»Das schwarze Loch ist etwas Höllisches«

Heino Falcke hatte einen entscheidenden Anteil daran, dass die Menschheit das erste Bild von einem schwarzen Loch im All zu sehen bekam. Er ist aber nicht nur Physiker, sondern auch Geistlicher – und sieht darin gar keinen Widerspruch.

Auf Heino Falcke und zwei Kollegen geht der Einfall zurück, mit zusammmengeschalteten Radioteleskopen den sogenannten Ereignishorizont am Rande schwarzer Löcher zu beobachten. Im April 2019 wurde das erste Bild des schwarzen Lochs in der Galaxie M 87 gezeigt.

Foto: Judith Jockel/laif

SZ-Magazin: Vor zwanzig Jahren veröffentlichten Sie die Idee, wie man schwarze Löcher vielleicht fotografieren könnte, Ihre Tochter war damals sieben Jahre alt. Wie haben Sie Ihr erklärt, woran ihr Vater arbeitet?
Heino Falcke: Meiner Erinnerung nach habe ich meine drei Kinder nicht so intensiv in meine Arbeit einbezogen. Aber meine Tochter, sie ist die Älteste, hat mir gerade erzählt, dass sie als Kind immer Angst vor schwarzen Löchern hatte, weil die alles auffressen. Den Schrecken muss ich ihr wohl eingejagt haben.

Sie haben sich nach Ihrer Promotion und Habilitation in Physik bald auf schwarze Löcher spezialisiert. Zugleich sind Sie Laienpfarrer. Haben Sie Ihrer Gemeinde je erklärt, woran Sie forschen?
Anfangs habe ich in den Predigten relativ wenig von meiner Arbeit erzählt. Der Bäcker predigt ja auch nicht immer über seine Brötchen, ist ja langweilig, habe ich gedacht, und lieber über andere Dinge geredet. Später habe ich in der Gemeinde den Vortrag gehalten, den ich dann auch in anderen Kirchengemeinden gehalten habe: Reise durch das Weltall. Das Buch, das ich jetzt über die jahrelange Entstehung des ersten Fotos eines schwarzen Lochs geschrieben habe, basiert auf diesem Vortrag. Er beschreibt eine Reise und zugleich eine Pilgerfahrt. Ich fange zu Hause an bei Sonne, Mond und Sternen, entdecke dann die Milchstraße und komme zum All, das unglaublich groß ist. Es ist ein Wissenschaftsvortrag, aber zwischendurch sind Bibelsprüche oder Psalmverse eingestreut. Damit will ich ausdrücken, dass sich Glaube und Wissenschaft in der Faszination für den Sternenhimmel begegnen. Wenn König David in den Himmel schaut, und »die Himmel erzählen die Ehre Gottes« kann ich mir das gut vorstellen, wie er da nach oben gezogen wird, mit dem Gefühl, da ist noch was, viel mehr, als wir sehen können.

Wie erklären Sie Ihrer Gemeinde in einfachen Worten, was ein schwarzes Loch ist?
Unglaublich viel Materie auf unglaublich kleinem Raum, sodass nichts entkommen kann – kein Licht, kein Mensch, kein Wort kann sich dieser Schwerkraft entziehen. Das schwarze Loch ist eine fundamentale Grenze, etwas Höllisches.

Wie viele schwarze Löcher gibt es?
Allein in der Milchstraße sind es wahrscheinlich Hunderte von Millionen. Hell genug, um sie zu sehen, sind nur ein paar hundert. Schwarze Löcher sind Sternleichen, und wir wissen, dass es sie da oben geben muss, weil wir ungefähr wissen, wie viele Sterne es gibt und gab. Die ganz großen, hellen Sterne leben nur kurz, bis ihr Brandstoff aufgebraucht ist, dann explodieren sie und kollabieren zu schwarzen Löchern. Kleinere Sterne werden zu Neutronensternen oder weißen Zwergen – wie unsere Sonne. Die kleinsten Sterne sind bescheiden und genügsam, dafür glimmen sie länger. Im Zentrum von Milchstraßen verschmelzen viele Millionen Sterne zu den Monstern unter den schwarzen Löchern. An ihrem Rand strahlt heißes Gas besonders hell im Radiolicht. Mit Radioaugen kann man tief ins Universum schauen und entdeckt in den Zentren vieler Milchstraßen diese supermassereichen schwarzen Löcher.

