Zukunft war gestern

Im Kino und den Bestsellerlisten findet man kaum mehr Science-Fiction, dafür umso mehr Fantasy-Stoffe. Im Zentrum stehen nicht mehr Androiden und Weltraumstädte, sondern eine archaische Welt des Wunderbaren voller Trolle, Elfen und Vampire. Was verrät das über unsere Zeit? Und vor allem: unsere Ängste?

Was die Gegenwart und was die Zukunft ausmacht, wo von vertrauten und wo von imaginären Ereignissen die Rede ist, darüber konnten die Leser der Zeitungen und Nachrichtenportale in diesen Wochen leicht in Ungewissheit geraten. In den Sparten, die für die Abbildung der täglichen Wirklichkeit zuständig sind, wird von Brillen berichtet, die einen Bildschirm vor das Auge des Trägers projizieren und ihm akustische Signale direkt über den Schädelknochen ins Ohr leiten; man liest von der erfolgreichen Herstellung menschlicher Embryonen durch eine Haut- und eine entkernte Eizelle und von einem Schönheitsidol, das sich nach einer Genomanalyse vorsorglich die Brüste hat entfernen lassen.

Im Kulturteil hingegen, dem Schauplatz der künstlerischen Weltentwürfe, konstatieren die Kritiker des neuen Star Trek-Films, dass die immergleichen Kulissen des Futuristischen fünfzig Jahre nach Beginn der Serie endgültig ihre Faszinationskraft verloren haben und das Abenteuer um Captain Kirk und Mr. Spock nur noch als Kammerspiel einer Männerfreundschaft inszeniert wird. »Abgesehen von den Dekors und der gelegentlichen Fortbewegung mit Raumschiffhilfe«, schreibt ein Rezensent, »handelt es sich nicht um einen Science-Fiction-Film«.

Was lässt sich im Jahr 2013 also über den Status unserer Imaginationen sagen? In welchem Verhältnis stehen sie zur medientechnischen, biologischen und sozialen Realität der Gegenwart? Nirgendwo offenbart ein Zeitalter ja mehr von sich selbst als in seinen Fantasien und Zukunftsvisionen. H. G. Wells’ berühmter Roman Die Zeitmaschine von 1895 mag im Jahr 802 701 spielen, ist aber ein treues Abbild spätviktorianischer Wissenschaftszirkel und ihrer Debatten über Fragen des Sozialdarwinismus. Und auch jene Filme, die in den vergangenen Jahrzehnten die Ästhetik der Science-Fiction geprägt haben, weisen inzwischen eher auf ihr Entstehungsdatum: Ridley Scotts Blade Runner etwa ist heute vor allem ein Dokument des Post-Punk und der Endzeit-Ängste der frühen Achtzigerjahre.

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Was erzählt die aktuelle literarische und filmische Fantastik aber über unsere Zeit? An den populärsten Werken der letzten zehn, 15 Jahre lassen sich zwei Grundtendenzen erkennen: Zum einen weisen die Imaginationen größtenteils nicht mehr in die Zukunft, sondern in eine weit entfernte Vergangenheit. Die technizistische Science-Fiction mit ihren utopischen oder apokalyptischen Visionen ist in den Hintergrund getreten (eine Entwicklung, die in den Fan-Foren und Spezialverlagen seit Längerem beklagt wird); anhaltende Konjunktur hat dagegen das Archaisch-Wunderbare, also Fantasy und seine Untergattungen.

Damit verbunden ist eine auffällige Juvenilisierung des Genres: Die fantastische Literatur, an der Grenze zur Schauer- oder Horrorgeschichte, hat sich wie das klassische Science-Fiction-Kino auch vor allem an ein erwachsenes Publikum gerichtet. Die größten Erfolge der Gegenwart – Harry Potter, die Twilight-Serie, Die Tribute von Panem, Die Chroniken von Narnia sind für Jugendliche gedacht oder erreichen wie die Tolkien-Verfilmungen ein generationenübergreifendes Publikum. Adoleszenzfragen sind offenbar zu einem bestimmenden Thema des Genres geworden.

