Wie war ich auf einer Skala von 1 bis 10?

Unsere Welt ist eine der Zahlen. Noch nicht mal auf der Toilette ist man vor ihnen sicher. 

Illustration: Dirk Schmidt

Auf der Internetseite der Neuen Zürcher Zeitung las ich etwas über die alltäglich gewordene Vermessung des Menschen und seiner Welt mit Hilfe von Scores, Rankings, Likes, oder, auf Deutsch: Punkten, Tabellen, und, tja: Mögungen? Der Autor erregte sich unter anderem darüber, dass man selbst auf Flughafentoiletten nach der Zufriedenheit gefragt werde: Auf einem Apparat sei einer von vier Knöpfen mit Gesichtern in unterschiedlichen Gemütszuständen zu drücken. Was mit den Ergebnissen wohl geschehe, fragte er. Wer im Ernst solche Knöpfe drücke?

Direkt unter dem Text aber ploppte die Frage auf: »Wie wahrscheinlich ist es, dass Sie die Neue Zürcher Zeitung weiterempfehlen?« Dann folgte eine Skala von 0 (überhaupt nicht wahrscheinlich) bis 10 (sehr wahrscheinlich).

Man entkommt der Sache also nicht, weder auf dem Klo noch in der NZZ. Das Gemochtwerdenwollen ist eine der tiefsten Sehnsüchte des Menschen; vermutlich hätte Kain seinen Bruder Abel nicht erschlagen, wenn Gott dem Opfer, das Kain ihm brachte (einige Früchte des Ackers), mehr Aufmerksamkeit gewidmet

Heute würde Kains Gabe eine Mail folgen: Wie fanden Sie mein Opfer? Wählen Sie eine Zahl von 0 (uninteressantes Opfer) bis 10 (Superopfer, gerne wieder). In alttestamentarischen Zeiten aber drückte man sich nicht in Zahlen aus. Man wählte Worte, wie Gott. Oder die Tat, wie Kain.

Unsere Welt ist eine der Zahlen. Alles wird numerisch ausgedrückt. Wir starren auf Inzidenzen und R-Werte, Wachstumsziffern und Haushaltsdefizite, Temperaturanstiege und Meeresspiegelhöhen. Viele verbringen ihre Tage an einem Gerät namens Rechner. Alles muss schnell gehen, Tempo drückt man in Zeit aus: also in Zahlen. Das hat Vorteile. Naturwissenschaft ist ohne Zahlen unmöglich, ohne Naturwissenschaft wiederum gehen unsere Chancen auf der Erde gen NULL, erstens. Zweitens kann es ohne Daten kein Weltverständnis geben, keinen sozialen Fortschritt, keine moderne Gesellschaft.

Andererseits: In China werden Menschen nach Sozialpunkten klassifiziert. In sozialen Medien zählt allein die Zahl der Likes und Shares, und es ist nun mal das Simple, Emotionale, meistens Wütende, das bei Twitter oben landet, nicht so sehr das Differenzierte und Nachdenkliche, das haben uns spätestens die

Einen »Kult der Zahlen« hat das der Berliner Soziologe Steffen Mau in seinem Buch über Das metrische Wir genannt: Es entstehe eine »Bewertungsgesellschaft«, in der sich die Art und Weise verändere, »wie das Wertvolle und Erstrebenswerte konstruiert und verstanden wird«. Man orientiert sich an Normziffern. Man lebt auf Erreichung von Zahlen hin.

Als Freund der Buchstaben kann man eine solche Numerokratie nicht hinnehmen. Wir müssen die Zahlen zurückdrängen, sie ver­suchen es ja hier gerade wieder, immerzu aufs Neue, auch in diesen Text dringen sie ein … 1 8 6 7 5 9, da sind welche, wie Viren befallen sie sogar

Für heute.