Winnenden: Die verwundete Stadt

Zwei Monate nach dem Amoklauf: Der Ort Winnenden versucht langsam, zu so etwas wie Alltag zurückzufinden - auch wenn es fast unmöglich scheint. Eine Beobachtung.

Hunderte von traurigen Gedanken: eine Tafel, die 250 Meter von der Albertville-Realschule entfernt steht.
Der Randstreifen an der Straße ist jetzt fast fertig. Hier, gegenüber der Albertville-Realschule, standen die Übertragungswagen der Fernsehsender, dicht an dicht, tiefe Spuren hatten sie in den Fahrbahnrand gegraben, der Asphalt war angebrochen. Als die Fernsehteams weg waren, kamen die Straßenarbeiter. Winnenden macht sich daran, die Spuren zu beseitigen.

Vor dem Schulgebäude lagen wochenlang Blumensträuße, jetzt erinnern nur noch ein paar verwelkte Blätter an den Amoklauf vom 11. März. Alles andere ist weggeräumt, die Kränze, die Fotos, die Teddybären, die Glückssteine, die Kerzen, die Briefe, die Buntstifte, die Haarspangen, die sich vor dem Schreckensort an der Albert-viller Straße angesamwimelt hatten. Einige Relikte, heißt es, sollen in einer Gedenkstätte im Rathaus aufbewahrt werden. Zusammen mit dem Kondolenzbuch der Stadt. ---------

Die Menschen kommen wieder aus ihren Häusern. Sie gehen auf den Markt. Sie stehen im Supermarkt an der Kasse. »In der ersten Zeit hat ja hier fast niemand mehr eingekauft«, sagt Elke Hafendorfer, die Kassiererin des Rewe-Markts in der Altstadt. »Es war so eine Mischung aus Angst und Schockstarre.« Vielleicht könnte man auch sagen: Einkaufen, Rumräumen, Alltag, das schien plötzlich nicht mehr wichtig. Wer denkt schon an Milchvorräte, wenn die Hölle über einen hereingebrochen ist?

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In der ganzen Stadt haben Eltern ihren Kindern Tiere gekauft: Hamster, Meerschweinchen, Springmäuse, Hasen. Eine Massen-
invasion von Kleintieren. Sie wurden aus Backnang, Weinstadt, aus Fellbach und auch aus Stuttgart angekarrt, denn in Winnenden gibt es keine Zoohandlung. »So nach zwei Wochen ist das losgegangen«, sagt Zdenko Maric, der Filialleiter einer Tierfutter-Handlung in der Innenstadt. Eltern wollen ihren Kindern etwas geben, wofür sie sorgen können, etwas, was ein Gefühl von Verbundenheit schafft.

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Nie hätte ich gedacht, dass mich dieses Ereignis selbst so schockiert, so lähmt. Dabei darf ich nicht jammern, ich habe kein Kind verloren, keinen unmittelbaren Freund, für meine Familie und mich geht das Leben weiter wie bisher. Nein, stimmt nicht. Es geht natürlich für niemanden hier einfach so weiter. Wir wohnen in Winnenden, meine beiden Töchter gehen hier zur Schule, zum Glück ist es nicht die Albertville-Realschule. Meine Frau ist Lehrerin in Fellbach, rund zehn Kilometer entfernt. Unsere Kinder haben am Tag der Tat in ihren Schulen verfolgt, was passierte, sie erfuhren alles in SMS-Nachrichten von Freunden.

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»Es wird noch lange dauern, bis die Kinder mit all dem umgehen können«, sagt Bruno-Ludwig Hemmert. Der Mann trägt einen komplizierten Titel, er ist der Sprecher des Kriseninterventions- und Bewältigungsteams der bayerischen Schulpsychologen. Das Team ist seit dem Tag des Amoklaufs in Winnenden im Einsatz. »Noch ist keine Zeit für echte Verarbeitung. Es geht nur um Be-ruhigung. Man darf nicht zu früh glauben, man habe es geschafft.« Das glaubt hier auch keiner. Aber was bleibt den Menschen schon übrig? Sie versuchen, wieder zu etwas Normalität zu finden. Die Lehrer und Schüler der Albertville-Realschule zum Beispiel: Der Unterricht wurde wieder aufgenommen. Nicht in der alten Schule, das will den Kindern niemand zumuten. Also waren sie bisher in den beiden Gymnasien nebenan und in der schräg gegenüberliegenden Geschwister-Scholl-Realschule untergebracht, jetzt sind sie in ein eigenes Quartier umgezogen: ein Containerdorf. Was die Albertville-Realschule angeht, war im Rathaus und im Lehrerkollegium von Umbau die Rede, sogar von Abriss. Mittlerweile steht fest, dass die Schüler eines Tages wieder in das Gebäude zurückkehren sollen.

