Das Geheimnis von Scheidegg

Vor drei Jahren verschwand der Bankangestellte Fridolin Pfanner aus seinem Allgäuer Heimatort und hinterließ nicht die geringste Spur. Ein Krimi aus dem wahren Leben - mit Lösung.

Der Fridolin, sagen die, die ihn kannten, war immer gut drauf. Immer ein Lächeln im Gesicht. Ein Topkollege. Strebsam, korrekt. Ein feingliedriger Mensch, meint eine Kollegin, ein Zarter eher. Ein Mensch, den musst du mögen, da gibt es gar nichts anderes. So ein Typ war der.

Eines Tages war der Fridolin weg. Fridolin Pfanner, 38 Jahre alt, Vermögensberater aus Scheidegg im Allgäu, verabschiedet sich am Morgen des 31. August 2005 von seiner Lebensgefährtin und fährt kurz vor sechs Uhr ein letztes Mal zur Arbeit in die Raiffeisenbank ins nahe gelegene Gestratz. Um 8 Uhr 45 verlässt er die Bank, um, wie er sagt, einen Kunden zu treffen. Es ist das letzte Mal, dass man Fridolin Pfanner sieht. In seinem Kalender wird sich später eine Notiz finden für 9 Uhr 15, »Weber, Waldseehotel«. Doch Pfanner hatte keinen Kunden namens Weber. In dem Hotel taucht er an diesem Tag nie auf. Dafür wird am Nachmittag sein schwarzer VW Golf gefunden. Auf einem Parkplatz beim Bergfriedhof an der Alpenstraße. Der Schlüssel steckt. Auf dem Beifahrersitz liegt Pfanners Handy. Daneben Bankunterlagen. Fridolin Pfanner ist verschwunden. Fahnder der Kriminalpolizei finden Spuren, die darauf hindeuten, dass in dem Wagen ein Fahrrad transportiert wurde. Pfanner hat nie ein Fahrrad besessen.

Polizei und Feuerwehr durchkämmen mit Hundertschaften das Gelände zwischen Alpenstraße und dem unten im Tal gelegenen Ort Weiler. Dort ist Fridolin Pfanner aufgewachsen. Viele in den Suchtrupps haben Pfanner persönlich gekannt. Ihn gemocht. Im Musikverein spielte er das Flügelhorn und kümmerte sich um die Kasse. Ein mustergültiger Kamerad sei er gewesen, erinnert sich Andreas Hermann von der Freiwilligen Feuerwehr Weiler. Und so durchstreifen sie mit besonderem Eifer die Wälder, zwei Tage lang. »An jeden Baum haben wir geschaut: Hängt er da dran, oder liegt er drunter?« Vergeblich. Auch die Hubschrauber und die Hundestaffel, die Pfanners Lebensgefährtin auf eigene Kosten hatte einfliegen lassen, finden nichts.


Ist Pfanner einem Verbrechen zum Opfer gefallen? Hat er sich umgebracht? Oder ist er einfach abgehauen? »Alle drei Varianten sind denkbar«, erklärt zu jenem Zeitpunkt Kurt Kraus von der Kriminalpolizei Lindau. Ratlos fügt er an: »Aber für alle drei gibt es kein erkennbares Motiv.« Von einem »Puzzle, das nicht zusammenpassen will«, spricht das Lindauer Wochenblatt. Es ist ein Rätsel. Eines, das die Westallgäuer elektrisiert. Die Polizei entschließt sich, wie in einem Mordfall zu ermitteln.

Das Westallgäu ist Bilderbuchland. Die Alpen bauen sich hier nicht schroff und erdrückend vor einem auf wie mancherorts im Oberbayerischen, sondern schmücken malerisch den Hintergrund. Davor sanfte Hügel, Täler, Seen. In denen lebt der Westallgäuer wie in einer etwas zu groß geratenen Miniatureisenbahnlandschaft. Hier ziehen die Leute her, hier laufen sie nicht weg. Der letzte spektakuläre Kriminalfall, an den sich der Redaktionsleiter des Westallgäuers erinnern kann, ist der falsche Pfarrer, der eine Zeitlang den Ort Oberreute zum Narren gehalten hat.

