»Kinder brauchen eine Sprache für ihren Körper«

Sexuelle Aufklärung stellt Eltern und andere Bezugspersonen vor eine Herausforderung: Wann ist der beste Zeitpunkt? Was sind die geeigneten Worte? Im Interview erklärt die Sexualwissenschaftlerin Christiane Kolb, was man beachten sollte ­– und was Kinder vor Übergriffen schützt.

Christiane Kolb schreibt seit 20 Jahren als Magazinautorin, u. a. für Women’s Health, Eltern family und Reader’s Digest über Liebe, Partnerschaft, Gesundheit und Gesellschaft. Fasziniert vom Thema Sexualität schloss sie 2018 das Masterstudium der Angewandten Sexualwissenschaft an der Hochschule Merseburg ab und arbeitet seitdem auch in der sexuellen Bildung und Beratung. Auf ihrer Website bietet sie Eltern kleinerer Kinder Unterstützung in der Aufklärung.

Foto: Dirk Uhlenbrock

SZ-Magazin: Kinder und Sexualität, das passt erstmal nicht zusammen. Sie plädieren trotzdem dafür, auch schon Kleinkinder altersgerecht aufzuklären. Wieso?
Christiane Kolb: Viele denken beim Stichwort Sexualität an die erwachsene Sexualität und an Geschlechtsverkehr. Das hat zu Recht mit Kindern nichts zu tun. Trotzdem sollte man sich bewusst machen, dass die erwachsene Sexualität sich aus unserer Beziehungsgeschichte, unserer Körpergeschichte, der Geschichte unserer Bedürfnisse und der Geschichte im Geschlecht speist, wie es der berühmte Sexualwissenschaftler Gunter Schmidt mal gesagt hat. Das heißt, wie Kinder geliebt werden, wie viel Nähe und Sicherheit wir ihnen als Eltern bieten, welche Empfindungen und Bedürfnisse wir ihnen zugestehen und wie respektvoll wir als Mutter oder Vater beim Waschen oder Wickeln mit den Genitalien unserer Kinder umgehen, hat Auswirkungen auf ihre spätere erwachsene Sexualität. Deshalb macht es Sinn, sich als Eltern mit diesen Themen frühzeitig auseinandersetzen. Und das bedeutet auch: Dem Kind die Chance geben, mit Neugierde den eigenen Körper und die Welt um sich herum zu entdecken. Aufklärung heißt eben nicht nur »Sex erklären«, sondern auch schon kleinere Kinder im Umgang mit ihrem eigenen Körper und all den Fragen, die sich daraus ergeben, liebevoll zu begleiten.    

Wie schafft man es, sein eigenes erwachsenes Bild von Sexualität außen vor zu lassen?
Indem man die Perspektive des Kindes einnimmt. Der Säugling empfindet keine Lust im erwachsenen Sinne, wenn er eine Erektion hat, das ist einfach eine natürliche Reaktion seines Körpers, und das Kita-Kind denkt nicht an Sex, wenn es ein knutschendes Paar sieht, sondern will einfach wissen, was die da machen. Es fragt ohne Ahnung und Hintergedanken.  

Viele sagen dann: Das ist nichts für dich.
Das finde ich keine gute Herangehensweise.  

Warum nicht?
Gegenfrage: Wir erklären ihnen Bagger, Löwen, die Umwelt – aber die Welt der zwischenmenschlichen Beziehungen soll außen vor bleiben? Dabei sollte man beim Erklären natürlich im Horizont des kindlichen Verstehens bleiben. Beim Küssen könnte man sagen: »Ja, die küssen sich doll und haben sich ganz lieb, so machen Erwachsene das manchmal.« In der Kita- und Grundschulzeit sind Kinder dann oft skeptisch und finden das eklig. Da man kann sagen: »Das findest du komisch, nicht wahr? Das ging mir als Kind auch so. Wenn man erwachsen ist, fühlt es sich schön an.«   

Das Aufklären beginnt für die meisten auf dem Wickeltisch, wenn es darum geht, die Genitalien der Kinder zu benennen. Welche Begriffe empfehlen Sie?
Ich finde, Eltern sollten die Begriffe nutzen, die ihnen vertraut sind und mit denen sie sich wohlfühlen. Das ist bei Jungen meistens leichter als bei Mädchen, weil viele Bezeichnungen für das weibliche Geschlecht negativ oder sexuell konnotiert sind, wie Möse oder Muschi oder das F-Wort. Aber das ist sehr individuell. Umso wichtiger ist es deshalb, dass Kinder auch die neutralen medizinischen Begriffe kennen, also Penis, Eichel, Hoden und Vulva, Vagina, Vulvalippen und irgendwann auch Klitoris.  