Lesen Sie auf der nächsten Seite weitere Notizen, die Jochen Kalka in Winnenden gemacht hat.

Kränze und Fotos werden weggeräumt, dann sind auch die abgebrannten Kerzen an der Reihe.
Als ein paar Wochen nach der Tat die Schulleiterin Astrid Hahn ihre Schüler während des Unterrichts besuchen wollte und an der Tür eines Klassenzimmers klopfte, sprangen Kinder schreiend auf, manche flüchteten in die Ecken. Auch der maskierte Amokläufer soll am 11. März an der Tür des ersten Zimmers geklopft haben, an dem er vorbeikam, ganz genau weiß man es nicht. Als er den Raum dann betrat, rief ein Schüler »Fasching ist vorbei«, dann schoss der Amokläufer los. Schon der bloße Gedanke, da kommt ein Unbekannter von außen, lässt alles wieder hochkommen. Mittlerweile gilt die Regel für alle: nicht anklopfen.

Um Ostern herum, rund einen Monat nach der Tat, wird zum ersten Mal ein wenig aufgeräumt. Die Feuerwehr lässt ihre auf Halbmast gesetzten Fahnen zuerst verschwinden. Die Agip-Tankstelle an der Bundesstraße 14 zieht die Fahnen wieder nach oben, ebenso Rewe und Obi. Bei »McDonald’s« hatten sie eine schwarze Schürze über das »c« im Schriftzug gebunden, der improvisierte Trauerflor wird jetzt entfernt. Ein einziges Trauerband wird noch Wochen später am Ortsschild von Winnenden flattern.

Die roten Andachtskerzen beim Drogeriemarkt Müller bleiben: Sie wurden dort bald nach der Tat kistenweise angeboten, gleich beim Eingang. Wenn man jetzt davor ein paar Minuten stehen bleibt, kann man tatsächlich zwei alte Damen im Vorbeigehen schimpfen hören: »Eigentlich schlimm, dass der ein Geschäft draus macht« – »Ach geh, wenn der keine Kerzen hätte, wär’s aber auch nicht gut.«

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Die letzten Fahnen, die eingezogen werden, sind die vor dem Rathaus. »Nun kämpfen und arbeiten wir dafür, dass unsere Stadt wieder so lebens- und liebenswert erstrahlt, wie sie bisher war«, sagt Oberbürgermeister Bernhard Fritz. Worte, die stark klingen sollen, nach vorn gerichtet. Nun ja. »Es ist für uns alle hier sehr schwer, wieder zur Normalität zurückzukehren. Es wird auch noch lang dauern.« Fritz schluckt. Man kann verstehen, warum sich Bruno-Ludwig Hemmert vom Interventionsteam um ihn Sorgen macht. Der Bürgermeister musste sich um so vieles kümmern, durfte keine Schwäche zeigen. Er war ja der exponierteste Bürger der Stadt. »Ich habe ihn gefragt, wer kümmert sich um Sie?«, erzählt Hemmert, »Darauf sagte er: Meine Tochter, die ist Sozialpädagogin.«

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Als die ersten warmen Tage kommen, wagen sich die Menschen zögerlich raus. Beim Rundgang durch den Ort kann man Leute sehen, die aufräumen, die ihre Häuser herrichten. Eine Frau streicht ihren Balkon in frischem Gelb, andere pflegen ihre Gärten, fast scheint es, als pflanzten sie mehr Blumen als sonst. Mehr Farbe gleich mehr Lebensfreude. Geht das?

