Mamma mia: Die Geschichte der Magnolienblüte

In keinem Blick liegt mehr Liebe als in dem unserer Mütter. Ein Sohn aus unserer Redaktion schaut zurück.

Wir fuhren nach Norden, an das Ende dieser Welt, zu einem Wellblechhaus im Süden des Bundesstaates Mississippi, und die Mittagsluft lag feucht und heiß auf unserer Haut. Mein kleiner Bruder schlief schon seit zwei Stunden auf der Rückbank des Wagens, ich saß auf dem Beifahrersitz, meine Mutter am Steuer. Wir wollten nach Lumberton, eine ehemalige Holzfällersiedlung, in der noch etwa tausend Menschen lebten.

In einem gemieteten weißen Ford hatten wir New Orleans am Morgen verlassen, waren erst über den Lake Pontchartrain nach Osten gefahren und dann auf den Highway 59 in Richtung Norden abgebogen. Schon seit ein paar Stunden kamen uns bis auf einige mit langen Baumstämmen beladene Lastwagen fast keine Autos mehr entgegen. Der Weg nach Lumberton wurde immer einsamer und führte uns tief hinein in die unendlichen Wälder und Weiten des amerikanischen Südens. Meine Mutter war auf der Suche nach einem Menschen, den sie bereits verloren hat-te, als sie noch gar nicht auf der Welt war. Sie suchte nach ihrem Vater. Im Sommer 1949 war der amerikanische Soldat Clifton Eugene Burge auf einem Militärflughafen unweit von München in ein Flugzeug gestiegen, das ihn zurück in seine Heimat bringen sollte. Die Frau, die zuvor weinend von ihm Abschied genommen hatte, brachte vier Monate später, am 9. November, die lebende Erinnerung an eine unmögliche Liebe und die Schmach, verlassen worden zu sein, auf die Welt. Sie nannte sie Angelika. Meine Mutter.

Am frühen Nachmittag erreichten wir eine Siedlung, deren Vergangenheit schöner und größer gewesen sein musste als die Gegenwart: Die wenigen Einkaufsläden entlang der Hauptstraße wirkten leer und verlassen, etwa jedes zehnte Schaufenster war eingeschlagen. Am Straßenrand lagen ausgebrannte Chevrolets. All das war Lumberton. Ein paar Trailerparks, ein Einkaufszentrum, das Heimatmuseum, ein schiefer Rathausturm, das stillgelegte Sägewerk im nahe gelegenen Wald. An der Tankstelle am Ortseingang parkten wir unser Auto und bestellten in einem benachbarten Restaurant drei Cheeseburger und Cola. Mein kleiner Bruder fragte die Bedienung, ob hinter dem Haus Krokodile lebten. Sie lachte. Meine Mutter sagte, sie habe sich das alles anders vorgestellt.

Als sie 16 Jahre alt war, erzählte man ihr zum ersten Mal die Geschichte ihres Vaters. Er sei aus Amerika gekommen. Ein hochgewachsener Mann mit blauen Augen, einem goldenen Siegelring und einem lauten Lachen; ein Flieger; ein Mann aus Lumberton in Mississippi; mit einer Farm und einer weiß gestrichenen Veranda vor dem Eingang. Er war so stattlich. Gute Manieren. Dann sei er wieder fortgegangen. Zurück nach Amerika. Habe sich nie wieder gemeldet, nur einmal, aus einer Kaserne in Wichita Falls, zwanzig Dollar Unterhalt geschickt, ein mieser Kerl, hatte wohl ein schlechtes Gewissen, vergessen sollst du ihn, hörst du, mein Kind, nie mehr nach ihm fragen.

Meine Mutter hatte kein eigenes Kinderzimmer. Ihr Kinderzimmer war die Schneiderwerkstatt der Großeltern. Oft kam es deshalb vor, dass an den Kleidern des Mädchens ein kurzer Zwirn, ein Bindfaden hängen blieb und sie das erst in der Schule bemerkte. Dann schämte sie sich. Hinter Nähmaschinen, dem Stofflager und der Kiste mit dem Werkzeug stand ein Kinderbett, in dem meine Mutter noch als junge Frau schlief. Sie sollte es erst verlassen, als sie im Alter von 19 Jahren mit dem Mann, der mein Vater werden sollte, Hals über Kopf eine gemeinsame Wohnung bezog. Bloß weg. Meine Großmutter sagt heute, sie sei damals einfach fortgegangen, habe sich monatelang nicht gemeldet, einfach so, hörst du, einfach so.

