»Abhärten ist ein Mythos«

Viele Menschen baden gerade in eiskalten Gewässern, um ihr Immunsystem zu stärken. Doch macht so ein Kälteschock wirklich weniger anfällig für Infekte? Der Mediziner Rainer Straub erklärt den Zusammenhang zwischen akutem Stress und Abwehrkräften – und welche Rolle die Psyche dabei spielt.

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SZ-Magazin: Herr Straub, wenn Sie in Zeiten der Pandemie als Experte von Freundinnen und Freunden gefragt werden, wie sie ihr Immunsystem stärken können, was antworten Sie?
Rainer Straub: Ich glaube, dass sich so ein Virusinfekt relativ wenig beeinflussen lässt. Der scheint eine durchschlagende Kraft zu haben. Wir haben zum Beispiel auch immer gedacht oder gehofft, dass die Psyche Einfluss auf die Krebsentwicklung nimmt. Doch wenn man die Erkenntnisse bis zum Jahr 2020 streng durcharbeitet, findet man wenige Studien, die helfen könnten zu sagen, dass es diesen Zusammenhang gibt. Das ist bei Covid-19 vielleicht ähnlich. Das Virus ist stark und durchsetzungsfähig, der Anfällige reagiert mit einer schweren Lungenentzündung, das werden Sie durch psychologische Maßnahmen wenig ändern.

Wer ist denn anfällig?
Menschen mit Vorbedingungen wie Adipositas, Asthma, Bluthochdruck, Diabetes mellitus und chronischen Lungenkrankheiten, aber auch mit der Blutgruppe A oder männlichen Geschlechts.

An Silvester habe ich junge Leute im Starnberger See schwimmen sehen. Auch in der eiskalten Isar schwimmen zurzeit immer wieder Menschen, das sehe ich in diesem Corona-Winter zum ersten Mal so oft. Härtet das ab?
Abhärten als Begriff oder Mythos gibt es ja schon sehr lange. Man hat früher Kinder gewissen Widrigkeiten ausgesetzt, um sie zu stärken, ein zweifelhaftes Unterfangen. Ich muss aber gleich sagen: Abhärten, wie Sie es meinen, ist wissenschaftlich nicht untersucht. Es wird ein Mythos bleiben, auch nach unserem Gespräch.

Aber was können Sie sagen?
Wir kennen den Zusammenhang zwischen Stress und Immunantwort. Sich extremer Kälte auszusetzen, ruft eine Stressreaktion hervor. Wenn wir von Stressreaktion sprechen, meinen wir zwei Hauptachsen im Körper, die plötzlich eingeschaltet werden. Achse Nummer eins ist der Sympathikus, er gehört zum autonomen beziehungsweise vegetativen Nervensystem. Eine Nervenbahn aus dem Gehirn, die in die Peripherie des Körpers zieht, für Erregung sorgt – höhere Herzfrequenz, schnellere Atmung, man schwitzt –, und die der Gegenspieler des Parasympathikus ist.

Ich habe mir in der Schule gemerkt, dass der Parasympathikus auch Ruhenerv genannt wird.
Ja, er ist für die Verdauung zuständig. Zweitens wird bei einer Stressreaktion die Achse Hypothalamus, Hypophyse und Nebenniere angesprochen. Die Botenstoffe, die die jeweiligen Systeme freisetzen, also Dopamin, Adrenalin, Noradrenalin das eine, Kortisol das andere, üben über Rezeptoren eine Wirkung auf die Immunzellen aus. Kälte ist da nicht gut untersucht, kontrollierter Stress und die Antwort des Immunsystems darauf hingegen schon. Wenn Sie den Unterarm bis zum Ellenbogen in kaltes Wasser halten, haben Sie eine massive Reaktion des Sympathikus.

Dann ist Kälte doch untersucht.
Nur hinsichtlich der Sympathikusantwort, nicht hinsichtlich der Abhärtung gegenüber einem Infekt.

Wenn man sich überwindet, bei vier Grad ins Wasser zu gehen, ist man danach vielleicht beglückt. Glauben Sie, das stärkt den Menschen?
Kann sein. Aber ich bin Wissenschaftler und stelle mir grundsätzlich die Frage: Ist das hart untersucht? Hart untersucht hieße: Eine Gruppe lassen Sie kalt baden, einer anderen Gruppe bieten Sie etwas anderes an, einen anderen Stress, dann müssen Sie die beiden Gruppen über eine Winterperiode verfolgen und schauen, ob die einen oder die anderen mehr oder weniger Infekte bekommen. Das ist nicht gemacht worden.