Eines der interessantesten Fantastik-Projekte derzeit ist sicher die Buchreihe Die Tribute von Panem von Suzanne Collins, deren erster Teil auch verfilmt und zu einem der Kinoereignisse des vergange-nen Jahres wurde. Der Rahmen der Geschichte trägt eine Reihe von klassischen Science-Fiction-Merkmalen: Panem ist ein totalitärer Staat, errichtet nach einem verheerenden Bürgerkrieg. Die Regierung kontrolliert ihre Untertanen akribisch: Bildschirme zur Überwachung sind allgegenwärtig, die Identität der Menschen wird mit Bluttests nachgewiesen, ihr Standort durch Injektionen lokalisierbar gemacht.

Aber das Bemerkenswerte ist, dass diese Elemente nur beiläufige Kulisse bleiben und beliebig mit archaischen Versatzstücken kombiniert werden, der Selbstversorgung im Wald etwa oder der Jagd mit Pfeil und Bogen. Es geht nicht mehr wie bei Orwell um die Schrecken des modernen Überwachungsstaates – all das wird vorausgesetzt und als selbstverständlich hingenommen. Gegenstand der Handlung sind vielmehr die sogenannten »Hungerspiele«, die jedes Jahr als Mahnung an den Bürgerkrieg zwischen den verschiedenen Verwaltungsbezirken des Staates abgehalten und in einer Fernsehshow übertragen werden. Alle zwölf Bezirke losen jeweils einen Jungen und ein Mädchen zwischen zwölf und 18 Jahren aus, und die Jugendlichen müssen in einer von Kameras gesäumten Wildnis so lange gegeneinander kämpfen, bis sämtliche Teilnehmer außer dem Sieger tot sind.

Im Zentrum der Tribute von Panem steht also das Schicksal des Gewähltwerdens, und die Geschichte lässt keinen Zweifel aufkommen, auf welche zeitgenössischen Phänomene sie sich dabei bezieht. Es ist die Kultur des Castings, die hier im Sinne eines Wettbewerbs auf Leben und Tod radikalisiert wird. Die ausgewählten Kandidaten bekommen ehemalige Sieger als Coaches zur Seite gestellt, die sie bei der Selbstpräsentation vor der Jury unterstützen, und je nachdem, wie die Jugendlichen öffentlich beurteilt werden, verbessern sich ihre Konditionen während der Schlacht. Der Titel der Buchreihe zitiert zwar das »Brot und Spiele«-Motto des alten Roms, aber verhandelt wird eine hochaktuelle gesellschaftliche Entwicklung – der unentrinnbare Wettbewerbs- und Konkurrenzgedanke unserer Zeit.

Angst vor Einsamkeit und Google-Brille

Suzanne Collins’ Romane zeigen, wie sich der Impuls für die Erzählung fantastischer Geschichten verschoben hat. In den maßgeblichen Theorien zur Science-Fiction wird ja immer wieder darauf hingewiesen, dass kollektive Ängste als wichtigster Motor für die Gestaltung des Fantastischen zu begreifen sind. Wenn man sich die berühmtesten Dystopien des 20. Jahrhunderts ansieht, von Huxleys Brave New World und Orwells 1984 bis hin zu William Gibsons Cyberspace-Trilogie Neuromancer und den durch diese Romane inspirierten Matrix-Filmen, dann könnte man vielleicht drei solcher wiederkehrenden Ängste benennen: das Unbehagen angesichts einer vollständigen Erfassung der Menschen durch eine politische Macht; die Sorge um die Vernichtung der Welt; und schließlich der Zweifel, was der Mensch sei und wodurch er sich von künstlich oder maschinell hervorgebrachten Wesen unterscheide.