Warum ist das wichtig?
Kinder brauchen eine Sprache für ihren Körper, und zwar für ihren gesamten Körper, nur dann können sie ein Bewusstsein für sich entwickeln, nur dann wird ihre innere Landkarte vollständig. Die Sprache ist wichtig, auch wenn Kinder fremdbetreut sind. Man stelle sich vor, in der Kita passiert etwas, und das Kind kann weder in der Betreuung noch beim Arzt beschreiben, was vorgefallen ist oder wo es wehtut. Das ist nicht gut.  

Ab wann würden Sie anfangen, diese neutralen Begriffe zu vermitteln?
Sobald Kinder damit beginnen, Körperteile zu benennen und ihr Geschlecht wahrzunehmen. Das passiert so mit zwei, drei Jahren. Eltern werden die Begriffe ja sowieso beim Waschen oder Wickeln einstreuen.

Überfordere ich mein Kind nicht mit solchen Begriffen?
Nein, alles in der Welt hat seinen Namen, auch das. Trotzdem sollte man natürlich altersgerecht formulieren. Details über erwachsene Sexualität gehören nicht in die Welt kleiner Kinder. Und man sollte auch seine eigenen Schamgrenzen respektieren und diese nicht übertreten, wenn man sie spürt. Wenn einem bestimmte Themen oder Begriffe unangenehm sind, würde ich lieber nochmal mit dem Partner, der Partnerin oder anderen Vertrauten Rücksprache halten.  

Wie wichtig ist es, sich als Paar über die Aufklärung der Kinder einig zu sein?
Ich finde, dass Gutes aus Uneinigkeit oder Unterschiedlichkeit erwachsen kann, weil man es dann mal besprechen muss. Es gibt ja eine riesige Bandbreite an Meinungen, gerade zu der Benennung der Genitalien. Da sollte man sich als Eltern verständigen und nicht verbiegen. Auch wichtig finde ich, dass Kinder nicht nur Wörter für ihren eigenen Körper haben, sondern im Kindergartenalter auch die Begriffe für das andere Geschlecht kennen.  

Warum?
Damit beide über beides Bescheid wissen. Ich beobachte häufig noch, dass Jungen weniger vermittelt wird als Mädchen, und dieses Nichtwissen setzt sich – übrigens auch auf der Gefühlsebene – über die Pubertät bis ins Erwachsenenalter fort. Da sollte man rechtzeitig gegensteuern. Denn natürlich ist es für Jungs von Bedeutung, wie der weibliche Körper funktioniert. Und andersrum.  

Was ist eine gute Antwort auf die Frage: Woher kommen die Babys?
Das kommt auf das Alter des Kindes an. Wenn das Kind zwei oder drei ist, reicht es, wenn man sagt, die Kinder kommen aus dem Bauch der Mama. Dann sind die meisten Kinder zufrieden und watscheln weiter. Bei einem Kindergartenkind, so ab vier, fünf Jahren, kann man auch schon mal sagen, dass Babys entstehen, wenn sich zwei Menschen ganz doll liebhaben, und dass sie durch die Vagina geboren werden. Die Information vom Penis in der Scheide kann man vielleicht im Kita- oder Vorschulalter vermitteln. Dann würde ich aber dazusagen, dass das nur Erwachsene machen.  

Wenn das Kind nicht fragt, sollte man diese Themen von selbst ansprechen?  
Insgesamt geht es nicht darum, etwas aufzudrängen, sondern zu merken, wann und in welcher Form das Kind damit beschäftigt ist. Meistens wird es von selbst Thema, sobald die Kinder anfangen, mit Puppen oder Rollenspiele zu spielen. Ansonsten kann man auch Begegnungen im Alltag nutzen. Zum Beispiel, wenn eine der Mütter einer Kitafreundin oder eines Kitafreundes schwanger ist. Solche Ereignisse sind gute Anfänge für kleine Gespräche.  

