber nicht nur der westliche Einfluss ist ein Grund für den heiklen Umgang mit dem Thema Sex. Die Industrialisierung ließ viele Menschen aus den Dörfern in die Städte ziehen, damit kamen auch konservativere Denkmuster in die Städte. Die Bildung von Nationalstaaten führte zu einer allgemeinen Religionskritik – auf einmal war alles Reli­giöse schlecht und rückständig. Die Elite in Ägypten, Indien oder im Libanon wurde im Kopf kolonialisiert, sie übernahm den europäischen Diskurs um die Sexualität und damit auch die viktorianische Sexualmoral. Ich nenne in dem Zusammenhang immer ein Beispiel: Japan hat den Übergang in die Moderne geschafft und dabei als erste asiatische Nation den Kolonialmächten getrotzt. Und Japan hat dabei etwas geschafft, was in der arabischen Welt leider nicht geschafft wurde, nämlich die eigene Tradition zu bewahren.

Aber Länder wie Saudi-Arabien oder Iran wurden nicht kolonialisiert und pflegen bis heute eine rigide Sexualmoral.
Stimmt, aber Regime wie in Teheran oder in Riad wurden vom Westen gefördert und gestützt. Der Islamismus erstarkte im 20. Jahrhundert also auch als eine Gegenbewegung zum Imperialismus und vor allem zum arabischen Sozialismus. Außerdem beschreibe ich in meinem Buch vor allem die freie Sexualmoral in den muslimisch geprägten Städten. Der Wahhabismus erstarkte allerdings unter arabischen Beduinen. Der Wahhabismus ist eigentlich ein weiteres Argument für meine These.

Wahhabisten nehmen für sich in Anspruch, als Einzige die islamische Lehre authentisch zu vertreten. In Ihrem Buch sprechen Sie von unterschiedlichen Rechtsschulen und Rechtstraditionen. Wo sind die alle hin?
Sie sind in den Hintergrund geraten. Früher haben Gelehrte aus ihrer Perspektive als Mensch gesprochen. Sie wussten, dass es für jeden Koranvers etliche Auslegungen gibt. Also haben sie gesagt: Ich sehe das so – die Rechtsschule von Imam Malik sieht das so. Ihre Sätze endeten stets mit »Allahu a’lam«, also »Gott weiß es besser«. Das ist ein sehr großer Unterschied zu unserer heutigen Islamdebatte. Die jahrhundertelange, hochkomplexe Auslegungstradition der Muslime kannte keine eindeutigen Antworten. Heute sagt jeder sogenannte Islamexperte: »Der Islam sagt …«. Das ist fatal. Ich glaube, Muslime wissen zu wenig über ihre Religion.

Dafür wissen viele, dass in Haribo Schweinegelatine ist und Nagellack die Gebetswaschung ungültig macht.
Viele Muslime verlieren sich in Haram-Halal-Diskussionen, sie suchen regelrecht nach Dingen, die verboten sind, und vergessen den Kern des Glaubens. Sie wollen klare Regeln, nach denen sie leben können. Das liegt meistens daran, dass sie im Westen auf der Suche nach einer Identität sind. Sie machen oft diskriminierende Erfahrungen und wollen sich deshalb von der Mehrheitsgesellschaft abgrenzen.

Wie reagieren deutsche Muslime auf Ihr Buch?
Erleichtert, geradezu befreit. Sie schreiben mir, sie wussten gar nicht, dass sie dieses historische Erbe überhaupt haben. Es hilft ihnen, einen gelasseneren Umgang mit dem Thema Sex zu finden. Aber es gibt natürlich auch Menschen, die sagen: Das gehört sich nicht.

Was denken Sie darüber?
Juckt mich nicht. Ich will, dass Muslime keine Angst mehr haben, etwas falsch zu machen. Ich wünsche mir, dass Muslime nach ihren Überzeugungen leben und nicht einem Gruppenzwang unterliegen. Dass sie sehen, wie vielfältig die Traditionen sind. Und dass Nicht-Muslime lernen zu differenzieren. Islam ist keine Entität. Es gab immer Diskurse. Früher haben die Menschen nicht von dem Islam gesprochen, sondern von konkreten Lehrtraditionen, die wahnsinnig vielfältig sind. Dann sind solche Floskeln wie »Islam braucht Aufklärung« oder »eine sexuelle Revolution« oder eine »Reformation« einfach nur lächerlich.

Aber ersticken Sie damit nicht jegliche Kritik am Islam?
Nein. Denn diesen vermeintlichen »Islam« gibt es nicht. Muslime brauchen heute eine Emanzipation des Glaubens vom politischen Missbrauch, eine Entkolonialisierung des Denkens und das kritische Weiterdenken einer bereits existierenden Tradition.