Es hat den Anschein, als seien gerade diese für das Science-Fiction-Genre produktivsten Kollektivängste durch die politischen und wissenschaftlichen Entwicklungen des letzten Vierteljahrhunderts abgemildert und sogar verblasst. Die Paranoia des Erfasstwerdens, die noch in den Achtzigerjahren unter Berufung auf Orwell Hunderttausende auf die Straßen trieb, zum Protest gegen Volkszählung und maschinenlesbaren Personalausweis, hat sich in den sozialen Netzwerken bekanntlich zu einem spielerischen und lustvollen Umgang mit persönlichen Daten gewandelt. Das Schreckensbild einer nuklearen Auslöschung der Welt, zwischen den Fünfziger- und Achtzigerjahren in Dutzenden von Romanen und Filmen imaginiert, ist mit dem Ende des Kalten Krieges weitgehend verschwunden. Die Angst vor dem künstlich gezüchteten Menschen wiederum, für die Huxley 1932 die kritische Blaupause lieferte, hat sich durch die Etablierung von Methoden wie der In-vitro-Fertilisation und neuerdings der Präimplantationsdiagnostik in Alltagsrealität verwandelt. Kaum jemand käme noch auf die Idee, die biomedizinische Gewährleistung gesunder Nachkommen für alle als eugenische Normierung zu betrachten. Was früher einmal »Menschenzüchtung« hieß, wird heute mit dem Persönlichkeitsrecht auf unversehrte Kinder erklärt.

Die Zukunft hat also in vielfacher Hinsicht jenes Imaginationspotenzial eingebüßt, das in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts euphorische oder apokalyptische Prognosen und Bilder produzierte. Die Schwelle der Jahrtausendwende, die futuristisch anmutende Zahl »2000«, hatte an dieser Sogkraft der Science-Fiction zweifellos Anteil – aber ebenso eine Mentalität, die viele Fragen des Lebens, die heute als freie, private Entscheidung gelten, als soziale Debatte verhandelten. Wenn sich Angelina Jolie nach einem Genscreening einer präventiven Brustamputation unterzieht, wird das nicht mehr, wie in dem Film Gattaca von 1997, als schreckhafte Vision einer Gesellschaft betrachtet, die den Lebensweg der Menschen nach der Qualität ihres genetischen Materials bestimmt, sondern allerorten als Vernunftentscheidung eines mutigen Individuums begrüßt.

Und genau diese Verschiebung von gesellschaftlichen zu biografischen Fragen, von der paranoiden Angst des 20. Jahrhunderts, dass eine äußere Instanz, ein Staat, ein »System« den Menschen bedrohen könnte, hin zu privaten Ängsten, die falschen Lebensentscheidungen zu treffen, kennzeichnet auch die populärsten künstlerischen Imaginationen der Gegenwart. »Du musst Sponsoren auftreiben«, sagt etwa der Coach zur Heldin in den Tributen von Panem vor der Begutachtung durch die Juroren. – »Ja, aber ich bin nicht gut genug darin, Freunde zu finden«, antwortet sie und fragt ihn: »Wie bringt man Leute dazu, einen zu mögen?« Darauf der Coach: »Sei einfach du selbst!«

Das ist vielleicht der Kerndialog unserer Zeit, die sich Tag für Tag um den Abgleich von Freunden und Followern sorgt, um Aufmerksamkeit und Wettbewerb, um die Evaluation vor Casting-Jurys, um Fernsehduelle und die Wahl zum »Mitarbeiter des Monats«. In dieser Hinsicht ist es konsequent, dass sogar das Urbild einer filmischen Science-Fiction-Welt, die Star Trek-Reihe, sich im neuesten Film vordringlich mit der Konkurrenz zweier Freunde beschäftigt.

