Bitte alle mal herschauen!

Spionage! Datenschutz! Privatsphäre! – die Debatte um Google Street View wurde hysterisch geführt. Doch wir wollten wissen, wie die Straße reagiert. Also haben wir das "Google Street View Car" nachgebaut und sind damit durch Deutschland gefahren.


Berlin-Neukölln

Noch bevor wir die Kamera aufs Autodach montiert haben, hören wir das erste »Fickt euch«. Eine junge Frau starrt uns böse an, stapft dann weiter. Der erste Test ist geglückt: Unsere Kamera-Attrappe scheint täuschend echt. Wir ziehen die letzten Muttern der Stützstreben fest und wuchten das Ding, 1,50 Meter hoch, 30 Kilo schwer, auf die Dachgepäckträger unseres schwarzen Opel Astra.  Mit genau solchen Autos ist auch Google durch Deutschland gefahren. Noch die Magnetschilder mit dem Google-Firmenlogo auf die Vordertüren – und los.

Der Versuch: Wir wollen herausfinden, wie die Menschen reagieren, wenn plötzlich das Google-Auto vor ihnen steht, von dem sie in den vergangenen Wochen ständig in den Zeitungen lasen. Der Tenor reichte von »Datenkrake Google« bis »Alles nicht so schlimm (auf Facebook geben wir nämlich deutlich mehr von uns preis)«. Zwei Tage sind wir mit unserem nachgebauten Google-Street-View-Auto durch Berlin und München gefahren.

Die Stationen: Prenzlauer Berg in Berlin und Gärtnerplatzviertel in München, dort wohnen jeweils aufmerksame Eltern und Linke mit Geld; Reichstag und Marienplatz, beides Touristenzonen; Berlin-Kreuzberg, wo die Menschen gegen Vorratsdatenspeicherung und Kapitalismus demonstrieren; München-Grünwald, wo die wirklich Reichen zu Hause sind; Berlin-Neukölln (viele Migranten); München-Straßlach (ländliches Vorortidyll).

Aus Angst, die Kamera-Attrappe könnte uns auf die Motorhaube krachen, fahren wir die ersten Meter in Neukölln lieber Schritttempo zehn. Hinter uns staut sich der Verkehr, doch niemand hupt. Auf den Gehwegen bleiben die Menschen stehen, ungläubige Blicke. Manche zeigen uns den Mittelfinger, andere winken über uns hinweg in die Kamera-Attrappe. Als uns drei Jugendliche mit Bushido-Frisur und Karottenjeans erblicken, stellen sie sich schnell in Gangster-Pose auf und gucken cool Richtung Autodach. »Das ist das Youtube«, sagt der eine, die anderen nicken.

An der nächsten Ampel erkennt uns ein Rentner, der vom Fensterbrett aus die Straße beobachtet. Er streckt seinen Arm, formt seine Hand zu einer Pistole und zielt auf uns, mit todernstem Blick. Bam. Bam. Dann verschwindet er hinter der Gardine.

Straßlach bei München

Ein Traktor brummt, eine Kirchenglocke läutet, wir stehen auf einem Parkplatz zwischen Maibaum und Gasthof. Jenseits der Straße: Felder, Wald. Außer einem alten Mann mit weißen Haaren und roten Backen ist niemand zu sehen. Er kommt auf uns zu, lacht und fragt: »Tuts ihr mich fotografieren?« Wir: Ja, stört Sie das? Er: »Ach geh, das ist mir wurscht, die ganze Diskussion ist doch bloß Hysterie.« Dann tippt er sich an den Hut und geht weiter.

Berlin, Prenzlauer Berg

Am Kollwitzplatz: Vormittagssonne, die Cafés sind voll. Wir halten direkt neben einem beliebten Kinderspielplatz. In Neukölln hatte eine Mutter ihrem Kind eine
Jacke über den Kopf gelegt, als sie uns sah. Doch hier scheinen sich weder die Eltern noch die Kaffeetrinker für uns zu interessieren. Ein paar misstrauische Blicke, aber niemand sagt etwas.

