Wie man in den sozialen Netzwerken besser streitet

Meinungsverschiedenheiten auf Twitter, Facebook oder Instagram enden oft mit Beschimpfungen oder Drohungen. Wie kann man dort mit Menschen konstruktiv diskutieren, die völlig anderer Meinung sind? Elf Tipps für eine bessere digitale Debattenkultur.

Der Umgangston in sozialen Netzwerken ist oft rau und mitunter erschreckend – und doch kann sich der Ärger lohnen.

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Der Experte:
Der Engländer Iain Dale, 58, hat auf Twitter 215.000 Follower und dort vom Shitstorm bis zur Solidaritätswelle so ziemlich alles erlebt. Der politische Analyst schreibt in seinem neuen Buch »Why Can’t We All Just Get Along … Shout less. Listen more« über den Zustand der Debattenkultur und macht darin Vorschläge, wie alle dazu beitragen könnten, dass der Umgangston besser wird. Wir haben ihn um Ratschläge gebeten, wie man in sozialen Netzwerken respektvoller und fruchtbarer streiten kann.

Tipp 1: Wenn Sie die Wut in sich aufsteigen spüren, denken Sie daran, was Ihre Mutter zu Ihrem nächsten Post sagen würde.
»Der größte Fehler in den sozialen Netzwerken ist, zu schnell zu reagieren. Jemand sagte mal: ›Iain Dale ist in seiner Radiosendung sehr nett – aber auf Twitter ist er ein Biest.‹ Und er hatte Recht. Ich erkannte beim Lesen meiner Tweets, dass auch ich in den sozialen Netzwerken moderater werden muss. Und das mache ich jetzt: Ich reagiere nicht mehr unmittelbar, wenn ich etwas über mich lese oder mich jemand beleidigt, ich lasse es erst sacken. Man wird ruhiger, die Wut lässt nach, was einen zudem souveräner wirken lässt. Und: Man kann es auch einfach mal gut sein lassen. Wenn eine Diskussion in die falsche Richtung läuft, lassen Sie es. Sie werden der Person, mit der Sie streiten, persönlich vermutlich nie begegnen. Was bringt Ihnen der Ärger? Ich erinnere mich an einen Abend, an dem ich mich um halb ein Uhr in der Nacht im Bett sitzend mit jemandem stritt, dessen Account fünf Follower hatte, als Profilfoto ein Ei und der irgendwo in Sankt Petersburg saß. Ich dachte: Was um Himmels Willen machst du hier eigentlich? Was bringt mein Post gerade?«

Tipp 2: Unterstellen Sie Leuten, die anderer Meinung sind, nicht gleich, sie seien schlechte Menschen.
»Donald Trump ist hier das Paradebeispiel: Er kann sich einfach nicht vorstellen, dass auch seine Gegner, die Demokraten, möchten, dass es den USA besser geht. Man gesteht politisch Andersdenkenden heute nicht mehr zu, auch nur das Beste für ihre Familien oder ihr Land zu wollen, nur eben mit einem anderen Weg oder einer anderen Sicht auf die Dinge. Laut einer Umfrage wollen 37 Prozent der Briten, die für einen Verbleib in der EU waren, nicht, dass ihre Tochter oder ihr Sohn einen Brexit-Befürworter heiratet. Am Streit über den Brexit sind Beziehungen kaputtgegangen, Familien auseinandergebrochen, Freundschaften beendet worden. Ich war für den Brexit, viele meiner Freunde wollten in der EU bleiben – aber mir käme nie in den Sinn, sie nicht weiter als Freunde haben zu wollen. Ich gelte als politisch eher rechts stehend, in Wirtschaftsthemen bin ich sehr konservativ, aber was soziale Fragen angeht bin vermutlich recht liberal. Das irritiert viele, weil sie bei dem einen Thema mögen, was ich sage, bei anderen mir aber total widersprechen.«

