»Fast alle Fotos sind gelogen«

Kann ein Bild gleichzeitig plump und ver­führerisch sein? Gibt es einen »Charme des ­Totalitären«? Und wer lügt dreister: Wladimir Putin oder Mark Zuckerberg? Ein Gespräch über Propaganda und ­Manipulation mit dem Fotografen Thomas Ruff, der für unsere Edition 46 historische ­Propagandabilder in die Gegenwart geholt hat.

Thomas Ruffs Karriere begann mit Porträts von Freunden. Vierzig Jahre danach musste er selbst Modell stehen: für unsere Fotografin. Seine »Editon 46« sehen Sie am Ende dieses Interviews.

Fotos: Julia Sellmann

SZ-Magazin: Im Laufe Ihrer Karriere haben Ihnen Kritiker immer wieder Spitznamen verpasst: »Frankenstein im Fotolabor«, »Totengräber der Fotografie«, »Fotostar ohne Kamera« – welcher gefällt Ihnen am besten?
Thomas Ruff: Frankenstein.

Warum?
Etwas neu zusammensetzen, einer Sache Leben einhauchen, das hat mir immer gefallen.

Wie finden Sie »Fotostar ohne Kamera«?
Bin ich ein Fotostar? Habe ich keine Kamera?

Sagen Sie es uns. Seit zwanzig Jahren entstehen Ihre Arbeiten fast ausschließlich am Computer.
Ich habe noch jede einzelne, sogar meine Linhof Master Technika aus dem Studium, und ich habe nicht verlernt, damit umzugehen. Die letzten Aufnahmen mit einer Plattenkamera habe ich 2003 vom Fischmarkt in Neapel gemacht, seitdem habe ich nicht mehr die Notwendigkeit gesehen. Dafür habe ich im letzten Sommerurlaub ein schönes Foto mit dem iPhone gemacht. Ich saß auf unserer Terrasse auf Elba, schaute aufs Meer, der Mond stand am Himmel. Auf einmal war da dieser Drang, auf den Auslöser zu drücken.