Eine Querstraße weiter dann: »Was soll das? Hört auf!« Eine junge Mutter schimpft, sie hat einen Säugling umgebunden, wir sprechen mit ihr. »Ich habe vor einer Minute noch gestillt, da will ich nicht fotografiert werden«, sagt sie. Von hinten stürmt ein Mann heran: »Vor drei Monaten hab ich euch eine E-Mail geschrieben, dass ich bitte schön gelöscht werden will«, poltert es aus ihm heraus, »und jetzt seid ihr hier und fotografiert. Verschwindet!« Wir sagen ihm, dass wir Journalisten sind. »Ich finde es falsch«, erklärt er dann, »dass ein Unternehmen sich am öffentlichen Raum bedient, ohne der Öffentlichkeit etwas zurückzuzahlen. Google will mit Street View ja nicht der Menschheit helfen, sondern Geld verdienen.« Und die Mutter mit dem Säugling ergänzt: »Ich komme aus der DDR, die haben auch ungefragt Daten von einem gesammelt. Das geht doch nicht.«

München, Gärtnerplatz

Vor einem Café in der Nähe des Gärtnerplatzes sitzen Leute mit großen Sonnenbrillen beim Sektfrühstück. Als wir an ihnen vorbeifahren, halten sich einige die Hände vors Gesicht. Wir parken und fragen den Wirt: »Ihre Gäste scheinen sich von uns gestört zu fühlen, was sagen Sie dazu?« Wirt: »Tja, nichts, mir egal.« – »Aber stört es Sie nicht, wenn vor Ihrem Café so ein Überwachungsauto . . ?« Der Wirt winkt ab: »Wenn’s den Leuten nicht passt, gehen sie schon.« Ein junger Mann kommt an uns vorbei, er sieht die Dachkonstruktion und richtet sich sorgfältig die Haare.

Berlin-Mitte

Auf der Rosenthalerstraße bessern zwei Bauarbeiter den Asphalt aus. Als der eine uns sieht, klopft er seinem Kollegen auf die Schulter. Erst winken die beiden, dann jubeln sie, dann fangen sie an, wie auf einem Ska-Konzert zu tanzen. Bauarbeiter und Müllmänner, das haben wir schon gelernt, reagieren unterm Strich am freundlichsten auf uns. Frauen zwischen 30 und 40 halten sich oft Speisekarten oder Einkaufstüten vors Gesicht. Andere Autofahrer filmen uns mit der Handykamera, eine Hand am Lenkrad, eine aus dem offenen Fenster hinaus. Fahrradkuriere zeigen uns immer den Mittelfinger.

Zwei Männer, die vor einer Pasta-Bar Nudeln essen, küssen sich demonstrativ, als wir an ihnen vorbeifahren. Gays for Google? Wir fragen nach. »We love Google Street View«, sagt der Bärtige. Er ist Schriftsteller aus England, sein indischer Freund stimmt zu: »In Großbritannien regt sich niemand über Google Street View auf. Bei uns hängen eh überall Überwachungskameras.« Ob sie es nicht störe, dass Google mit öffentlichem Raum Geld verdient, ohne etwas zurückzuzahlen? »Wir haben in England Street View benutzt, als wir ein Häuschen auf dem Land gesucht haben – kostenlos«, sagt der Bärtige. »Mich als Autor stört nur, dass Google versucht, alle Bücher zu digitalisieren, das habe ich per Brief untersagt.«

Plötzlich macht sich ein Mann in Jeansjacke an unserem Auto zu schaffen. Es steht in zweiter Reihe geparkt, wir sitzen vor dem Restaurant. Wir: Hey, was soll das? Er: »Polizei Berlin.« Er zeigt uns seinen Dienstausweis, und während wir kurz überlegen, ob wir uns besser als Journalisten zu erkennen geben, sagt er: »Ich weiß ja, Sie müssen hier nur Ihren Job machen und haben es bestimmt nicht leicht. Ich kenn’ das. Hier leben freiheitsliebende Menschen. Auf die 15 Euro wegen Falschparkens verzichten wir jetzt mal.«

