Ein graues Leben

Vor dreißig Jahren kam die Elefantenkuh Bibi aus Simbabwe in den Ost-Berliner Zoo. Ihr Schicksal ist einzigartig – und erzählt viel über die Fehler bei der Haltung dieser besonderen Tiere.

Elefanten können an posttraumatischen Belastungsstörungen leiden. Und Bibi hat schon viel gesehen.

Fotos: Mario Wezel

Simbabwe, 1986

Das Baby kämpfte gegen den Tod der Mutter. Es stieß seinen Kopf gegen den großen, leblosen Körper, immer heftiger, immer blinder. Es rüsselte nach ihrem Mund. Es stellte sich mit seinen Vorderläufen auf ihren Bauch. Schließlich versuchte es, unter ihre lehmverkrusteten Beine zu kriechen. Das Baby, ein Jahr alt, war nicht von seiner

Ende der Sechzigerjahre hatte Buck de Vries, Südafrikaner, ein Abenteuer von einem Mann, nie ohne Hut und Gewehr, nahe der Stadt Bulawayo, am Rande des Hwange-Nationalparks, eine Safari-Lodge eröffnet. 15 000 Hektar Land, Büffel, Antilopen, Löwen, Giraffen, Zebras und sein Stolz, seine Liebe, Loxodonta africana: Elefanten. Die Könige der Steppe, schlau, stark, stur, wie er. Die Einheimischen bezahlte de Vries gut, sie pflegten dafür seinen Boden und sein Wild. Die Touristen ließ er Fotos schießen und die besonders zahlungswilligen auch Tiere.

Im nahen Hwange-Nationalpark dagegen, groß wie Schleswig-Holstein, in den Ausläufern der Kalahariwüste, war das Gleichgewicht bedroht, seit der Mensch begonnen hatte, das Gebiet und seine Bewohner zu schützen. Zuvor waren die Elefanten in der Trockenzeit, wenn die Wasserstellen versiegt waren, weitergezogen. Der Aufseher des Nationalparks, der Brite Ted Davison, wollte 1930 aber den

Seit 1966 wurden sogenannte Culling-Jagden durchgeführt. Ganze Herden wurden systematisch ausgerottet. Ein Hubschrauber trieb die Tiere zusammen. Die Leitkuh wurde aus der Luft mit einem Kopfschuss getötet, flatsch, direkt ins Gehirn. Die anderen Elefanten scharten sich dann in Panik um ihre Anführerin, das Navigationssystem, das Wissen einer Herde. Der Scharfschütze, der neben dem

Die wichtigste Regel beim Culling: Kein Elefant darf entkommen. Elefanten sind hochsozial. Trauernde, umherirrende, womöglich aggressive Tiere im Nationalpark wären ein unkalkulierbares Risiko gewesen. Elefanten sind außerdem hochkommunikativ. Sie verständigen sich nicht nur durch Trompeten, sondern vor allem durch Brummgeräusche im Infraschallbereich – für Menschen nicht wahrnehmbar –, die bis zu zehn Kilometer

De Vries beteiligte sich bis zuletzt am Culling. Die Behörden brauchten ihn und seine Männer. Und de Vries brauchte Geld für sein Paradies. Er ließ sich vertraglich zusichern, dass er Jungtiere, die nicht von den Müttern zerquetscht wurden, fangen und verkaufen durfte, Europa, Asien, USA. Sie sprangen vom Truck, Gewehr in der Hand,

Aber keines wie dieses. Ein Weibchen, so zierlich. Hinten auf der Ladefläche gab de Vries ihm das Gegenmittel in das spitze, fleischige Maul, Naloxon. Es wachte auf. Und schrie weiter.

Er glaubte, er schenke ihm das Leben.

Gronau, 1987

Der Auftrag kam aus dem Ministerium für Außenhandel der DDR, Unter den Linden

Er rief de Vries an. Wer de Vries nicht kannte, war kein Tierhändler,

Das vierte Tier ließ sich Bode mit einigen Greifvögeln und Antilopen aus dem

Die Süße, deren Stoßzahnstummel so schön symmetrisch waren, stand meistens allein in ihrer

Ost-Berlin, 1989

Der Bulle bekam den Namen Tembo, Suaheli für Elefant. Eine

Einzig ihr Name klang nicht nach weiter Welt, sondern nach

Bibi war der kleinste der vier neuen Elefanten, der gierigste,

Der Bau des neuen Dickhäuterhauses hatte bereits begonnen. Ein Denkmal,

Als Mario Hammerschmidt als kleiner Junge mit seinen Eltern

Ein schmächtiger Elefant fiel Mario Hammerschmidt sofort auf. Er stand

Berlin, 1998

Als Mario Hammerschmidt als junger Mann an

Bibi war anders. Sie wollte ihr Essen.

Eigentlich war Bibi nur beim Baden entspannt.

Berlin, 1999

Am Morgen des 15.