Albert Einstein hat mit seiner Allgemeinen Relativitätstheorie vor 105 Jahren die theoretischen Voraussetzungen für schwarze Löcher geschaffen, aber er hat nie an ihre Existenz geglaubt.
Er wollte die Möglichkeit ihrer Existenz Ende der Dreißigerjahre sogar widerlegt haben. Noch im selben Jahr hat Robert Oppenheimer allerdings durchgerechnet, dass es doch möglich sein könnte, dass beim Kollaps von Sternen schwarze Löcher entstehen. Als Einstein 1955 starb, existierten schwarze Löcher in der Astronomie nur als vage Idee, in der Physik galten sie dagegen als theoretische Möglichkeit.

Den Begriff gibt es seit 1964.
Bis dahin sprach man von eingefrorenen Sternen oder Ähnlichem. Gute Begriffe sind wichtig. Wenn etwas einen griffigen Namen hat, existiert es. Beim schwarzen Loch klingt die Dunkelheit, das Verschwinden an.

Nach Ihrer Idee hat 2017 ein internationales Team von Astronominnen und Astronomen einen weltweiten Verbund acht großer Radioteleskope auf das Zentrum der Galaxie M 87 gerichtet. Aus den Daten der empfangenen Radiowellen wurde das erste Bild eines schwarzen Lochs erstellt, das im April 2019 veröffentlicht wurde. Hat dieses Bild die Existenz schwarzer Löcher unzweifelhaft bewiesen?
Das ist eine philosophische Frage. Wir beweisen in der Physik ­ja nie etwas endgültig, sondern halten an einer Theorie bis zum Beweis ihres Gegenteils fest. Deswegen sage ich: »For all practical purposes!«. In der Praxis erklären schwarze Löcher alles, was wir sehen, und wir gehen jetzt von ihrer Existenz aus. Es kann theoretisch immer noch passieren, dass jemand mit einer anderen verrückten Hypothese auftaucht, die alles noch besser erklärt, aber das, was ich von einem schwarzen Loch erwartet habe, hat das Foto gezeigt.

Dabei konnten Sie die Masse eines schwarzen Lochs schon vor dem Foto berechnen.
Ja, man hatte gesehen, dass es da Objekte mit ganz viel Materie gibt, man hatte sie lokalisiert, man hatte gesehen, dass da viel Licht war. Masse, Licht am Rand, nur die Dunkelheit in der Mitte hatte man nicht gesehen, wo Licht hineinfällt. Dieser Fleck, der das schwarze Loch charakterisiert, hatte gefehlt. Wir haben das Loch jetzt endlich gesehen.

Es gibt das berühmte Bonmot des Physikers Sir Arthur Eddington, der 1919 nach den Namen der drei Physiker gefragt wurde, die Einsteins Relativitätstheorie verstünden, und der antwortete: »Wer ist der dritte?« Wie viele Physiker verstehen heute, was ein schwarzes Loch ist?
Es gibt theoretische Physiker, die die Relativitätstheorie auch mathematisch völlig durchdrungen haben – vielleicht sind es wenige tausend, die das wirklich verstehen. Mich würde ich noch nicht einmal dazu zählen. Jeder Physiker auf meinem Niveau besitzt ein gewisses Grundverständnis, ich vielleicht etwas mehr, und es gibt sicher Hunderttausende professionelle Physiker, das kann ich schlecht abschätzen. Selbst Experten, die sich seit 20 Jahren mit nichts anderem beschäftigen als mit der Relativitätstheorie, können sich über Aspekte streiten. Habe ich vor Corona auf einer Konferenz in Mexiko erlebt. Ich habe da zwei Experten eine dumme Frage gestellt, und sie konnten sich partout nicht auf eine Antwort einigen.