Polizeikontrolle mit dem Google-Auto

München-Grünwald

Hohe Mauern, dichte Hecken, und bis auf zwei goldgelockte ältere Frauen, die gerade in ihren Porsche Cayenne steigen, niemand zu sehen. Gelangweilt schauen die beiden zu uns herüber. Wir wollen schon verschwinden, da taucht wieder Polizei auf. Hinter uns. Die Sirene heult, die Leuchtschrift auf dem Dach fordert uns zum Anhalten auf. Vier junge Polizisten schauen von schräg hinten in unseren Wagen. Sie lassen den Fahrer aussteigen: »Drogenkontrolle.« Es ist Mittwochmittag, zwölf Uhr. Die anderen müssen im Wagen sitzen bleiben, ein Polizist fragt durchs offene Fenster: »Na, wo haben Sie denn da die Speicherkarte?« Wir: Es gibt keine Speicherkarte. Der Polizist: »Aha, und wo gehen die Kabel hier hin?« Wir: Die gehen nirgends hin. Zum Beweis hält einer die losen Enden in die Höhe. Wir warten darauf, dass er uns nun fragt, was wir eigentlich machen, aber er dreht sich um und geht zu seinen Kollegen zurück, die unseren Kollegen über seine Rechte und Pflichten und die Möglichkeiten verschiedener Tests aufklären: Schweißtest funktioniert an Ort und Stelle; Bluttest, da müssen Sie mit aufs Revier. Nach einer Viertelstunde lassen sie uns fahren, ohne Test.

Berlin, Regierungsviertel

Fünfzig Meter vom Reichstag entfernt, Touristenzone: Eine Schulklasse aus Essen umringt unser Auto, jeder Schüler hat ein Handy oder eine Digitalkamera in der Hand. Popstargefühl. Wir sind eine Attraktion. Vor dem Holocaust-Mahnmal am Brandenburger Tor stellen sich sieben Japaner neben unserem Auto auf und schießen ein Gruppenfoto.

München, Zentrum

Immer im Kreis um den Viktualienmarkt: Die meisten Menschen ignorieren uns. Die, die uns wahrnehmen, lachen und winken. Ein junger Mann ruft seiner Freundin zu: »Schau mal, die machen das Google.« Zwischenstand: Die Berliner sind misstrauisch, die Münchner reagieren eher gelassen auf das Google-Auto.

Am Rindermarkt stellen wir uns in zweiter Reihe neben den Taxistand. Um uns herum Fußgänger, hupende Autos, Radfahrer. Ein junger Mann mit Dreadlocks kommt näher, er hält eine Kamera auf uns gerichtet und ruft: »Jetzt schauen wir mal, welches Arschloch schneller im Internet ist!« Bevor wir ihn fragen können, ob er aus München kommt, ist er schon wieder weg. Eine alte Frau, die die Szene beobachtet hat, beugt sich zum Fenster rein und sagt: »Ich hab keine Angst vor euch! Ich wohn’ draußen beim FC-Bayern-Trainingsgelände, ich werde sowieso jeden Tag fotografiert!« Neben uns stoppt ein Polizeiauto: »Grüß Gott, Sie dürfen hier nicht stehen.« Wir: Ja, wir sind gleich weg. Der Polizist: »Wie lang braucht ihr überhaupt, bis ihr eure komischen Bilder da beisammen habt?«

Wir fahren Richtung Hauptbahnhof, Schillerstraße, »Erotic World«. Ein dicker Türke schlendert vorbei, schaut uns an, dann lacht er und ruft: »Ihr seid doch eine Riesenfirma, warum habt ihr so ein billiges Auto?« Schließlich geht die Tür des Pornokinos auf, zwei Männer mit Vokuhila-Frisuren treten heraus und bleiben vor dem Laden stehen. Sie schauen herüber und grinsen. Wir gehen hin. »Tag, nichts dagegen, dass Sie hier gefilmt werden?« – »Ach geh«, lacht der eine, »ich arbeite hier. Darf jeder sehen, dass ich da bin.« Der andere schaut die Straße rauf und runter, schnauft kurz und sagt: »Früher oder später kommen sie sowieso alle hier rein.«

