»Blut! Sperma! Tränen! Drunter tu ich’s nicht«

Der Dramatiker und Schauspieler Franz Xaver Kroetz hat ein Leben voller Erfolge hinter sich – und voller Kämpfe. Nun schreibt er an seinen Memoiren und verzweifelt daran. Ein Gespräch über seinen Jähzorn, seinen alternden Körper und den einzigen Satz in »Kir Royal«, der von ihm stammt.  

Bis vor drei Jahren lief Kroetz von Obermenzing im Münchner Westen zum Marienplatz und zurück. Jetzt plagt ihn Arthrose, aber seine Übungen zieht er noch eisern durch.

Ein Häuschen mit Garten in München-Obermenzing, die Hecken hoch, das Gras wuchernd. Kroetz’ Exfrau Marie Theres Kroetz-Relin öffnet die Tür, sie ist zu Besuch. Franz Xaver Kroetz führt in den Wintergarten, im Laufe des Nachmittags gibt es Wasser, Kaffee, selbst gemachten Apfelmost, schließlich Weißbier. Er schreibe an seinen Memoiren, sagte Kroetz kürzlich einer Zeitung, seit Jahren schon. Erste Seiten hat er dem »SZ-Magazin« nun vorab geschickt, als Diskussionsgrund­lage. In der Hauptrolle: ein gewisser Herby Kurz, der seinen Vorschuss verprasst hat und nun an der Schreibmaschine und seinem Lebensrückblick verzweifelt. Kroetz’ Lebensthema, als Roman verpackt. Als junger Mann schrieb Kroetz Stücke wie am Fließband, Arbeitertheater, klassenkämpferisch, schonungslos und derb. Sie wurden seinerzeit öfter gespielt als Brecht, Fassbinder und Bernhard. Dann, 1986, die Rolle als Baby Schimmerlos in Helmut Dietls Kult­serie »Kir Royal«. Und Kroetz fand nie mehr recht zurück in sein Schreiberleben. Die Wut und der Schmerz darüber dringen durch jede Zeile seines Schreibmaschinenmanuskripts.

SZ-Magazin: Herr Kroetz, wie geht es voran mit Ihren Memoiren?
Franz Xaver Kroetz: Ich muss kämpfen. Das bisschen, was ich Ihnen geschickt habe, hat mich ein halbes Jahr gekostet. Ich habe, seit ich denken kann, Schreibhemmungen. Ich bin Schreibinvalide und beneide einen Walser, einen Handke. Die so vor sich hin schreiben, jedes Jahr einen neuen Roman. Ich dagegen war mir nie sicher, ob ich das letzte Arschloch bin oder zu Shakespeare gehöre.

Sie haben sehr lange nichts veröffentlicht. Wann kam die Idee auf?
Vor vier Jahren beschloss ich, so geht’s nicht weiter, du verlernst das Schreiben. Seitdem schreibe ich täglich eine Seite, vollkommen wurscht, was. Das habe ich 200 Seiten lang durchgehalten, bis langsam dieses biografische Narrativ entstand.

Bei welchem Verlag wird das Buch ­erscheinen?
Es gibt keinen. Ich war mal bei Rotbuch und bei Suhrkamp, bin aber seit zwanzig Jahren ohne Verlag. Meine Sachen bringe ich selbst heraus, ich habe 1974 meinen eigenen Verlag gegründet.

Schreiben Sie Ihre Memoiren nur für sich oder würden Sie sie schon gern als Buch sehen?
Ich bin Luxusrentner, ich brauche kein Geld mehr. Rund siebzig Prozent von dem, was ich geschrieben habe, ist nicht veröffentlicht. Aber ja, ich würde sie wahnsinnig gern als Buch sehen. Ich hab mir mit Prosa immer schwergetan. Ich bin ein Stückschreiber, kurze Szenen, die Langstrecke liegt mir nicht.

Von Ihnen stammt der Satz, Prosa sei Laberei.
Ja, das merke ich jetzt auch. Es ist schon zach.

