»Ich habe von Fünfjährigen gelesen, bei denen Essstörungen diagnostiziert wurden«

Schon Kinder werden in ihrer Körperwahrnehmung von gesellschaftlichen Idealen beeinflusst. Wie kann man ihnen helfen, eine gesunde Selbstliebe aufzubauen? Lob für hübsches Aussehen bewirke genau das Gegenteil, sagt die Autorin Jessica Sanders – stattdessen müssten Eltern bei sich selbst anfangen.

SZ-Magazin: Frau Sanders, im Vorwort zu »Liebe deinen Körper« schreiben Sie: »Dieses Buch basiert auf meiner eigenen Forschung in Geschlechterstudien und Sozialarbeit sowie meinen eigenen Erfahrungen als Mädchen und junge Frau«. Was ist Ihnen widerfahren?
Jessica Sanders:
Ich war in der ersten Klasse, als ich anfing, meinen Körper mit denen meiner Mitschülerinnen zu vergleichen. Damals fiel mir zum ersten Mal so richtig auf, dass ich immer und überall das größte Kind war. Auch Erwachsene haben meine Größe immer häufiger kommentiert. Sie meinten es nicht böse, wenn sie sagten: »Du bist aber ein großes Mädchen!« Aber mich hat das wahnsinnig unsicher gemacht. War ich etwa zu groß? Unnormal groß? Ab da war meine Körpergröße mein gefühlter Schwachpunkt, und mit der Zeit wurde es schlimmer.

Inwiefern?
Auf der High School wurde der Druck noch größer, weil ich nicht der Norm entsprach. Oder besser: den unrealistischen Schönheitsidealen der Gesellschaft. Mir passten die Kleider nicht, die alle trugen, und es gab keine weiblichen Vorbilder, die so aussahen wie ich. Die klassische Abwärtsspirale nahm ihren Lauf: Ich fing an, regelmäßig Diäten zu machen, um irgendwie doch dem erwarteten Bild entsprechen zu können, was zu einem andauernden Kreislauf aus selbst auferlegten Verboten und Essattacken führten. Alles, was ich wollte, war dazuzugehören und normal auszusehen. Ich musste erst erwachsen werden, um zu verstehen, dass es sowas wie normal nicht gibt.

Was hat Ihnen dabei geholfen?
Als ich zwölf war, hat mich meine Mutter beim Volleyball angemeldet, weil sie wusste, dass meine Größe dort ein Vorteil sein würde. Das tat gut, zumindest jenseits des Schulalltags fand ich meinen Körper so ab und zu cool. Nach dem Ende der Schulzeit fing ich dann an, allein zu reisen. Ich bin im Himalaya in Nepal gewandert und habe den Kilimandscharo in Tansania bestiegen. Während dieser Wanderungen hat mein Körper unglaublich hart für mich und meine Ziele gearbeitet, und ich konnte ihn noch mal aus einer anderen Perspektive sehen. So habe ich langsam gelernt, meinen Körper für das wertzuschätzen, was er für mich leisten kann, statt dafür, wie er aussieht. Aber so richtig begriffen habe ich die ganze Schieflage erst, als ich Genderwissenschaften studiert habe.

Was meinen Sie mit »ganze Schieflage«?
Durch das Studium verstand ich plötzlich, warum ich als Kind so mies gefühlt hatte. Ich lernte, dass es sogar eine wissenschaftliche Sprache gibt, um diese Erfahrungen zu beschreiben – weil es sehr vielen Mädchen und jungen Frauen genauso geht. Wenn nicht sogar allen. Und damit waren meine Gefühle plötzlich nicht mehr mein Problem, nicht mehr meine Schuld, sondern Teil eines viel größeren Problems. Nämlich unseres kulturellen Narrativs, dass der Wert einer Frau auf ihrem Aussehen basiert. Das waren also gar nicht meine eigenen Gedanken, sondern sie waren mir durch das Fernsehen, durch Filme und Magazine eingepflanzt worden.

