Ein Büchlein voller Grenzüberschreitungen

Die Französin Jeanne Ponté sammelt Berichte von sexuellen Übergriffen im Europaparlament in einem kleinen Buch. Als das publik wird, will das Parlament sofort alles verändern und tut doch fast gar nichts. Ein Lehrstück über die bequeme Starre – ein Jahr nach #MeToo.

»Believe Women« ist nun der Kam­pagnenspruch, mit dem Aktivistinnen und Aktivisten da­rauf dringen, bei geschilderten Erfahrungen sexualisierter Gewalt den Frauen Glauben zu schenken. Jeanne Ponté tut das längst – und sammelt Berichte in diesem Buch.

Von Jeanne Pontés Notizbuch erfuhr die Welt im vergangenen Jahr nur zufällig. Es war ein Nebensatz ihres Chefs, der sie ins Zentrum der #MeToo-Bewegung rückte. Édouard Martin erwähnte ihr Notizbuch im Interview mit einem ostfranzösischen Lokalradio: Seine Mitarbeiterin führe seit Jahren Buch über sexuelle Übergriffe im EU-Parlament.

Ponté hatte damit angefangen, nachdem ihr im Juli 2014 ein deutscher Abgeordneter nach einer Sitzung den Weg versperrt, sie an der Taille gepackt und gesagt hatte, er wolle mit ihr Kaffee trinken.

Kleines Heft für Notizen über Sexismus im Europaparlament (gehört, gesehen, erlebt) hat Jeanne Ponté auf die erste Seite ihres Buches geschrieben. Ihre Mutter hat es gebunden. Freunde aus ihrer Schulzeit sagen, es wundere sie nicht, dass Jeanne mit einem Notizbuch berühmt werde. Sie habe sich schon immer alles aufgeschrieben, kleine Gedichte, Erinnerungen an Partys mit Freunden. Wenn sie heute etwas beobachtet oder etwas sie berührt, dann macht sie kein Foto davon, sondern eine Notiz. Das Buch war nie für die Öffentlichkeit gedacht.

Jeanne Ponté fing 2014 nach dem Studium an der Eliteschule »College of Europe« in Brügge bei Édouard Martin als parlamentarische Assistentin an. Sie war 24, es war ihr erster Job. Ponté machte

Unter den Assistentinnen im Europaparlament sprach sich schnell herum, man könne sich an sie wenden. Jeanne Ponté höre zu, hieß es in der Kaffeeküche oder im Vorraum von Damentoiletten. Ein Flüsternetzwerk, wie

Dieses kleine Büchlein ist ihre Sexismus-Dokumentation aus dem Europaparlament. #MeToo EU. Das Europaparlament ist ein Koloss, es besteht aus 751 Abgeordneten, mehr als 7000 Angestellten und weit über tausend parlamentarischen Assistenten. Keine

Im Europaparlament passierte, was überall geschah nach der Veröffentlichung der Vorwürfe gegen Harvey Weinstein Anfang Oktober 2017. Die Verwunderung war groß, der Ekel, das Entsetzen. Mehr und mehr Fälle wurden bekannt, mehr

Auch im Europaparlament war das so. Die Abgeordneten riefen zur Generaldebatte, schnell verabschiedeten sie eine Resolution gegen Belästigung, und der Parlamentspräsident gab eine Null-Toleranz-Linie aus. Von Brüssel aus sollte ein Zeichen nach

Nur wie? Wie schafft man Mechanismen, um sexuelle Belästigung zu unterbinden oder zumindest einzudämmen? Was für eine Struktur ist nötig, damit Fälle gemeldet werden – offiziell und nicht nur an die Frau mit

In Brüssel ließ sich in diesem ersten Jahr nach #MeToo sehr gut beobachten, wie größt-mögliche verbale Offenheit in bürokratische Verschleppung mündet, auch weil zu viele Leute gar kein Interesse daran haben, dass

Es ist im Europaparlament wie vielerorts. Der Aufschrei ist neu, ist interessant, bisschen Sex, bisschen Grusel. Rotwein und Sperma und Bademäntel, das ist das eine. Petitionen und Gremien und Tagesordnungspunkte sind das

Wenn nun ein Jahr nach der Debatte um Harvey Weinstein Männer wie der kanadische Radiomoderator Jian Ghomeshi, ­gegen den mehr als zwanzig Frauen Anschuldigungen wegen sexueller Belästigung er­hoben haben, wieder in die Öffentlichkeit drängen, muss man fragen, was passiert, nachdem die Geschichten der Opfer aus der Aufmerksamkeit rutschen. Ghomeshi hat kürzlich im New York Review of Books einen Essay mit dem Titel Reflektionen über einen Hashtag veröffentlicht. Darin schreibt er, dass er ­genug »Beschämung für ein ganzes Leben« erfahren habe. In anderen Worten: Ihr hattet eure Momente, jetzt sind wir wieder dran. Und der US-Comedian Louis C.K., der verschiedene Kolleginnen zwang, ihm beim Onanieren zuzusehen, steht in New York im »Comedy Cellar« wieder auf der Bühne und macht Witze über Sex, als wäre nichts ge­wesen. Wie schnell zieht so ein Skandal ­vorüber?

