»Erinnern reicht nicht, wir müssen alles gegen die neuen Nazis tun«

Eddie Jaku hat mit 100 Jahren das Buch »Ich bin der glücklichste Mensch der Welt« geschrieben. Dabei war er als Jude in Auschwitz und hat 154 Verwandte im Holocaust verloren. Ein Gespräch über Hass, seine Begegnungen mit Hitler und spätes Glück.

Eddie mit seinem Gürtel, dem einzigen persönlichen Gegenstand, der ihm in Auschwitz nicht abgenommen wurde.

Foto: Katherine Griffiths (mit freundlicher Genehmigung des Sydney Jewish Museum)

der ihm in Auschwitz nicht abgenommen wurde

SZ-Magazin: Gut sehen Sie auf Facetime aus, Herr Jaku.
Eddie Jaku: Ich werde noch im April 101 Jahre alt, dafür halte ich mich ganz gut. In meinem Beruf habe ich chirurgische Instrumente gebaut, mechanische und optische. Ich weiß, was mein Körper kann und was nicht. Ich habe immer auf mich aufgepasst, seit es meine Familie nicht mehr gab. Ich bin nicht krank, ich fahre Auto, ich laufe so schnell wie ein junger Mann, alles perfekt. Meiner Frau, sie ist 98, geht es leider nicht so gut, deswegen leben wir im Altersheim. Ich müsste nicht hier sein, aber wegen Covid konnte ich nicht ein- und ausgehen, wann immer ich meine Frau sehen wollte, deshalb bleibe ich jetzt auch hier.

Sie haben über Ihr Überleben in Auschwitz geschrieben. Wie erklären Sie sich, dass Ihr Buch in Australien und England so erfolgreich war? Viele andere Auschwitz-Überlebende haben vor Ihnen darüber berichtet.
Es gibt jetzt vielleicht fünfzig Bücher von Holocaust-Überlebenden, meines ist in Australien und England das meistverkaufte. Dabei wollte ich nie ein Buch darüber schreiben. Seit dreißig Jahren habe ich im Jüdischen Museum in Sydney darüber gesprochen. Merkwürdig, dass mich jemand überreden konnte. Ich erzähle nur auf dreißig Seiten von Auschwitz. Ich spreche viel über das richtige Leben, und wie wichtig Respekt ist, gegenüber den Eltern. Heute gibt es das kaum mehr. Geld macht einen und Geld zerstört einen. Zu meinen Söhnen sage ich: Ihr schuldet mir nichts. Ich habe euch zu meinem Vergnügen gemacht. Ihr schuldet mir allein Respekt. Der eine ist 73, der andere 68, und sie kommen noch jeden Tag ihre Eltern besuchen.

Hat das Alter Sie weicher gemacht, versöhnlicher?
Nein. Ich bin nicht weicher geworden, aber weiser. Ich habe das Schlimmste von der Menschheit gesehen und das Beste.

Haben Sie mit Ihren Söhnen über Auschwitz geredet?
Als sie zwölf, 13 waren, habe ich ihnen davon erzählt. Davor hatte ich das Thema vermieden. Ich wollte eine normale Familie haben, meine Frau war ja auch nicht in Auschwitz. Man möchte eine Zeitlang vergessen, was man da durchgemacht hat. Aber zwanzig Jahre danach sagte ich mir: Wenn ich vergesse, verrate ich sechs Millionen Menschen. Im Museum habe ich seitdem zu Tausenden Menschen gesprochen, ich erzähle denen: Meine Stimme ist die von sechs Millionen. Wenn all die Ärzte, die in Auschwitz umkamen, gelebt hätten, wären Alzheimer, Parkinson, Brustkrebs längst besiegt. Ärzte sind heutzutage nicht mehr so passioniert, sie sind Geschäftsleute. Das ist eine andere Welt. Glauben Sie mir. Ich mag nicht alles in Australien. Es ist das Paradies der Unbegabten. Nirgendwo auf der Welt verdient ein ungelernter Arbeiter so viel wie hier.

