Das Dichten muss es richten

Ein soziales Medium ohne Hass und Wut – wie könnte das gehen? Hier könnte eine fast in der Versenkung verschwundene Literaturgattung wieder aktuell werden.

Illustration: Dirk Schmidt

Ich gehe über die Straße, ein Nachbar grüßt. Er drückt mir einen Zettel in die Hand. Darauf steht, wie ich später lese, ein Gedicht. Es freut mich, ein kleines Schlafgedicht. Und ich denke an den Mann, der früher in dem italienischen Dorf, in dem wir oft die Ferien verbringen, an einer Ecke der Piazza selbst gemachte Lyrik an die Wand klebte.

Qualche volte vale la pena / alzare lo sguardo al cielo / per vedere / il volo delle rondini, was übersetzt so lauten könnte: Manchmal lohnt die Mühe / den Blick zum Himmel zu heben / um den Flug der Schwalben / zu sehen.

Warum spielt das Gedicht in unserem Alltag dennoch kaum eine Rolle? Es müsste die Form der Zeit sein, knapp, rasch zu konsumieren. Was ist los? Robert Gernhardt – übrigens musste ich neulich einer jungen Buchhändlerin den Namen buchstabieren  … Gernhardt also schrieb in Gedanken zum Gedicht, die Verbreitungsformen der Lyrik seien »bedauernswert rückständig, ja rückläufig«, kaum eine Zeitung drucke Gedichte, obwohl sie wenig Platz beanspruchten.

Aber das Büchlein ist dreißig Jahre alt. Heute haben wir Twitter, das ideal für Lyrik wäre. Ausgerechnet im Handelsblatt lese ich, auf Instagram feierten »digitale Dichterinnen« große Erfolge. Was man dann aber liest, sind Binsenweisheiten, die man sich höchstens auf den Hintern tätowieren lassen könnte. Sorge für dich, als wärst du die Liebe deines ­Lebens, ach, nein, schade. Vor sechs Jahren waren Jan Wagners Regentonnenvariationen ein Bestseller: Ausnahme! Sonst greifen die Deutschen zu Kästners Lyrischer Hausapotheke. Nichts gegen Kästner. Aber wo sind die Hits, fragte schon Gernhardt? Die gab’s mal, genau zu Kästners Zeiten oder Anfang des 20. Jahrhunderts, als Jakob van Hoddis’ Weltende die Leute elektrisierte.

»Dem Bürger fliegt vom spitzen Kopf der Hut, / in allen Lüften hallt es wie Geschrei. / Dachdecker stürzen

Immer noch gut, nicht wahr?

Was tun? Blicken wir auf Facebook, das gut für Gedichte wäre, sehen wir: Statusmeldungen (auch auf WhatsApp und auf Instagram sowieso) sind mit Fotos versehen, im banalsten Fall dem vom Weißwein im Sonnen­untergang. Nun ist aber ein Foto etwas Oberflächliches, oft nur ein Signal, optisch geradezu unbewusst. Man könne, schreibt der Kulturwissenschaftler Roberto Simanowski in Abfall. Das alternative ABC der neuen Medien ein Foto zeigen, ohne es wirklich ge­sehen zu haben, aber – und das ist wichtig, »man kann nicht etwas beschreiben, ohne es gedacht zu haben«.

Das ist seine Idee: In einem alternativen sozialen Netzwerk könnte man kein

Hier kommt das Gedicht ins Spiel. Denn ideal dafür, meint Simanowski, sei

Wer ein Foto seines Weißweins im Abendlicht zeigen möchte, müsste dazu etwa

Es wäre ein Anfang und würde viel ver­ändern: ein soziales Medium der