»Ich war immer bereit zu scheitern«

Sexiest Man Alive, rote Teppiche, Partys am Comer See, ja, ja. Aber das sind nicht die Themen, für die sich George Clooney wirklich interessiert. Ein Gespräch über menschliche Selbstzerstörung und den tieferen Sinn seiner Arbeit.

Vorhang zu: Dass Clooney seinen neuen Film nicht im Kino zeigen kann, nimmt er vergleichsweise sportlich.

Foto: Anette Nantell/Dagens Nyheter/TT/Sipa USA

SZ-Magazin: Herr Clooney, gibt es Momente, in denen es nervt, George Clooney zu sein?
George Clooney: 
Ich komme ganz gut damit zurecht, wieso?

Als Regisseur machen Sie ambitionierte Filme, Sie sind seit Jahren politisch aktiv – aber wenn Sie, wie gerade vor ein paar Tagen wieder, im Frühstücksfernsehen kurz etwas über Ihren Heiratsantrag sagen, dann schafft es genau dieses Thema tagelang in die Zeitschriften und Zeitungen der ganzen Welt. Denken Sie manchmal, hey, ich habe doch hier auch andere Dinge zu erzählen?
Ach, ich bin schon so lange in diesem Geschäft, ich weiß doch, wie es läuft. Es ist so schön einfach, eine kleine Story daraus zu machen, wenn ich erzähle, dass ich mir die Haare selbst schneide. Es ist dagegen mehr Arbeit, sich mit den Geschichten auseinanderzusetzen, die jemand tatsächlich zu erzählen hat. Gestern habe ich Interviews über meinen neuen Film gegeben, per Zoom, immer zehn Journalisten auf einmal. Insgesamt 60 Leute an einem Tag. Vorher habe ich mit mir selbst gewettet, dass 25 Leute über das Haareschneiden reden wollen. Am Ende waren es 35. Das ist eben ein leichtes Thema. Und wissen Sie, was, sollen die Leute doch über meine Haare reden. Lustige Geschichten sind okay, es schadet nicht, wenn es mitten in der Pandemie auch mal was zu lachen gibt.

Könnte einen aber auch ärgern, wenn man denkt: Leute, nehmt mich doch mal ernst.
Ich bin fast 60 Jahre alt, es ist wirklich nicht mein dringendstes Bedürfnis, ernst genommen zu werden. Schauen Sie, meine Tante war eine wunderbare Sängerin. Sie war auch in späten Jahren viel unterwegs, mit großem Orchester, ich war zeitweise ihr Chauffeur. Eines Abends fuhren wir nach Hause, sie saß hinten und trank Wodka. Ich sagte: Warum bist du mit 65 Jahren eine bessere Sängerin als mit 25? Du kannst die Töne nicht mehr halten, du triffst die Noten nicht mehr wie früher, aber irgendwie bist du heute besser. Und sie sagte: Weil ich nicht mehr beweisen muss, dass ich singen kann, ich präsentiere einfach mein Repertoire. Und genau so fühle ich mich heute in meiner Karriere und in meinem Leben. Ich habe nicht das Gefühl, etwas beweisen zu müssen, also versuche ich einfach, mein Repertoire zu präsentieren. Und wenn das bedeutet, dass ich hin und wieder die Leute amüsieren muss, ist das auch in Ordnung.

Mit Ihrem neuen Film The Midnight Sky tun Sie das Gegenteil: Das Ende der Welt ist nah, die Menschheit hat sich selbst weitgehend vernichtet, ein sterbender alter Forscher sitzt in der Einsamkeit der Polarkälte und versucht, per Funk Kontakt mit anderen aufzunehmen. Nicht gerade ein Familienfilm für Weihnachten.
Aber es ist keiner von diesen nihilistischen Filmen, in denen am Ende alle sterben! Ich würde sagen, es gibt darin schon auch Erlösung, es gibt Hoffnung.