Tipp 3: Wenn jemand nicht mit Ihnen übereinstimmt, fragen Sie, warum nicht.
»Auf Twitter, Facebook, Instagram, Youtube und all den anderen Plattformen kann eine Diskussion viel rasanter eskalieren als früher, als man noch Leserbriefe schreiben musste, und noch dazu eskaliert sie vor einem größeren Publikum denn je. Wer aber innerhalb von wenigen Sekunden ein Urteil über den anderen fällt, begeht oft den Fehler, gar nicht zu verstehen, welches Anliegen die Gegenseite eigentlich hat, welche Punkte ihr wichtig sind. Gerade in kurzen Tweets geht es oft nur um Nuancen in den Formulierungen. Fragen Sie lieber nach, statt vorschnell zu urteilen: ›Warum sehen Sie das so? Was sagen Sie zu dieser Studie? Warum macht Sie das so wütend?‹«

Tipp 4: Betrachten Sie Ihren Freundeskreis: Haben alle den gleichen sozialen Hintergrund oder die gleiche Hautfarbe? Wählen alle dieselben Parteien? Dann lernen Sie neue Leute kennen.
»In der Politik und besonders in den sozialen Netzwerken fallen wir in ein Stammesdenken zurück. Nicht erst seit Trump oder Greta Thunberg, schon lange davor. In meinem Podcast diskutiere ich mit Jacqui Smith, der früheren Innenministerin der Labour Party. Sie steht politisch links, ich rechts – aber wir mögen uns, wir können miteinander streiten und miteinander lachen. So sollte es doch sein, bei aller Meinungsverschiedenheit. Menschen haben leider eine große Sehnsucht nach Selbstbestätigung. Sie hören meist Radioprogramme und Moderatoren, die sie in ihrer Meinung bestärken. Wir mögen es nicht, in unserer Weltsicht herausgefordert oder hinterfragt zu werden. Darum entstehen weltweit Echokammern, in denen wir uns bewegen. Leben Sie in den USA, sehen Sie CNN und MSNBC, wenn Sie politisch links stehen, oder Fox News, wenn Sie rechts sind. Dazwischen ist nichts mehr. Wir sehen eine ähnliche Entwicklung in Großbritannien, in Deutschland in geringerem Maße auch. Was wurde aus dem Grundsatz, dass wir alle voneinander lernen können und die Argumente der Gegenseite hören sollten, um zu besseren Lösungen zu kommen? Diese Art zu denken darf nicht aussterben.«

Tipp 5: Informieren Sie sich gut, bevor Sie eine Meinung raushauen.
»Jemand schrieb mir sehr unhöflich auf Twitter, ich sei ja so ein Boris-Johnson-Fanboy. Ich habe mit Beispielen geantwortet, in denen ich Johnson kritisiert habe. Der Mann schrieb mir dann eine private Nachricht und entschuldigte sich, er sei über das Ziel hinausgeschossen. Daraus entstand ein etwas längerer Austausch, in dessen Verlauf er mir auch sehr offen aus seinem Privatleben berichtete. Würden wir nicht in anderen Teilen des Landes wohnen, könnten wir vermutlich sogar befreundet sein, auch wenn wir politisch anderer Meinung sind. Die sozialen Netzwerke können Menschen eben auch versöhnen.«

Tipp 6: Fluchen Sie nicht.
»Es gibt diese Tage, an denen ich lieber erst gar nicht auf Twitter schaue, welche Nachrichten ich wieder bekommen habe. Es ist eine Schande, dass eine Minderheit von Nutzern, die oft nur wenige Follower haben, keinen Klarnamen oder kein Profilbild, mit ihrem Hass unsere sozialen Netzwerke zu einem unerfreulichen Ort gemacht haben. Es gibt heute nicht mehr die Klassenunterschiede von früher, 90 Prozent der Menschen betrachten sich als Teil der Mittelschicht. Diese Angleichung hat dazu geführt, dass die Leute das Gefühl haben, sie könnten Politikern, Polizisten, Lehrern oder anderen Amtsträgern sagen, was sie wollen und wie sie wollen. Der Respekt voreinander, die Ehrfurcht vor dem anderen ist oft weg.«