Fehlt Ihnen die Frist, der Druck?
Den Druck mach ich mir selber. Ich gehe mir wahnsinnig auf die Nerven, wenn ich nicht schreibe. Ich bin Schriftsteller, die Schauspielerei geht mir am Arsch vorbei, das ist ein Deppenjob. Du ziehst Klamotten an, die jemand anderer bestimmt, du sagst einen Text, den jemand anderer geschrieben hat, du mimst eine Stimmung, die ein anderer vorschreibt.

200 Seiten, das klingt ja schon fast nach einem Buch.
Es ist halt Material. Von den 200 Seiten sind fünfzig Prozent schlecht. Aber wenn jetzt nach unserem Interview Verleger auf allen Vieren ankriechen, könnte ich es mir überlegen. Korrupt war ich immer schon.

Wann ging das los mit den Schreibblockaden?
Ich habe 1961 angefangen zu schreiben, mit 15. Es war ein Traum damals, eine Befreiung, eine Erlösung, zwanzig Jahre lang. Dann ging es los.

Was hat Sie zum Schreiben gebracht?
Sehen Sie, da geht’s schon los. Ich weiß es nicht mehr, und so kann man keine Memoiren schreiben! Mit zwölf habe ich von meinem Papa die Schreibmaschine ausgeliehen. Einmal die Woche habe ich eine Zeitung für die Familie verfasst, selbst geschriebene Seiten zusammengeheftet. Bis heute liebe ich Schreibmaschinen, ich besitze mehr als zwanzig. Ich war Einzelkind. Aber was mich getrieben hat? Ich kann’s nur zusammenfantasieren.

Probieren Sie’s.
Wir hatten früh einen Fernseher. Ich war faul. Mein Vater lag mit Lymphdrüsenkrebs im Sterben, sonst wäre das alles gar nicht möglich gewesen. In der fünften Klasse hatte ich einen Dr. Dr. Aloys Goergen als Lehrer, einen Theologen, einen Seelenverwandten, der hat mich an eine Schauspiellehrerin verwiesen, die sagte, ich sei von Gott geküsst, aber noch ein armer Kaschperl und bräuchte neben meinem Talent was Handwerkliches. Ich solle bei ihr in Privatunterricht gehen und Schmied lernen. Meine Mutter meinte nur, spinnst jetzt? Der Schmied fragte: Hast eine Liebe zum Eisen? Es hat nicht funktioniert.

Sie sind dann auf die Neue Münchner Schauspielschule gegangen.
Das waren damals nur zwei Klassen. Ich wechselte nach Wien, ich war die Sensa­tion, hab zwei Semester übersprungen, was keine Kunst war, ich hatte ja schon zwei Jahre in München. Nach einem Jahr als Genie bin ich rausgeflogen. Zum ­einen, weil ich eine faule Sau war und nicht mehr mitgekommen bin, zum anderen habe ich in der Regieklasse einem Professor Watschn angedroht.

Was hat Ihre Mutter gesagt?
Der war das allmählich wurscht, ich war ja volljährig. Damals wurde bei der Freundin meiner Mutter eingebrochen, ein paar Häuser von hier. Und meine Mutter sagte zu mir: Gell, Franzl, die meinen fei, dass du des warst. Ich war der verkrachte Schauspieler, ein »Schwabinger«, wie man damals abfällig sagte. Ich hab als Bananenschneider gearbeitet, hab’s auf Baustellen bis zum Einschaler gebracht. Irgendwann hat es meine Mutter nicht mehr mit mir ausgehalten und ist um die Ecke in eine Wohnung gezogen. Ich hatte ja zwei Hunde, wechselnde Freundinnen, die haben alle hier gewohnt, darauf bestand ich.

Musste man Angst haben vor Ihnen?
Ich war ein kleiner, aber sehr schneller, schlagkräftiger, gefährlicher Bursche. Ich habe viele Zweikämpfe geführt und fast alle gewonnen.

Auch schon als Kind?
Nein, da war ich sehr sensibel. Weil ich so viele Ängste hatte, haben sie mich in ein Internat getan, als ich elf war, aber nur ein Vierteljahr, dann kam ich zu einer Kinderpsychologin, weil ich so absonderlich erwachsen war. Die sagte zu meiner Mutter, ich sei zwar schmächtig, im Kopf aber schon zehn Jahre weiter. Aber vielleicht habe ich mir das nur gemerkt, weil es mir gefallen hat? War das so oder reime ich mir was zusammen?