In Brüssel ging es schon los, als Jeanne Ponté und ihr Büchlein bekannt wurden. Bald wurde Ponté angerufen, eine Nummer aus dem Haus, mit dem Rat, sie solle doch auch an die

Möglich, dass Sexismus im Europaparlament besonders wuchert, weil hier Macht auf Zeit verliehen wird. Die Abgeordneten genießen Immunität, viele sind fernab von ihren Familien und Freunden. Die Teams sind klein, die Büros

Zunächst schien es, als folgte auf die ­Diagnose eine zügige Therapie. Am 26. Oktober 2017, nur eine Woche nach Jeanne Pontés erstem Interview, stimmten die Abgeordneten über eine Resolution gegen sexuelle Belästigung

Es gab viele Unklarheiten in dieser Debatte im vorigen Herbst. Für die einen begann mit #MeToo ein nie dagewesenes Momentum, in dem Frauen endlich gehört wurden und man ihnen glaubte. Das

Viele Männer schienen davon überrascht. Es gab einige, die sich fragten, wo sie selbst einmal Grenzen verletzt hatten. Manche hatten die Kraft, sich zu entschul­digen. So manche aber hatten bald das ­Gefühl,

Dabei ging es bei #MeToo nie um Sex. Niemand wollte Sinnlichkeit verbannen. Es ging um männlich dominierte Machtstrukturen und um weibliche Abhängigkeit. Um Machtdemonstrationen, die erotisch codiert und maskiert sind, bei denen

Auch in diesem Text werden keine Namen enthüllt, nicht seitenlang Demütigungen ­geschildert. Die Berichte der Opfer sind ja kein Ziel an sich, sondern eine Aufforderung, etwas zu ändern. Sie sind, im besten

In Brüssel fiel schnell auf, dass das Parlament bis dahin keinen einzigen sexuellen Übergriff offiziell verzeichnet hatte. Lediglich zehn Verdachtsfälle von Mobbing hatte man dort in den zurückliegenden drei Jahren untersucht, ein

Zudem ist die Struktur sehr unübersichtlich: Es gibt gleich zwei Gremien, an die man sich als Opfer wenden kann. Eines ist zuständig für Vorfälle zwischen Abgeordneten und ihren Assistenten, das andere für

In keiner Statistik taucht A. auf. Sie ist eine Frau Mitte zwanzig, sie will anonym bleiben. A. glaubte lange, sie sei zu schlecht, zu langsam, mache alles falsch, weil ihr Chef, ein

Der Grund, wieder ein ganz praktischer und nicht ungewöhnlicher: In einer Broschüre des Anti-Belästigungs-Gremiums für Abgeordnete, die schon vor #MeToo entstand, heißt es, bei einem einmaligen Vorfall handele es nicht um Belästigung.

Den Mitgliedern des Gremiums für Ab­geordnete erklärte Jeanne Ponté einmal, warum die Opfer ihr, aber nicht ihnen vertrauen: Vielen Frauen sei gar nicht klar, dass das, was sie erleben, Belästigung sei. Abstrakte

Das Präsidium des Europaparlaments hat sich daran gestört, dass sich Opfer anonym in der Presse äußerten, statt »den Weg über die kompetenten Stellen« zu nehmen, steht in internen Protokollen. Nur anhand derer

Entgegen den Ankündigungen im Plenum wurde im Präsidium in den Monaten nach der Resolution im Kreis von zwanzig Abgeordneten ein politischer Kompromiss verhandelt: Angesichts der geringen Zahl der Beschwerden – die wohl

Präsident Antonio Tajani betonte, dass kein falsches Bild des Parlaments gezeichnet werden solle. Die Angestellten und die Bürger sollen nicht denken, das Parlament sei besonders anfällig für übergriffiges Verhalten.

Es sollte

Und dann

Erst Ende

Elisabeth Morin-Chartier,

Die Änderungen

Wer im

Am Anfang

Doch wenn

Jeanne Ponté

Fragt man

Jeanne Pontés