»Interessiert mich das, was ich da frage, ganz ehrlich?«

Erfahren Sie von Ihren Kindern auch nie, wie es in der Schule war? Dabei ist es gar nicht so schwer, mit Kindern spannende Gespräche zu führen – wenn man ein paar Regeln beachtet, sagt der Moderator und Autor Ralph Caspers.

Ralph Caspers Buch 99 harmlose Fragen für überraschende Unterhaltungen zwischen Eltern und Kindern ist in diesem Herbst im Duden-Verlag erschienen.

Foto: Johannes Haas

Ralph Caspers, 48, weiß, wie man Kindern was erzählt: Er moderiert seit vielen Jahren die »Sendung mit der Maus«. Er weiß aber auch, dass es andersherum manchmal gar nicht so leicht ist, von Kindern etwas zu erfahren. Viele Eltern stellen ihren Töchtern und Söhnen die immergleichen Fragen und wundern sich, dass kein richtiges Gespräch entsteht. Deshalb hat Caspers ein Buch geschrieben: »99 harmlose Fragen für überraschende Unterhaltungen zwischen Eltern und Kindern«. Ein Gespräch über die richtige Formulierung und den Wert guter Unterhaltungen.

SZ-Magazin: Warum ist es manchmal so schwierig, mit Kindern gut ins Gespräch zu kommen?
Ralph Caspers: Das ist natürlich von Familie zu Familie unterschiedlich, was aber vermutlich die meisten verbindet: Man ist ständig so im Alltag drin, muss Sachen erledigen, den Kühlschrank füllen, schauen, dass die Hausaufgaben gemacht werden, die Kinder zum Musikunterricht fahren oder bei Freunden abholen … Der Tag ist eigentlich voll. Alle sind irgendwie beisammen, aber doch nicht richtig. Also fragt man halt so das Nötigste, hakt es irgendwie ab. Und dabei vergisst man völlig, dass es viel mehr gibt.

Welche Fehler machen Eltern bei den Fragen?
Naja, oft ist es ja eher so ein Pflichtprogramm. Verantwortungsbewusste Eltern denken, oh, ich muss richtig mit meinen Kindern reden, ich muss Interesse signalisieren. Und dann fällt einem doch nichts Schlaueres ein als: »Wie war’s heute in der Schule?«, »Wie geht’s dir?«, »Was hast du draußen gemacht?« Das ist natürlich langweilig. Das führt nicht zu Gesprächen. Das ist mir mehr und mehr auch in meinem eigenen Alltag aufgefallen, und das war der Grund für mich, mal nach anderen Fragen zu suchen.

Was waren die lästigsten Erwachsenen-Fragen, an die Sie sich aus Ihrer Kindheit erinnern?
Ich fand immer Fragen unangenehm, die die Zukunft betreffen. »Was willst du später mal werden?«, »Willst du morgen eine kurze Hose anziehen?« Ja, was soll man denn da sagen? Und natürlich habe ich auch unter den ganzen Standard-Fragen gelitten.

Eine Schreckensfrage, an die ich mich erinnere, kam nicht von meinen Eltern, sondern immer wieder von irgendwelchen Tanten oder Nachbarn: Na, wen hast du denn lieber, die Mama oder den Papa?
Haha, stimmt, ein Klassiker. Oje! Als Kind hat man noch nicht das Selbstbewusstsein, darauf zu antworten, hey, was ist das denn für ’ne bescheuerte Frage!

Heute muss man aber doch sagen, viele Erwachsene bemühen sich redlich. Und Eltern erst recht.
Ja, schon, aber … Ein Beispiel: Manche Eltern denken, ich mach’s jetzt mal geschickt und frage, na, was hast du denn heute in der Schule gelernt? Damit es gleich in Richtung Inhalt geht. Gut, ein erster Schritt. Aber welches Kind will denn seinen Lehrplan runterbeten? Interessant wäre vielleicht mal ein kleiner Perspektivwechsel. Nicht: »Was hast du heute gelernt?«, sondern: »Was hast du heute gefragt?«. Schon landet man bei ganz anderen Geschichten.

Sie empfehlen also, nicht zu fragen, was von außen aufs Kind zukommt, sondern wie es selbst der Welt begegnet?
Genau. Und je konkreter, desto besser. Also nicht nur allgemein nach Schule fragen. Stattdessen, wenn man weiß, dass Herr Herz beim letzten Mal Schreibübungen im Matheunterricht gemacht hat, um den Kindern beizubringen, dass sich die Zahl 5 und der Buchstabe S im Schriftbild unterscheiden müssen – und sich alle darüber aufgeregt haben –, einfach genau danach fragen. Mir als Kind hat das immer gezeigt, dass das, was ich erzähle, auch wirklich bei meinen Eltern angekommen ist.

Manchmal ist es aber auch einfach schwer, das Interesse von Kindern zu wecken.
Ich glaube ganz im Gegenteil, wir müssen uns öfter selbst fragen: Interessiert mich das, was ich da frage, ganz ehrlich? Oder führe ich hier in Wirklichkeit nur Small Talk? Ausgerechnet mit meinen eigenen Kindern? Die grundsätzliche Frage ist doch, was will ich eigentlich von meinem Kind wissen? Welche Seiten will ich kennenlernen?

