Bleibt doch noch

Während im Nebenzimmer Umzugskartons gepackt und Poster abgerissen werden, fragt sich unser Autor: Müssen sich Eltern und Kinder denn wirklich trennen?

Ich verstehe nicht, warum Kinder nicht einfach zu Hause wohnen bleiben. Erst gewöhnen sie einen an den Zauber des Zusammenlebens und dann sind sie auf einmal groß. Warum nicht einfach alles so belassen? Eben erst haben sie gelernt, sich selbst die Schuhe zu binden, schon wollen sie hinaus in die Welt. Als ob es da so toll wäre. Ich kann mir nicht helfen, ich komme da nicht hinterher. Zumindest jetzt gerade nicht, wo es akut wird. Wo im Nebenzimmer Umzugskartons gepackt werden. Vergehende Zeit, ich bin heute kein Fan von dir.

Gerade noch saß man im Kreißsaal und staunte: ein Kind. Wir kniffen die Augen zusammen und wunderten uns beim Öffnen, dass es noch immer da war, unübersehbar. Man lässt sich in diesem Moment auf etwas ein – und jetzt, gerade mal ein paar Tage später, soll man plötzlich so tun, als wäre nichts gewesen?

Wir hätten gewarnt sein können. Eine Stunde nach der Niederkunft kam die Hebamme noch mal rein und murmelte, ihr Großer sei jetzt auch schon neun. Auch? Wir wussten nicht, wovon sie sprach. Wollte sie andeuten, dass unser Kind einmal neun sein würde? Welch bizarrer Gedanke. Was hier vor uns lag, war dermaßen klein, es würde für immer so bleiben. Neun – was für ein seltsam jenseitiges, greisenhaftes Alter. Undenkbar, nicht mit uns. Kurz darauf war Einschulung.

Auf all den Geburtskarten, die damals zirkulierten, stand dieser Vers von Khalil Gibran. Dass eure Kinder nicht eure Kinder sind und so weiter. Dass ihr der Bogen seid, von dem eure Kinder als lebende Pfeile ausgeschickt werden. Klingt gut. Als Bild womöglich ein wenig überspannt, weil Kinder dann doch nicht so gut fliegen. Aber damals warfen wir sie im Spiel ja tatsächlich in die Luft, da war so etwas zumindest vorstellbar. Ich weiß nicht, ob Khalil Gibran jemals versucht hat, eine 18-Jährige pfeilgleich durch die Luft fliegen zu lassen. Und ob ihm klar ist, wie sehr es schmerzt, wenn einem seine blöde Bogensehne beim Zurückschnellen an die Nase knallt.

Was überall zu hören ist: Man verstehe so viel, wenn man ein Kind bekommt. Die Leichtigkeit des Lebens, die Schwere des Lebens et cetera. Den Kreislauf, das Verbundensein von uns allen. Die Stammeszugehörigkeit der Menschheit, als einziges, unteilbares Rudel. Das ist Quatsch. Man versteht gar nichts. Vor allem versteht man seine Kinder nicht, das allermeiste an ihnen bleibt ein undurchdringliches Rätsel: ihre charakterlichen Eigenheiten, die verstörende Kleinheit ihrer Finger, später dann ihr unerklärlicher Musikgeschmack. Sich selbst versteht man allerdings auch nicht viel besser. Was die Kinder alles aus einem herausholen, ohne dass man sich daran erinnern könnte, es jemals hineingetan zu haben. Leben mit Kindern ist etwas, was sich dem Verstehen zu großen Teilen entzieht. Eltern-Sein bedeutet, um es mit einem Teebeutelspruch zu sagen, »im Moment zu leben« – weil sich weiter ohnehin nicht planen lässt. Es ist ein Hochamt der Improvisation, von einem Tag zum nächsten. Achtzehn Jahre pure Gegenwart. Im Rückblick klingt das verblüffend gut.

Eigentlich gibt es nur eine einzige Sache, für die man beim Leben mit Kindern auf einmal tatsächlich Verständnis entwickelt: die eigenen Eltern. Das Erstaunen darüber, wie man jahrzehntelang übersehen konnte, was alles dazugehört. Das Wachen in Albtraumnächten. Die Einsamkeit mit dem Erbrochenen. Im Winter der Brut hinterherrennen, weil der Schal fehlt, nur um lautstark verdeutlicht zu bekommen, dass das Empfinden von Kälte individuell differiere – und am Ende über verschneite Straßen zurückschleichen, den Kinderschal vor Ärger um den eigenen Hals gewickelt. Erst mit eigenen Kindern fällt einem irgendwann wieder ein, das man das schon einmal erlebt hat, damals allerdings auf der anderen Seite. Man hat sich seinerzeit die Position der Eltern nicht in vollem Umfang vor Augen geführt. Wozu auch, man war schließlich Kind. Es gibt einen Dank, der eigentlich den Eltern gebührt, aber den Kindern abgestattet wird. Weitergereicht wie Familienschmuck.

Auf einmal ein lautes Geräusch, als würde etwas zerreißen, und unwillkürlich fasst man sich an die Brust, ob es womöglich das eigene Herz gewesen sein könnte. Es ist dann aber nur ein Poster gewesen, das sie nebenan von der Wand gerissen hat. Natürlich lautete der Auftrag, sie solle alles besenrein hinterlassen. Man habe ihr schließlich lange genug hinterhergeräumt. Andererseits: Ein paar Spuren dürften im Zimmer durchaus zurückbleiben. Die kleinen Polaroids zum Beispiel, die in verschiedenen Ecken kleben und sogar an der Decke. So richtig entschieden ist ja ohnehin noch nicht, was in das Zimmer jetzt reinkommt, Bücher oder Gäste. Am Ende wird es wahrscheinlich eh nur der Wäscheständer. Und ihre Abwesenheit.

Anruf bei meiner Mutter. Leise, damit es nebenan nicht zu hören ist, flüstere ich meine Frage: Ich könne mich zwar noch gut an den Tag meines Auszugs erinnern, hätte aber keinerlei Erinnerung daran, ob womöglich jemand traurig gewesen sei. Ach, sagt sie und lacht, betrübt seien sie damals schon gewesen. Aber wir hätten ja immer mal vorbeigeschaut, da gehe das schon.

So ist das also. Tröstlich. Typisch Eltern halt. Nun denn, die Umzugskartons müssen runter. Hilft ja nichts.

Illustration: Laurie Rollit

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