Gehört das Verklären nicht zu jeder guten Autobiografie?
Mein Narrativ, auf dem ich weitermachen könnte, ist der Zweifel, sind die Widersprüchlichkeiten. Bloß, es fällt mir halt so schwer. Mit der Kunst ist es wie mit einem Ozean. Man schwimmt hinaus, dann säuft man ab. Ich gehe jeden Morgen zur Schreibmaschine wie zu einem Auto, mit dem man wegfahren möchte. Nur, es springt nicht an.

Und wenn ein Lektor sagen würde, er wüsste, wie er aus Ihren Aufzeichnungen ein Buch machen könnte?
Dann würde ich sagen, hau ab, du eingebildeter Arsch, da ist die Tür! Ich kann mit Ihnen heute nur übers Scheitern reden, über meine tausend Skrupel und warum es nicht funktioniert.

Sind die Maßstäbe zu hoch, die Sie an sich anlegen?
Es muss mich faszinieren, was ich schreibe. Ich weiß, was gute Literatur ist, und wenn ich Scheiße schreibe.

Wenn es Ihnen nicht gefällt, warum haben Sie uns Ihr Manuskript geschickt?
Doch, es gefällt mir, aber es ist zu wenig. Diese paar Seiten haben mich ein halbes Jahr gekostet. Es gibt Seiten, Kapitel, die ich fünfzigmal bearbeitet habe. Es ist, als ob ein Irrer am Schreibtisch sitzt und sich im Kreis dreht. Der Beruf des Schriftstellers ist bei mir nur noch eine Verhaltensstörung, ein grausliches, tödliches Hobby, weil ich mich dabei zerfresse.

Was sind Memoiren, die Sie gelten lassen würden?
Die von Hans Neuenfels. Oder Mein letzter Seufzer von Buñuel. My Way von Peter Zadek, aber nur diesen einen Band. Furchtbar fand ich die Biografie von Gregor Gysi, wie lauter Aktenvermerke, dabei finde ich den Mann toll. Es muss fetzen, es muss sprengen. Das gilt ja generell für die Literatur. Gut schreiben kann jeder Depp, hat der liebe Kollege Rainald Goetz gesagt. Fand ich wunderbar. Aber da geht’s erst los! Ich kann auch den Handke nicht lesen, wie oft wurde ich nach ihm gefragt, als er den Nobelpreis bekam. Wir kennen uns ja. Ich fand toll, dass ein so naher Kollege ihn kriegt – und ja, er ist ein echter Schriftsteller, nicht so ein Hans Dampf wie ich. Aber seine Bücher? Langweilig.

In Ihrem Manuskript werden Kollegen und Figuren der Zeitgeschichte erkennbar. Wie schonungslos muss oder darf eine Autobiografie sein?
Noch ein Grund, weswegen es nicht geht. Es fällt so viel zusammen, weil ich weiß, dass ich schrecklich über jemanden schreibe, der noch lebt. Und das will ich dem nicht antun.

Können Sie auch nett schreiben?
Nein. Nie. Blut! Sperma! Tränen! Drunter tu ich’s nicht.

Aber die Welt besteht nicht nur aus Extremen.
Stimmt, aber mich hat der braune Sumpf immer mehr interessiert als der grüne Schrebergarten.

Meinen Sie das jetzt politisch?
Auch das. Bei den Grünen: nur schwache, flache, liebenswürdige Charaktere, dazu würde mir nichts einfallen. Aber was gibt es am rechten Rand für komische Figuren! Horst Mahler ist für mich die faszinierendste Figur der Republik, über so einen würde ich gern ein Stück schreiben.