Sie haben drei Kinder. Welche Fragen haben Sie später bereut?
Zu viele. Zum Glück praktisch alle vergessen. Es ist ja so – man möchte gern der perfekte Vater sein. Aber das ist unmöglich. Egal, wie sehr man sich bemüht. Man denkt als Erwachsener, man hat den genauen Plan, wie ein Gespräch laufen muss. Das Kind hat aber vielleicht einen anderen Plan, wird motzig – daraufhin fängt man an zu schimpfen, das schaukelt sich hoch. Und plötzlich landet man bei irgendwelchen Strafen, zwei Tage Fernsehverbot oder so. Echt bescheuert! Da muss man auch bereit sein, sich zu entschuldigen.

Sie behandeln in Ihrem Buch klassische Fragen – »Was ist deine Lieblingsfarbe?«, »Welches Tier wärst du gern?«, aber Sie denken sich auch welche aus, die zu wilden Diskussionen führen können. Meine Lieblingsfrage war Nummer 16: »Lieber einen Stift, der alles real werden lässt, was du zeichnest, oder einen Radierer, der alles Reale wegradieren kann?« Ich habe die direkt nach dem Lesen beim Abendessen gestellt, und sofort hat die ganze Familie wild diskutiert.
Und? Haben Sie dadurch mehr über Ihre Kinder erfahren?

Ja, meine zehnjährige Tochter hat gesagt, sie würde den Stift nehmen, dann könnte sie sich ja bei Bedarf den Radierer einfach zeichnen.
Verdammt, das ist gut! Da bin ich gar nicht drauf gekommen.

Dafür schreiben Sie im Buch zu jeder Frage kleine Essays, in denen Sie selbst nach Antworten suchen und beiläufig philosophische Fragen kindgerecht erörtern.
Ich finde es vor allem schön, wenn man im Gespräch an den Punkt kommt, wo man gemeinsam über etwas nachdenkt. Das tun Eltern und Kinder vielleicht manchmal zu wenig. Dabei macht es so viel Spaß. Und man kann sich solche Fragen ja auch selbst ausdenken.

In diesem Fall schließen Sie die Grundsatzfrage an, ob man im Leben eher immer mehr will oder auch mal reduzieren, einsparen. Die meisten Kinder sind natürlich erst mal für Mehrmehrmehr.
Die meisten Erwachsenen auch, oder? Aber wenn man darüber spricht, kommt man vielleicht auf ganz andere Ideen, auf Sparsamkeit und Umweltschutz. Im Idealfall lernen in einem Gespräch auch Vater oder Mutter sich selbst ein bisschen besser kennen. Ein echter Gewinn für alle.

Ich mochte auch Frage 7: »Wenn du eine Geschichte geschrieben hast und sie zehn Mal ausdruckst, sind es dann zehn Geschichten oder ist es immer noch eine?«
Natürlich ist es zunächst nur eine Geschichte, aber eine Geschichte hinterlässt ja bei jedem, der sie liest, einen anderen Eindruck. Und dieser Eindruck gehört irgendwie auch dazu. Deshalb führt die eine Geschichte zumindest zu zehn verschiedenen Erlebnissen. Und von da aus ist man im Gespräch ganz schnell bei dem Gedanken: Alles, was ich sage, kann auf verschiedene Menschen unterschiedlich wirken. Das ist ja auch für Kinder eine wichtige Erkenntnis.

Zum Abschluss stelle ich Ihnen noch drei Fragen aus Ihrem Buch, und Sie antworten mal selbst, okay?
Ja!

»Wenn du Gott wärst, was würdest du tun?«
Ich habe oft den Schalk im Nacken. Alle hassen den 1. April, weil dann Ralph wieder irgendeinen Unsinn macht. Als Gott würde ich das natürlich voll ausleben.

Wie?
Ich würde zum Beispiel Blätter an den Bäumen in Schokolade verwandeln. Das wäre ein Spaß! Und am nächsten Tag wären es wieder normale Blätter, und keiner weiß, was los ist.

Viele Kinder würden wohl antworten: »Ich würde dann machen, dass es keine Kriege mehr gibt und dass niemand mehr Hunger hat.«
Ja. Ähm. Das wäre auch eine gute Idee.

»Was war die wichtigste Erfindung der Menschheit?«
Ich habe letztens etwas über Galileo Galilei gelesen. Der hat gesagt, eine der größten Errungenschaften der Menschheit sei die Sprache. Dass man mithilfe der Sprache Gedanken aufschreiben und dann über Raum und Zeit mit anderen Menschen teilen kann. Das war mir so noch nie aufgefallen. Aber ich dachte sofort, stimmt, der hat das 1632 irgendwo in Italien aufgeschrieben, und ich sitze hier, hunderte Kilometer entfernt und viele hundert Jahre später, und habe diese Gedanken von Galileo vor mir. Unglaublich.

»Beim Anstehen an der Achterbahn: Lieber die ganze Zeit langsam bewegen oder lange stehen und dann einige Schritte machen?«
Für mich ganz klar: langsam, aber stetig bewegen. Es gibt nichts Schlimmeres, als wenn man lange ansteht, und dann heißt es plötzlich, tut uns leid, wir haben ein technisches Problem, das war’s für heute. Wenn aber die Schlange immer leicht in Bewegung bleibt, weiß man, es steigen vorne immer noch Leute ein und fahren. Und man kann das natürlich übertragen ins Allgemeine: Bin ich jemand, der Arbeit in kleinen Schritten erledigt – oder hänge ich lieber eine Woche lang rum und mache dann alles in einer Nachtschicht?

Und?
Wenn ich es selber entscheiden kann, bin ich Typ 2. Leider.

Sind Sie denn mit dem Buch pünktlich fertig geworden?
Gerade so.