Was ist Ihr Fazit: Ist der Mensch von Natur aus gut oder schlecht?
Kein Mensch ist von Natur aus schlecht. Nur Fanatiker werden zum Übel für die Gesellschaft. Die Nazis waren schlecht. Sie waren erfolgreich in Ihrem Land, das auch mal meines war. Ich war erstens Deutscher und zweitens Deutscher, auch zuhause, und dann erst jüdisch. Wir liebten Deutschland.

Ist Ihre in Auschwitz eintätowierte Nummer noch zu lesen?
Ja, auf dem linken Arm: 172338.

Hassen Sie die Deutschen heute?
Ich hasse nicht, weil die Deutschen das von mir gewollt hätten. Hass ist eine Krankheit, die mein Leben ruiniert hätte. Mein Leben ist ein glückliches. Ich liebe jeden. Jeder, der mein Freund sein will, ist es. Freundschaft kann man nicht kaufen. Und der beste Freund ist oft der Vater oder die Mutter. Meine Söhne haben mir neulich gesagt: Selbst wenn ich 150 Jahre alt würde, sie könnten nie zurückzahlen, was ich ihnen Gutes getan habe. Das ist wunderbar. Wir sind eine innige Familie. Ich bin glücklich, weil vor 80 Jahren gar nicht daran zu denken war, dass ich einmal Urenkel bekäme. 154 Familienmitglieder sind umgekommen.

Bis Ihre Familie nach der Kristallnacht nach Belgien floh, hatten Sie in Leipzig gelebt. Ihre deutschen Arbeitskollegen, Nachbarn und Freunde haben die Nazis gewählt oder geduldet.
Von denen war ich natürlich enttäuscht. Zwei Tanten von mir waren mit Deutschen verheiratet, die sich sofort scheiden lassen wollten, als Hitler an die Macht kam. In Buchenwald war ich mit 1400 Gefangenen, die deutsche Ehefrauen hatten. Die demonstrierten jeden Tag drei Stunden auf dem Kudamm in Berlin und schrien: Lasst unsere Männer raus! Die Nazis haben sie rausgelassen. Für mich hat niemand protestiert. Ich habe mich gefragt, wo meine deutschen Freunde blieben. Warum hat man mich in der Kristallnacht verprügelt? Ein Aufseher in Buchenwald fragte, was mir passiert sei. Das waren Ihre Leute, sagte ich. Er ließ mich nach Weimar ins nächste Krankenhaus überweisen. Dort fragte ich die Krankenschwester: Was würde passieren, wenn ich jetzt fliehe? Man würde Ihre Eltern hängen, sagte sie. Hätte ich gewusst, dass sie ohnehin getötet würden, wäre ich damals gleich geflohen. Ich bin ja fünf Mal in meinem Leben geflüchtet. Aus Belgien, aus Deutschland, aus Frankreich, zweimal aus Auschwitz. Und ich habe überlebt. Ich mag jedermann bis zum Beweis des Gegenteils.

Wir sprechen Englisch. Sprechen Sie eigentlich noch Deutsch?
Ich spreche sehr gut Deutsch. Aber ich ziehe Englisch vor, wenn es Ihnen nichts ausmacht – es ist nichts Persönliches. Im Jüdischen Museum von Sydney spreche ich mit jedem deutschen Besucher Deutsch. Zweimal im Jahr gehe ich an eine deutsche Schule in Sydney und erzähle meine Geschichte. Und sage: Bitte hasst nicht. Und den Lehrern empfehle ich, die Eltern einzuladen, Erziehung beginnt zuhause. Wenn die Eltern Juden hassen, tun das ihre Kinder auch.

Sie hegen nicht einmal Hass gegen die Nazis?
Ich hasse die Nazis nicht, ich verachte sie. Die Nazis waren geistig gestört. Als ich sah, wie Ernst Torgler, der Chef der Kommunistischen Partei, in Buchenwald jeden Tag gefoltert wurde, da wusste ich, dass dies nicht mehr mein Deutschland war. Das Land von Goethe und Schiller, von Beethoven und Mozart – wie konnte dieses Land Buchenwald erlauben? In Smolensk habe ich im Krieg gesehen, wie ein Kommandant seinem Regiment befahl, einen Hügel von den Russen einzunehmen. Er schickte 10 000 Leute in den Tod, 18 bis 30 Jahre alt.