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Der Drang aufzuräumen, alles neu herzurichten, überträgt sich
auch auf die Kinder. »Papa, guck mal in meinen Schrank«, sagt
meine elf Jahre alte Tochter voller Stolz. Sie sortiert ihre Regale
neu, ihre Kleiderschränke, sie mistet Spielsachen aus, von ganz allein. Ein Selbstreinigungsprozess.

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Seit dem Ereignis sind 70 Psychologen in Winnenden. In Erfurt damals waren es nur zehn. »85 Prozent der Menschen sind Selbstheiler«, sagt Hemmert, der Teamleiter. »Viele sehnen sich danach, das Thema könnte einfach irgendwie weg sein, ein beinahe kindlicher Wunsch. Er ist aber nicht realisierbar. Man kann, was passiert ist, nicht ungeschehen machen. Es ist Teil des Lebens, man muss es annehmen.« Die Kosten für die Einzelbetreuung der Schüler sind mit der Unfallversicherung abgedeckt, denn ein Amoklauf gilt als Schulunfall.

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Und dann gibt es die Menschen, für die eine Rückkehr in den Alltag einfach nicht möglich ist. Die irgendwas tun müssen, für sich selbst und gegen die Stille zu Hause. Die Familien von acht Opfern des Amoklaufs haben eine Stiftung gegen Gewalt an Schulen gegründet. Sie sammeln Unterschriften für strengere Waffengesetze und ein Verbot von gewaltverherrlichenden Computerspielen. Immerhin: Die große Koalition plant eine Verschärfung des Waffenrechts, aber wie weit die wirklich gehen wird, ist noch offen. Die Stiftungssprecherin Gisela Mayer sagt: »Was zu wünschen wäre, wäre ein bisschen Mut.«

Lesen Sie auf der nächsten Seite weitere Notizen, die Jochen Kalka in Winnenden gemacht hat.

Erinnerungsstücke vor dem Fenster.
Die Eltern des Amokläufers hat niemand mehr in Winnenden ge-sehen. Erst zogen sie wochenlang von Bekannten zu Bekannten, mit ihrer 13-jährigen Tochter, einem sehr beliebten Mädchen, Klassensprecherin am Lessing-Gymnasium. Für kurze Zeit wohnten sie
in Leutenbach, nicht weit von Winnenden. Inzwischen leben sie
irgendwo im schwäbischen Hinterland, unter falschem Namen. Der Vater hat in seiner eigenen Firma, einem Verpackungsunternehmen im benachbarten Affalterbach, einen neuen Chef eingesetzt.

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»Ketchup? Wieso ist denn dieses Päckchen Ketchup in deinem Mäppchen?«, frage ich meine Tochter. »Wenn wieder ein Amokläufer kommt«, sagt sie, »schmier ich mich damit voll und stelle mich tot.« Sie meint es völlig ernst. Spaß verstehen die Schüler von Winnenden nicht mehr. In den ersten Wochen nach dem 11. März fehlt der Stadt jegliches Kinderlachen. Die Stadt ist wie ein Wohnhaus, in dem Angehörige verstorben sind.

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Ausgerechnet der Mandolinenclub Schwaikheim bricht als Erstes das Schweigen. Ein Konzert, knapp zwei Wochen nach dem 11. März. »So sanft klingen die Saiten der Mandolinen, so einschmeichelnd friedlich, dass sie auch für Trauernde Labsal sein sollten«, schreibt die Winnender Zeitung. Und der »Mitsingclub« bietet »trotz trauriger Zeit« Gelegenheit, »unsere momentane Stimmung auszudrücken« – mit einem Liederprogramm, das »vielleicht dazu beiträgt, dass unsere Seelen wieder ein wenig ins Schwingen geraten«

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Die Situation erinnert an die Zeit nach dem 11. September 2001. Damals war die ganze Welt im Schockzustand. Niemand wusste: Wie lang ist Schweigen geboten? Wie lang muss das normale Leben aussetzen? Ab wann darf man eigentlich wieder lachen? Als sich damals Harald Schmidt als Erster wieder mit Scherzen vor die Kamera traute, hielt ganz Deutschland den Atem an: Geht das? Darf der das?

