Das Himbeervisum

Der Nepalese Sujan Khanal möchte in Europa leben. Portugal macht ihm ein Angebot: Sieben Jahre lang Himbeeren pflücken – dann bekommt er den ersehnten Pass. Über ein Geschäft, bei dem nur eine Seite sicher gewinnt.

Sujan Khanal an einem seiner freien Tage. Der 27-jährige Nepalese studierte in Indien und Frankreich, nun pflückt er Himbeeren in Portugal.

An einem Spätsommerabend 2019 steigt Sujan Khanal, ein 27-Jähriger mit kindlichen Augen, aus einem Linienbus in Odemira. Sein Blick schwenkt durch die Ankunftshalle, darin Dutzende Menschen mit Turbanen und bunten Gewändern. Im Restaurant neben dem Busbahnhof sitzen Sikhs, am Nachbartisch muslimische Inder, an einem dritten Nepalesen. Sujan, ebenfalls Nepalese, setzt sich dazu. Er wartet. Wie es ihm sein Vermittler gesagt hatte. Einige Minuten später hält ein Kleinbus. Der Fahrer winkt Sujan zu sich. Er gibt Gas, die Hauptstraße hinab, vorbei

Sujan Khanal ist einer von Zehntausenden Nepalesen in Odemira, einer dünn besiedelten Region im Süden Portugals. Sie kommen wegen eines Angebots, das der Staat ihnen macht: sieben Jahre Arbeit im Tausch gegen einen europäischen Pass. Kein Asylverfahren, keine illegale Einwanderung. Ein Deal: Lebenszeit gegen Zukunft. Welcher Arbeit die Einwanderer während dieser Zeit nachgehen, spielt keine Rolle. Allerdings stehen ihre Chancen, überhaupt Arbeit zu finden, auf den Feldern von Odemira besonders gut.

Der Deal ist ein Zugeständnis an die anderen Migranten

Im März 2018 wurde, ohne viel Aufsehen, das Einwanderungsgesetz

Das reiche Europa trifft auf die armen Regionen Südasiens,

Am Nachmittag seines ersten Arbeitstages schreibt Sujan eine Nachricht.

Am dritten Tag sehen wir uns im Restaurant am

Sein erster Arbeitstag sei schlimm gewesen. »Sobald eine Reihe

Am Nachmittag, sagt Sujan, habe er einen Anruf bekommen.

Sujan wuchs in Kapilvastu auf, einem Dorf in Nepal,

Sujans Familie aber hat Land und Eigentum. Mittelschicht. Er

Sujans Eltern zahlten die Studiengebühren für das erste Jahr:

Seit 2018 gibt es in Portugal – wie etwa

Am sechsten Tag holen wir ihn vor seiner Wohnung

An einer Kreuzung zweier Feldwege halten wir. Sujan lugt

Meistens pflückt Sujan 50 Kilo am Tag. Dafür verdiene

Einige Tage später fahren wir mit einem Pick-up-Truck durch

Männer mit Mundschutz schieben Wagen mit Plastikschalen vor sich

Die Plantage gehört Hall Hunter, mittlerweile aufgegangen in der

2016 hatte Driscoll’s in Odemira eine Filiale eröffnet.

Der Konzern betreibt die Plantagen nicht selbst, er vermietet

Das Beerengeschäft in Portugal wächst. Der EU-Strukturfonds fördert Produzenten,

Auf der Anlage von The Summer Berry Company stehen

Mit dem Zuzug der Firmen verwandelte sich das arme

Sujan zieht einen Ausweis aus seiner Hosentasche. Die »Residência«.

Der mühsamste Schritt ist der erste. »Wer neu ist,

»Ich halte mich an die Regeln«, sagt Sujan. Er

Am Abend fahren wir mit Sujan an den Strand.

Wir baden und reden. Wenn Sujan spricht, wechselt er

»Es ist ein Deal. Kein guter, aber ein Deal«,

Ob er ahnt, wie viel ihn dieser Deal am

Eineinhalb Jahre später klopfen wir an Bharats Tür, ein

Bharat lässt sich auf einen Stuhl fallen, er ist,

Bereits vor eineinhalb Jahren hat Bharat hier gewohnt, er

Nach einer halben Stunde kommt er zurück. Chacha hat

Am nächsten Abend treffen wir ihn auf dem Marktplatz.

Mit zwei Telefonen sitzt er da, eines für Indien.

Am letzten Abend in Odemira verabreden wir uns mit

Am Wochenende telefoniere er oft mit den Eltern. Seit

Am selben Abend im Spätsommer 2019 machen Kristin, die

Aber bald werden seine Nachrichten zaghafter, er wirkt einsam.

Doch dazu kommt es nicht. Sujan arbeitet einige Wochen

Im März 2020, als an vielen Orten der Welt

Wir hören einige Monate lang nichts von Sujan. Wir

Aber dann, im November, ein Telefonat – und es

Wir möchten wissen, was aus dem Besuch seiner Eltern

Er muss los, zur Arbeit. Wir fragen noch, ob