Kennen Sie Wim Hof, den Iceman? Ein Niederländer, der sich eine Viertelstunde lang ins Eiswasser legt. Eine Studie kommt zu dem Ergebnis, dass Probanden, die die sogenannte Wim-Hof-Methode praktizierten, resistenter auf Grippeviren reagierten als eine nicht trainierte Vergleichsgruppe.
Der Iceman ist ein Showman, der als Extremsportler Kälterekorde aufstellt. Vielleicht tut es ihm tatsächlich gut, vielleicht auch ein paar anderen. Aber das ist sicherlich nicht für jeden gesund. Und jetzt kommen wir zu einem ganz wichtigen Punkt: Menschen sind sehr verschieden. In der Psychologie gibt es den Begriff der Sensibilität. Man unterscheidet zwischen Kindern, die man als Löwenzähne bezeichnet, und Kindern, die man als Orchideen bezeichnet. Nur – wir wissen nicht, welche Art von Sensibilität vorliegen muss, damit welche Tortur der Abhärtung etwas bringt oder nichts oder sogar das Gegenteil bewirkt. Der Iceman könnte ein Löwenzahn sein, oberflächlich betrachtet. Man kann ihm viel zumuten.

Oder er kann sich selbst viel zumuten.
Genau. Er sagt, ich habe Glücksgefühle, wenn ich die Kälte besiege. Glücksgefühle gleich Endorphine, es geht ihm danach besser. Jeder Spaziergang draußen führt dazu, dass Neurotransmitter wie Endorphine oder durchaus auch Hormone ausgeschüttet werden. Aber der Zusammenhang zwischen der Verbesserung des Infektionsgeschehens und dem Spaziergang draußen ist nicht untersucht. Nur wenn wir Abhärtung als Stress betrachten, können wir darüber reden.

Also reden wir über Stress.
Sehr gut untersucht ist: Wenn man es übertreibt, und das tun zum Beispiel Marathonläufer und Leistungssportler im Langstreckenbereich, hat man öfter Infekte als andere. Dann sind die Spiegel der Neurotransmitter und Hormone ständig zu hoch und diese legen das Immunsystem lahm. Das intensive Training fordert hohe Energieausgaben für die Muskelaktivität, schließlich verbrennt man ständig hohe Mengen an Energieträgern wie Glukose. Da bleibt weniger Energie für ein funktionierendes Immunsystem übrig

Meinen Sie damit, dass man ausbrennen kann, wenn man zu lange zu viel Stress hat?
Früher, also in den Achtziger- und Neunzigerjahren, hat man Stress eigentlich nur von dieser Seite aus betrachtet. Man redete von chronischem Stress, der das Immunsystem hemmte. Heute sage ich, dass es eine Art von Energie ist, die dem Immunsystem bei chronischem Stress entzogen wird. Erst mit dem Ende der Neunzigerjahre kam es zum Umschwung. Man erkannte, dass es akute, kurzfristige Formen von Stress gibt, die das Immunsystem tatsächlich unterstützen. Das passiert im Wesentlichen dadurch, dass der kurze Stress die Immunzellen aus den Speichern mobilisiert und eine Wanderung derselben unterstützt.

Wie kann man sich das vorstellen?
Normalerweise sitzen die Immunzellen in ihren Aufbewahrungsorten, in den Lymphknoten, in der Milz oder im Knochenmark. Wenn Sie nun akuten Stress anwenden, tauchen die alle in der Blutbahn auf. Die Leukozyten erhöhen sich von 4500 oder 5000 pro Mikroliter auf 15.000 oder 20.000 pro Mikroliter, das ist also eine Vervierfachung der Zahl der zirkulierenden Immunzellen. Diese Zellen bleiben aber nicht in den Blutbahnen, sondern wandern durch die verschiedenen Körperareale hindurch und sammeln sich dann wieder in den Aufbewahrungsorten. Dieser Prozess des großen Wanderns wird durch akuten Stress unterstützt und führt dazu, dass die so genannte Immunüberwachung im Gewebe deutlich besser ist.