Den alten Forscher spielen Sie selbst. Sie tragen da einen Rauschebart und sehen schwer krank aus. Charlize Theron hat sich für Monster hässlich gemacht, Leonardo DiCaprio sah in The Revenant völlig zerfetzt aus. Für Syriana haben Sie sich vor Jahren einen Bauch angefressen. Wenn berühmte Schauspieler es sehr ernst meinen – müssen sie dann ihr gutes Aussehen verstecken, damit das Publikum sich auf das konzentriert, was sie sagen wollen?
Habe ich noch nie drüber nachgedacht. Vielleicht haben Sie recht, da ist was dran. Was aber meine Rolle jetzt betrifft – das ist ein Typ, der im Sterben liegt. Er kann nicht fit sein und gut aussehen, also musste ich 25 Pfund abnehmen. Tatsache ist, ich würde auch lieber Rollen spielen, in denen ich so aussehe wie in Out of Sight vor zwanzig Jahren – aber ich sehe einfach nicht mehr so aus! Man muss doch das annehmen, was man ist. Ich spiele nicht mehr die romantische Hauptrolle, sondern jetzt eben eher den alten Kerl. Zumindest ist das die Art von Rolle, in die ich hineinzufinden versuche.

Die Endzeitgeschichte The Midnight Sky wirkt, als sei sie gedacht als Kommentar zum Weltgeschehen. Obwohl Sie mit der Arbeit am Film schon vor zwei Jahren angefangen haben.
Tja, er ist leider vom Science-Fiction- fast zum Dokumentarfilm geworden. Das war natürlich nicht der Plan. Ursprünglich hatte mich der Gedanke fasziniert, mal all das Übel zuende zu denken, das es gerade auf der Welt gibt. Den Hass, die Gewalt, das ständige Verleugnen wissenschaftlicher Tatsachen, den ganzen politischen Irrsinn. Wenn man sich das alles ansieht, ist es ja nicht völlig unvorstellbar, dass wir uns in 40 Jahren selbst den Garaus machen. Sei es durch die Zerstörung der Umwelt oder mit Atomwaffen … Oder eben durch eine Pandemie, mit der wir nicht adäquat umgehen.

Wie fühlt es sich an, einen Film zu drehen, und währenddessen überholt einen quasi die Realität?
Es ist, als liefe man einen Marathon, man liegt die ganze Zeit in Führung, und dann dreht man sich um und merkt, oh Gott, die anderen sind ja alle viel näher, als ich dachte.

Sie haben mal gesagt, die Menschen mögen apokalyptische Geschichten. Was glauben Sie, warum?
Für meine Generation sind apokalyptische Geschichten ganz natürlich. Ich bin in einer Zeit aufgewachsen, in der wir immer im Hinterkopf hatten, dass die Sowjetunion und die Vereinigten Staaten sich gegenseitig ins Jenseits bomben könnten. Es gab Dr. Seltsam und solche Filme, ich glaube, diese Art von Geschichten ist in unsere DNS gewandert.

Dabei sehen viele das Kino eher als eskapistischen Ort. Steven Spielberg sagt, die Menschen lieben alles, was so weit von der Realität entfernt ist wie möglich.
Diese Sicht hat ja auch ihre Berechtigung. Aber schauen Sie, ich lebe in einem Land, in dem der Präsident vier Jahre lang die Presse als Feind des Volkes bezeichnet hat. Er hat geleugnet, dass es etwas gibt, was man Klimawandel nennt. Wir haben vier Jahre hinter uns, in denen einer am einen Tag behauptet, er sei mit Kim Jong-un befreundet – und einen bösen Brief später steht man fast wieder am Rande einer nuklearen Katastrophe. Wenn man ständig so ein Gefühl der Instabilität hat, muss man sich damit auch aus­einandersetzen.

Immerhin, jetzt haben Sie es fast hinter sich.
Es ist vorbei. Am 20. Januar wird Joe Biden Präsident der Vereinigten Staaten sein. Fertig. Der entscheidende Punkt ist doch: Nicht der Mann verlässt das Amt – das Amt verlässt den Mann.

Aber Trump wird weiter toben und für Unruhe sorgen.
Und er wird ein paar Vorladungen vom Bundesstaat New York kriegen. Da kommen eine Menge Zivilklagen auf ihn zu. Ich glaube, wenn jemand aus meiner Familie an Covid-19 gestorben wäre, würde ich ihn ver­klagen.

Und wenn er in vier Jahren noch mal antritt?
Da mache ich mir überhaupt keine Sorgen. Wirklich nicht. Ich könnte mir eher vor­stellen, dass er bald in einem Overall steckt, der zu seiner Hautfarbe passt.

Sie meinen Gefängniskleidung.
Die Möglichkeit besteht absolut! Wenn einer fünf Konkurse hingelegt hat, wenn einer mit 200 Millionen Dollar angefangen und im Grunde alles verloren hat, und zwar um ein Vielfaches – dann gibt es da noch einiges zu entdecken. Das wird alles spannend, wenn er nicht mehr im Amt ist.