Mit zwei oder drei Jahren beginnen Kinder, ihren Körper zu erkunden, und gerade bei Jungs sieht man dann häufig, dass sie sich an den Penis fassen. Aber auch Mädchen berühren sich oder reiben sich an etwas. Einigen Eltern ist das unangenehm, vor allem, wenn es in der Öffentlichkeit passiert. Welchen Umgang empfehlen Sie damit?
Bei Säuglingen und kleinen Kindern landen die Hände eher aus Zufall im Schritt. Ab zwei oder drei Jahren merken manche Kinder, da gibt es ein Gefühl von Wohlbefinden und Entspannung, wenn ich das mache. Und Eltern denken: Moment, das ist privat, da möchte ich nicht dabei sein, und ich möchte es auch nicht in der Öffentlichkeit sehen. Dieser Reaktion sollten Eltern trauen. Wichtig ist dabei, nicht zu beschämen, nicht zu schimpfen oder ohne Begründung zu verbieten, sondern ruhig und zugewandt zu erklären, dass einen das selbst stört und es anderen Menschen auch so geht. Es ist ein guter Anlass, den Unterschied zwischen privat und öffentlich zu erklären. Solche Berührungen sind eben intim und gehören ins eigene Zimmer.  

Ich könnte mir vorstellen, dass das vielen Eltern schwerfällt, weil sie das Gefühl haben, ihr Kind wegzuschicken.
Ja, es ist ein kleiner Abschied aus der totalen Vertrautheit, aber wichtig. Denn man schickt die Kinder ja nicht weg, um sie zu bestrafen, sondern um ihnen zu zeigen, dass sie ein Recht auf ihren eigenen Körper und Zeit für sich haben. Bei ganz kleinen Kindern, die Regeln noch nicht verstehen, kann man auch ablenken. Aber ab einem gewissen Alter, um das vierte Lebensjahr, fangen Kinder an, soziale Grenzen zu lernen, und die sind enorm wichtig, auch in der Prävention von Missbrauch. Indem man dem Kind ein Gefühl von Privatsphäre vermittelt, etabliert man ein Konzept von Schutz: Dem Kind wird bewusst, keiner darf zuschauen, kein anderer anfassen. Deshalb ist es positiv, als Eltern die eigenen Grenzen zu benennen und eingehalten zu wissen. Da geht es auch um vermeintliche Kleinigkeiten, etwa wenn man irgendwann nicht mehr möchte, dass das kleine Kind noch mit auf die Toilette kommt. Die Grenzen von Scham, Privatheit und Respekt gehören zum Zusammenleben.  

Ist es eigentlich schlimm, wenn Kinder ihre Eltern beim Sex erwischen?
Es ist nicht schlimm, wenn es einmal passiert. Aber es sollte nicht häufiger passieren. Kinder können nicht einschätzen, welche Reaktionen Eltern beim Sex zeigen. Man sollte sein eigenes Sexualleben als Eltern von den Kindern trennen. Sollte es doch mal passiert sein, ist es gut, das Gespräch zu suchen, um das Gesehene einzuordnen.  

Wie mache ich das genau? In welcher Situation? Mit welchen Worten?
Vielleicht passt es in einem vertrauten Moment auf dem Sofa oder am Abend, wenn man noch dies und das beredet. Eltern sollten versuchen zu ermessen, wie das Kind es aufgefasst hat, ob die Situation es beunruhigt hat. Und wieder, es geht nicht um die Vermittlung von Details, sondern um Einordnung: Die Eltern haben sich lieb und haben etwas Schönes gemacht, das Erwachsene ab und zu tun. Es ist aber privat.  

In der Vorschule weiten viele Kinder ihre Neugierde auf andere aus und beginnen mit sogenannten Doktorspielen. Wie sollte man damit als Eltern umgehen?
Doktorspiele, eigentlich Körper- und Erkundungsspiele genannt, sind Lernen an der Grenze. Und wir Erwachsene müssen dafür sorgen, dass keine Grenzen überschritten werden. Deshalb gibt es auch klare Leitlinien für solche Spiele.  

Welche?
Dass Doktorspiele heimlich sind, ist okay. Man kann und will seine Kinder ja nicht rund um die Uhr bewachen. Außerdem sind es normalerweise Spiele im Vertrauen, in einer Privatsphäre. Kinder wählen dafür meistens Freundinnen und Freunde aus, die ihnen sehr nahestehen. Was aber wichtig ist: Es sollte kein großer Altersunterschied zwischen den Kindern herrschen, grob gesagt nicht mehr als ein Jahr. Größere oder stärkere Kinder haben einen anderen Erfahrungshorizont und können Kleineren etwas aufzwingen. Und sobald ein Kind das Gefühl hat, für ein anderes etwas erfüllen zu müssen, ist es kein Spiel auf Augenhöhe mehr.