Kann man sagen, was dieses Bild vom schwarzen Loch ­gekostet hat?
Nein, aber die direkten Fördergelder belaufen sich sicher auf 20 bis 30 Millionen Euro, dazu kommt die Arbeitszeit von vielen Leuten. Wir schlüsseln das erst jetzt auf, bisher haben wir das bewusst nicht gemacht. Es handelte sich ja um Gruppen, die auf freiwilliger Basis kooperieren, aber auch konkurrieren. Wer ist jetzt der Chef? Wie organisiert sich so eine Gruppe? Wir Europäer hatten das meiste Geld, die Amerikaner die meisten Teleskope. Das war kein einfacher Prozess, 2010 ging es los. Viel geschah hinter verschlossenen Türen, und nicht alles war schön. Ich glaube nicht, dass Freundschaften zerbrochen sind, aber ich weiß definitiv, dass professionelle Tischtücher zerschnitten wurden. Der Stress war extrem, ich weiß von zwei Kollegen, die im Krankenhaus landeten.

Bis wann haben Sie am Erfolg gezweifelt?
Noch lange nachdem die Fotos aufgenommen wurden. Bis zur Veröffentlichung im April 2019.

Sie sind Professor für Astronomie in Nijmegen. Was lernen Studentinnen und Studenten bei Ihnen?
Ich gebe die Anfängervorlesung, da fange ich mit Newton und Kepler an. Älteren Studenten ­erkläre ich die Grundlagen der Strahlungsprozesse in der Astronomie.

Auf Niederländisch?
Ja. Der Rheinländer hat da Vorteile, es gibt einige Übereinstimmungen mit dem Holländischen. Schwarzes Loch heißt »zwart gat«, kann man als Kölner intuitiv verstehen. Am Anfang habe ich viel Radio gehört und dann noch zwei Wochen Intensivkurs belegt, in einer Sprachschule im alten Kloster, wo man abends »Tabu« spielte. Dann ging das.

Newton und Kepler glaubten an Gott.
Wie viele andere Physiker auch. Galileo, Planck. Eddington war Quäker.

Sie sprechen vom schwarzen Loch auch als dem Tor zur Hölle oder Tor zum Jenseits.
Ich nutze gern biblische Bilder. Es sind menschliche Urbilder, die hätten nicht 3000 Jahre überlebt, wenn sie nicht tief in uns steckten. Allerdings gab mir eine Künstlerin den Anstoß, das schwarze Loch als Tor zur Hölle zu bezeichnen. Sie hatte sich durch meinen Vortrag Reise durchs Weltall zu zehn, 15 Bildern inspirieren lassen. Ich fragte sie, warum das schwarze Loch fehlte, sie sagte, dass sie davor viel zu viel Angst habe. Ja, ein schwarzes Loch ist ein Angstort, in den man hineinkommt, aber nicht mehr heraus. Man kann darin vielleicht leben, aber niemandem davon erzählen. Diese Ein­samkeit muss wirklich die Hölle sein, das unrettbar Verlorensein. Schwarze Löcher sind ein modernes Bild für Todesangst.

Hat der Physiker ebenso­wenig klare Vorstellungen vom Inneren des schwarzen Lochs wie der Gläubige vom Jenseits?
Das schwarze Loch ist in jedem Fall auch ein Ort, der in der Fantasie existiert, in dem Fall einer mathematischen Fantasie, die sehr real ist. Man kann sie sehr genau berechnen, aber nicht prüfen, nicht messen.

Ihr Bild ist doch eine Messung?
Ja, aber nur von außen. Man sieht nicht, was innen passiert. Es gibt ja auch eine große Diskussion über den Informationsverlust in schwarzen Löchern, die jede Messung schon theoretisch unmöglich erscheinen lassen. Einige Physiker gehen davon aus, dass Informationen ein schwarzes Loch wieder verlassen, allerdings in einer Form, die nutzlos ist. Alles noch völlig unbewiesen. Horden von Physikern leben in diesen Modellen und diskutieren die Konsequenzen, ohne sie tes­ten zu können.