Berlin-Kreuzberg

Nach fünf Minuten Fahrt: Eine Frau mit Rasta-Zöpfen stürmt auf uns zu und schreit: »Ich will nicht drauf sein, ihr Scheißtypen!« Nach zehn Minuten Fahrt: Ein Radfahrer bremst uns aus. Wir müssen halten. Er sagt nichts, guckt nur ziemlich erregt und notiert unser Nummernschild. Autos hupen. Menschen schimpfen. Wir sprechen den Radfahrer an: Die Kamera ist nicht echt, wir sind Journalisten. Er: »Das würden die von Google doch auch sagen.« Erst als wir gegen das Holz der Kamera-Attrappe klopfen, glaubt er uns. »Es ärgert mich«, sagt er dann, »dass ich nicht gefragt werde, ob mich die Aufnahme stört. Die von Google machen einfach, was sie wollen, und ich muss reagieren, da stimmt doch was nicht.«

Während er spricht, flitzt ein Fahrradkurier an uns vorbei. Es macht »Krrrrcht«, und wir sehen nur noch, wie er seinen Schlüssel wieder in der Jackentasche verstaut. Der Kratzer im schwarzen Lack unseres Autos misst 53 Zentimeter.
Wir fahren weiter, Mittelfinger überall. Das Gefühl: Wir sitzen im meistgehassten Auto Deutschlands. Ein letzter Test: die »Köpi«, Berlins bekanntestes »autonomes Wohnprojekt«, eine Punk-Trutzburg. Wir halten vor dem Eisentor. Niemand da. Doch, einer. Er bückt sich, nimmt tatsächlich einen flachen Stein in die Hand. Ob es nur ein Witz sein soll, wollen wir nicht herausfinden und machen uns mit Tempo 30 aus dem Staub.

München-Marienplatz

Langsam rollen wir mitten durch die Fußgängerzone. Menschen überall. Niemand beschwert sich. Sie sehen unsere Kamera auf dem Dach und gehen zur Seite, als wären wir eine offizielle Einrichtung, als wären wir das Vermessungsamt. Ein paar Meter von der Mariensäule entfernt halten wir an. Ein junger Mann in Jeans und T-Shirt fragt seine Freundin: »Ist das jetzt dieser Nacktscanner?« Ein Mädchen ruft ihren Freundinnen zu: »Hey, in Grünwald haben sie da extra die Kamera zwei Meter höher schrauben müssen, damit sie überhaupt was auf dem Bild haben!« Zwei junge Kerle kommen vorbei, Ende 20, Nadelstreifenanzüge, gegelte Haare. »Hey, das Google-Auto, so geil!« Sie sind Banker und fragen, ob sie sich mal ans Steuer setzen dürfen, dann fotografieren sie sich gegenseitig.

Am liebsten würden sie mit dem Wagen eine Runde drehen. Wir erzählen ihnen, wie die Reaktionen in Kreuzberg waren. Einer der beiden sagt: »Wenn jetzt ein Amerikaner seinen Deutschlandurlaub plant und vorher mal bei Google schaut, wie es hier so ist, dann sieht er nichts als Mittelfinger? Schöner Eindruck …«

Auch in München ein letzter Test: Das Oktoberfest, wenige Tage bis zum Start der Wiesn, die Zelte stehen, auf der Theresienwiese wird gearbeitet. Langsam fahren wir über das Gelände, bis sich ein Mann mit wütendem Blick direkt vor unser Auto stellt. Er winkt mit einem Ausweis und brüllt: »Sofort verschwinden, Sie haben hier nichts verloren!« Wir antworten vorsichtig: Wir sind gleich weg, nur ein paar Aufnahmen. »Nichts!«, schreit der Mann, »das hier ist Festgelände, Sie haben hier nichts zu suchen, sofort wenden und verschwinden!« Er bleibt mit grimmigem Blick stehen, bis wir das Gelände verlassen haben. Es ist das einzige Mal, dass wir in den zwei Tagen von offizieller Stelle davongejagt worden sind.

Fotos: Florian Büttner

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