Und jetzt ist der Pfanner einfach weg. An Selbstmord glaubt kaum einer. Und wenn er abgehauen ist? Zigaretten holen? »Der Fridolin? Nie!«, beschreibt ein langjähriger Kollege die Stimmung damals: »So was von korrekt, wie der war. Der war kein Luftikus. Wir haben deshalb gleich gedacht: Der muss in was reingeraten sein.« Pfanner hatte eine gemeinsame Wohnung mit der Freundin, mit der er mehr als zehn Jahre zusammen war. Von Problemen zwischen den beiden war nichts bekannt. Pfanners Bankkonto ist nicht angetastet, er hat keinen Ausweis bei sich, er spricht keine Fremdsprache. Keine Kontobewegungen, kein Abschiedsbrief, aber auch keine Kampfspuren.

An den Stammtischen und Supermarktkassen, an den Metzgereitheken und in den Bäckerläden wirft man sich die Puzzleteilchen gegenseitig zu. Vielleicht doch ein Verbrechen? Aber Fridolin Pfanner war so beliebt. Hat er nicht regelmäßig Kuchen gebacken für die Damen von der Bank? »Ach, Fridolin, dein Eierlikörkuchen!«, haben sie geseufzt. »Hab eh Eier genug aufm Hof, ich bring euch wieder einen«, hat er entgegnet.

Pfanner ist auf einem Bauernhof aufgewachsen, unten in Weiler. Vier Brüder waren sie, und nach dem frühen Tod der Mutter hat er sich um den Fünfmännerhaushalt gekümmert. Jahrelang besorgte er das Einkaufen, Backen, Kochen, Waschen und Bügeln, auch noch als er längst arbeitete.

An Ehrgeiz hat es ihm nicht gefehlt. Bei der Bank arbeitete er sich vom Lehrling zu einem der erfolgreichsten Berater hoch, absolvierte nebenbei ein Studium zum Bankbetriebswirt. Die Zeit, die ihm blieb, widmete er dem Flügelhorn. »Freitagabends war der Fridolin bei der Musikprobe. Da hat es kein Pardon gegeben«, erinnert sich eine Bekannte. Und wenn die Kapelle einmal im Jahr fünf Tage im Festzelt spielte, nahm er eine Woche Urlaub. Pfanner wusste, was er den anderen schuldig war.

Kann sich ein Mensch einfach in Luft auflösen? Je länger jede Spur von Pfanner ausbleibt, um so mehr schwätzen sie, umso wilder sehen die Puzzle aus, die sie sich zusammenstecken. War der Pfanner nicht öfter in Friedrichshafen am Bodensee? Gibt’s da nicht ein Rotlichtmilieu? Die einen vermuten geheime Schwarzgeldtransaktionen. Die anderen raunen über Verbindungen zu Sekten. Den dritten fällt im Nachhinein auf, wie sehr Fridolin Pfanner an seinem gepflegten Schnauzer gehangen hat, und sie kombinieren das, viel sagend die Augenbrauen hochziehend, mit jenem Abend, an dem er als Rosi verkleidet in den Fasching ging: mit Netzstrümpfen, Minirock und blonder Perücke.

Banden aus dem Ostblock werden diskutiert: »Die zünden dich an, und es ist nix mehr von dir da. Oder stecken dich in ein Fass mit Salzsäure.« Die Bank kehrte in einer wochenlangen Sonderprüfung hektisch alles von oben nach unten, in der Furcht, Pfanner habe Geld veruntreut. Kein Cent fehlte.