Sie haben M 87* fotografiert, das schwarze Loch in der Galaxie M 87. Sie haben vor drei Jahren auch Daten über Sagittarius A* gesammelt, ein schwarzes Loch im Zentrum unserer Milchstraße, für dessen Entdeckung Reinhard Genzel gerade den Physik-Nobelpreis erhalten hat.
Genzel hat mich als junger Wissenschaftler inspiriert, genau an diesem schwarzen Loch zu arbeiten. Seine Gruppe war auch Partner bei unserem Bild von M 87*. Der Nobelpreis freut mich außerordentlich und würdigt einen besonderen Abschnitt in der Geschichte der Entdeckung schwarzer Löcher.

Warum haben Sie kein Bild von Sagittarius A* veröffent­licht?
Weil wir noch an den Daten arbeiten. Sagittarius A* ist 1000 Mal kleiner als M 87*, aber auch sehr viel näher. Weil es sehr viel kleiner ist, dreht sich das Gas um es herum viel schneller. In fünf Minuten hat sich schon alles verändert. Wir müssen abwarten, was die Daten zeigen werden. Die Information darf ich noch nicht teilen. Aber innerhalb eines Jahres sollten wir hoffentlich irgendein Ergebnis veröffentlichen können.

Sie haben den Schatten des schwarzen Lochs gemessen, Physiker sprechen auch vom Ereignishorizont, hinter dem alles in der Dunkelheit verschwindet – weswegen Sie diese Grenze mit der Kante eines Wasserfalls vergleichen.
Ja. Ich kann noch gegen die Strömung anschwimmen, wenn ich weiter weg bin. Aber je näher ich der Kante komme, desto vergeblicher sind meine Kraulbewegungen oder auch meine Schreie, ich werde über die Kante gezogen.

Was entspricht in diesem Bild dem Schatten der Grenze, dem, was Sie fotografiert haben?
Nicht jedes Gleichnis passt auf alles – in der Bibel ja auch nicht. Der Schatten ist ein Effekt, der beim Wasserfall nicht vorkommt. Man kann ihn sich allenfalls als das vergrößerte Bild der Kante verstehen. Der Schlund erscheint viel größer, als er in Wirklichkeit ist. Ebensowenig können wir den Schlund direkt fotografieren, nur das Wasser vor der Kante und das fehlende Wasser dahinter erzählen etwas von der Tiefe jenseits der Kante. So in etwa müssen Sie sich das vorstellen, wenn wir die Radiostrahlung vom Rand des Ereignishorizonts messen.

Vom Verstehen der schwarzen Löcher erhoffen sich Physikerinnen und Physiker die Lösung des großen Rätsels, wie Relativitätstheorie und Quantentheorie zusammenzudenken sind: die Naturkräfte im Großen und im Kleinsten. Man spricht von einer Art Weltformel, die alle Naturphänomene aus sich heraus beschreiben kann.
Das ist unsere Hoffnung. Die Effekte der Quantengravitations­theorie spielen sich vor allem in einem kleinen Bereich um den Ereignishorizont eines schwarzen Lochs ab. Wir wissen, an der Stelle passiert’s: Am Rand des Schattens passiert die Physik, die uns zeigen könnte, wie wir Raumzeitphysik und Quantenphysik in einer Raumzeitquantenphysik denken können, das wird sich an den schwarzen Löchern entscheiden. Vielleicht werden irgendwann Science-Fiction-Träume wahr oder aber die Tür zu einer neuen Physik endgültig zugeschlagen. Lange waren schwarze Löcher reine Theorie, jetzt haben wir verschiedene Möglichkeiten mit Teleskopen, danach zu schauen. Im Labor wird man echte schwarze Löcher wohl nicht erzeugen können.

Gott sei Dank.
Ach, dann hätte man auch eine Möglichkeit, fast beliebig viel ­Energie zu erzeugen. Aber nein, ich möchte so ein schwarzes Loch nicht zu Hause haben. Wenn man da mal einen Fehler macht, ist er nicht mehr gutzumachen. Schwarze Löcher sind jetzt wirklich ein ganz großes Thema, an dem sich die fundamentalen Fragen der Physik entscheiden. Stephen Hawking hat sie zum Thema gemacht, aber jetzt können wir sie erstmals mit Gravitationswellen und Radiowellen untersuchen. Ich kenne einige ältere Kollegen, die schon immer an der Relativitätstheorie gearbeitet haben, Gerhard Schäfer in Jena etwa, die haben sich manchmal gefühlt, als ob sie ein Orchideenfach lehrten, das völlig irrelevant war. Auf einmal sind ihre ganzen mathematischen Fähigkeiten gefragt, weil wir die Messungen beschreiben müssen.