Haben Sie ihn mal getroffen?
Mehrmals, ja, ich habe sogar seine Nummer in meinem Telefonbuch. Als er noch nicht Präsident war, sondern nur ein New Yorker Clown, gab es Abendessen in großer Runde, bei denen seine Frau aufstand, und er beugt sich sofort zu mir rüber und fragt mich, ob ich den Namen der Kellnerin weiß. So ein Typ ist er. Einfach nur ein Dummkopf. Die Sorte Mann, die einem schon in einer Bar unangenehm ist.

Aber immer noch will ihn fast das halbe Land zurückhaben. Ein dekadenter Milliardär, der ständig Golf spielt. Eigentlich müssten ihn doch alle Arbeiter im Rostgürtel der USA hassen. Stattdessen denken sie, er sei ihr Retter. Wieso?
Tja, ewige Frage, warum stimmen Menschen gegen ihre eigenen Interessen? Weil andere einen Keil zwischen sie treiben, sie mit den Mitteln der Spaltung manipulieren. Trump hat das mit dem Thema Einwanderung gemacht. Orbán in Ungarn genauso. Sie machen den Leuten Angst, indem sie auf unlautere Art irgendwelche Zusammenhänge herstellen. Das Elend der Menschen hat ja mit den Zuwanderern gar nichts zu tun. Das Gleiche passiert, wenn Bergleuten eingeredet wird, die Umweltschützer nähmen ihnen die Kohle­minen weg. Nein. In Wahrheit ist es so, dass die Minen geschlossen werden, weil sie nicht mehr funktionieren. Sie sind ineffizient, sie verschmutzen die Luft. Oder wenn Sie etwas zurückschauen: Viele Militärangehörige in den USA haben für die Republikaner gestimmt, dabei waren die Republikaner die­jenigen, die sie in den Irak-Krieg geschickt haben.

Sie glauben, dass all diese Spaltungen langfristig in die Katastrophe führen?
Die Gefahr besteht natürlich. Aber immerhin waren die Amerikaner im Laufe der Jahre ganz gut darin, die Kurve zu kriegen. Wenn Sie sich anschauen, was wir im 19. Jahrhundert während des Bürgerkriegs durchgemacht haben, aber auch in den Sechzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts … Rassenunruhen, Vietnamkrieg, es war zum Teil viel gewalt­tätiger als heute, in gewisser Weise beängstigender. Wir sind ganz gut darin, die Dinge in Ordnung zu bringen, und ich bin voller Hoffnung, dass wir auch die Verwerfungen der Gegenwart überstehen.

Das klingt verblüffend optimistisch.
Ich würde sagen, realistisch. Ich bin Realist. Ich kann mir natürlich jede große Liebes­geschichte anschauen und sagen, die wird in einer Tragödie enden, weil irgendwann zwangsläufig alle sterben. Ja. Aber es gibt ein großartiges Zitat von Martin Luther King: »Der Bogen des moralischen Universums ist weit, aber er neigt sich zur Gerechtigkeit.« Und das glaube ich tatsächlich. Die nächste Generation ist schon viel weiter weg von der Bigotterie, mit der ich aufgewachsen bin, sie ist liberaler, freier, sie kümmert sich mehr um die Umwelt. Wir gehen immer wieder ein paar Schritte rückwärts, aber wir machen auch große Schritte vorwärts.

Der alte Mann, den Sie in The Midnight Sky spielen, hadert mit den Schritten, die er in seinem Leben gemacht hat.
Ich kenne etliche Leute, die jetzt alt sind und sehr vieles bereuen. Reue ist wie ein Krebsgeschwür. Sie kann einen zerstören. Es ist so tragisch, ältere Menschen zu sehen, die kurz vor dem Tod stehen und das schreckliche Gefühl haben, ihr Leben verschwendet zu haben. Die ständig denken, ich hätte dies tun sollen, als ich jünger war, ich hätte jenes versuchen sollen. Die Menschen sind verbittert.