Wie schaffen Sie es, dennoch an das Gute im Menschen glauben?
In Frankreich war ich als Deutscher interniert, nicht als Jude. Ich stahl fünf Spritzen Morphium aus dem Lazarett, ich wollte einem Verletzten helfen. Der französische Kommandeur befahl einem Soldaten, mich zu erschießen. Der sagte nur, nein, ich wollte das Morphium ja nicht für mich, sondern für einen Verwundeten. Der Soldat weigerte sich, und ich überlebte auch das. Menschen sind gut, wenn sie nicht Fanatiker sind.

Sie haben Hitler und Mengele persönlich erlebt.
Hitler sah ich zweimal. Vor dem Krieg arbeitete ich bei Siemens und stand ganz nah neben ihm. Niemand wusste dort, dass ich Jude war, ich nannte mich damals Walter Schleif. Hätte ich eine Waffe gehabt und gewusst, was kommen würde, ich hätte mein Leben gegeben und damit zwanzig Millionen Menschen gerettet. Als meine Eltern und ich im Januar 1944 in Auschwitz ankamen, schickte Joseph Mengele, der Todesengel, meine Eltern nach rechts und mich nach links. Beide sind tot. Er war der größte Mörder, den es je gab.

Wie überlebten Sie?
Mengele erfuhr, dass ich Feinmechaniker für chirurgische Instrumente war, das machte mich zu einem wirtschaftlich wertvollen Juden. In Auschwitz standen ja auf der einen Seite elf Fabriken, auf der anderen wir und die Nazis. AEG, Bosch, IG-Farben brauchten uns, um Munition herzustellen. Wir arbeiteten umsonst. Die Ärzte unter uns wurden jeden Tag in umliegende Krankenhäuser gefahren. Dort bekamen sie Kartoffeln, rohe, die gaben sie mir zum Kochen. Als Vorarbeiter bei Bayer hatte ich Zugang zu einem Topf in der Küche, wo ich die Kartoffeln kochen konnte, drei für die Ärzte, eine für mich. So überlebte ich und brachte zwanzig, dreißig Leute um mich durch mit den Kartoffeln. Auch meinen Freund Kurt in Block 32, ich war in 14, das war weit, und einmal war da war ein Mann, der mich überfallen wollte. Er versuchte, mich mit der Metallkappe an seinen schweren Stiefeln zu verletzen, aber er traf nur die Kartoffeln in meiner Gesäßtasche. Da hatte ich wieder Glück. Sie wollten uns verhungern lassen, sie wollten uns verprügeln. Aber wenn der Kopf klar blieb, konnte man mit dem wenigen Essen überleben. Wir schliefen zu zehnt in einer Reihe, drinnen hatte es minus acht Grad, draußen minus zwanzig.

Glauben Sie an Gott?
Nein. Ich glaube an eine höhere Macht, ich glaube, dass ein Blitz mich treffen wird oder ein Tsunami, wenn ich schlecht bin. Aber es gibt keine Vergebung. Nazis waren der Auswurf der Gesellschaft. Mein Sieg ist, am Leben geblieben zu sein, eine Familie zu haben und zu Tausenden Menschen zu sprechen. 2013 bekam ich in Australien einen Orden. Der Premierminister hat jetzt sogar mein Buch empfohlen. Der deutsche Verlag wird es hoffentlich gut übersetzen. Ich liebe Deutschland immer noch. Deutsche Musik. Mit Ausnahme von Wagner, der wurde von morgens fünf bis nachts um zehn von jüdischen Geigern gespielt. Hitler mochte Wagner, wir haben uns versprochen, den nie mehr zu hören. Wir wurden mit Wagner getötet. Ich kaufe auch keinen Mercedes, keinen BMW, keinen VW.

Sie wollten erst nicht, dass Ihr Buch auch auf Deutsch erscheint.
Ja, aber dann schrieb mir jemand vom Verlag einen Brief in wunderbarem Englisch, worauf ich mich dann doch einverstanden erklärte. Mein Buch handelt ja vom Leben.