Tipp 7: Es geht um Empathie, nicht bloß um Fakten.
»Wenn wir uns vor der Corona-Krise unterhalten hätten, dann hätten wir wohl übereingestimmt in der Aussage, dass Wissenschaft klare Aussagen treffen muss. Und doch scheint das mitunter nicht möglich. Man muss akzeptieren, dass es verschiedene Interpretationen der Realität gibt, die ihre Rechtfertigung haben können, auch wenn man nicht damit übereinstimmt. Ich glaube, der beste Weg, andere umzustimmen, sind gar nicht Statistiken, sondern wenn man von seinen eigenen Erfahrungen spricht. Ich habe vor einiger Zeit eine Radiosendung gemacht, in der Immigranten erzählt haben, warum und wie sie nach Großbritannien kamen. Und wie es ihnen seitdem geht. Wenn man deren Geschichten hört, dann merkt man: Ich an ihrer Stelle hätte ich das genauso gemacht.«

Tipp 8: Bei manchen Menschen ist jede Argumentation sinnlos.
»Sie werden nie ein sinnvolles Wortgefecht mit einem Fundamentalisten haben. Zum Beispiel beim Thema Waffenrecht – da überzeugen Sie niemanden. Radikale Leute schnell zu erkennen, ist in sozialen Netzwerken schwierig. Es gibt auf Twitter aber zumindest gewisse Trigger-Sätze, die erahnen lassen, dass die Diskussion wenig Sinn ergeben wird. Etwa wenn jemand schreibt: ›Ich bin kein Rassist, aber …‹. Oder wenn jemand durchgängig in Großbuchstaben schreibt und Sätze mit fünf Ausrufezeichen beendet. Oder sehr viele Hashtags benutzt, oder zu viele Emojis, oder ein Dutzend andere Personen in sehr kurzen Tweets markiert.«

Tipp 9: Soziale Netzwerke und insbesondere Twitter sind nicht der richtige Ort für tiefgehende Debatten.
»Dafür hat man schlicht zu wenige Zeichen pro Tweet zur Verfügung. Der Zwang, sich kurz zu halten, ist an sich nicht verkehrt, er zwingt uns, zum Punkt zu kommen. Aber man sollte die Grenzen des dort Diskutierbaren kennen. Und man muss ja nicht jede Debatte auf Twitter führen, dafür gibt es andere Orte, andere Plattformen: Mails, Telefonate, Podiumsdiskussionen oder einfach private Direktnachrichten.«

Tipp 10: Wenn Sie viele große Follower haben, seien Sie sich Ihres Einflusses bewusst.
»Ich war mal prominent an einer politischen Diskussion über soziale Ungerechtigkeit beteiligt und galt plötzlich als Held der Anti-Kredithai-Bewegung. Darum wurde ich eine Zeitlang in gefühlt jedem Tweet zum Thema verlinkt. Das war nett gemeint, aber meine Worte hatten plötzlich ein viel zu großes Gewicht – und mein Twitterfeed wurde obendrein unlesbar.«

Tipp 11: Manchmal lohnt sich der Ärger trotz allem.
»Ich habe neulich den Tweet eines Flüchtlings gesehen, der aus dem Libanon kam und jetzt seinen ersten Arbeitstag hatte – als Kinderpsychologe in einem Krankenhaus in London. Er schrieb: ›So sieht Glück aus.‹ Was für ein wundervoller Tweet. Aber ich dachte, wenn ich das retweete, werden einige Leute kommentieren: ›Der nimmt einem Briten den Job weg‹. Den Ärger wollte ich dem Mann ersparen. Darum schrieb ich einfach nur drunter: ›Ich freue mich für Sie. Sie sind ein tolles Beispiel für uns alle.‹. Vor kurzem war der 25. Jahrestag des ersten Treffens mit meinem Partner, das habe ich auf Twitter geschrieben. Es gab ein paar sehr homophobe Kommentare, aber da rate ich, diese einfach zu ignorieren, dann blockt man diese Leute, fertig. Und der Tweet über meinen Partner bekam 14.000 Likes, das zeigt doch, dass es da draußen genug Leute gibt, die einen unterstützen wollen. Das war es mir wert.«