Auch in Winnenden schweben diese Fragen jetzt ständig über allem. Wochenlang wurde alles abgesagt, das ganze Leben geradezu: der Auftritt des Amaryllis Quartetts, der Seniorentanz im »Schloss-Café«, die Vernissage von Dorothea Geppert-Beitler. Auch der »Tag des Baumes«, die Aktion »Winnenden putzt«, die Jugendgemeinderatswahl, die Sportlehrerehrung, abgesagt wurde sogar der Auftritt des regionalen Comedy-Stars Andreas Müller im 40 Kilometer entfernten Böblingen.

Jetzt geht es wieder los, behutsam. Am 7. Mai tritt das Amaryllis Streichquartett doch noch auf. Am 10. Mai findet der Comedy-Auftritt von Andreas Müller in Böblingen statt. »Die Zeit war hier angehalten wie eine Uhr«, sagt der Psychologe Hemmert. »Aber so, wie es ein Davor gab, muss es auch ein Danach geben.«

Abgesagt bleiben Stadtfeste wie der »Wonnetag« im Mai oder auch der »City-Treff« im Juli, in früheren Zeiten ein Riesenrummel zwischen all den Fachwerkhäusern. »Die Wunden, die der Amoklauf geschlagen hat, sind tief«, entschuldigt sich Oberbürgermeister Fritz. Dennoch wolle man den Jugendlichen der Stadt etwas bieten, für den Herbst ist ein Open-Air-Konzert geplant.

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Trauerflor am Ortsschild.
Vielleicht tun sich die Älteren fast schwerer damit, jetzt wieder Worte zu finden. Die jungen Menschen machen das, was junge Menschen eben tun: Sie gehen ins Internet. Die meisten Schüler tauschen sich in Internet-Foren aus, besonders viele auf dem regionalen Sozialen Netzwerk Kwick.de. Freunde der Opfer stellen dort Videos ihrer getöteten Mitschüler ins Netz und schauen sie sich fast täglich stundenlang an. Explosionsartig entwickelt sich Kwick zu einer der meistgenutzten Sites in Deutschland, überholt im März MySpace und knackt die Marke von einer Milliarde Seitenaufrufe (zum Vergleich: Spiegel Online hatte im März 688 Millionen Seitenaufrufe).

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Im Blumenladen an der Schorndorfer Straße: Von fern hört man das Martinshorn eines Polizeiwagens, ganz leise nur. »Immer wenn man das hier hört«, sagt Tanja Zelder, die Blumenverkäuferin, »bleiben alle stehen, keiner sagt was, keiner bewegt sich.« Es wird Ewigkeiten dauern, bis die Menschen hier beim Klang eines Martinshorns nicht mehr automatisch an den 11. März denken.

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Als ich zum ersten Mal sehe, dass meine ältere Tochter den kleinen Schutzengel nicht mehr trägt, den sie von ihrer Oma geschenkt bekommen hat, frage ich: »Hast du ihn vergessen?« – »Nein«, sagt sie, »ich will ihn nicht mehr tragen. Er erinnert mich immer daran. Und ich will nicht mehr daran erinnert werden.«

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Ich ertappe mich dabei, wie ich im Auto nach dem Start alle Türknöpfe verschließe. In der Angst, ein Amokschütze könnte mich in meinem Auto überfallen. Wenn ich vor der Musikschule warte, um meine kleine Tochter abzuholen, sehe ich direkt vor mir den Parkplatz, von dem der Täter am 11. März mit dem VW flüchtete, genau auf dem Jakobsweg, der Winnenden an dieser Stelle kreuzt. 2345 Kilometer sind es von hier bis Santiago de Compostela, steht auf einem Schild an der riesigen Jakobuslinde.

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Bis vor Kurzem hing am Eingang zur Fußgängerzone noch das große Transparent. »Wir trauern« stand darauf. Mehr nicht. Dann wurde es abgehängt, ein paar Tage lang blieb die Stelle leer. Jetzt hängt da ein neues Transparent. Es wirbt für die »WinCard – das neue Einkaufserlebnis in Ihrem attraktiven Winnenden«.

Fotos: Toby Binder

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