»Das Zelt ist unser Zuhause. Wir haben da viel Liebe reingesteckt«

Maria U. und Sven H. leben auf der Straße. Seit vier Jahren sind sie ein Paar. Beide wissen nicht, was sie ohneeinander machen würden. Im Sommer wollen sie heiraten. Hier erzählen sie, was sie über die Liebe gelernt haben.

»Die meisten Wohnungslosen wechseln ihre Partner wie Klamotten«, sagt Sven H. (24). Er und Maria U. (22) aber waren schon nach drei Monaten verlobt und bauen sich ein gemeinsames Leben auf.

Foto: privat

Sven: Im Sommer 2017 waren Maria und ich im Münchner Club Katz+Maus feiern. Dort habe ich sie zum ersten Mal gesehen. Marias hübsches Gesicht ist mir gleich aufgefallen, sie trug eine schwarze Jacke und Leggings. Ich dachte sofort, die gefällt mir, die lass ich nicht mehr gehen, und habe sie nach ihrer Nummer gefragt. Die meisten Wohnungslosen wechseln ihre Partner wie Klamotten. Als ich Maria kennengelernt habe, wollte ich nichts Kurzes, sondern mir was mit jemandem aufbauen.

Maria: Aus meinem Umfeld habe ich oft mitbekommen, dass Leute einfach gehen und ihre Koffer packen. Das wollte ich nicht. Bei Sven war diese Angst von Anfang an nicht da. Bei unserem ersten Date haben wir uns im Park verabredet. Wir sind spazierengegangen, haben ein paar Zigaretten geraucht, viel geredet und »Cherry Lady« von Capital Bra gehört. Heute ist das unser Beziehungssong.

Sven: Maria und ich haben uns auf Anhieb gut verstanden. Ich glaube, das liegt vor allem daran, dass wir eine ähnliche Vergangenheit teilen. Maria ist mit fünf Jahren zu einer Pflegefamilie gekommen, ich mit zweieinhalb. Anschließend wurde sie mit 13 ins Heim geschickt, ich war zwölf. 2014 zog Maria zu ihrer Tante nach München, ein Jahr darauf hat sie dann in Notunterkünften gewohnt, weil es mit ihrer Tante nicht so gut geklappt hat. 2016 ist sie dann auf der Straße gelandet. Ich war vier Jahre im Heim und wurde mit 14 für sechs Monate auf eine Berghütte nach Kärnten geschickt, weil ich die Heimregeln nicht eingehalten habe. Mit 18 bin ich nach meiner Ausbildung als Koch auf die Straße. Wir kennen beide das Gefühl, nicht lange wo bleiben zu können oder weggeschickt zu werden. Eine Bindung zu jemandem aufzubauen, ist deshalb manchmal schwer. Mit Maria hat es sofort geklappt.

Maria: Sven ist auf einem Bauernhof groß geworden, ich in einem Dorf mit Hunden, Katzen und Hasen. Wir sind beide sehr religiös aufgewachsen. Mit meiner Oma und meinem jüngeren Bruder musste ich jede Früh in die Kapelle gehen. Auch heute ist Sven und mir unser Glauben noch wichtig und die Werte, die wir vertreten. Deshalb helfen wir auch jeden Donnerstag und Freitag bei der Essensausgabe der Caritas in der Antoniuskirche aus.

Sven: Am Anfang unserer Beziehung sind wir in Notunterkünften für Wohnungslose untergekommen. Aber die Betten kosten zum Teil sehr viel und sind sehr dreckig. Wir fühlen uns nicht wohl, wenn einem die Bierflasche und Spritzen um die Ohren fliegen. Eines Tages hat uns ein Rollstuhlfahrer auf der Straße angesprochen und gefragt, ob wir bei ihm wohnen wollen. Im Tausch sollte ich ihm bei der »Stumpfpflege« helfen, das heißt zum Beispiel Salben auftragen oder mal für ihn einkaufen gehen. Während wir bei ihm gewohnt haben, kauften wir unsere eigenen Lebensmittel ein. Man muss nicht bei anderen auf Pump leben, das ist nicht unser Ding.

Maria: Der Mann, bei dem wir wohnen durften, war wirklich sehr nett. Das Zimmer war einfach, aber vollkommen ausreichend. Wir konnten dort ein halbes Jahr wohnen. Danach mussten wir ausziehen und uns was Neues suchen, weil der Mann einen professionellen Pflegedienst beantragt hat und für uns kein Platz mehr war. Zur Verabschiedung haben wir ein Bier zusammen getrunken. Heute haben wir über Facebook noch Kontakt zu ihm.

