Julia: »Ich pack immer kräftig mit an«

Vor sieben Jahren ging es hier im Heft um Julias Leben auf dem Land. Das hat ihr nicht so gut gefallen. Dieses Mal wollte sie das Thema selbst bestimmen.


Zuhause ein Bauernhof in Oberbayern
Ausbildung/Beruf Fachabitur/Ergotherapeutin
Liebe es gibt einen Freund
Einkommen nicht erwähnenswert
Lieblingsessen Hauptsache scharf
Lieblingsstar Michael Poulsen
Größter Wunsch wird nicht verraten
Nächster Urlaub nach Frankreich

Julias Antwort kommt nach fünf Minuten. Sie will es sich überlegen, ob sie wieder mitmachen möchte bei einem SZ-Magazin über 20-Jährige, schreibt sie in der Mail. Ich denke: Sicher wird sie mitmachen, schließlich reagiert sie sofort.

Das ist naiv. Kurz darauf sagt sie höflich, aber bestimmt ab. Und alle Überredungsversuche laufen ins Leere, sie antwortet nicht mehr auf Mails, und sie ruft auch nicht zurück. Irgendwann geht ihre Mutter ans Telefon und sagt: »Das klappt schon noch.« Sie behält recht. Ein paar Wochen später wartet Julia im Garten ihres Elternhauses auf mich.

Ihr war der Artikel damals unangenehm, erzählt sie jetzt, sie möchte keinen Stempel aufgedrückt bekommen, nicht als jemand porträtiert werden, der typisch für das Leben auf dem Land ist, sie fühlte sich missverstanden. Und sie will nicht noch mal so beschrieben werden.

Im Gespräch ist sie nicht aufgeregt, sie spricht gelassen und klar, ihre Stimme ist ruhig und angenehm, sie braucht wenige Worte und ist doch nicht einsilbig. Sie wirkt sympathisch, charmant sogar, und aufmerksam.

Sie lebt noch bei ihren Eltern auf einem idyllischen Bauernhof, nicht weit von München, 35 Milchkühe, ein paar Schafe, Katzen, ein Hund, Landwirtschaft, alles so wie vor sieben Jahren. Sie mag die Ruhe hier. Ein paar Mal die Woche joggt sie durch den Wald oder geht mit Eddi, dem schwarzen Hund, spazieren.

Zwei Dinge seien ihr besonders wichtig, sagt sie: die Schule und ihr Beruf. Im Herbst wird sie eine Ausbildung zur Ergotherapeutin nicht weit von ihrem Zuhause beginnen. Knapp 500 Euro im Monat wird sie drei Jahre lang für die private Schule zahlen müssen. Sie wird BAföG beantragen, ihre Eltern werden ihr ein Taschengeld geben, und ein bisschen nebenbei arbeiten wird sie wohl auch. Vielleicht in dem Behindertenheim, in dem sie jetzt auch jobbt. Sie wäre gern nach München auf die staatliche Schule für Ergotherapeuten gegangen, aber dort hat sie keinen Platz bekommen. Sie hätte dann von zu Hause ausziehen können. »Irgendwann muss man ja mal sein eigenes Leben leben!«, sagt sie.

Nach ihrem Realschulabschluss vor drei Jahren wollte sie eigentlich Hotelfachfrau werden. Aber im Hotel war sie nicht glücklich, die Arbeit passte nicht zu ihr, »der Stressfaktor war zu hoch«. Sie wechselte auf die Fachoberschule und hat in diesem Sommer ihr Abitur gemacht. In dieser Zeit wurde ihr klar, dass sie Ergotherapeutin werden will. Ob sie sich diesmal ganz sicher ist? »Ja«, sagt sie, denkt drei, vier Sekunden nach und sagt dann: »Ein Praktikum im Altenheim, in einer Förderschule und in der Praxis einer Ergotherapeutin hab ich gemacht. Ich bin gut vorbereitet: Ich will Menschen helfen, gesund zu werden.« Nun hat sie alles gesagt, was man über Schule und ihre Ausbildung sagen kann. Pause. Schweigen. Ganz aufrecht sitzt sie da in ihrer hellen Bluse und schaut mich freundlich an. »Vielleicht möchten Sie noch den Hof anschauen?« Ihr Zimmer zeigt sie nicht, aber die Koppel neben dem Haus. Seit drei Jahren hat sie ein eigenes Pferd, es heißt Mira.

Sie geht voraus, durch die Waschküche hinters Haus, bleibt stehen, zeigt auf den Weiher: »Das ist mein Lieblingsplatz.« Von hier schaut man auf die Weide und über die hügeligen Wiesen. Vor sieben Jahren war der Teich gerade frisch ausgehoben. Jetzt sitzt sie dort abends mit Freunden an der Feuerstelle. Es ist still, nicht mal der Wind raschelt in der alten Linde. »Am Wasser tanke ich Kraft«, sagt sie. Die vergangenen Wochen waren aufregend: Gleich nach den Prüfungen ein Ausflug zu Rock im Park nach Nürnberg. Zu Volbeat oder Coldplay zwischen Tausenden anderen »tanzen und abrocken«.

Als sie wieder nach Hause kam, wurde der hundertste Geburtstag des Gasthauses gefeiert. Das Gasthaus ist Teil des Bauernhofs, auf dem Julia mit ihren Eltern und zweien ihrer drei Geschwister wohnt. Natürlich hat sie mitgeholfen. »Ich pack immer kräftig mit an, auf dem Hof ist immer etwas zu tun.« Vier Tage dauerte die Feier, oft waren 400 Gäste da, die Eltern hatten ein großes Zelt gemietet und auf die größte Wiese im Dorf gestellt. Es gab ein Weißbierfest, einen Volkstanzabend, einen Gottesdienst, am letzten Abend Kabarett, »Da Huawa, da Meier & I« haben gespielt, »sehr gut sind die, sehr lustig«, sagt Julia.

Am Schluss des Spaziergangs erzählt sie von ihrem Freund, nur kurz: Sie kennen sich seit zweieinhalb Jahren, haben sich auf einer Party kennengelernt. Er hat schon eine eigene Wohnung, sie treffen sich entweder bei ihm oder hier, bei ihren Eltern auf dem Hof. Beide gehen gern auf Konzerte und Partys. Ihre Eltern mögen ihren Freund. Die Beziehung zu ihren Eltern ist gut, die Familie hält zusammen. »Klar gab’s mal einen Streit«, sagt Julia. »Aber ohne Krach wär’s langweilig.«

Sie ist nicht mehr schüchtern wie früher, sie ist selbstbewusst, sie sagt, wo es langgeht. Sie ist kein Kind mehr.

Fotos: Konrad R. Müller