»Ich glaube, Frieden ist etwas sehr Schönes«

Wie Kinder den Krieg sehen. Sechs Momentaufnahmen.

Hanan Hassan, 8, wartet mit ihrer Familie in einem Flüchtlingslager in Beirut auf das Ende des Krieges. »Ich komme aus Sidon südlich von Beirut. Dort hat mein Vater Gemüse verkauft. Als die ersten Bomben fielen, flohen wir nach Beirut. Die Menschen hausen hier, weil Israel uns angegriffen hat. Die Israelis sind die Bösen, nicht wir Libanesen. Wir verteidigen uns nur. Meine Eltern, meine beiden Brüder, meine Schwester und ich – wir alle leiden, wir haben Angst. Ich wünsche mir, dass der Krieg vorbei ist. Dann kann ich endlich wieder zur Schule gehen und mit meinen Freundinnen spielen.» Libanon: Mitte Juli tötete die libanesische Hisbollah-Miliz acht israelische Soldaten und entführte zwei Grenzposten. Israel reagierte mit Luftangriffen und Bodeneinsätzen gegen Stellungen der Hisbollah im Südlibanon. Fast eine Million Libanesen sind auf der Flucht. Sahil Fayaz, 8, wohnt in Srinagar im indischen Teil Kaschmirs.Sahil Fayaz, 8, wohnt in Srinagar im indischen Teil Kaschmirs. »Die indischen Soldaten sind hier in Kaschmir überall. Deswegen ist Krieg. Blöd ist, dass sie uns verbieten, auf den Feldern zu spielen. Manchmal kann ich tagelang das Haus nicht verlassen, wegen der Angriffe; und manchmal haben wir nichts zu essen, weil sich niemand traut rauszugehen, um einzukaufen. Ich will Journalist werden. Nur Journalisten können jeden Ort auf der Welt besuchen, ohne Angst zu haben.« Kaschmir: Seit der Teilung der Grenzregion streiten Indien und Pakistan um das Gebiet im Himalaya. Dabei kommt es immer wieder zu Terroranschlägen muslimischer Fundamentalisten, die für einen Anschluss des indischen Teils Kaschmirs an Pakistan kämpfen. Erst im Juli starben in Bombay 183 Menschen bei Bombenattentaten auf sieben Pendlerzüge.

Giarnaliev Hamsat Taussovich, 11, und Musaeva Angelica Lechnievna, 12, leben in den Ruinen von Grosny, Tschetscheniens Hauptstadt. »Es ist schlimm, Erwachsene weinen zu sehen. Und all die Menschen in der Nachbarschaft, denen Arme oder Beine fehlen. Wenn wir groß sind, wollen wir Ärzte werden, denn wir mögen es nicht, wenn sich Menschen gegenseitig verkrüppeln und töten. In unserem Land bekämpfen sich Tschetschenen und Russen, weil sich die Regierungen die Macht nicht teilen wollen. Und weil Tschetschenien ein schönes, reiches Land war. Hoffentlich ist der Krieg bald vorbei, dann können wir endlich wieder reisen, wohin wir wollen.» Tschetschenien: Der Krieg in Russlands Hinterhof ist fast vergessen. Dabei bestimmen Kämpfe zwischen tschetschenischen Rebellen und der russischen Armee, Selbstmordattentate und Entführungen den Alltag. Etwa 100 000 Menschen sind auf der Flucht. Hamad, 11, hat sechs Brüder und sechs Schwestern. Sein Vater ist Gärtner, vor Kurzem zog die Familie nach Kabul. »Wir haben in der Provinz gewohnt. Dort war kein Krieg. Ich habe nur davon gehört, aber nichts gesehen. Und ich weiß nicht viel darüber. Weil ich zur Schule gehen kann, glaube ich, dass Frieden ist. Außerdem verdiene ich zusätzlich Geld: Ich repariere Fahrräder. Aber eigentlich möchte ich weiter die Schule besuchen und später Ingenieur werden, damit ich Flugzeuge bauen kann. Und ich möchte meinem Land dienen.« Afghanistan: Der Krieg ist seit Dezember 2001 offiziell beendet, doch Ruhe ist nicht eingekehrt: Die Taliban geben sich nicht geschlagen, verüben Selbstmordattentate. Unicef schätzt, dass 350 000 Kinder durch Minen verletzt worden sind, noch immer sind rund zehn Millionen solcher Sprengsätze in Afghanistan vergraben.

Saja Wasfi, 12, lebt mit ihrer Familie in einem ausgebombten Gebäude in Bagdad. »Bis zum Ende des Krieges haben wir in einem anderen Haus gewohnt. Aber aus dem hat uns der Vermieter rausgeworfen, weil meine Familie die Miete nicht mehr bezahlen konnte. Mein Vater hat US-Soldaten angegriffen, deshalb haben die Amerikaner ihn festgenommen. Hoffentlich lassen sie ihn bald frei. Das alles ist passiert, weil George W. Bush den Irak beherrschen will. Ich habe zwar fast vergessen, was genau Frieden ist, aber ich glaube, es ist etwas sehr Schönes.« Irak: Im Mai 2003 rief US-Präsident George W. Bush das Kriegsende aus. Seitdem verüben Terroristen täglich Bombenanschläge und entführen Iraker und Ausländer. Bisher starben etwa 30 000 Iraker und mehr als tausend US-Soldaten. Ein Bürgerkrieg zwischen sunnitischen und schiitischen Muslimen droht. Subeida Adam Sherif, 11, lebt bei Musbet im Norden Darfurs. Sie möchte zur Schule gehen und später Lehrerin werden. »Wenn nur alles so wäre wie vor den Bomben. Mein Dorf brannte nieder, ich glaube, es war die sudanesische Regierung, die uns beschossen hat. Meine Schwester, meine Tante, viele meiner Freunde starben. Nun wohnen wir unter einem Baum, leben von Wassermelonen. Zurück ins Dorf? Dann schicken sie neue Bomber. Oder die Milizen kommen. Ich habe keinem etwas getan und ich verstehe das alles nicht.« Darfur: Die westsudanesische Region war 2004 das Krisengebiet mit den weltweit meisten Toten: 70 000 Menschen. Anfang 2003 rebellierten dort Schwarz-afrikaner, weil sie sich von der muslimischen Regierung des Sudan unterdrückt fühlten.