Sven: Danach haben wir beschlossen, uns mit unserem angesparten Geld ein Vier-Mann-Zelt anzulegen. Wir entschieden uns für einen festen Platz, der in einer ländlichen Gegend am Stadtrand von München liegt. Der Platz ist zwar ungesichert, aber recht gut versteckt. Klar, wir gehen damit jeden Tag ein Risiko ein. Die Chance, dass jemand was klaut, ist immer da. Unser Zelt haben wir mit Isomatten ausgepolstert und davor einen eigenen Mülleimer aufgestellt. Uns ist Sauberkeit sehr wichtig, auch wenn wir keine richtige Wohnung haben. Zum Duschen und Waschen gehen wir in einen Salon in der Stadt. Im Tagestreff „Otto & Rosi“ nebenan gibt es kostenlosen Kaffee und auch ein Postfach, falls wir mal was im Internet bestellen. Wasser holen wir bei der Behindertentoilette im Rewe. Eine Reinigungskraft gibt uns dafür unter der Hand manchmal den Schlüssel. Der Mann war selbst mal obdachlos und kennt das Leben auf der Straße.

Maria: Das Zelt ist unser Zuhause. Wir haben da viel Liebe reingesteckt. Mittlerweile haben wir einen kleinen Heizlüfter, zwei Matratzen und einen Schlafsack für zwei Personen, wo wir uns gemeinsam reinlegen können. Der hält sogar bis zu minus 60 Grad aus! Einmal haben Jugendliche nachts Kieselsteine in den Benzintank unseres Stromgenerators gefüllt. Dass er kaputtgegangen ist, war für uns sehr schlimm. Wir konnten weder heizen noch unsere Handys laden. Einen neuen zu kaufen bedeutete für uns, auf andere wichtige Dinge verzichten zu müssen.

Sven: Auf der Straße kann man leider fast keinem vertrauen. Auch den Leuten nicht, die sich deine Freunde nennen. Vor einiger Zeit hat ein gemeinsamer Bekannter gefragt, ob er eine Nacht bei uns im Zelt schlafen darf. Wir haben sofort Ja gesagt, weil es sehr kalt draußen war. Als wir am nächsten Tag aufgewacht sind, waren Marias Handy und unser ganzes Geld weg. Wir sind zur Polizei, aber die konnten auch nichts dagegen machen. Sowas ist leider normal. Maria ist die Einzige, der ich blind vertraue. Das macht unsere Liebe zueinander so stark. Bei ihr weiß ich: Wenn ich heimkomme, ist das Zelt noch da.

Maria: Sven und ich ergänzen uns gut. Kein anderer kann verstehen, was wir früher durchgemacht haben. Mit ihm kann ich über alles reden. Wir helfen uns gegenseitig. Zum Beispiel kommt Sven oft mit Papierkram zu mir, wenn er mal wieder was für das Jobcenter erledigen muss. Den Wisch für den Weiterbewilligungsantrag für das Arbeitslosengeld ausfüllen zum Beispiel, das macht er nicht gerne, also kümmere ich mich drum. Ich finde toll, dass Sven zu allem immer pünktlich erscheint. Außerdem kann er sehr gut kochen, weil er eine Ausbildung als Koch abgeschlossen und lange in einer Kantine gearbeitet hat. Damals hat er aufgehört, dort zu arbeiten, weil er über den Tisch gezogen wurde, was sein Gehalt angeht. Irgendwann möchte er aber wieder als Koch arbeiten und eine Weiterbildung zum Bar-Mann machen. Am liebsten essen wir gemeinsam Bandnudeln mit Rahmsoße und Gulasch. Da setzen wir uns im Zelt auf den Boden und bereiten unser Essen zusammen auf unserem kleinen Gaskocher zu. Bei mir brennt oft alles an, deshalb lasse ich Sven meistens sein Ding machen.

Sven: Unsere Ursprungs- und Pflegefamilien wissen nicht, dass wir auf der Straße leben. Mit beiden haben wir wenig Kontakt. Auch unseren Kindheitsfreunden, wie meinen Jungs aus dem Trachtenverein, erzählen wir nicht, dass wir wohnungslos sind, obwohl die uns immer mit offenen Armen empfangen. Maria und ich haben keine Lust auf Bemutterung oder Mitleid. Aus dem Alter sind wir raus. Im August 2020 kam Marias Bruder uns besuchen. Wir haben ihm erzählt, dass wir übergangsweise im Hotel wohnen, und haben für seinen Besuch extra ein Zimmer für drei Personen gebucht, damit er nicht im Zelt schlafen muss. Maria möchte nicht, dass ihre Familie sich unnötig Sorgen macht.

Maria: Vom Jobcenter bekommen wir 400 Euro im Monat, für unsere Arbeit in der Kirche 50 Euro. Auf der Straße betteln wollen wir nicht. Ich habe längere Zeit in einer Wirtschaft ausgeholfen und für Deliveroo Essen ausgefahren, Sven hat in einem Schlachthof gearbeitet. Das hat sich aber nach den Steuerabzügen finanziell nicht rentiert. In unserer Beziehung hat jeder sein eigenes Geld, auch wenn es wenig ist. Wir brauchen nicht viel, kaufen uns höchstens mal ein paar neue Schuhe oder eine warme Mütze im Winter. Das meiste Geld geben wir für Handyaufladekarten, Hygieneartikel, Drehtabak und Essen aus. Manchmal kaufen wir auch Vitamine aus der Apotheke, weil wir uns nicht immer ausgewogen ernähren können. Uns ist wichtig, dass jeder unabhängig bleibt.

