Was Frauen krank macht

In der Medizin wird vor allem am Mann ­geforscht, ­getestet, gelehrt. Für Frauen kann das lebensgefährlich sein.

Die Schweizer Illustratorin und Fotografin Florence Iff setzt sich in ihrer Arbeit immer wieder mit Körper und Krankheit auseinander. Diese Serie hat Iff Freejazz genannt.

Hier könnte die Leidensgeschichte einer Kranken stehen. Zum Beispiel die Geschichte einer der Frauen, die an den Nebenwirkungen von Digoxin starben – einem Wirkstoff, der Männern helfen und Frauen schaden kann, was Ärzte nicht wussten, da Digoxin wie viele Medikamente lange nicht an Frauen getestet worden war, weshalb es jahrelang beiden Geschlechtern verabreicht wurde. Ein Einzelfall, an dem im Kleinen das große Ganze erzählt werden kann.

Berichte über Kranke sind oft Berichte über Schicksale. Aber dass Frauen zwar länger

Weil mindestens die Hälfte der Menschheit betroffen ist, sollen hier keine Einzelfälle beschrieben

Um diese zu ermitteln, haben wir mit Professorinnen und Professoren der Kardiologie, Radiologie,

Also mit Frauen und Männern verschiedenen Alters, einige von ihnen Feministinnen, andere nicht. Manche von ihnen mächtig, viele von ihnen die Ersten ihrer Art: erste Professorinnen und ­Chefärztinnen, Überfliegerinnen in ihrem Fach­bereich. Sie alle erforschen seit Jahren, wie Frauen und Männer sich körperlich voneinander unterscheiden und welche Auswirkungen sex und gender, also das biologische und das soziale Geschlecht, auf die Behandlung von Martha Muster haben. Sie publizieren ihre Ergebnisse in Fachjournalen, setzen sich dafür ein, dass diese in die medizinischen Behandlungsleitlinien aufgenommen werden, geben ihr Wissen als Professorinnen an ihre Studentinnen und Studenten weiter – doch um einen echten Umbruch zu gestalten, sind sie zu wenige.

In Deutschland studieren mehr als 90 000 Menschen Medizin. Aber bisher ist das Studium

Zumal das Thema nicht nur medizinisch brisant, sondern auch politisch heikel ist. Die Frauen und Männer, die das SZ-Magazin befragt hat, wollen alle eine bessere Gesundheitsversorgung für Frauen, Männer und alle, die dazwischen liegen. Was sie auf keinen Fall wollen, ist, »dass ein Geschlechterkrieg geführt wird«, wie die Professorin Vera Regitz-Zagrosek es formuliert.

Sie leitet das einzige Institut für Geschlechterforschung in der Medizin an der Charité

Jede Krankheit ist ein soziales Ereignis. Wer krank ist, der ist auf Hilfe

In ihrem Buch Das andere Geschlecht schrieb die französische Philosophin Simone de Beauvoir: »Der Mann wird als Mensch und die Frau als Weibchen definiert – jedes Mal, wenn sie sich als Mensch verhält, heißt es, sie imitiere den Mann.« Das ist siebzig Jahre her. Die Frage, die sich aus diesem Satz ergibt, stellt sich heute noch: Wann werden Frauen nicht mehr nur Frauen, wann werden Frauen Menschen sein?

Vergangenes Jahr erschien ein neues Anatomiebuch für Kinder: Anatomie – das faszinierende Innenleben des Menschen. Auf der Titelseite ist die Illustration eines Mannes mit Schnurrbart und Matrosenmütze zu sehen, sein Körper ein schwarzer Scherenschnitt, von Arterien und Venen durchzogen. Sein Abbild führt durchs Buch: Herz, Hirn, Speiseröhre, Magen, Darm, Nieren, alle menschlichen Organe sind vor dem Schatten eines Mannes inszeniert. Eine Frau ist nur zu sehen, wenn es um das weibliche Fortpflanzungssystem geht. Auf einer Seite von vierzig. Mit diesen Bildern wachsen Kinder heute auf, sie ziehen sich bis ins Medizinstudium: Jahrzehntelang war da in Deutschland der Sobotta der Standard, der »Atlas der Anatomie des Menschen«, auf dem wie selbstverständlich ein Mann abgebildet ist, ebenso auf dem Lernposter des Prometheus, einem weiteren Anatomieatlas, der als Lernhilfe genutzt wird.