Welche Regeln gibt es noch?  
Du machst nichts gegen deinen Willen, und nichts, was das andere Kind nicht will. Es wird nichts reingesteckt, nirgendwo. Und wenn doch mal was krumm lief, muss das Kind wissen, dass es mit einem komischen Gefühl oder schlechtem Gewissen zu einem kommen kann. Dass das kein Petzen ist, sondern wichtig, um das, was passiert ist, wiedergutzumachen.  

Aber zwischendurch mal schauen, ob alles okay ist, darf man als Eltern schon, oder?
Klar kann man zwischendurch checken, wie die Stimmung ist. Das machen Eltern ja eh. Und falls man in erschrockene oder ängstliche Gesichter schaut, ist das ja bei allen Themen ein Moment, in dem man etwas sagen, erklären, manchmal auch verbieten muss. Doktorspiele können wertvolle Lernerfahrungen für Kinder sein. Aber wieder: Kinder haben dabei keinen Sex, sie versuchen sich nur einen Reim auf das zu machen, was sie mitbekommen haben. Es ist eine Phase, die normalerweise mit der Entwicklung der Scham endet. Sie schärfen das Bewusstsein für Nähe, Rollen, Privatheit und Gemeinsamkeit – aber auch deren Grenzen. Dafür müssen Kinder eben die Regeln kennen und wissen, dass sie Nein sagen können, und sogar dürfen und müssen, wenn sie etwas nicht möchten.  

Wie stärken Eltern das Bewusstsein für das Neinsagen?
Indem wir unsere Kinder auch zu uns Nein sagen lassen. Zum Beispiel beim Waschen kündigen Eltern an: »Achtung, jetzt kommen Scheide und Popo dran.« Das Einverständnis wird so mit Worten und Gesten geklärt. Und dann sagt das Kind mal »Nein, will ich nicht«. Diese Grenze gilt es zu respektieren. Was nicht heißt, dass man sich nie wieder waschen muss. Also versucht man mit dem Kind einen Weg zu finden und sagt: Okay, ich möchte, dass Gesicht, Penis oder Scheide und Popo einmal am Tag mit Wasser gesäubert werden. Ich gebe dir den Waschlappen und schaue zu. Indem wir respektvoll mit den Grenzen und dem Körper unserer Kinder umgehen, lernen sie, dass ihnen dieser Respekt gebührt.  

Es heißt, Tabus begünstigen Missbrauch. Was bedeutet das für die Aufklärung in diesem Alter?
Für Kinder gilt, was für Erwachsene gilt: Wenn man über etwas nichts weiß, kann man leicht überrumpelt werden. Und wenn ich als Kind nicht weiß, dass mein Körper mir gehört, dass mich als Junge niemand ungefragt am Penis anfassen darf und als Mädchen nicht an der Vulva, wie soll ich mich dann gegen Übergriffe behaupten, wie soll ich darüber sprechen können? Dementsprechend schaffen Tabus Räume, die von Tätern und Täterinnen ausgenutzt werden können. Dem muss man als Eltern entgegenwirken. Und das tut man am wirksamsten, indem man Sicherheit vermittelt für sexuelle Themen.  

Im Kindergarten einer Freundin haben sich die Dreijährigen letztens gegenseitig ihren Finger in den Po gesteckt. Wie reagiert man da als Eltern?
Für Eltern ist es verwirrend und schwer, so einen Vorfall entspannt zu nehmen. Man sollte versuchen, das vom Alter der Kinder her zu sehen. Was war deren Intention? Die wollten sicher keinen Analsex probieren. Vermutlich waren sie neugierig und wollten gucken, was da los ist. Es ist ja das Alter, in dem man die Muskeln dort beherrschen lernt, das ist sehr spannend, es entsteht ein Bewusstsein für diesen Körperein- und -ausgang. Wenn man dann als Eltern von so einem Vorfall erfährt, hilft es, das eigene Kind genau zu beobachten: Wie berichtet es davon? Und Vorsicht, man überträgt schnell das eigene Erschrecken aufs Kind. Dabei hat es noch kein Bewusstsein für falsch und richtig, privat und eklig. Darüber kann man dann reden, aber auch hier gilt: Wird ein solcher Vorfall problematisiert oder tabuisiert, riskiert man, dass das Kind beim nächsten Mal nichts davon erzählt. Jetzt heißt es, ruhig die Regeln zu Hygiene und privaten Grenzen zu vermitteln – optimalerweise in jedem beteiligten Elternhaus, in der Kitagruppe und unter den Fachkräften.  