Was hält Sie davon ab?
Na ja, deswegen habe ich mit den Memoiren angefangen: weil mir kein Stück mehr gelingt. 2003 habe ich mein letztes geschrieben. Ich habe immer lieber etwas, was ich nicht kann, versucht, als etwas, was ich kann, noch mal gemacht. Dadurch entstehen auch Peinlichkeiten. Ich habe drei Jahre lang Gedichte geschrieben, durchaus mit dem Bewusstsein, mich zu blamieren. Ich bin ein klassischer Stückeschreiber, ein Fundamentalist, im Gegensatz zu den Jelineks, die da ihre Prosa verbraten.

Wie stehen Sie zum Regietheater der Gegenwart?
Bei mir ist das Theater mit Zadek zu Ende gegangen. Danach kam das postdramatische Theater, wo sich immer mehr die Regisseure auf die Bühne schwindeln. ­300 Regieeinfälle in den ersten fünf Minuten, aber noch kein einziger Satz aus dem Stück. Ich will Stücke auf der Bühne sehen, nicht Regisseure!

Liest man Ihre Stücke und auch Ihre autobiografischen Fragmente, fällt Ihre derbe Sprache auf.
Darüber denkt man nicht nach beim Schreiben. Das ist bei uns in der Familie seit fünfzig Jahren so. Bei einem der letzten Treffen mit meiner Mutter in Lienz begrüßte sie mich mit den Worten: Hallo, alter Sack, wie geht’s dir? Es kann vorkommen, dass ich zu meinem Sohn sage, hey Ferdi, du Arschloch, komm her. Das ist unser Luther-Schimpfwort-Bairisch, unterfüttert mit einem barocken Lebens­gefühl und einer großen Herzlichkeit. Das habe ich immer geliebt. Diese bayerische Angriffslust!

Der Jähzorn war immer mein Lebensfeind, sagten Sie mal. Haben Sie den heute im Griff?
Ja. Aber das war schrecklich. So viele Dinge sind passiert, die mir leidtun. Wenn ich Bier und Schnaps getrunken hab, habe ich automatisch zu streiten angefangen, schon als junger Mann. Ich bin manchmal heimgekommen, hab zehn Stunden geschlafen, bin aufgewacht, hab nach Schrammen am Auto geschaut und gewartet, dass die Polizei kommt. Dann: Mit welchen Menschen war ich zusammen, welche Frauen habe ich beleidigt, wem könnte ich eine Watschn gegeben haben?

Schon mal kurz davor gewesen, jemanden umzubringen?
Aber selbstverständlich. Zufall, dass noch keiner gestorben ist. Selbst Jörg Hube, der mal unter meiner Regie spielte, hat gedroht, mir das Genick zu brechen, wenn ich noch ein Wort sage. Das hätte der auch gekonnt, der war stärker als ich. Woher meine Lunte so kurz war, weiß ich nicht. Ich habe mal meinen Freund, den Literaturkritiker Thomas Thieringer, der solche Ausbrüche oft miterlebt hat, gefragt, was mit mir nicht stimmt. Er sagte: Du warst verzweifelt.

Warum waren Sie verzweifelt?
Wenn ich das wüsste. Ich war ja erfolgreich, in Israel war ich der meistgespielte Dramatiker, vor Goethe, vor Brecht. Ich war einfach ein gefährliches Männlein. Ich bin fest davon überzeugt, dass ich manisch-depressiv bin oder ein Border­liner. Nur gab es solche Diagnosen damals noch nicht. Fragen Sie mal meine Exfrau, wie es für sie war, wenn ich drei Tage lang im Stuhl vor mich hingestarrt habe.

Hatten Sie je Suizidgedanken?
Zum Selbstmord war ich zu aggressiv. Der Selbstmord ist für mich die äußerste Form der Anpassung.

Wie sehen Sie dem Tod entgegen?
Ich werde 75, das Spiel ist aus, aber ich habe viel gewonnen. Wenn ich gesund bleibe, kann ich noch ein paar Runden am Lebensroulette drehen, aber es müsste keine einzige mehr sein. Dieser Schrott, der jetzt mein Körper ist! Ich war ein ­manischer Geher, sieben, acht Stunden am Stück, jetzt komme ich wegen meiner Kniearthrose mit Ach und Krach die Treppe hoch. Alles, was Spaß macht, geht nicht mehr, keiner liebt einen. Um meine Kinder täte es mir leid. Aber meine persönliche Angst vorm Tod wird immer geringer.