Dagegen ist ja niemand gefeit. Es kann immer sein, dass man später etwas bereut.
Ich gebe Ihnen mal ein Beispiel. Als ich 20 Jahre alt war, lebte ich in Kentucky. Ich habe Tabak geerntet für meinen Lebensunterhalt, drei Dollar pro Stunde. Mal war ich auf dem College, mal nicht, es lief nicht so gut für mich. Dann beschloss ich, nach Kalifornien zu gehen, um Schauspieler zu werden. Mein Vater meinte, mach das nicht, das kann nichts werden, die Chancen stehen eins zu einer Million. Und ich habe gesagt: Papa, ich will nicht mit 65 Jahren dastehen und sagen, Mist, hätte ich es wenigstens versucht.

Das können Sie heute leicht sagen. Es hätte ja auch schiefgehen können.
Aber das ist genau der Punkt! Ich war immer bereit zu scheitern. Ich war bereit, nach Hause zurückzukommen und Versicherungen zu verkaufen oder was auch immer ich dann gemacht hätte. Aber ich wollte es nicht nicht versuchen. Ich glaube bis heute, man kann eigentlich nur scheitern, wenn man etwas nicht versucht. Das ist der einzige Misserfolg, den es gibt.

Überall in Los Angeles sitzen Menschen, die es wie Sie versucht haben, aber heute in Aushilfsjobs feststecken. Vielleicht fragen die sich die ganze Zeit, warum habe ich diesen Unsinn bloß versucht – ich hätte ahnen können, dass das zu nichts führt!
Sehen Sie es mal so: Es ist viel einfacher, sich der Realität zu stellen, wenn man sagen kann, ich habe es versucht, aber niemand hat mir einen Job gegeben. Dann kann man wenigstens anderen die Schuld geben – Mann, die Idioten in dem Casting-Büro haben einfach nicht begriffen, wie toll ich bin!

Bei Ihnen lief es eben bestens. Ihr Freund Matt Damon hat mal gesagt: Der Typ macht es einem wirklich leicht, ihn zu hassen.
Haha, großartig! Aber mir ist jederzeit vollkommen bewusst, dass ich Glück hatte. Weil ich ja weiß, es hätte anders kommen können. Ich bin mit dem Fahrrad zum Vorsprechen gefahren, ich habe auf dem Boden im Abstellraum meines Kumpels geschlafen, ich war lange Zeit pleite. Sieben Jahre lang war ich nicht mal versichert. Ich halte gar nichts für selbstverständlich.

Ihr Vater hat mal über Sie gesagt: »Wir alle kommen an den Punkt, an dem wir stehen bleiben. Aber George geht einfach weiter.« Finden Sie sich in dieser Beschreibung wieder?
Zu mir hat er das noch nie gesagt. Ich finde, es klingt eher wie eine Beschreibung über ihn. Er hat nie losgelassen. Er ist 87, er schreibt immer noch. Er interviewt Leute. Er ist immer noch an der Politik und am Leben interessiert. Ich habe offenbar einfach seine Gene. Ach, ich würde ihn wahnsinnig gern umarmen. Das war jetzt seit fast einem Jahr nicht mehr möglich. Schon hart.

Sie haben Ihre Eltern die ganze Zeit nicht gesehen?
Zuletzt an Weihnachten vor einem Jahr.

In einem Punkt hat Ihr Vater offenbar recht. Sie sind hartnäckig. Für The Midnight Sky haben Sie inklusive Vor­bereitung etwa zwei Jahre Ihres Lebens investiert.
Ja, mindestens.

Da muss es auch Frustmomente geben. Wie gehen Sie mit Rückschlägen um?
Ist das Glas halb leer oder halb voll? Ich könnte jetzt hier sitzen und rumjammern, weil der Film, den ich auf 65 Millimeter gedreht habe und der für eine Riesenleinwand bestimmt war, nach zwei Jahren Arbeit nicht auf einer Riesenleinwand zu sehen sein wird. Es wird nicht mal eine richtige Premiere geben, niemand wird ihn so sehen, wie er gedacht war. Andererseits: Immerhin werden Menschen ihn sehen. Es gibt deutlich größere Probleme auf der Welt als die Frage, ob jemand meinen Film auf einer großen Leinwand sieht oder nicht. Das Glas ist halb voll.

Erleben Sie auch Momente, in denen das Glas halb leer ist?
Es gibt Augenblicke, in denen mir Zweifel kommen, auch während der Arbeit. Aber wenn man Regie führt, muss man sehr davon überzeugt sein, dass man den Job hinkriegt. In dem Moment, in dem die Crew das Gefühl hat, dass Sie Zweifel haben, entsteht eine gefährliche Lücke, in die plötzlich alle anderen drängen. Als Regisseur muss man irgendwie auch der General vor der Armee sein. Man muss Entscheidungen treffen und dazu stehen. Es geht ja immer auch um viel Geld, das irgendwer investiert hat.