Was passierte, als Sie anfingen, das so zu sehen?
Ich fing innerlich an zu brennen. Ich spürte eine unsagbare Wut, weil mir das Gefühl der Freiheit in meinem eigenen Körper geraubt worden war. Etwas vom Wertvollsten, das wir besitzen. So entstand die Idee für »Liebe deinen Körper«.

Welche Worte hätten Sie damals gern gehört?
Die Worte, die mir gutgetan hätten, wären ganz einfach gewesen: »Du bist viel mehr als dein Körper, und du bist genug – genau so, wie du bist.« Aber niemand hat das so zu mir gesagt. Beziehungsweise: Wenn mir jemand etwas in der Art gesagt hat, konnte ich es nicht glauben. Ich glaubte stärker an das gesellschaftliche Ideal. Es war übermächtig.

Was kann die Gesellschaft tun, damit dieses Körperideal eine kleinere Rolle spielt?
Zuerst müssen wir anfangen, Körper abzubilden, wie sie in Wahrheit aussehen. Denn: Wir können nicht das sein, was wir nicht sehen. Wenn immer nur ein bestimmter Körpertyp in den Medien, Büchern und Filmen gezeigt wird, nämlich der schlanke, weitgehend makellose, dann verfestigt sich dieses viel zu enge Schönheitsideal. Und das baut unterbewusst einen großen Druck auf, schon bei Kindern. Wir müssen die Körper zeigen, die uns jeden Tag begegnen, mit Cellulitis, Dehnungsstreifen, behaarten Beinen, vielleicht fehlenden Gliedmaßen, mit Muttermalen und Pickeln. Wie soll ein Mädchen sonst wissen, dass es sich nicht dafür schämen muss, wenn seine Haut nicht aussieht wie die einer perfekt geschminkten Schauspielerin? Kinder denken, dass das, was sie nicht regelmäßig sehen, in irgendeiner Weise nicht in Ordnung ist. Das führt zwangsläufig dazu, dass sie denken, mit ihnen sei etwas nicht in Ordnung.

Sie sagen, dass sich dieses Körperbild bei Kindern unbewusst verfestigt. Wie können Eltern gegensteuern?
Eltern denken oft fälschlicherweise, ihre Kinder bekämen keine expliziten Botschaften, dass sie perfekte Haut und dünne Beine brauchen, um okay zu sein. Das mag stimmen, vielleicht sagt den Kindern das niemand direkt. Aber sie hören diese Botschaft laut und deutlich, wenn sie Zeichentrickfiguren oder Filmstars mit perfekter Haut und dünnen Beinen sehen. Eltern sollten also ganz genau hinschauen, welche Schönheitsideale und Stereotypen in den Medien vorkommen, die ihre Kinder konsumieren. Erinnern Sie sich an die japanische Manga-Zeichentrickserie »Sailor Moon«?

Ja. Es geht um eine Gruppe von Mädchen, die in sehr kurzen Röcken für Gerechtigkeit kämpfen.
In kurzen Röcken und mit schlanken, langen Beinen, großen Kulleraugen und Stupsnasen. Alle weiß, alle perfekt. Das ist ein besonders krasses Beispiel, aber: Wie soll ein einziges Kind auf der Welt sich damit wirklich identifizieren können? Es liegt in unserer Natur, dass wir in Büchern, Massenmedien und der Werbung nach Beispielen suchen, die uns repräsentieren. Also in denen wir uns selbst wiedererkennen. Denn das spiegelt uns: »Du bist okay, du bist wichtig, es ist dir erlaubt, hier zu sein.« Kein Kind, kein Mensch sieht aus wie Sailor Moon oder Elsa oder Anna aus dem Disney-Film »Frozen«. Die Schlussfolgerung vieler Kinder, vor allem junger Mädchen ist: Ich bin nicht so, also bin ich nicht genug. Eltern sollten sich auch bewusst machen, dass es auch einen Einfluss auf ihre Kinder hat, wie sie selbst mit ihrem Körper umgehen.

