»Wir teilen schwierige Erfahrungen, das schweißt uns zusammen«

Ulla und Michael haben sich während eines Aufenthalts in einer psychosomatischen Klinik kennengelernt – in einer Zeit, in der es beiden sehr schlecht ging. Hier erzählen sie, wie sie einander Halt geben und gemeinsam Krisen bewältigen.

Ulla (67) und Michael (56) auf dem Boot, das sie letztes Jahr gemeinsam mit ihrem besten Freund gekauft und hergerichtet haben.

Foto: privat

Michael: Vor sechs Jahren war ich wegen Depressionen mehrere Wochen in einer psychosomatischen Klinik. Ulla ist mir aufgefallen, weil sie immer in letzter Sekunde zu den Gruppensitzungen kam – so dass ich vorher jedesmal dachte, diesmal kommt sie zu spät. Da habe ich gemerkt, dass sie mich interessiert.

Ulla: Das Erste, was mir an Michael aufgefallen ist, war sein großer runder Kopf, seine Stimme, dass er immer eine Menge Leute um sich geschart hat. Er schlurfte jeden Morgen in Bademantel und Badeschlappen zur Wassertherapie, weil er derjenige war, der die Teilnehmer gezählt hat. Ich fand ihn irgendwie niedlich.

Ich war in der Reha, weil ich an einem ziemlich verzweifelten Punkt in meinem Leben war. Wie Michael hatte ich Depressionen. Ich wusste eigentlich gar nicht, wie es weitergehen soll,

Michael: Wir haben uns jeden Abend getroffen, um die Feier zu planen. Da hatten wir die Chance, viel miteinander zu sprechen. Diese Möglichkeit hat man im Leben selten: vier Wochen mit jemanden zu tun zu haben, um sich kennenzulernen. Einmal haben wir am Sonntag einen Spaziergang zu einer Hütte gemacht, es lag Schnee, und mir war eiskalt. In der Hütte hat Ulla kurz meine Hände genommen und gewärmt. Das war nur eine Geste, weiter ist nichts passiert. Aber es hat gefunkt. Am Ende der Reha haben wir Nummern ausgetauscht. Wir haben uns zwei Wochen später getroffen, beim zweiten Date haben wir uns geküsst. Seitdem sind wir ein Paar. Mein Leben hat sich dadurch noch mal um 180 Grad verändert. Durch Ulla ist wieder Licht reingekommen. Wir haben viele Dinge zusammen unternommen, sind ins Theater gegangen, haben wieder angefangen zu malen. Ich habe mich recht schnell von meiner damaligen Heimat abgenabelt und bin zu Ulla gezogen, die 30 Minuten weiter wohnt.

Ulla: Plötzlich war wieder jemand in meinem Leben, für den ich wichtig war und der für mich wichtig war. Das hatte ich davor schon sehr vermisst. Wir geben uns gegenseitig Halt und stärken einander den Rücken. Wir haben beide davor schwere Krisen durchlebt und waren an Punkten in unseren Leben, wo wirklich nur die elementaren Dinge zählen. Danach stellt man sich nicht mehr die Frage: Ist das mein Traummann, meine Traumfrau mit diesen und jenen Eigenschaften? Sondern: Ist mir diese Person wirklich nahe? Wenn es einem nicht gut geht, kommt man auf den Boden der Tatsachen und lernt, was wirklich wichtig ist im Leben. Wir teilen schwierige Erfahrungen, das schweißt uns zusammen. Manchmal kracht es auch. Besonders wenn wir erschöpft, hungrig oder müde sind. Wir sind beide Leute, die sich gerne mal verausgaben und dann an einen Punkt kommen, wo sie nicht mehr können. Aber weil wir beide wissen, wie sich das anfühlt, können wir einander verzeihen, wenn sich einer von uns in so einer Situation ungut verhalten hat.

Michael: Wir haben Verständnis, wenn es dem anderen nicht gut geht. Ulla kann sich vorstellen, was ungefähr bei mir los ist, wenn es mir schlecht geht. Und umgekehrt ist es genauso.

Wir hatten bisher zwei große Krisen: Einmal als Ulla nochmal schwer depressiv wurde und einmal als meine Mutter an Krebs erkrankte. Bei der ersten Krise kam ich als Partner irgendwann

Ulla: Vor zwei Jahren haben wir geheiratet. Ich war davor schon zweimal in einer Ehe und wollte nicht unbedingt wieder heiraten, aber Michael hat sich das gewünscht. Und dann habe ich gedacht, wenn wir ohnehin zusammenbleiben wollen und uns lieb haben, können wir das eigentlich machen. Mir war auch wichtig, nicht nur standesamtlich, sondern auch mit Gottes Segen zu heiraten, alle Freunde und Verwandte einzuladen, einfach ein schönes Fest daraus zu machen. Unter der Voraussetzung habe ich zugestimmt.

Michael: Ich habe durch meine Beziehung zu Ulla gelernt, dass es nicht immer einfach sein muss, um wahrhaftig zu sein. Unsere Liebe ist etwas, das bleibt. Es gab noch keinen Moment, in dem ich sie in Frage gestellt hätte. Manchmal zanken wir uns, aber das hat keine Konsequenzen für mein Empfinden.

Ulla: Dieses basale Gefühl der Zuneigung und Zusammengehörigkeit, das habe ich davor noch nicht gekannt: das Wissen, dass da ist ein Mensch ist, der mir vertraut ist, zu dem ich eine Bindung habe und für den ich eine Verantwortung trage. Außerdem sehe ich, dass wir aneinander wachsen und nicht stehenbleiben. Oft ist es in langjährigen Beziehungen so, dass man selbst oder der Partner sich irgendwann nicht mehr weiterentwickelt. Das empfinde ich in meiner Beziehung zu Michael nicht, denn es kommen immer neue Impulse und Ideen. Das ist schon sehr besonders, weil wir ja auch nicht mehr jung sind.

Wollen Sie auch Ihre Liebesgeschichte erzählen? Kontaktieren Sie uns unter allesliebe@sz-magazin.de