Die Immunüberwachung, was ist das?
Wahrscheinlich der Schlüssel zu dieser ganzen positiven Seite des akuten Stresses. Der kommt eventuell auch beim Springen in die winterliche Isar vor. Wenn die Immunzellen fleißig wandern, wandern sie auch in die Schleimhäute der Nasennebenhöhlen und der Nase und an andere Plätze. Dort finden sie Erreger und Keime und können das Infektgeschehen zu einem Zeitpunkt bremsen, zu dem sich der Infekt noch gar nicht richtig entwickeln kann. Das ist die einzige Stelle, an der ich sage, so könnte Abhärtung funktionieren.

Wenn man in sehr kaltem Wasser war, prickelt danach der ganze Körper, man meint, jede Zelle zu spüren. Ist das die große Wanderung?
So einfach ist es nicht. Von der Wanderung spüren Sie nichts.

Wie kann man die große Wanderung der Immunzellen noch auslösen?
Sport ist eigentlich so eine Art Paradigma für akuten Stress. Oder Sauna, Hot-Tub-Baden, Musik, Tanzen. Da hat man auch eine höhere Herzfrequenz, ein typisches Zeichen für eine höhere Sympathikus-Aktivität, die die Wanderung der Immunzellen unterstützt.

Was ist mit Nervosität, Angst? Da steigt die Herzfrequenz auch.
Die Psychologie hat mal versucht, die zwei Formen von Stress zu benennen: Eustress und Distress. Guter Stress und schlechter Stress. Schon aus der Formulierung wird ersichtlich: Es ist unklar, wo man die Grenze zieht. Es ist sicher nicht ganz damit getan, dass man kurz den Sympathikus und die Hypothalamus-Hypophyse-Nebennieren-Achse aktiviert, sondern es kommt wieder darauf an, wie jemand auf die jeweilige Aktivierung anspricht. Da können manche positiv reagieren, andere weniger, und zu lange und zu stark darf es nicht sein, da sonst eine Hemmung des Immunsystems beobachtet wird, ähnlich wie beim Marathon.

Also wieder Löwenzahn und Orchidee. Warum ist der Löwenzahn ein Löwenzahn und die Orchidee eine Orchidee?
Wir wissen, dass wir etwa fünfzig Prozent unseres Verhaltens genetisch mitbekommen, viel mehr, als wir früher dachten. Also sind Löwenzahn und Orchidee auch genetisch bestimmt. Aber in Kindertagen werden sehr viele Weichen für den einen oder die andere gestellt, das geht über die Genetik hinaus, da sind wir bei der Epigenetik. Das ist ein Thema, das jetzt gerade hochkommt, und dazu werden wir in zehn Jahren viel klarere, bessere Daten haben.  Epigenetik bedeutet im Prinzip, dass man nachträglich an der ansonsten unveränderlichen Reihenfolge der Bausteine der DNS kleine Änderungen vornehmen kann. Also tatsächlich eine Veränderung der Ablesbarkeit der DNS. Ich habe bei der Recherche für ein Buch über die Prägung von Kindern nichts Besseres gefunden als die Epigenetik. Sie könnte auch beim Verstärken von Löwenzähnen beziehungsweise Orchideen eine wichtige Rolle spielen.

Was wird das für ein Buch?
Menschen, die so etwas wie Mobbing oder Missbrauch oder andere Widrigkeiten in ihrer Kindheit oder Jugend erlebt haben, bekommen häufiger Autoimmunkrankheiten, das geht aus mehreren epidemiologischen Studien hervor. Mich interessiert, wie das wirklich geht. Dazu muss man erstmal kapieren, wie die Probleme vom Gehirn über die Nerven hinüber zum Immunsystem reichen. Aber wenn man erkennt, dass der Mensch durch epigenetische Veränderung in Kindertagen geprägt wird, könnte man daraus Schlüsse ziehen, wie man Verhalten für die Zukunft verändert, denn das ist ja eine Art langzeitige Programmierung.

Die Schriftstellerin Ruth Klüger, die als Jugendliche den Holocaust überlebt hat, hat mal auf die Frage, ob einen härter macht, was einen nicht umbringt, gesagt: Es kann einen auch dünnhäutiger machen.
Nach meiner Recherche ist die Literatur zur sogenannten Abhärtung viel dünner als die Literatur, die sagt, dass jemand, der Widrigkeiten erlebt hat, mehr psychopathologische und somatische Probleme hat. Das ist auch besser untersucht. Natürlich gibt es ein paar wenige Gegenbeispiele, die werden dann glorreich hingestellt, und es ist auch wichtig für die Menschheit zu sehen, dass man es doch schaffen kann. Aber es ist selten, und viel häufiger ist die Psychopathologie und/oder die körperliche Krankheit.