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Im Januar 2006 stellt das ZDF für die Sendung Aktenzeichen XY… ungelöst den Fall nach. Zeugen hatten am Tag von Pfanners Verschwinden beim Bergfriedhof einen Mann beobachtet, der ein Fahrrad aus dem Gebüsch zerrte und wegradelte. Wer war der Mann? Pfanner selbst? Sein Mörder? So viele Zuschauerhinweise gingen an dem Abend zu keinem anderen Fall ein.

»Vermisstenfälle sind, das dürfen Sie jetzt nicht zynisch verstehen, für die Zuschauer besonders attraktiv«, erklärt nach der Sendung die Redaktionsleiterin Ina-Maria Reize: »Denen geht es wie uns selbst ja auch. Man fängt sofort an zu spekulieren.« Die Hinweise führten alle ins Leere. Und wenn er sich doch aus dem Staub gemacht hat? Thomas Hele, ein entfernter Verwandter und ehemaliger Arbeitskollege Pfanners, erinnert sich an das letzte Gerücht, das ihm zu Ohren gekommen ist: Pfanner habe sich ins Ausland abgesetzt, liege in der Sonne und lache über die ganze Geschichte.

Fridolin Pfanner? Der Pflichtbewusste? War das vorstellbar? Der Erste wäre er ja nicht, der davon träumt, »Bohnerwachs und Spießigkeit« den Rücken zu kehren, um einmal »durch San Francisco in zerrissnen Jeans« zu gehen, wie das Udo Jürgens besingt in Ich war noch niemals in New York, seinem Chanson über die heimliche Sehnsucht so vieler Bankangestellter.

Das Schlimme für die Familie, sagt Thomas Hele, sei in einer solchen Situation, »dass der endgültige Beweis fehlt wie damals bei den Tsunamiopfern auch. Dass die Angehörigen gar nicht wissen, ob sie trauern sollen oder hoffen.« Mehr als eineinhalb Jahre schwebt die Familie in dieser Ungewissheit.

Bis am 24. Januar 2007 Beamte der spanischen Polizei bei einer Routinekontrolle im andalusischen Chipiona einen Mann aufgreifen. Drei Wochen später klärt die Guardia Civil die Identität des Aufgegriffenen. Sie informiert die Kripo Lindau. Fridolin Pfanner lebt. In Spanien, am Strand.

Für die Polizei ist die Sache damit erledigt. Nicht für die Westallgäuer. Sie sind gleichzeitig erleichtert und ratlos, enttäuscht und empört. »Er hat uns, sag ich mal, verarscht«, sagt der Drucker und Feuerwehrmann Andreas Hermann. Pause. »Menschenskind. Dass man sich so täuschen kann in einem.« Und dann: »Aber gut – er lebt. Wir sind ja nicht dazu da, Leichen zu finden.«

Einigen fallen im Nachhinein die Anzeichen ein: Wie Fridolin Pfanner kurz vor seinem Verschwinden sämtliche Belege für die Musikvereinskasse dem Dirigenten übergeben hat. Wie er ein Jahr zuvor mit Lauftraining begonnen hat. Vereinzelt hört man, der Pfanner müsse sich jetzt »warm anziehen«, sollte er zurückkommen. Da wissen sie noch nicht, dass Fridolin Pfanner ihnen allen einen Gruß zugedacht hat. Denn eine Frage, die ist ja noch lange nicht geklärt: die nach dem Warum.

Elmar Holzer, Druckereibesitzer und Heimatverleger erinnert sich an den Tag im April, als es bei ihm klingelt um 10 Uhr morgens. Der Postbote gibt ein Päckchen ab, dabei ein Brief an den »ehrenwerten Geschäftsmann« Holzer. Ein Brief von Fridolin Pfanner. »Sie kennen sicherlich den traurigen Sachverhalt meines Verschwindens aus meiner Heimat«, beginnt der Brief. Kurz und gut, er, Fridolin Pfanner, sei seiner Familie und den Menschen im Westallgäu eine Erklärung schuldig und so vertraue er Elmar Holzer beiliegendes Manuskript zur baldigen Veröffentlichung an. Ein Verlustgeschäft brauche der Verleger nicht zu befürchten, »ich glaube sogar, das Werk verkauft sich sehr gut«. Einen Anteil am Gewinn und zwanzig kostenfreie Exemplare möge der Verleger bitte dem Vater zukommen lassen. Mit freundlichem Gruß, Fridolin Pfanner, Chipiona, Spanien.

