Apple is watching you

Aus Geboten wie »Du sollst nicht stehlen« ist »Du sollst zwei Mal die Woche Sex haben« geworden. Axel Hacke darüber, warum wir unsere Freiheit so gerne gegen Regeln eintauschen.

Kürzlich las ich, wie die Firma Apple für die von ihr produzierte neue Armbanduhr wirbt, die eben keine Armbanduhr ist, sondern sehr viel mehr: vielleicht so etwas wie eine am Arm getragene Überwachungsanlage? Jedenfalls heißt es, die Apple Watch betreffend: »Es geht darum, den ganzen Tag über aktiv zu sein. Daher misst die Apple Watch all deine Bewegungen. Egal, ob du mit dem Hund rausgehst, Treppen steigst oder mit deinen Kindern spielst. Sie merkt sich sogar, wenn du aufstehst. Und motiviert dich weiterzumachen. Denn alles zählt. Und das rechnet sich.« Rechnet sich. So ist das heute: Alles muss sich rechnen, auch der Einzelne – und rechnet er sich nicht, so zählt er auch kein bisschen? Watch heißt »Armbanduhr«. Aber to watch bedeutet »beobachten«, und das ist hier offensichtlich die wichtigere Bedeutung.

Du bist nicht allein. Apple is watching you.

Es gab mal den schönen Gedanken vom selbstbestimmten Menschen. Gibt es ein selbstbestimmtes Leben mit einer vorwurfsvollen Uhr am Arm? Nur mal als Frage.

Nie waren wir frei wie heute. Niemals in der Geschichte konnte das Individuum sein Leben so umfassend selbst gestalten. Du möchtest grüne Haare, bist intersexuell, isst bunte Blumen zum Frühstück? Anything goes!

Es gab einmal eine Zeit, in der die Leute von dieser Befreiung träumten, von freier Liebe, Lebensgenuss, einem Leben ohne die ewigen Vorschriften der Kirche, des Staates, der Eltern und der Konvention.

Das Seltsame aber ist: Man muss feststellen, dass der Mensch von heute wieder nach Regeln verlangt. Er hält die mühsam erstrittene Freiheit, gerade hat er sie erreicht, anscheinend nicht gut aus. Kaum kann er tun, was er will, will er nicht mehr tun, was er kann. Warum? Aus Angst? Kaum hat die Kirche die Autorität verloren, uns am Moralhalsband durchs Leben zu führen, erfinden andere ein Gewebe von Regularien, ohne die, sagen sie, ein anständiges Leben nicht möglich sei. Und wenn das nicht reicht, flicht sich der Einzelne sein Privatkorsett, freiwillige Selbstkontrolle aus Essensvorschriften, Sportmaßregeln, Sprachbefehlen. Das ist, was politisch korrekte Sprache, Antidiskriminierungsbehörden und Nichtrauchfanatiker unabhängig von moralischen Inhalten vereint: Alle möchten ran ans Gängelband, und wo von Genuss und Freude die Rede sein könnte, da steht heute ein dauerndes großes: Du sollst!

Du sollst zwei Mal die Woche Sex haben, das ist gesund. Du sollst kein Fleisch essen, das ist ungesund. Du sollst keine Wurst essen, das ist noch ungesünder, und wenn schon, dann sollst Du Fleisch und Wurst von Tieren essen, die ein schönes Leben hatten. Du sollst nicht »behindert« sagen, sondern »mobilitätsein-geschränkt«. Du sollst nicht »Professor« schreiben, sondern »Professor/in« oder »ProfessorIn«, am besten: »Professx«. Du sollst niemanden sexuell belästigen, und du sollst wissen, dass schon ein anzüglicher Spruch heute als sexuelle Belästigung empfunden werden kann, für den du nicht mit einer selbstbewussten Zurechtweisung, sondern mit dem großen Brüderle-Pranger bestraft werden sollst.

Und hinter jedem einzelnen »Du sollst« steht ein guter und richtiger Gedanke, doch insgesamt haben wir plötzlich eine Du-sollst-Gesellschaft, eine Herrschaft der Vernunft, die nie genug Regeln haben kann.

Sollte man nicht aus der Tatsache, dass Sitzen, Alkoholkonsum und Wurstverzehr der Gesundheit unzuträglich sind, die Konsequenz ziehen, dass sitzend saufende Wurstesser auf der Watch zwei Runden im Park verordnet bekommen, im Beisein eines Mitarbeiters der Behörden? Der Witz ist: Die Behörde braucht man gar nicht mehr. Der Mensch macht das von selbst.

Alle vier Jahre wird dann der Du-sollst-Mensch gefragt, was er will. Dann wird wieder die niedrige Wahlbeteiligung beklagt, weil der Mensch eines Tages nicht mehr weiß, was er wollen soll. Und die Uhr sagt es ihm ja nicht.

Illustration: Dirk Schmidt