Matibi wurde gewogen, Bibi

Berlin, 2006

Das

Berlin, 2007

Ihr zweites Kind gebar Bibi am 22. August auf der Außenanlage, so, wie es in freier Wildbahn geschieht: ohne Kette, im Schutz der Herde. Als das Neugeborene auf dem Boden lag, lief Bibi aufgeschreckt davon. Auch in Freiheit ist es nicht ungewöhnlich, dass Elefantenmütter wegen des Geburtsschmerzes aggressiv auf ihr Kind reagieren, immer wieder töten vor allem Erstgebärende in diesem Reflex ihr Neugeborenes. Die Aufgabe der anderen Elefanten ist es, die Mutter zurückzudrängen, sie zu beruhigen, bis sie vorsichtig mit ihren Stoßzähnen und Füßen das Baby aus der Hülle holt. Doch Lilak, die Leitkuh, hatte noch nie eine normale Geburt erlebt, sie war wie alle Elefanten außer sich. Sie konnte ihre natürliche Rolle nicht erfüllen. Gemeinsam mit Bibi startete sie Scheinangriffe auf das Neugeborene, das von den Pflegern schnell in den Graben gezogen wurde. Panya, die zweite Tochter, große Schlagzeilen.

Berlin, 2008

Ein

Kurz

Mario Hammerschmidt war verzweifelt. Er brauchte ein Jahr, um zu akzeptieren, dass es vorbei war mit dem direkten Kontakt. Er konnte sich nicht vorstellen, diesen Beruf auszuüben, ohne die Tiere anzupacken, sich mit ihnen zu fetzen und zu freuen. Dann wurde er selbst Vater und Chef des Elefantenhauses. Er besuchte andere Zoos. Und verstand: Ein guter Tierpfleger ist nicht, wer von allen Tieren angekuschelt wird, sondern wer alle Tiere gesund hält und sie animiert, sich artgerecht zu verhalten. Noch etwas verstand Hammerschmidt, vielleicht zu spät, da war sie von Dashi, ihrer wichtigsten Begleiterin, schon getrennt: Nicht Bibi war das Problem. Sondern das System.

Halle, 2009

Am meisten mochte Norman Hase an Bibi von Anfang an, dass sie sich nichts sagen ließ. Wie er. Wie alle Elefantenpfleger in Halle. In der DDR wurden nur Träumer Zoopfleger. Hase war noch nicht dabei, der Revierleiter Axel Boas erzählt gern von der Zeit. Die Ost-Zoopfleger verdienten wenig. Aber sie konnten sich im Zoo eine bessere Welt schaffen. Sie lebten hinter Gittern die Freiheit. Nun war die Welt draußen anders geworden, auch in Halle an der Saale, aber so richtig gut fand Norman Hase sie immer noch nicht. Also was tat er? Er machte die Welt im Elefantenhaus des Bergzoos Halle so gut wie möglich.

Bibi war eine aus der Freiheit, das war gleich klar. Sie machte bei allem mit, aber sie behielt ihren Stolz. Etwas klein gewachsen, dafür mit großer Ausstrahlung. Und in ihren Augen, fand Norman Hase, war so viel Weisheit. Was die wohl alles gesehen hatte. Bibi war kein sicherer Elefant, fahrig, unkonzentriert. Aber die Augen ruhten. In Halle trafen Bibi und ihre Tochter Panya wieder auf Mafuta, Bibis einstige Erzfeindin, und auf Tana, die als junge Kuh ebenfalls aus dem Tierpark Berlin nach Halle gebracht worden war. Mit Mafuta verstand sich Bibi nach wie vor nicht, aber sie akzeptierte sie als Anführerin. Die meiste Zeit verbrachte Bibi mit Panya. Mit dem jungen Bullen Abu kam sie auch gleich aus. Die Haltung im geschützten Kontakt, das fiel auch Mario Hammerschmidt auf, als er Bibi in Halle besuchte, tat ihr gut. Das Weben wurde weniger. Eine zeugungsfähige, erfahrene Mutter, mit der würde man etwas Schönes aufbauen.

Halle, 2013

Ganz Halle konnte es kaum erwarten. Die Zeitungen hatten von Anfang an Ultraschallbilder gedruckt. Bibi und Panya waren in zwei benachbarten, voneinander getrennten Boxen aufgestallt, rüsselten sich in den Wehen viel, die Nähe der Tochter war wichtig. Gemeinsam mit Tierärzten hatte man entschieden, dass eine Herdengeburt ein zu großes Risiko wäre, als Leitkuh erschien Mafuta zu unerfahren. Bibis Baby kam schnell. Es rutschte unter dem Schiebegitter hindurch in die große, leere Laufhalle. Bibi begann sofort, gegen das Gitter zu treten. Sie will zu ihrem Baby, dachten alle, es befreien, begrüßen. Der Tierarzt ließ das Gitter öffnen. In der Halle stürmte Bibi auf ihr Kind zu und trampelte auf ihm herum. Mit einem Stoßzahn durchbohrte sie seine Lunge. 110 Kilo wog Tatu Chinara, so nannte Norman Hase das Kalb, als es schon tot war.

Halle, 2015

Der

Halle, 2017

Es

Man

Dann

Dann

Heute

Norman

Bibi

Lawrenz

Es

Ende

Olaf

Töffels

In

An