Das Verhältnis von Mensch und Männlichkeit und die dazugehörige Vorstellung, dass die Frau nur eine Abweichung dessen darstellt, also nicht die Norm, nicht normal ist, prägt die Medizin seit Menschengedenken. Eva, geformt aus Adams ­Rippe. Die Gebärmutter, »die Ursache von 1000 Übeln«, wie der Philosoph Demokrit im 5. Jahrhundert vor Christus an den Arzt Hippokrates schrieb. Der Patient ein Mann, die Ärzte Männer, wie auf Rembrandts Gemälde Die Anatomie des Dr. Tulp von 1632. Es ist eines der wichtigsten Kunstwerke der Medizingeschichte und zeigt die Sektion eines Leichnams, über den sich neben Dr. Tulp sieben Männer mit Spitzbart und Halskrausen beugen.

Fast 400 Jahre später trifft diese Abbildung auf viele deutsche OP-Säle immer noch

Die Betrachtung des Menschen in der Medizin als Mann beginnt mit den männlichen

Es ist davon auszugehen, dass Arzneimittel für beide Geschlechter, die vor 2004 auf

Glaeske nennt das Beispiel Cholesterin. Sechzig Prozent der Frauen in Deutschland leiden an

Bis in die frühen Neunzigerjahre wurde der weibliche Organismus systematisch aus Studien ausgeschlossen.

Dass Frauen weiter in Studien unterrepräsentiert sind, findet Gerd Glaeske zynisch, wenn man

Jede Körperzelle ist mit einem Chromosomensatz ausgestattet, mit 44 Autosomen, die bei beiden

Frauen haben zudem mehr Fettgewebe und weniger Muskelmasse als Männer. Der Wasseranteil in

In der Arzneimittelforschung gibt es den zentralen Satz: Keine Wirkung ohne Nebenwirkung. Wenn

Mögliche Gefahren, etwa dass gewisse Antibiotika bei Frauen häufiger als bei Männern zu

Die Rolle der Frau in der Medizin unterscheidet sich kaum von der Rolle,

1899 beschloss der Bundesrat des deutschen Kaiserreiches, Frauen zu den Staatsprüfungen im Fach

Mitscherlichs These ist radikal. Man muss ihr nicht folgen. Aber auch die Frauen­gesundheitsbewegung,

Jede sechste Frau in Deutschland zwischen 18 und 79 Jahren lebt ohne Gebärmutter.

Die Medizinjournalistinnen Luitgard Marschall und Christine Wolfrum vermuten in ihrem Buch Das übertherapierte Geschlecht – ein kritischer Leitfaden für die Frauenmedizin, dass bei diesen Entscheidungen auch Geld eine Rolle spielt. Ärztinnen und Ärzte stehen unter einem enormen OP-Druck. Über die zunehmende Ökonomisierung des Gesundheits­systems klagten mehrere Gesprächspartnerinnen gegenüber dem SZ-Magazin. Eine von ihnen räumte aufgrunddessen sogar ihren Posten als Chefärztin an einer großen deutschen Klinik und die daran gekoppelte Professur. Sie fängt nun mit über 65 Jahren an einer kleineren Klinik in städtischer Trägerschaft neu an – weil sie nicht länger mit dem Buchhalter im Nacken operieren wollte.

