Erstickt am eigenen Durcheinander

Da ist die ganze Wohnung eh schon voll – und jetzt kommen noch die Weihnachtsgeschenke dazu. Unser Kolumnist über die Frage, ob wir unseres ganzen Krams überhaupt noch Herr werden können.

Als ich noch bei meinen Eltern lebte, hatten wir im Haus (vom Heizungsraum und der Waschküche abgesehen) drei Kellerzimmer. Dort befanden sich Einweckgläser mit Zwetschgen, vor sich hin schrumpelnde Boskop-Äpfel aus dem Garten, eine Stiege mit Kartoffeln sowie einige Flaschen Wein der Sorte Kröver Nacktarsch, deren eine mein Vater an hohen Feiertagen öffnete.

Ansonsten waren die Keller leer. Wir besaßen weiter nichts, das man in den unterirdischen Räumlichkeiten hätte aufbewahren können. Jahrzehnte später verfügt meine Familie ebenfalls über drei Kellerräume. In zwei von ihnen muss man sich durch die Türen, die nur einen Spalt zu öffnen sind, hineinzwängen, falls man, zum Beispiel, einen Koffer benötigt. Den dritten kann man nicht mehr betreten. Etwas hat sich hinter der Tür verklemmt, sodass sie nicht mehr aufgeht. Wir haben den Raum vor Jahren aufgegeben. Vermutlich hat sich aus den alten Computern, die dort sein müssten, künstliche Intelligenz entwickelt, die feindliche Pläne hegt.

Das meiste, das sich in den Kellern befindet, wird nie mehr jemand benutzen. Es handelt sich um Porzellan unserer Ahnen, Kisten voller Bücher, die nie einer liest, Steuerunterlagen, Babysachen sowie Zeug, das sich jeder Kategorisierung verweigert.

An der Universität Leicester haben Fachleute errechnet, die weltweite Menge an stuff habe ein Gewicht von dreißig Trillionen Tonnen erreicht, das sind mehr als fünfzig Kilogramm pro Quadratmeter der Erde. Man spricht von der Technosphäre, die aus Reifen, Keyboards, Raketen, Gummistiefeln und anderem besteht, im Gegensatz zur Biosphäre, zu der sterbende Wiesel ebenso gehören wie Herbstlaub und Wachteleier. Während aber in der Biosphäre ein Kreislauf herrscht, sodass aus alten Grashalmen via Regenwürmer wieder Erde wird, auf der sich neue Grashalme recken, wächst die Technosphäre ins Unübersehbare – noch dazu, indem sie ununterbrochen Bestandteile der Biosphäre zu sich hinüberzieht, weil aus Wolle Mäntel werden, aus Erdöl Barbie-Puppen.

Eine Studie der University of California in Los Angeles ergab, dass bürgerliche Familien die Menge an Kram, den sie besitzen, bloß noch mit Mühe beherrschen. Beispielweise können nur 25 Prozent der Menschen ihr Auto in der dafür errichteten Garage parken; alle anderen müssen den Wagen auf die Straße stellen, weil die Garage mit dem Durcheinander von irgendwas vollgestopft ist. Bei vielen Müttern konnten die Forscher Stresshormone feststellen, verursacht durch Kontrollverlust angesichts der vielen Sachen daheim. »Heutige Familien sind Gefangene ihres eigenen Durcheinanders«, las man dazu auf boston.com.

Zurückdenkend an die gähnende Leere meines Elternkellers vor fünfzig Jahren, die Verstopftheit meines eigenen Kellers vor Augen, kann man sagen, dass in einem weiteren halben Jahrhundert die Gegenstände aus unseren Kellern nach oben gequollen sein werden, in unsere tatsächlichen Behausungen. Meine Nachkommen werden in irgendeiner Kammer ihrer Wohnung leben, sich um Gegenstände herumwindend, unter Krempel kriechend. Wir haben ein Monster geschaffen, dessen wir nicht mehr Herr werden, ein immerfort wachsendes, vor sich hinbrütendes, lauerndes, stumm drängendes, unaufhörlich sich ausdehnendes, uns mit dem Rücken an die Wand quetschendes Ungeheuer aus alten Autofelgen, keine Verwendung mehr findenden Adventspyramiden, unvollständigen Monopoly-Spielen, ausrangierten Bistro-Tischen, erinnerungsträchtigen Brummkreiseln, nie benutzten Campinggaskochern, Überseekoffern, die wir schön fanden. Und alleallealledem.

Irgendwann werden wir dieses Problem lösen müssen.

Aber nun ist erst mal Weihnachten, und es gibt Geschenke.

Illustration: Dirk Schmidt

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