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Im Päckchen: 150 fein säuberlich mit Kugelschreiber beschriebene Seiten. Ein Foto für den Buchumschlag und haarklein die Regieanweisungen für den Grafiker: Die Buchstaben »FRIDO« bitte in Weiß, »LIN PFANNER« dann in Gelb. Holzer liest, telefoniert mit Pfanners Vater und entscheidet: Wir drucken das Buch. Und so wachen die Westallgäuer eines Morgens auf und blicken in das Gesicht einer Figur, die im ersten Moment als Rocky-Double durchgehen könnte: ein sonnengebräunter durchtrainierter Körper im Muskelshirt, schulterlange Haare, zusammengekniffene Lippen, ein Blick, der durch die schwarze Sonnenbrille hindurch zu sagen scheint: Platz da! Der sich zumindest sehr anstrengt, das zu sagen. »Fridolin Pfanner«, lesen die Leute auf dem Umschlag – »MEIN ZWEITES LEBEN«.

Merkwürdig, wie es im Nachhinein keiner gewesen sein will. »Den Schmarrn? Gelesen? Ich doch nicht.« Und doch sind die 500 Exemplare in dem 4000-Seelen-Ort Weiler im Handumdrehen ausverkauft. Holzer lässt noch einmal nachdrucken.

Gleich auf der ersten Seite nimmt Pfanner den Leser mit an den Tag seiner Flucht. »Heute werde ich mein ›zweites Leben‹ beginnen, und niemand, ja wirklich überhaupt niemand wird vorher etwas bemerkt oder geahnt haben.« Ein Jahr lang hat er sein Verschwinden vorbereitet, hat sich Kondition antrainiert, sich heimlich ein Trekkingrad und eine Campingausrüstung besorgt. 11000 Euro hat er angespart, die sollen zwei Jahre reichen. Minutiös plant er die Flucht, bis hin zu den Wäscheklammern, dem Haarföhn und den »fünf bügelfreien Kurzarmhemden« in den Gepäcktaschen.

»Es wird wahrscheinlich der Verdacht auf ein eventuelles Verbrechen entstehen«, schreibt er. Er entschuldigt sich beim Vater, bei der Freundin und den Brüdern: Die vergangenen Jahre seien »zum Großteil schön« gewesen. Tränen laufen ihm »rechts und links die Wangen herunter«, dann reißt er sich zusammen: »Jetzt aber auf in ein wahres Abenteuer.« Pfanner radelt los, »Geldbörse und Klopapier jederzeit griffbereit«.

Natürlich hofft jeder, dass Pfanner in dem Buch seine Gründe preisgibt. Aber da enttäuscht er sie alle. Zu eintönig sei ihm die Welt zu Hause geworden. »Alles war so festgefahren.« Er wisse, dass er Unverzeihliches tue, aber seiner Familie und seiner Freundin hätte er es nicht erklären können. »Sie hätten es bestimmt nicht verstanden, besser gesagt, sie hätten es nicht verstehen wollen.« In den Süden wolle er, an Meer und Strand, und dort seine »Träume und Sehnsüchte realisieren«.