Was bedeutet es also, dass Geschichten aus dem Weltall, mit ihren glänzenden Raumschiffen und Robotern, nur noch routiniert abgespult zu werden scheinen, die prägenden Fantasien der Zeit aber von Mädchen handeln, die ihre Mitbewerber mit Pfeil und Bogen bekämpfen, von einsamen Vampirgestalten im Highschool-Milieu oder von der archaischen Fantasy-Welt Tolkiens, die seit Jahren ein überwältigendes Revival erlebt und den schmalen Roman Der Hobbit gerade auf drei Kinofilme in Überlänge ausdehnt?

Die drohende Erschöpfung in einer kompetitiven Gesellschaft scheint das bestimmende Antriebselement dieser Fantasien zu sein. In den Tolkien-Verfilmungen oder der inzwischen genauso bekannten, unter dem Namen Game of Thrones fürs Fernsehen adaptierten Buchreihe Das Lied von Eis und Feuer, geht es ja gerade nicht um die verstörende Grenze zwischen Rationalität und Übernatürlichem, die in der Science-Fiction so oft am Anfang der Geschichten steht. Das Wunderbare ist vielmehr von Anfang an als Gegenwelt akzeptiert, und die Ambition besteht in einer möglichst umfassenden und akribischen Ausstaffierung dieser Sphäre. Daher die Dickleibigkeit der Werke, daher die unerlässlichen Landkarten in den Buchumschlägen und Filmvorspännen, die eigens angefertigten Schriften, Chroniken und Stammbäume. Fantasy strebt eine Totalität des Weltentwurfs an, die dem Leser Identifikation verschaffen soll, nicht schaudernde Desorientierung.

Es ist ein Effekt dieser Totalität, dass die Welt der Fantasy mehr als in jedem anderen literarischen Genre über die Ränder der Buchseiten wandert und im realen Leben der Leser Einzug hält, in Gestalt von Rollenspielen, Messen, Fan-Veranstaltungen. Der Gedanke der »Gemeinschaft« ist auf zwei Ebenen zentral – einmal im archaisch-mythischen Personal der Bücher, den Zwergen, Elfen, Rittern, die so gut wie nie als Einzelpersonen auftauchen, sondern als Stamm, als Spezies. Und dann auch auf der Ebene der Rezeption, die rituell im Sinne einer community begangen wird.

Der gewaltige Erfolg von Fantasy in den letzten Jahren könnte also genau mit jener Angst vor Vereinzelung zu tun haben. Das archaische Leben in Mittelerde oder in den sieben Königreichen von Westeros wird als übersichtlicher und solidarischer wahrgenommen. »Dies ist eine Geschichte aus alter Zeit«, heißt der erste Satz in Tolkiens Hobbit, und zivilisationskritisch wird ergänzt, die Abenteuer spielten in »der Frühe der Zeiten, als es noch mehr Grün und weniger Lärm auf der Welt gab«. Passend dazu ist der Fluchtpunkt der berühmtesten Fantasy-Zyklen stets die Wiederherstellung einer Heimat: Bilbo Beutlin hilft den Zwergen dabei, ihren Berg Erebor zu erobern; die Familie Targaryen im Lied von Eis und Feuer möchte den Thron von Westeros zurückgewinnen.

In der Geschichte der literarischen Fantasien haben sich Phasen der Vorwärts- und Rückwärtsbewegung immer wieder abgelöst. Das 21. Jahrhundert scheint bislang eher der zweiten Kategorie anzugehören. Der Mond ist betreten. Die Apokalypse droht allenfalls in Gestalt der Klimaerwärmung, einem weit entfernten, abstrakten Prozess. Der Mensch-Maschinen-Hybrid wird durch die Google-Brille vielleicht ganz beiläufig und ohne Schreckensvisionen Wirklichkeit. Bis auf Weiteres müssen wir uns mit Adoleszenzproblemen und behäbigen Fabelwesen mit Fellfüßen begnügen.

Fotos: dpa, Reuters

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