In Ihrem Buch Altern, Müdigkeit und Entzündungen verstehen heißt ein Kapitel: »Was ist Lebenskraft?« Könnten Sie das für uns verständlich zusammenfassen?
Energie und Lebenskraft werden oft in einen Topf geworfen. Das, was wir Lebenskraft nennen, können wir im Prinzip nicht messen oder nachweisen. Der Volksmund benutzt solche Dinge natürlich. Ich betrachte Energie als Kilojoule oder Kilokalorie im physikalischen Sinne. Wenn ich schlecht schlafe, habe ich in der Nacht so viel Energie ausgegeben, dass sie mir für andere Zwecke am Tag fehlt. Schlafmangel raubt Energie, und zwar Kilojoule, das kann man nachweisen. Und wenn ich am Tag zum Beispiel einen Baum fällen möchte, fehlen mir die Kilojoule. Man kann auch sagen, ich habe keine Kraft – aber physikalisch richtig ist Energie.

Auch bei Kälte verbraucht der Körper Energie im Sinne von Kilojoule.
Ja, er verliert Energie und versucht in der Gegenreaktion, diese Energie aus Speichern freizusetzen oder möglichst schnell neue aufzunehmen. Der Körper spart Energie ein, indem er die Muskulatur herunterfährt, aus dem Fettgewebe Energie freisetzt, die in der Leber zu Glukose umwandelt und diese wieder den Muskeln zuführt. Ich stelle mir vor, dass die jungen Leute aus dem Starnberger See Energie aus den Speichern freigesetzt haben, nach dem Schwimmen doppelt so viel gegessen haben – und danach müde geworden sind, um Muskelenergie zu sparen.

Noch extremer ist ständige Kälte.
Ständige Kälte ist eine dauernde Belastung der Systeme, ein bisschen ähnlich wie der Marathon. Konsequenz: eine dauernde Immunsuppression. Noch ungünstiger wird es, wenn man gegen die Kälte Schnaps trinkt, denn Alkohol in größeren Mengen bremst das Immunsystem.

Verbraucht Angst auch Energie im Sinn von Kilojoule?
Eine Studie zeigt das. Studenten wurden beim Eintritt ins College untersucht und ein halbes Jahr lang begleitet. Anfangs wurden sie in vier Gruppen unterteilt, je nach Grad ihrer Ängstlichkeit. Zum Schluss wurden die Gruppe der Furchtlosesten und die Gruppe der Ängstlichsten verglichen. In zwei Tests wurde festgestellt: Ängstlichkeit kostet 15 Prozent mehr Energie als keine Ängstlichkeit. Es ist also tatsächlich so, dass ein Verhaltensmerkmal Einfluss auf Energieausgaben des Körpers nimmt und den Körper seiner Kräfte beraubt.

Und wie wirkt sich der Verlust von Energie auf das Immunsystem aus?
Ungünstig, da das Immunsystem hohe Mengen an Energie verbraucht. Ich erwarte eine schlechtere Immunfunktion. Ein Beispiel könnte eine Prüfungsvorbereitung sein, bei der man länger schlecht schläft und mehr Energie verbraucht. Es ist schon so, dass Prüfungen die Infektgefahr erhöhen. Dazu gibt es gute Untersuchungen. Oft ist das vor allem nach den Prüfungen relevant, in der Entspannungsphase. Das kennt jeder, der Stress ist vorbei, und dann kommt der Infekt raus. Während der Prüfung war die Aktivierung der Nerven- und Hormonachsen hoch, man ist geschützt, doch wenn der Sympathikus dann runterfährt und die Überwachungsfunktion nicht mehr übernimmt, ist der Körper anfällig. Ein Infekt kann sich durchsetzen.

Halten wir also fest: In Corona-Zeiten sollten wir so wenig Energie wie möglich an Angst verlieren. Und nur kurz kalt duschen oder eisbaden. Falls wir ein Löwenzahn sind.
Die Grenze zwischen kurz und lang allerdings ist nicht bekannt. Sie dürfte bei jedem anders sein.