Was für Träume? Pfanner zählt auf: »Ich will eine ausgewogene und gesunde Ernährung sowie eine absolute körperliche Fitness erreichen, keinen Alkohol trinken, außer gewisse Situationen erfordern eine Ausnahme. Mein vorläufiges und vorrangiges Hauptziel ist, Spanisch in Schrift und Sprache zu erlernen.«

Spanisch in Schrift und Sprache. Gesunde Ernährung. Zu Hause sind sie fassungslos. »Dafür all die schlaflosen Nächte. Die Ängste, die wir ausgestanden haben?«, sagt ein Kollege. Was viele zusätzlich aufbringt, ist die Tatsache, dass Pfanner schon kurz nach seinem Verschwinden über das Internet vom Mordverdacht der Ermittler erfuhr. »Mir ist fast übel, und ich gehe frühzeitig zu Bett«, schreibt er an dem Tag.

Am nächsten Morgen betet er. Im Lokalblatt Westallgäuer tobt ein Leserbriefkrieg. Auf der einen Seite die Empörten, für die Pfanner einer ist, »der nicht einen Moment an die Menschen gedacht hat, die ihm am nächsten standen«. Auf der anderen Seite die, die Pfanner in Schutz nehmen vor »Spott, Hohn und Beschimpfungen«: »Urteile nie über einen Menschen, bevor du nicht zwei Monde lang in seinen Mokassins gegangen bist«, zitiert einer eine indianische Weisheit.

Der Feuerwehrmann Andreas Hermann übersetzt das ins Allgäuerische: »Jeder ist eigen«, sagt er: »Niemand kann in die Seele eines anderen Menschen blicken.« Der Verleger Elmar Holzer wird beschimpft, weil er vom Leid anderer profitiere, dabei, erklärt Holzer, habe er keinen Cent verdient an dem Buch. Nach einer Weile ist er den Volkszorn leid. »Da habe ich das Manuskript verschnürt und versiegelt und im tiefsten Tresor begraben.« Holzer sagt, er habe Respekt vor Pfanner. Das ist im Westallgäu eine Minderheitenmeinung.

»Er hat sich absolut korrekt verhalten, keinen Euro aus der Bank genommen und niemanden angegriffen. Auch wenn’s merkwürdig war, der Mann hat Format.« Aber auch Holzer spricht aus, was alle denken: Warum so? Ohne eine Postkarte, ohne einen Anruf? »Das hätte er auch tausendmal einfacher haben können«, sagt Holzer. »Er hätte bloß zu sagen brauchen: ›Ich geh.‹ Dann hätten die anderen gesagt: ›Dann geh halt.‹« Genau. Aber das war wohl exakt das, was Pfanner nicht wollte. Dann nämlich wäre er nichts weiter als einer jener 150000 Deutschen, die jedes Jahr ihr Land verlassen, einer aus jenem Häuflein Marburger Sachbearbeiter und Husumer Wirtsleute, deren Umzug ins Ausland jede Woche Stoff für die Auswanderer-Soaps des Fernsehens ist.

(Lesen Sie auf der nächsten Seite: »Wie ein Zombie schaut der aus«, entfährt es einer Kollegin Pfanners.)

Pfanners Buch ist eine merkwürdige Lektüre. »Themaverfehlung«, schimpft ein ehemaliger Kollege: »Wenn das ein zweites Leben sein soll, dann bleib ich lieber bei meinem ersten.« Bis auf die paar mageren Zeilen zu seinen Motiven ist es im Wesentlichen eine Mischung aus Reiseführer und Biker-Fibel: das Tagebuch einer Fahrradtour, die ihn übers französische Perpignan ins spanische Andalusien führt.

Campingplätze (»50 Stellplätze, ebenerdig, mehrfach ausgezeichnet«) werden ebenso besprochen wie »zauberhafte« Städtchen, die zum »genüsslichen Einkaufsbummel« laden. Mal spielt Pfanner den Anthropologen (»Die Toreros genießen in Spanien einen tadellosen Ruf«), mal den Historiker (Kolumbus und seine Männer »verfuhren sich jedoch und entdeckten Amerika«).