Ein ähnlicher Fall ereignete sich Anfang 2019 an der Helios Klinik Mariahilf in

Die Barmer erstattet bei einer Gebärmutterentfernung durch einen Bauchschnitt aufgrund von Myomen, das

Welche Auswirkungen die Hysterektomie jedoch auf den weiblichen Körper hat, ist nicht ausreichend

Außerdem geraten Frauen ohne Gebärmutter schneller in die Wechseljahre, womit die schützende Wirkung

Im Altgriechischen heißt Gebärmutter hystera. Das veraltete Krankheitsbild der Hysterie heißt so, weil es ein durch die Gebärmutter ausgelöstes Leiden beschreiben sollte. Die Diagnose Hysterie versah zahllose Frauen Ende des 19. Jahrhunderts mit dem Stempel »krank« und vereitelte ihnen so den Zugang zu einem selbstbestimmten Leben – darunter große Künstlerinnen wie die französische Bildhauerin Camille Claudel, erst Schülerin, zwischendurch auch Partnerin von Auguste Rodin. Die Diagnose war ein Werkzeug der Machtausübung und brachte vor allem bürgerliche Frauen, auch Claudel, in geschlossene Anstalten.

Die historische Fixierung der Frau auf ihre Gebärfähigkeit verengt den Blick von Medizinern

Jeder Gang zum Arzt suggeriert ein Problem. Die Monatsblutung ist jedoch kein Problem

Selbst für Mädchen im Alter von elf Jahren kann der erste Frauenarztbesuch mit

Mit 19 Jahren verhüten dann schon 74 Prozent der jungen Frauen mit der

Und die Pille hat noch etwas verändert: das Verhältnis von jungen Frauen zu

Die »Bikini-Medizin« machte Frauen jahrzehntelang zu Patientinnen zweiter Klasse. Der Herzinfarkt war derweil

Die Kardiologin Vera Regitz-Zagrosek merkte erst als Oberärztin am Herzzentrum Berlin Anfang der

Damals behandelte die Kardiologin Regitz-Zagrosek bis zu 3000 Menschen im Jahr, von denen

Ungefähr zur selben Zeit schrieb Bernardine Healy, damals neue Direktorin des US-Gesundheitsinstituts, im New England Journal of Medicine einen entscheidenden Satz: »Das Problem ist, beide Seiten, die Laien und die Mediziner, davon zu überzeugen, dass die koronare Herzerkrankung auch eine Frauenkrankheit ist, keine verkappte Männerkrankheit.« Healy hatte beobachtet, dass Frauen dem Arzt erst einmal beweisen müssten, dass sie dem Mann ebenbürtig sind, bevor sie eine gleich gute Behandlung erführen.

Und das wäre nur eine der Hürden, die Frauen auf dem Weg zur

Bei einem Herzinfarkt zählt jede Minute, innerhalb von einer Stunde sollte entschieden sein,

Die Medizinjournalistin Maya Dusenbery nennt das den »trust gap«, die Vertrauenslücke. So gälten

Das Schmerzempfinden von Frauen und Männern unterscheidet sich tatsächlich. »Experimentelle Studien zeigen, dass

Wie Menschen Schmerz empfinden, egal ob männlich oder weiblich, hängt laut Pfleiderer auch

Wie das Gehirn auf Schmerzreize wie einen Juckreiz reagiert, untersuchten Pfleiderer und ihre

Im Arztgespräch beschreiben Frauen ihre Symptome und Schmerzen außerdem genauer und umfangreicher als

Nun kommt Martha Muster aufgrund ihres höheren Alters in einem schlechteren Zustand beim

Aber die Herzkrankheiten von Frauen und Männern unterscheiden sich nicht nur biologisch. Wie

Differenziert man weiter und schaut, wie viel Geld Patientinnen und Patienten monatlich verdienen,

Männer werden gesundheitlich besser versorgt als Frauen. Das heißt aber nicht, dass sie

In Deutschland haben mehr als fünf Millionen Menschen schon mal eine Depression gehabt.

Dabei fand eine Studie schon um die Jahrtausendwende heraus, dass Depressionen bei Männern

Besonders deutlich machen das die Suizidraten. Es nehmen sich in Deutschland dreimal so

Männer sind anders sozialisiert als Frauen, vor allem jene ­Männer, die sich mit

Zudem haben die Symptome einer männlichen Depression immer noch keinen Niederschlag in den

»Männer und Frauen sind gleichberechtigt«, diesen Satz erkämpften vier Frauen, die sogenannten Mütter

Die geschlechtersensible Medizin fristet auch nach dreißig Jahren Aufklärungsarbeit ein Dasein in der

Darüber könne man seit Neuestem ganz offen mit den Ärzten in der Klinik