Die Mathematik, um die Raumzeit zu beschreiben, gibt es doch seit 100 Jahren.
Die biblischen Geschichten gibt es auch 2000 Jahre, und sie müssen dennoch immer neu interpretiert werden. Die Effekte werden neu beleuchtet. Die Leute fangen an, darüber nachzudenken. Das dauert.

Wann waren Sie zum ersten Mal vom Sternenhimmel begeistert?
Apollo 15, da war ich vier Jahre alt. Und an die Mondlandung in den Siebzigerjahren erinnere ich mich gut. Meine Großmutter väterlicherseits wollte Astronomie studieren, durfte aber nicht. Sie kam aus Ostpreußen, da gibt es einen schönen Sternenhimmel.

Wo gibt es den schönsten Himmel auf der Welt?
Namibia und Chile. Wie gemalt. Das ist schon ein besonderes Gefühl. Im Sommer legen wir uns auch hier in den Garten und zählen Sternschnuppen. Inzwischen fliegen aber zu viele von Elon Musks Starlink-Satelliten, sehr ärgerlich.

Hatten Sie eine Art Er­weckungserlebnis?
Mit 14. Gott war immer irgendwie als Konzept präsent, aber nie persönlich. Ich bin in einer protestantischen Familie aufgewachsen. Großvater und Mutter waren Presbyter, meine Großmutter hatte einen praktischen, einfachen Glauben. Wenn mein Großvater beim Mittagstisch betete, wurden Hinz und Kunz und noch der entfernteste Cousin bedacht. Das fand ich toll. Mit 14 habe ich schon beim Kindergottesdienst geholfen und war auf einer Freizeit mit einer Gruppe, wir haben da viel miteinander gesprochen. Am Montag darauf bin ich aufgewacht und hatte das tiefe Gefühl, Gott ist da und er ist Liebe. Das hat mich motiviert, weiter zu lesen, zu suchen und auch vom Glauben Antworten zu erwarten: das Gefühl, eine Heimat zu finden und auch irgendwo hinzugehen. Meine Großmutter ist quasi im Sessel gestorben, ihre letzten Worte waren: Ich gehe nach Hause.

Warum haben Sie nicht ­Theologie studiert?
Hätte ich gern, habe ich auch ernsthaft überlegt, aber ich war ziemlich schlecht in Latein. Außerdem vergesse ich Namen. Wie willst du Pfarrer sein, wenn du keine Namen behalten kannst?

Wie sind Sie dennoch Pfarrer geworden?
Wir haben hier in Frechen 1987 einen CVJM für die Jugendarbeit gegründet, einmal im Jahr haben wir da mit teilweise 100 Jugendlichen ein Musical entwickelt. Während der Proben haben wir viel über die Bibel geredet. Über Glauben zu reden ist immer wieder etwas sehr Erfüllendes für mich. Irgendwann hat unser Pfarrer dann gefragt, ob ich nicht mehr machen wolle.

Sie halten auch sonntags den Gottesdienst?
Ja, aber in den vergangenen zwei Jahren habe ich das etwas re­duzieren müssen, wegen des ganzen Stresses. Davor habe ich den tatsächlich alle zwei Monate gehalten, auch Trauungen, Taufen, den ökumenischen Schulgottesdienst und Beerdigungen, also das ganze Spektrum eines ordentlichen Pfarrers.

Mussten Sie keine Prüfung als Pfarrer ablegen?
Doch, es heißt Prädikant bei uns. Man wird das aber ganz bewusst ohne Studium, das wurde in der rheinischen Kirche nach der Erfahrung des Zweiten Weltkriegs eingeführt, als die Pfarrer im Krieg gefallen oder Nazis oder weggelaufen waren. Viele Gemeindemitglieder haben da beim Gottesdienst Verantwortung übernommen. Wir sind geistlich den Pfarrern gleichgestellt, wir dürfen nur keine Pfarrstelle übernehmen. Im Rheinland ist man da viel weiter als etwa in Bayern. Prädikanten bekommen die gleiche Ordination und genießen im Gottesdienst die gleichen Rechte. Ich dürfte Sie sofort taufen oder verheiraten.