Das war nicht ganz die Lektüre, die man sich im Westallgäu erwartet hatte. Und doch lehrreich: Der Fridolin, der schielt beim Abhauen noch nach hinten und schaut, ob ihm die anderen auch ja zugucken, meint einer. Das wirkliche Abenteuer des Fridolin Pfanner ist nicht die Flucht selbst, es ist ihre Inszenierung. Die Rocky-Pose fürs Umschlagfoto. »Wie ein Zombie schaut der aus«, entfährt es einer Kollegin Pfanners.

Geradezu genüsslich beschreibt Pfanner die Strapazen seiner Tour, die Schinderei über 80, 100, einmal sogar 160 Kilometer am Tag hinweg, die zitternden Beine, die Krämpfe, die am Ende dem »wunderbaren Gefühl« weichen, es wieder einmal geschafft zu haben. Das Buch ist auch das Protokoll einer Metamorphose: wie aus dem blassen, sanften Büromenschen jener muskulöse, braungebrannte Mann wird, zu dem am Ende der ihn aufgreifende spanische Polizist ungläubig sagen wird, er sei doch »bestimmt kein Deutscher«.

Tatsächlich habe er inzwischen »ein südländisches Aussehen«, vermerkt Pfanner stolz, nicht ohne den Leser über seinen »äußerst schmalen Oberlippenbart, der seitlich des Mundes in zwei feinen Linien zum immer kurz gehaltenen Dreitagekinnbart verläuft«, zu informieren.Am Strand macht Pfanner die Bekanntschaft von Jutta aus Kassel, einer Diätassistentin, die »nicht mit ihren weiblichen Reizen spart«. Jutta verwöhnt ihn nicht nur mit Reiki-Massagen »von Kopf bis Fuß«, sondern klärt ihn vor allem über die unzulängliche Natur seines Müslis auf, das sich in ihren fachkundigen Augen plötzlich als »halbwertige Kost« entpuppt.

(Lesen Sie auf der nächsten Seite: Fridolin Pfanner ist bis heute nicht wieder aufgetaucht.)

Da »vorher klar abgesprochen« ist, dass »keine zu enge Beziehung« entsteht, macht so zwar das Liebesleben des Fridolin Pfanner keine großen Fortschritte, wohl aber der Ernährungsplan. Fürs Essen, fürs Spanisch, für die Fitness – Pfanner legt für alles »eine entsprechende Gesamttabelle an, um eine gewisse Kontrollmöglichkeit zu haben«. Es ist eine Flucht nach Businessplan. Wenn er wegen starken Regens einmal nicht trainieren kann, fühlt er sich »zum Nichtstun verurteilt«. Pfanners Buch offenbart eine frappierende Diskrepanz: Auf dem Umschlagbild der geheimnisvolle Abenteurer in der Halbstarken-Pose, der sich vom Lichtkegel im Fotostudio einen Heiligenschein aufsetzen lässt. Und drinnen, auf 166 Seiten, der Buchhalter auf Fahrradtour.

Im Westallgäu hat sich die Aufregung inzwischen gelegt. Man meide das Thema, sagt ein Raiffeisenbank-Kollege. Armin Dorner, der Redaktionsleiter des Westallgäuers, ist überzeugt, dass Pfanner eines Tages wiederkehrt. »Der hält’s nicht aus da unten. Den holt die Leere ein«, glaubt er. »Wirst sehen: Er wird kommen und einen Diavortrag halten, und die Leute werden den Löwensaal füllen.«Und Pfanner selbst? Teilt mit, dass er »viel versprechende Ideen und verheißungsvolle Zukunftspläne« habe. Die spanische Polizei ließ Pfanner laufen, schließlich hat er kein Verbrechen begangen. Sein Buch endet mit der Zeile: »Mein nächstes Reiseziel heißt..?« Fridolin Pfanner ist bis heute nicht wieder aufgetaucht.

Illustrationen: Bernd Schifferdecker