Wir fahren erneut durch Lumberton. Ganz langsam. Meine Mutter mustert jede Straße, jedes Haus. Sie dreht das Autoradio aus. Noch einmal die Hauptstraße rauf, dann an der Kirche rechts abbiegen, der Hinton Avenue folgen. An der Weggabelung links halten. Noch ungefähr einen Kilometer. Hier muss es sein. Platonia Road. Hier lebt die Burge-Familie. Hier? Meine Mutter stellt den weißen Ford unter einem Magnolienbaum ab. Hinter dem Gartenzaun, auf einer kleinen Anhöhe, ein flaches Wellblechhaus. Keine Veranda. Meine Mutter bittet mich zu läuten. Ich zögere.

Clifton Eugene Burge. Der Name war lange Zeit das Einzige, was meine Mutter von ihrem Vater wusste. Er stand in einem Buch, das sie als Kind im Wohnzimmerregal fand. Sie spürte, dass sich hinter dem Namen ein Tabu verbarg, wissen aber konnte sie es nicht, denn niemand in der Familie sprach mit ihr darüber. Nicht die Großeltern, nicht die Mutter und auch nicht deren neuer Ehemann, zu dem das kleine Mädchen Heinz sagte. Nicht Papa, obwohl das alle von ihr wollten.

Sechs Monate, nachdem ich zur Welt kam, zerbrach die Ehe meiner Eltern. Die Flucht von der Schneiderwerkstatt in die Partnerschaft hatte nicht gereicht für ein ganzes Leben zu zweit. Mein Vater sei einfach fortgegangen, hieß es später. Ihn selbst habe ich nach den Gründen nie gefragt, bis heute nicht. Lange Zeit glaubte ich, weil ich Angst davor gehabt hatte, keine Antwort zu bekommen. In Lumberton begriff ich, dass das Gegenteil der Fall war.

Die Jahre vergingen. Ein neuer, wunderbarer Mann trat in das Leben meiner Mutter, wenig später kam mein Bruder zur Welt. Ich war Anfang zwanzig, als ich an einem Sonntagabend meiner Mutter davon erzählte, einige Jahre nach Amerika gehen zu wollen, um dort zu studieren. Da begann sie zu erzählen: von dem hochgewachsenen Mann mit den blauen Augen, dem Brief aus Wichita Falls, der jahrelangen Sprachlosigkeit, der Flucht von zu Hause und den vielen Nächten, in denen sie von ihrem Vater Clifton Eugene Burge träumte. Bitte finde ihn, sagte sie zu mir, bevor ich an einem Sommertag vom Münchner Flughafen nach Amerika flog.

Ich konnte ihn nicht finden, denn Clifton Eugene Burge lebte nicht mehr. Er war zehn Jahre zuvor in Florida ums Leben gekommen. Aber ich fand seine Familie. Seine Frau, seine Kinder, seine Enkelkinder. Sie alle lebten dort, wo einst der Vater meiner Mutter aufgewachsen war, wo er zur Schule ging, bei der Armee angeheuert hatte und von wo er mit ihr nach Europa in den großen Krieg gezogen war. Sie alle lebten in einem heruntergekommenen Wellblechhaus an der Platonia Road in Lumberton.

Ich stehe am Gartenzaun und will nicht an der Tür des Hauses läuten. Und auch meine Mutter scheut davor zurück. Die Familie weiß, dass wir hier sind, denn meine Mutter hatte ihnen zuvor in einem Brief die ganze Geschichte erzählt und unseren Besuch in Lumberton angekündigt. Lange kam keine Antwort. Irgendwann meldete sich eine Vertraute der Familie und sagte, man wolle keinen Kontakt. Man habe doch von alldem nichts gewusst. Der Schock sitze zu tief. Man möge dafür Verständnis haben.

Wir standen noch eine Viertelstunde schweigend am Zaun. Dann kehrten wir zurück in die Stadt. Vor dem Heimatmuseum trafen wir einen alten Mann. Wir erzählten ihm die Geschichte unseres Besuches. Als er wenig später mit meiner Mutter wieder aus dem Museum kam, hatte der Alte Tränen in den Augen. Meine Mutter lächelte sanft und ihre blauen Augen waren voller Zufriedenheit und Glück. Der Moment, in dem ich in ihrem Antlitz zum ersten Mal nicht mehr nur die Mutter, sondern auch die Frau erkannte, dauerte nicht länger als ein Wimpernschlag. Aber in unserem Verhältnis zueinander hatte sich ein für alle Mal etwas verändert. Ihre neue Kindheit hatte gerade erst begonnen; meine neigte sich dem Ende zu.

Zum Abschied schenkte der alte Mann ihr eine Magnolienblüte. Zur Erinnerung, sagte er. Zur Erinnerung an Lumberton und den besten Freund von Clifton Eugene Burge.
Es war schon fast Mitternacht und es regnete in Strömen, als wir wieder in New Orleans ankamen. Meine Mutter saß auf der Rückbank des Wagens und schlief.

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