Wenn Kinder in die Schule kommen, steigt oft der Rollendruck. Auf einmal spielen Jungs mit Jungs und Mädchen mit Mädchen. Was tun?
Gerade wenn Eltern das Thema Geschlechtergerechtigkeit umtreibt, kann es schwer auszuhalten sein, wenn das Denken der eigenen Kinder so archaisch wird. Aber das ist für das Alter ziemlich normal. In dieser Zeit setzen sich Kinder mit den Geschlechtsrollen auseinander. Und die Gruppe macht stark, sie stützt das eigene Ich. Für Kinder ist in dieser Phase wichtig, von Freunden oder Freundinnen gespiegelt zu bekommen, dass man dazu gehört. Eltern tut es oft weh, wenn die Kindergartenfreundin des Sohnes von heute auf morgen abgemeldet ist, vielleicht sogar nur, weil der Gruppendruck es will. Man muss das nicht aktiv unterstützen und kann auch seine Takte dazu sagen: Nicht alle Jungen, Väter, Bekannte müssen stark und ruppig sein, nicht alle Mädchen, Frauen, Freundinnen tanzen und schminken sich.  

Aus der Schule werden dann auch sexualisierte Schimpfwörter wie »Ficken« oder »Hurensohn« mit nach Hause gebracht. Was empfehlen Sie da?
Ganz klar sagen, dass diese Begriffe abwerten und man die nicht hören will. Grundschulkinder wissen bereits um die Macht, die diese Wörter haben, um andere zu beschämen. Es ist dann Zeit, die Wörter grob zu erklären, denn ihnen ahnungslos ausgeliefert zu sein, ist keine gute Erfahrung für ein Kind. Wird es ganz arg, kann man die Begriffe an die Lehrkräfte zurückspielen, damit die dazu eine Einheit einlegen.  

In dieser Zeit tauschen Kinder auch die ersten vorsichtigen Küsse aus. Von Jungseltern höre ich manchmal, sie hätten Angst, dass ihre Söhne den Mädchen was aufzwingen.
Da sind wir wieder bei den Grenzen. Kinder müssen lernen, wie wichtig es ist, nicht nur die eigenen Grenzen zu markieren, sondern auch die Grenzen der anderen zu respektieren. Deshalb sollte man die Jungen und natürlich auch die Mädchen dazu ermutigen, sich anzuschauen, was die Körpersprache des anderen Menschen sagt. Will sie oder er so viel Nähe, oder traut sich vielleicht nur nicht, Nein zu sagen? Küssen und Umarmen basieren auf Gegenseitigkeit. Und man muss ganz klar sagen, dass man natürlich niemanden zu etwas zwingen darf.  

Kann man es mit der Aufklärung auch übertreiben?
Ja, klar. Es geht nicht darum, ständig darüber zu reden. Man sollte den Horizont des Kindes beachten, sich kurz halten und bei dem bleiben, was es aktuell beschäftigt.  

In Elternforen ist immer wieder die Frage zu lesen, ob man Kinder durch Aufklärung nicht auch zu Handlungen motivieren kann, für die sie noch zu jung sind. Sehen Sie diese Gefahr? Eigentlich gibt es wenige Gründe, sich darum Sorgen zu machen. Das Erkunden der eigenen Sexualität ist in der Pubertät dran – und wie gesagt, die kindliche psychosexuelle Entwicklung hat mit erwachsenem Sex nichts zu tun. Eltern geben ja keine Anleitungen, sondern vermitteln altersgerechtes Wissen, setzen einen Rahmen von »okay« und »nicht okay« und helfen dabei, verwirrende Gefühle zu verstehen.  

Klingt, als könnte man einiges falsch machen.
Das glaube ich nicht. Vielleicht kann man nicht immer alles beim ersten Mal richtig machen, über manches muss man auch erstmal nachdenken. Sich an die eigene Aufklärung zu erinnern hilft auch. Ein bisschen Unsicherheit ist normal, schließlich ist Sexualität extrem persönlich, die Gefühle dazu manchmal ganz schön kompliziert. Gerade für die Elterngeneration von heute, die von Ratgebern umzingelt ist, kann es eine Entlastung sein zu hören, dass es auch beim Thema Aufklärung immer die Chance gibt, es zu einem späteren Zeitpunkt nochmal zu versuchen. Man kann Bücher zur Hilfe nehmen, Rat bei anderen Eltern oder Erzieherinnen und Erziehern oder Beratungsstellen wie Pro Familia einholen und dann auf die schwierigen Fragen zurückkommen. Anlässe bietet der Alltag schließlich genug.