Sven: Maria und ich sind uns in vielen Sachen ähnlich, aber wir haben auch unterschiedliche Interessen. Ich schaue meistens die Reihe »Stand, Land, Kunst« von Arte auf dem Handy. Maria mag es, über Stars und Promis zu lesen. Sie ist auch diejenige, die immer über Nachrichten informiert ist. Ich bin großer 1860-München-Fan. Einmal haben wir zwei Karten für das Fußballspiel geschenkt bekommen. Eine Freundin hatte sie gewonnen und wollte nicht hin. Das war eine sehr schöne Erfahrung für uns beide, weil wir uns das selbst nie hätten leisten können.

Maria: Sven ist super stur. Streiten tun wir selten, aber wenn, dann nur über Kleinigkeiten. Zum Beispiel darüber, wer die letzte Zigarette bekommt, oder über die Musikauswahl. Meistens beginnt einer zu lachen, und wir versöhnen uns schnell wieder. Von Feiertagen, wie Valentinstag oder Geburtstag, halten wir nicht viel. Wir machen uns auch unter dem Jahr kleine Geschenke, dafür muss es keinen konkreten Anlass geben. Manchmal bringt mir Sven einen Krapfen mit Erdbeerfüllung aus der Stadt mit, weil er weiß, dass ich die sehr gerne mag.

Sven: Auf meinen Handrücken habe ich mir selbst ein Tattoo gestochen. Als ich im Gefängnis war, hatte ein Kerl Tabakschulden bei mir. Zur Entschädigung hat er mir kostenlos den Namen »Maria« auf meinen Unterarm gestochen. Ich konnte damals eine Geldstrafe nicht bezahlen und bin deshalb für sechs Monate in den Bau gewandert. Weil der Erwachsenenvollzug in Bernau am Chiemsee war, konnten Maria und ich uns lange nicht sehen. Wir haben uns in der Zeit viele Briefe geschrieben.

Maria: Die Zeit, die Sven im Gefängnis war, war für uns beide schwierig. Dabei war ich ein wenig Schuld an der ganzen Sache. Als wir noch bei dem Rollstuhlfahrer gewohnt haben, brachte ich mal eine Katze mit nach Hause. Sven meinte, wir könnten da kein Haustier halten, wir hätten keinen Platz und kein Geld dafür. Ich verliebte mich aber sehr in die Katze, und irgendwann hatte ich Sven so weit, dass ich sie behalten durfte. Ich habe sie Garfield genannt, wegen ihrem roten Fell. Sven ist daraufhin zum Heimtierbedarf und hat Katzenfutter im Wert von zwei Euro geklaut. Leider wurde er erwischt und konnte die 3000 Euro Geldstrafe nicht zahlen. Heute ist Garfield bei einer Tierarztpraxis in München und begrüßt dort die Kunden. Manchmal gehe ich ihn noch besuchen.

Sven: Im Sommer wollen Maria und ich heiraten. Wir haben uns schon drei Monate nach unserem Kennenlernen verlobt. Wir wussten beide auf Anhieb, dass wir unser Leben miteinander verbringen wollen. Das stand außer Frage. Dieses Jahr hatten wir endlich ein Gespräch mit einem Pfarrer. Yvonne Möller von der Caritas München hat uns ermöglicht, dass wir kostenlos in der Kirche heiraten können.

Maria: Als Obdachloser hat man oft kaum Chancen, eine Wohnung zu bekommen. Wenn man das beim Casting sagt, ist man meistens gleich raus. Die Vermieter anlügen wollen wir aber nicht. Gerade haben wir Glück, denn wir sind im Rennen für eine Wohnung in Puchheim. Ich hoffe sehr, dass wir eine Zusage bekommen. Irgendwann wollen Sven und ich Kinder, aber erst wenn die ganze Sache hier gegessen ist und wir ihnen ein gutes Leben bieten können. Wir wünschen uns beide eine kleine Wohnung, in der wir Kinder großziehen können, ohne ständig Geldsorgen haben zu müssen. Nur dann macht das auch Sinn. Ansonsten würden wir damit keinem einen Gefallen tun. Hätte ich Sven nicht kennengelernt, wäre ich immer noch in einem schlechten Freundeskreis gefangen. Meine früheren Freunde waren kein guter Einfluss auf mich, da gab es ständig Ärger. Wir haben viel Scheiße gebaut. Durch Sven bin ich erwachsen geworden.

Sven: Unsere Bekannten kennen Maria und mich nur noch zu zweit. Wir wollen gar nicht mehr auseinander. Seit vier Jahren sind wir nonstop zusammen, und das ist schön. Ich bewundere Maria dafür, dass sie immer positiv denkt und sich nicht lange über Dinge ärgert. In der Nacht ist unsere Beziehung am stärksten: Wenn wir im Zelt im Schlafsack nebeneinander liegen. Ich kann mir nicht mehr vorstellen, wie es ist, alleine zu sein. Die größte Herausforderung auf der Straße ist, dass man jeden Tag wieder aufsteht und einfach weiter macht. Mit Maria schaffe ich das.

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