Spüren Sie da Druck?
Es geht. Bis jetzt bin ich bei jedem meiner Filme unter dem Budget geblieben. Weil ich mich sehr gründlich vorbereite. Ich plane alle Aufnahmen, ich weiß, was ich brauche. Ich drehe nicht eine Totale, dann eine Nahaufnahme und dann noch freihändig über die Schulter. Ich filme genau das, was ich für den Schnitt brauche, fertig.

Der Regisseur Tim Burton sagt, für ihn sei das Filmemachen eine Form der Therapie, allerdings eine sehr teure. Können Sie das nachvollziehen?
Haha! Na ja, ich hatte nie das Gefühl, ich bräuchte irgendeine Art von Therapie. Ich lebe ein ziemlich normales Leben. Wenn Sie ans Filmset kommen, an dem ich Regie führe, geht es da ruhig zu, sehr sachlich. Aber an dem Gedanken ist trotzdem etwas dran – ich glaube, ich würde verrückt, wenn ich kein Ventil hätte, kreativ zu sein.

Haben Sie durch die Arbeit als Regisseur und Schauspieler etwas Wichtiges über sich selbst gelernt?
Ich habe gelernt … Äh, nein, eigentlich hatte ich das schon vorher gelernt: Ich bin mal mit fünf Freunden auf Motorrädern durch die Alpen gefahren, vier Wochen lang. Ich war der mit der Landkarte. Kein Handy, kein Google. Ich musste die fünf anderen zusammenbringen, alle mit unterschiedlichen Interessen. Der eine wollte in die Stadt, Party machen. Der andere wollte in die Berge. Diese Truppe dazu zu bringen, sich jeden Tag in eine gemeinsame Richtung zu bewegen, hat mir alles beigebracht, was ich über Führung wissen muss. Man geht Kompromisse ein, man trifft eine Entscheidung – und dann muss einer führen. Das gilt auch beim Film.

Können Sie am Set streng werden? Auch mal laut?
Ich bin kein Schreihals. Es gab in den letzten 20 Jahren hin und wieder Vorfälle, wo jemand unverantwortlich gehandelt hat, einer hat mal eine Kamera an einem Kabel runtersausen lassen, die einem Kind fast den Kopf abgerissen hätte. Da habe ich geschrien, aber sonst nie. Ich glaube, ich kann sagen, dass ich eher ein Teamplayer bin. Ich hab mal an einem runden Tisch mit mehreren Regisseuren teilgenommen, und einer von denen, ein sehr berühmter, sagte zu mir: »Weißt du, ich versuche, meine Schauspieler zu brechen.« Ich habe nur gesagt, okay, als Schauspieler werde ich nie mit dir arbeiten. Ich glaube nicht an so was. Ich meine, dass Schauspieler einen geschützten Ort brauchen, wo sie Dinge ausprobieren können.

Was denkt der Regisseur George Clooney über den Schauspieler George Clooney?
Da habe ich es gut, ich weiß als Schauspieler, was der Regisseur braucht, und ich weiß als Regisseur, was ich vom Schauspieler brauche. Als Schauspieler muss man einfach seinen Part liefern, Ende. Als ich ein junger Schauspieler war, habe ich mal einen Typen gespielt, der Pizza ausliefert, mehr nicht. Und ich habe zum Regisseur gesagt: »Ich glaube, er wurde Pizzabote, weil seine Eltern Alkoholiker sind.« Und der Regisseur so: »Ja ja, ist recht. Klingel bitte an der Tür und bring die Pizza rein.«

Ihr Freund und Co-Produzent Grant Heslov hat mal gesagt: »George ist so weit von einem Method-Actor entfernt wie nur irgendwas.«
Haha. Das ist wahr. Aber es ist ja nicht das eine besser als das andere. Ich habe mit Leuten wie Julia Roberts gearbeitet, die macht ein Kreuzworträtsel, dann heißt es »Action!«, sie klappt das Heft zu und legt eine Performance hin, die alle umhaut. Dann wiederum Daniel Day-Lewis: Der lebt während eines ganzen Drehs dauerhaft im Körper der Person, die er darstellt. Und spielt die Rolle absolut spektakulär. Aber so was könnte ich nie. Außerdem – dann komme ich abends nach Hause, muss mich um meine Kinder kümmern, soll ich da etwa das Elend eines an Krebs sterbenden Forschers mit nach Hause bringen? Das geht nicht.