Philip Roth sagte, das Alter sei ein Massaker. Gibt es nichts Erfreuliches am Altwerden?
Die größten Arschlöcher sind für mich diejenigen, die meinen, das Alter hat auch seine schönen Seiten. Ich sehe nichts. ­Außer ein bisschen Gelassenheit. Aber die geht mit so viel Bitterkeit einher. Das ­Leben ist für mich wie eine Schafkopfrunde, bei der man nur noch zuschauen darf. Ich kriege keine Karten mehr!

Gewinnt vielleicht anderes an Bedeutung, die Natur, Kinder?Wollen Sie mich beleidigen?

Sie müssten sich nicht mit der Unzufriedenheit abfinden.
Ich wusste ganz früh, so mit 17, als ich zu schreiben begann, dass es hundertmal wichtiger ist, ein hungerndes Kind zu füttern, als darüber zu schreiben, dass ich auf dem Holzweg bin, dass mir die Gnade der Tat fehlt. Diese Wunde hat mein ganzes Leben durchzogen. Es gab Versuche, einen Weg zu finden, als ich in die DKP eintrat. Meine katholischen Ideale sind nie weg gewesen, obwohl ich aus der Kirche ausgetreten bin. Je älter ich werde, desto mehr denke ich, hätte ich doch etwas gefunden, was der Welt nützt, dann wäre ich zufriedener gewesen. Vielleicht bin ich auch als Dramatiker zu gut gewesen, dass ich nicht mehr zufrieden bin.

Spricht aus Ihrer Verbitterung enttäuschte Liebe?
Das Theater hat einfach an gesellschaftlicher Kompetenz verloren. Das war vor dreißig, vierzig, Jahren anders. Die Streaminganbieter haben diese Funktion längst übernommen. House of Cards, also alles, was recht ist, da hätte auch Shakespeare mitschreiben können. Die Dialoge, zum Niederknien. Und dann gehst du ins Theater, schaust Schauspielern zu mit Bodycam, die Fresse groß auf der Leinwand, Mannomann. Ich kenne niemanden, den Theater interessiert, außer meine Zahnärzte.

Sie haben mal fürs Theater gebrannt.
Meine Begeisterung fürs Stückeschreiben kann ich heute noch verstehen, Szenen für zwei oder drei Menschen. Dialoge. Schade, du liebst mich nicht mehr. Hast du nicht gemerkt, dass ich dich nie geliebt habe? Ein Leben, zwei Missverständnisse in wenigen Worten. Dialoge sind wie Eisplatten, die sich ineinanderschieben.

Gibt es nichts am zeitgenössischen Theater, was Sie gelten lassen?
Ich will nicht alles schlechtmachen, ich lebe ja auch davon, noch werden meine Stücke gespielt. Ich meine, ein Ibsen-Stück konnte Eheleuten im Publikum Szenen vor Augen führen, an die sie sich privat nie hingetraut hätten, ein Reiseschriftsteller erzählte von fernen Ländern, in die man als Leser nie gekommen wäre. Wir Schriftsteller waren mal sehr wichtig. Durch die heutigen Möglichkeiten, die ich niemandem nehmen will, ist das zusammengefallen. Ich bin mit 15 zum Theater gekommen, weil es für mich gefährlich wirkte, es war obszön und aufregend.

Bei den Premieren Ihrer Stücke gab es Skandale, weil Sie Schauspieler auf der Bühne onanieren ließen.
Es kam zu Demonstrationen: »Schmidinger, die Pornosau, onaniert wie Kohlenklau!« 1971. »Ruth Drexel, Pornohexel.« – »Kroetz aus dem Theater raus, und zurück ins Irrenhaus!« Heute kannst du keinen Skandal mehr machen, es ist alles runtergelatscht. Kennen Sie noch irgendeinen deutschen Dramatiker, von dem es ein Buch gibt, dessen Stücke als Literatur betrachtet werden? Auf mein erstes Suhrkamp-Bändchen Heimarbeit. Hartnäckig. Männersache war ich stolzer als auf die Uraufführungen. Heute steht nicht mehr der Autor im Mittelpunkt, sondern die Regisseure und Intendanten. Das ist eine Mafia. Ein Klüngel: Wer darf inszenieren, wer nicht? Keiner muss das Geld verdienen, das er ausgibt, alles Subventionsgelder. Aber ich möchte das Theater nicht in Bausch und Bogen verurteilen. Was mir gefallen hat, war von Marthaler an der Volksbühne, ewig her. Murx. Eine wunderbare Geschichte der beiden Deutschlands.