Sie haben sich auch geweigert, je wieder nach Deutschland zu reisen.
Ein Onkel und eine Tante wanderten 1936 nach Palästina aus. Als ich nach dem Krieg nach Belgien zurückkehrte, hatte ich kein Geld, kein Zuhause, keine Verwandten, die beiden schickten mir Geld zum Überleben, weil ich in Belgien Gefahr lief, als mittelloser Ausländer ausgewiesen zu werden. Sie denken, ich mag nur Deutschland nicht? Nein, Belgien mag ich auch nicht. Ich mag ganz Europa nicht. Deutschland erledigte den schmutzigen Job, aber alle anderen haben geholfen. Ich wurde von belgischer Polizei verhaftet, nicht von deutscher. Sie lieferten mich in Brüssel an die Deutschen aus, wo wir vier Tage im Gefängnis warten mussten, bis man uns im Zug nach Auschwitz deportierte. Drei Tage fuhren wir im Zug, mein Vater hat im Zug 150 Menschen gerettet, weil er das Wasser streng rationierte. In den nebenliegenden Wagons verdursteten die Menschen.

Weinen Sie manchmal?
Ja. Oft sogar. Aber nicht vor Leuten. Sie können sich nicht vorstellen, wie ich meine Mutter vermisse. Nach meiner ersten Haft in Buchenwald dachte ich daran zu fliehen. Wir hatten genug Geld, um wegzugehen. In Mein Kampf hatte Hitler schließlich angekündigt, was er mit den Juden vorhatte. Aber mein Vater wollte nicht.

Ein Holocaust-Überlebender wurde einmal gefragt, wie man Hitler heute verhindern könnte. Seine Antwort: Indem man den Hitler in sich erkennt. Wie lautet Ihre Antwort?
Erinnern reicht nicht, wir müssen alles gegen die neuen Nazis tun. Gegen eine neue Partei zur weißen Vorherrschaft. Es gibt keine überlegene Rasse. Das ist Quatsch. Die chinesischen Studenten hier in Sydney sind die besten. All die reichen Kinder von Ärzten und Anwälten arbeiten nicht hart, die Chinesen schon. Ich setze mich für Bildung ein, damit nirgendwo mehr ein Diktator an die Macht kommt. Hitler hat versprochen: Ich nehme das Geld der Juden und gebe euch allen einen Volkswagen. Niemand hat das hinterfragt.

Können Sie sich Auschwitz überhaupt erklären?
Schwer. Ich verstehe bis heute nicht, wie ein Mann jemanden aus der Reihe ziehen, ihn totschlagen und dann nach Hause zum Abendessen mit seiner Frau gehen kann. Eineinhalb Millionen Kinder sind lebend verbrannt worden. Ich habe gesehen, wie ein Mann ein Kind nahm und dessen Kopf an die Wand schlug. Die anderen sahen das und sagten nichts. Sind das Menschen oder Viecher? Löwen, die nicht hungrig sind, tun dir nichts. Die Nazis waren keine Menschen. Mein Direktor im Jüdischen Museum bat mich einmal, mich in Sydney um eine Besucherin aus Deutschland zu kümmern. Sie hatte einen Doktortitel in Philosophie, sprach aber kein Englisch. Als ich sie dann zum Flughafen brachte, lud sie mich nach Hannover ein. Komm zu mir, bleib so lange du willst. Ich sagte: Du wirst es nicht verstehen, du bist lange nach dem Krieg geboren, aber ich gehe nicht nach Deutschland. Aber wenn du mir einen Gefallen tun willst, frage deinen Vater, wo er ab 1938 war. Und deinen Großvater. Sie hat mir dann geschrieben, vier Seiten lang: Ihr Großvater hatte zum 90. Geburtstag 75 Leute eingeladen. Nach dem Essen fragte sie: Opa, wo warst du im Krieg? Da ist er aufgestanden, hat die Tischdecke mit dem ganzen Geschirr vom Tisch gezogen, eine Pistole hervorgeholt und seiner Enkelin gedroht: Wenn du mich das noch einmal fragst, dann erschieße ich dich. Sie hat sich dafür entschuldigt, dass sie mich eingeladen hat. Ihr Großvater war ein Leiter eines Konzentrationslagers in Riga. Er hat Leute im Graben erschossen. Wie viel Hass muss er in sich gehabt haben?