Ihre Tochter hat Theologie studiert und ist inzwischen Vikarin.
Die hat das knallhart durchgezogen, auch ihr Mann, und sie gibt sehr lebendige Gottesdienste in einer schönen Sprache. Leider in Westfalen, ihr Mann ist Westfale! Der Rheinländer ist fröhlich, schlampig, der Westfale eher gediegen, ernst, aber ich nehme die Rivalität mit Humor. Alle meine drei Kinder, auch die beiden Söhne, sind in der Schule übrigens deutlich besser als ich gewesen.

Auch in Physik und Mathe?
Ja. Ich war nicht der fleißigste Schüler. Ich würde auch behaupten, dass viele meiner Studenten in Mathe oder Physik deutlich besser sind als ich. Mein Vorteil ist vielleicht, manchmal aus einer anderen Perspektive auf die ­Dinge zu blicken und dumme Fragen zu stellen. Warum ist das jetzt so? Könnte man das nicht auch so machen?

Der Kontrast zwischen Glauben und naturwissenschaftlichem Wissen erscheint ­immer noch immens.
Was ich bis heute nicht verstehe. Ich hatte nie ein Problem damit. In Holland ist das ein noch größeres Thema.

Sprechen Sie mit Ihren Studenten über Ihren Glauben?
Ich erwähne, dass die Physik nicht alle großen Fragen des Lebens beantworten kann, aber ich drücke das den Leuten nicht auf. Ich bin ja nicht zum Missionieren angestellt.

Sprechen Sie mit Kolleginnen und Kollegen darüber?
Kaum. Über die fundamentalen Fragen reden wir ja auch in der Gesellschaft nicht mehr. Das ist eine traurige Verarmung.

Die Glaubensfrage gilt als sehr intim.
Wir reden ausführlich über Sex, aber über Glauben trauen wir uns nicht zu reden. Unsere Sprachfähigkeit ist auch verlorengegangen. Theologen wird von Physikern schnell ein kindliches Gott- und Weltverständnis unterstellt. Ich finde, das beruht eher auf Unkenntnis. Aber gut, wenn es mal ausgesprochen wird. Lasst uns ins Gespräch kommen!

Wissen Sie, wie viele von den 360 Physikerinnen und Physikern, die am Bild vom schwarzen Loch mitgearbeitet haben, an Gott glauben?
Tja. Intensiv kenne ich nur 120, vielleicht 150. Viele saßen an irgendeinem Teleskop in der Welt, und ich hatte kaum Kontakt mit ihnen. Also nein, ich weiß es nicht. Es gibt eine E-Mail-Liste christlicher Astronomen. Der Kontakt ist allerdings etwas eingeschlafen. Jetzt fällt mir ein: Einer meiner Mitarbeiter ist streng gläubig, sogar sehr aktiv in seiner Gemeinde. Meine Mitarbeiter haben mich kürzlich mal besucht, da habe ich natürlich vor dem Essen mit allen gebetet. Ich bete immer vor dem Essen, still für mich, auch in Nijmegen in der Kantine.

Wissen Sie, ob gläubige Menschen in der Physik in der Minderheit sind?
Es gab 2009 eine Untersuchung in den USA, demnach glauben rund 40 Prozent der Wissenschaftler an einen persönlichen Gott. Weniger als im Rest der Bevölkerung dort, aber immerhin. Auch in der Königlich Niederländischen Akademie der Wissenschaften, die aus Top-Wissenschaftlern besteht, teile ich mit einigen den Glauben, aber wahrscheinlich ist die Rate dort geringer.