Was meinen Sie damit?
Eltern sind in der Regel die größten Vorbilder ihrer Kinder. Es ist wichtig, dass sie Selbstliebe vorleben. Nur so lernen ihre Kinder, sich selbst und damit andere gut zu behandeln. Viele Menschen glauben, dass es egal ist, wenn man seinen eigenen Körper vor anderen abwertet, weil man vielleicht ein paar Falten oder Speckröllchen hat, die einem nicht gefallen. Damit tue man ja niemandem weh. Das stimmt aber nicht. Kinder übernehmen so das oberflächliche Wertesystem für Schönheit.

Also: den eigenen Körper akzeptieren, damit Kinder lernen, sich selbst zu akzeptieren. Was noch?
Es ist in unserer Gesellschaft völlig normal, Mädchen zuerst Komplimente für ihr Aussehen zu machen: »Du siehst aber hübsch aus!« Damit bringen wir ihnen schon im Kindesalter bei, dass ihr Äußeres das Wichtigste ist. Darauf sollte man verzichten. Und dann denken Eltern oft, dass sie ihre Kinder durch Sätze wie »Keine Sorge, du bist nicht groß, klein, dick und so weiter« beschützen. Dabei unterstreichen sie damit in Wirklichkeit, dass diese Attribute schlecht sind.

Wann und wie sollte man anfangen, mit Kindern über ihren Körper zu sprechen?
So früh wie möglich. Als Erwachsene haben wir die Verantwortung, Kinder dabei zu unterstützen, eine gesunde Beziehung zu ihren Körpern aufzubauen. Zum Beispiel indem wir darüber sprechen, wie stark unsere Beine sind, die uns jeden Tag tragen, oder wie clever unsere Augen sind, dass wir mit ihnen Vögel am Himmel beobachten können. Je früher sich diese sehr praktische Sicht auf den Körper verfestigt, desto leichter wird es für die Kinder in der Zukunft.

Ab wann nehmen Kinder ihre Körper denn als unterschiedlich wahr – und ab wann als unterschiedlich wertvoll?
Im Schnitt ab acht Jahren – und zwar beides: als unterschiedlich und unterschiedlich wertvoll. Es kann aber auch schon deutlich früher vorkommen, ich habe von Fünfjährigen gelesen, bei denen Essstörungen diagnostiziert wurden.

Sie sind Sozialarbeiterin. Was ist während dieser Arbeit das häufigste Problem, das Sie in Bezug auf das Körperbild junger Menschen erleben?
Das unterscheidet sich etwas je nach Geschlecht. Jungs spüren typischerweise viel Druck, groß, stark und muskulös zu sein, Mädchen hingegen klein und dünn. Das größte Körperbild-Problem, das allen Geschlechtern gemein ist, ist die Angst davor, übergewichtig zu sein oder in irgendeiner Art von der Norm abzuweichen.

Welche Tipps haben Sie für junge Menschen, um sich selbst zu helfen, wenn sie sich schlecht fühlen?
Erstens: Du bist nicht allein. Jeder in deinem Alter ist unsicher. Zweitens: Dein Körper ist ein unglaubliches Instrument, das dich durch die Höhen und Tiefen des Lebens tragen wird. Sei dankbar für ihn, auch dann, wenn du ihn nicht lieben kannst. Drittens: Du bist viel mehr als ein Körper, und du bist genug ­– genauso, wie du bist.

Hadern Sie heute manchmal trotz allem noch mit Ihrem Körper?
Ja, mehrmals pro Woche. Aber diese Gedanken sind seltener geworden. Ich bin nicht sicher, ob sie jemals ganz verschwinden werden, es ist ein fortwährender Prozess. Wir alle werden mit Selbstliebe geboren, doch viele verlieren sie in der Kindheit. Sie wiederzufinden, ist harte Arbeit. Oft dauert es ein Leben lang.