Spazio, ergo sum

Wenn sonst nichts mehr geht, geht der Mensch: Von der massenhaften Durchlatschung der Welt.

Illustration: Dirk Schmidt

Alle gehen jetzt spazieren, immerzu. Ich spaziere, du spazierst, er/sie/es spaziert, wir spazieren.
Spazieren kommt vom italienischen spaziare, das heißt umherschweifen.
Ich schweifte umher, du schwoffest umher, er/sie/es schwiffte herum, wir schwafften, schwufften, schwefften. Umher und herum.
Spazio, ergo sum, immer an der frischen Luft ummadumm.

Was soll man auch anderes machen in diesen Zeiten? Früher traf man sich mit Freunden zum Essen oder auf ein Bier. Heute trifft man sich zum lockdown walk. Das Dasein ist ein einziges Lustgewandel geworden, ja, das Weltbruttospazieraufkommen hat sich seit November verzehnfacht, wenn nicht mehr. Gewisse Wege in den großen Parks sind schon niederspaziert worden, der Abrieb unserer Spazierschuhe hat ihre Oberflächen abgetragen, es sind Spaziergräben, ja regelrechte Spazierschluchten entstanden. Man sieht nur noch die Köpfe der Hochleistungspromenierer und Gewaltflaneure.

Ich spatsiere, du spacirst, er/sie/es spadsiert, wir schbadsieren.

Ja, dies sind Zeiten, in denen der Gang zur Wertstoffinsel einem Kurzurlaub ähnelt und der Besuch im Supermarkt eine Reise nach Thailand ersetzen muss. Hätte man noch Geld, wäre auch der Bankomat eine Option. Auf dem Friedhof um die Ecke grüßen mich die vor Jahrhunderten Verstorbenen wie einen alten Freund, und die diensthabenden Eichhörnchen winken mir zu.
Du, schon wieder?
Ja, ich. Schon wieder.

Man muss ja mal raus. Man muss ja mal an die frische Luft. Man kann ja nicht den ganzen Tag drinnen sitzen. Man kann ja sonst nirgends hin.

Ich erging mich, du ergongtest dich, er/sie/es ergangaten sich. Wir ergaben uns dem Schicksal.

In den Zeitungen werden die elf schönsten Spaziergänge in der Stadt empfohlen. Oder waren es zwölf? Egal, wir absolvieren sie alle, wir durchlatschen die Welt. Man könnte

O Straßen weit, o Ecken,
O fahle, bleiche Stadt,
es sind so lange Strecken,
ich hab sie langsam satt.

Heinz von Streun, Professor für Strollologie und Ambulationskunde an der Universität Bad Schlurfbach, empfiehlt: Lauschen Sie dem Geräusch Ihrer Schuhe. Atmen Sie im Rhythmus Ihrer Schritte. Seien Sie mindful. Richten Sie Ihren Blick auf die Wolken. Beobachten Sie die Vögel. Lernen Sie die Bäume im Park kennen.
Ja, was ist denn das da?
Eine Latschenkiefer. Siehst du doch!

Ich lustwandelte, du lastwundeltest, er/sie/es lestwendulta. Wir gingen im Walde so

Ach, das Leben ist ein Spaziergang geworden. Und es hat ja

Beißt der?
Nein, er will nur spazieren.
Es gibt so viel zu tun. Gehen wir Gassi.