»Wir sind als Familie an meiner Depression gewachsen«

Unter Uwes Krankheit hat auch seine Ehe mit Sibylle gelitten. Heute wundern sie sich, wie gut alles läuft. Hier erzählen die beiden, was sie über die Liebe gelernt haben.

Sibylle (49) und Uwe (52) können wieder gemeinsam lachen – und reflektieren: Wie geht es uns gerade? Achten wir auf alles, was wichtig ist? 

Foto: privat

Uwe:
Eigentlich spüre ich meine Depression seit meinem zwölften Lebensjahr. Ich dachte aber, das wäre mein Charakter, ich wäre eben etwas melancholisch. Dass ich wirklich krank bin, konnte ich lange nicht akzeptieren. Sibylle und ich sind seit 1995 zusammen. Sie hat mich oft gefragt, was mit mir los sei. Meine Antwort war immer dieselbe: »Alles in Ordnung.« Für mich war damals klar: Ich darf nicht schwach sein.

Richtig schlimm wurde es erst 2003. Ich hatte bei meinem Arbeitgeber ein Jahresgespräch, das

Sibylle:
Lange bevor ich wusste, dass Uwe krank ist, hatte ich gespürt, dass bei uns etwas nicht stimmt. Er war ständig gereizt. Manchmal hat er morgens gutgelaunt gemeinsame Abendpläne gemacht – als er dann aus dem Büro kam, durfte keiner einen Piep sagen, sonst ist er ausgerastet. Einmal lief er brüllend durch den Ort, weil ein anderes Kind unserem Kind einen Stein hinterhergeworfen hatte.

Aber weil er immer gesagt hat, ihm gehe es gut, war für mich klar:

Als 2013 die Burnout-Diagnose kam, war ich zuerst erleichtert. Ich dachte, jetzt können wir

Das Schlimmste war, dass ich nur danebenstehen und zusehen konnte, wie mein Mann zugrunde

Uwe:
Als mein Zustand 2015 immer schlimmer wurde, bekam mein Betrieb das mit. Sie wollten ein sogenanntes Eingliederungsmanagement mit mir machen. Dort sollten wir klären, wie verhindert werden kann, dass ich mich wieder für lange Zeit krankschreiben lassen muss.

Auf einmal war da nur noch ein Gedanke: Ich bin für alle nur eine

Sibylle:
Ich hatte schon seit Tagen Angst, Uwe könne sich etwas antun. Das war so ein Gefühl. An diesem Morgen kam mir sein Zustand besonders schlecht vor. Deshalb hatte ich den geplanten Spaziergang mit einer Freundin abgesagt. Ich versuchte, Uwe irgendwie zu erreichen. Aber sein Telefon war aus. Also konnte ich nur sitzen und warten und hoffen. Als ich dann die Whatsapp-Nachricht bekommen hatte, versuchte ich, ihn in ein Gespräch zu verwickeln, und fand heraus, dass er auf der Arbeit war. Uwes Kollegin fand ihn dann im Turm des Gebäudes, bewusstlos von den Schlaftabletten, die er genommen hatte.

Uwe:
Als ich in der Notaufnahme aufwachte, hatte ich Panik, weil ich in dem Moment allein war. Ich dachte, jetzt hätte ich meine Ehe ruiniert. Dann kam Sibylle durch die Tür, in ihrer Hand ein T-Shirt, das ich mal für die Bloggerkonferenz re:publica gemacht hatte, auf dem stand: »re:turned«. »Schau mal, das passt perfekt«, sagte sie. Wir mussten beide lachen, und für mich war in dem Moment klar: Sie bleibt bei mir. Aber auch: Jetzt muss ich mir helfen lassen.

Ich war insgesamt fast zwei Jahre lang krankgeschrieben, ein knappes halbes Jahr war ich

Aber ein Problem blieb: Während ich in der Klinik behandelt wurde und mich veränderte,

Als ich dann nur noch in der Tagesklinik war, also jeden Abend nach Hause

Mittlerweile sind wir alle in der Familie Meister darin, die Signale zu erkennen, wenn

Wir haben großes Glück, dass wir überhaupt noch alle zusammen sind. Ich habe mir

Sibylle:
Als Uwe aus der Klinik zurückkam, habe ich ihn wahrscheinlich behandelt wie das vierte Kind. Jede kleine Bewegung habe ich gedeutet und darauf reagiert. Ich musste erst lernen, mich abzugrenzen. Er war in Behandlung, aber wir als Familie haben von der Klinik keine Unterstützung bekommen.

Wir haben es ganz langsam auf die andere Seite geschafft. Manchmal sagen wir heute:

Manchmal fallen wir noch in unser altes Schema. Wenn es ihm wieder schlechter geht,

Anmerkung der Redaktion: Wir haben uns entschieden, in der Regel nicht über Selbsttötungen zu berichten. Grund dafür ist die hohe Nachahmerquote nach jeder Berichterstattung über Suizide. Eine Ausnahme sind Berichte, die das Leid der Angehörigen thematisieren, weil sie auch präventiv wirken können. Wenn Sie sich selbst betroffen fühlen, kontaktieren Sie bitte umgehend die Telefonseelsorge (www.telefonseelsorge.de). Unter der kostenlosen Hotline 0800-1110111 oder 0800-1110222 erhalten Sie Hilfe von Beratern, die schon in vielen Fällen Auswege aus schwierigen Situationen aufzeigen konnten. Regionale Krisendienste finden Sie hier.