Wenn Sie zurückblicken, was war Ihr Lieblingsmoment vor der Kamera?
Wahrscheinlich das erste Mal, als ich mit Steven Soderbergh an Out of Sight gearbeitet habe. Ich hatte Batman und Robin hinter mir, einen wirklich schrecklichen Film, der mir ja auch viel Spott eingebracht hat, und er einen erfolglosen Film mit dem Titel Die Kehrseite der Medaille. Steven Soderbergh und ich waren beide in einer blöden Situation. Und als Erstes drehten wir die Banküberfall-Szene, in der ich ganz ruhig mit der Bankfrau spreche und sie höflich bedrohe. Steven und ich haben gleichzeitig gespürt, dass wir an etwas dran sind. Wir wussten, wir haben da was Gutes. Das war ein super Gefühl, weil wir gerade beide so ein bisschen im Kinogefängnis saßen. Daraus wurde ja auch eine lange Zeit der Zusammenarbeit, zehn Jahre, die Ocean’s-Filme …

Sie haben zwei Oscars gewonnen, vier Golden Globes, vier SAG Awards, einen BAFTA Award, zwei Critics’ Choice Awards, einen Emmy, vier National Board of Review Awards und einen American Film Institute Life Achievement Award. Sie wurden in mehr Kategorien nominiert als jeder andere in der Geschichte des Oscars. Was treibt Sie dazu, weiterzumachen?
Es geht doch nicht um die Preise! Ich weiß nicht mal mehr, wer letztes Jahr den Oscar gewonnen hat – aber ich erinnere mich an die Filme, die ich toll fand. Es geht um die Inhalte. Und mal ganz einfach gesagt: Der Job macht Spaß.

Trotzdem scheint Sie auch eine merkwürdige Unruhe umzutreiben. In vielen Ihrer Interviews kommt ein Gedanke erstaunlich oft vor, ich zitiere: »Ich weiß, eines Tages wird mich niemand mehr auf einer großen Leinwand sehen wollen.« Glauben Sie das wirklich?
Cary Grant hat irgendwann einfach Schluss gemacht, nachdem er sich selbst auf der Leinwand gesehen hatte, ich glaube, es war in einem Film mit Audrey Hepburn. Er sah sich und sagte: Okay, das reicht. Andere Schauspieler schaffen es, sich zu ändern. Paul Newman hat sich im Alter zu einem echten Charakterdarsteller gewandelt. Es gibt viele Schauspieler, die versuchen, an ihren glorreichen Zeiten festzuhalten. Aber das geht nicht, weil sich die Fans verändern und weil die Welt sich weiterdreht. Das Schwierige an diesem Beruf ist ja, dass das Altern so öffentlich auf der Leinwand stattfindet. Die ganze Welt schaut zu und kann einen auseinandernehmen.

Das gilt für Sie ja auch jenseits der Leinwand.
Und mir macht das nicht viel aus. Ich glaube, für meine Frau ist es anstrengender, die ist ja nun mal keine Entertainerin. Ihr Job ist es, für Gerechtigkeit zu kämpfen, Journalisten aus dem Gefängnis zu holen. Darin ist sie sehr erfolgreich, in Ägypten, in Myanmar, jetzt gerade wieder auf den Philippinen, im Fall Maria Ressa. Für meine Frau ist es eher nicht so witzig, wenn ein Bild in der Presse auftaucht, wie sie gerade unsere Zwillinge aus dem Hotel trägt. Weil es in ihrem Beruf um wirklich ernste, wichtige Dinge geht. Dagegen habe ich es leicht, ich muss als Schauspieler nur Rollen finden, die glaubwürdig sind. Oder ich schreibe eben, produziere und führe Regie. Dann muss ich mich nicht mal darum kümmern, was irgendein Regisseur oder Besetzungschef über mich denkt.

Aber Ihnen ist auch klar, dass ein Film, den Sie drehen, doppelt so erfolgreich ist, wenn Sie auch die Hauptrolle spielen.
Mag sein, aber ganz ehrlich: Als ich das Drehbuch zu The Midnight Sky gelesen habe, dachte ich, das kann ich nicht Brad Pitt oder Matt Damon anbieten. Die sehen einfach nicht alt genug aus für die Rolle.