Warum sehen Sie keinen Gegensatz zwischen Glauben und Naturwissenschaften?
Weil ich ja weiß, dass es auch in der Wissenschaft Grautöne gibt. Auch in der Wissenschaft ist nicht alles Wissen, auch im Glauben gibt es Experimente und Dinge, die sich beweisen. Ob mein Glaube im Leben trägt, muss ich einfach ausprobieren, genauso wie ich mich manchmal auf einen Stuhl setzen muss, um herauszufinden, ob er hält. Nur ein wenig anlehnen reicht nicht. Die Physik ist darauf stolz, alles beweisen zu können, allerdings nur in eng begrenzten, einfachen Systemen. Wenn ich einen Stein fallenlasse, kann ich ausrechnen, wie er fällt. Aber schon auf die Wettervorhersage ist nicht hundertprozentig Verlass, und eine Voraussage über ein Jahr ist unmöglich. Und wenn ich über das Leben nachdenke, wie müssen wir das Zusammenleben gestalten, wie entwickelt sich mein Leben von der Geburt bis zum Tod – dann sind das Fragen, die für die Physik nicht zu beantworten sind.

Weiß man mehr über das schwarze Loch als über Gott?
Mit Sicherheit ja, weil Gott viel komplexer ist als so ein Loch. Andererseits nein, weil hinter dem Ereignishorizont vieles möglich ist und die Fabelwelt beginnt. Wir wissen über das Innere eines schwarzen Lochs strenggenommen nichts. Aber Gott umfasst alles, was ist und was darüber hinaus ist. Insofern ist ein schwarzes Loch lächerlich klein.

Wie verdeutlichen Sie Laien die Bedeutung des Bildes von M 87*?
Das Foto ist eine weitere Bestätigung von Einsteins Relativitätstheorie und ein Endpunkt in unserer Suche nach schwarzen Löchern. Wir haben den letzten Nagel eingeschlagen und den praktischen Existenzbeweis schwarzer Löcher erbracht. Nun gehen wir von der Entdeckungsphase zur Vermessungsphase über. Vielleicht ähnlich wie nach Kolumbus – das Land ist entdeckt, jetzt wird es bestellt.

Wann sind die ersten Früchte zu erwarten?
Ich bin sicher, dass es irgendwann welche geben wird. Schon allein, weil der Prozess Ideen freisetzt. Die Leute trauen sich mit den verrücktesten Theorien hervor, weil man sie vielleicht prüfen kann. Das ist gut.

Theorien wie über das Wurmloch und die Zeitreisen, die man durch es hindurch unternehmen könnte?
Ein führender russischer Physiker will jetzt Wurmlöcher mit einem Weltraumexperiment messen. Hat er mir voriges Jahr erzählt. Ich meinte, es sei sehr unwahrscheinlich, dass es die gibt. Antwort: Aber wenn, ist es umso interessanter! Das war nicht meine Art von Denken.

Sie halten aber außerirdisches Leben für möglich.
Hier hat sich Leben entwickelt, warum nicht woanders? Kollegen spekulieren selbst über Wolkenmikroben auf der Venus. Vieles ist möglich, aber natürlich wird es nicht alles geben. Es ist die Aufgabe von Astronomen, das herauszufinden.

Spräche das nicht gegen die Einzigartigkeit der Schöpfung?
Jeder Mensch bleibt einzigartig, aber das Leben an sich ist es ja schon auf der Erde nicht. Die Bibel ist eine Beschreibung des Menschen in der Sprache des Menschen und in seiner Geschichte. Da hat sich ja nicht einer hingesetzt und sich alles ausgedacht, sondern das ist eine Sammlung von Lebenserfahrungen, die unser Menschsein prägt. Es geht um fundamentale Wahrheiten und Bedürfnisse, und es kann durchaus sein, dass es woanders ganz andere Bedürfnisse gibt, die aus einer anderen Geschichte stammen und dennoch denselben Schöpfer besitzen. Da wird es grundsätzliche Gemeinsamkeiten geben, ich hoffe, auch Barmherzigkeit, Gnade und Liebe. Es wäre sehr spannend, wenn unterschiedliche Lebensformen ins Gespräch kommen. Ich bin Star Trek-Fan – da passiert das dauernd. Ich höre immer wieder, da bräche ja der christliche Glauben zusammen. Glaube ich nicht. Er ist es auch nicht, als man herausfand, dass die Welt viel älter ist als 6000 Jahre. Im Gegenteil, für mich ist er dadurch bereichert und größer geworden.