Ihr Stück Wunschkonzert wurde von der Britin Katie Mitchell in Köln inszeniert, modernes Theater. Interessiert Sie das?
Ihre Aufführung hat mir sehr gut gefallen. Ich habe auch Wunschkonzert von Thomas Ostermeier in der Schaubühne gesehen. Und Hamlet mit Lars Eidinger an der Schaubühne, grandios, da gefällt mir Thea­ter. Aber weil ich alt werde, werde ich auch noch etwas kleiner. Ich hatte in der letzten Zeit immer einen großen Kopf vor mir. Das halte ich nur bis zur Pause aus. Außerdem habe ich mein Quantum an Theater-Arschsitzerei abgesessen.

Wie blicken Sie heute auf Ihre Zeit in der DKP zurück?
Ich habe immer gesagt, ich bin ein bayerischer Kommunist. Ich bin mir nicht einmal sicher, ob ich wusste, dass die DKP so eng mit der SED verbunden war. Ich glaube nicht. Es gehört zu meinem Temperament, in ein Schwimmbad zu springen, wo man nicht weiß, ob Wasser drin ist. Es ist feig, extra zu schauen. In der Partei waren aber auch gute Leute, und in der DDR haben wir nur intelligente Leute kennengelernt, tolle Schriftsteller wie Hermann Kant. Wir dachten, wir können einen Steppenbrand in der DKP verursachen, um sie vom Osten zu lösen und in eine eurokommunistische, starke Partei umzuwandeln, in der man »Heimat« laut und deutlich sagen kann, anders als bei den Schwarzen. Ich bin ja verlacht worden, was soll das sein, ein bayerischer Kommunist? Aber es gab sie doch, diese saure Wiese, aus der die wunderbaren halblinken Schriftsteller gewachsen sind, die alle vergessen sind. Lion Feuchtwanger, Oskar Maria Graf, Ludwig Thoma.

Feuchtwanger gilt als Klassiker, Thoma war Antisemit.
Ist mir doch heute scheißegal, dass der im Miesbacher Anzeiger damals, halbtot wie er war, voll mit Geschwüren, seinen anti-jüdischen Senf verzapft hat. Das bleibt einer der größten bayerischen Dramatiker, der hat was geleistet.

Sie waren berühmt dafür, als Kommunist im Mercedes herumzufahren.
Ja doch, ich hab mir 1977 einen 450 SE gekauft. Der kostete 49 000 Mark. Und ich hab mir drei Maßanzüge machen lassen, von Rudi Erl in Altenmarkt. Da war der Maßanzug nicht teurer als einer bei Hirmer von der Stange. Aber ich kenne nur Armut, ich sehe meinen Vater mit seinen riesigen Händen stundenlang alte Nägel gerade klopfen. Das hat mich als Kind so beeindruckt, dass ich gesagt habe, gell, Mama, wenn der Papa tot ist, gehören alle Nägel mir. Ich komme aus dem Subproletariat. Mein Vater war kleiner Beamter, meine Mutter hat ihr Leben lang darum gekämpft, dass sie einigermaßen haltbare Prothesen für ihre Zähne hatte. Dieses Häuschen hier haben sie sich abgespart, das war ausgerechnet bis auf den kleinsten Pfennig. Aber ans Elend denke ich mit Vergnügen.

Warum?
Das ist mir Heimat. Traurig ist der Maßanzug.

Stimmt die Geschichte, dass Martin Walser sich 1970 bei Suhrkamp für Sie stark gemacht hat?
Walser war kurz kommissarischer Leiter des Bühnenverlags bei Suhrkamp. Ich hab meine Stücke einfach in den Briefkasten geschmissen, zig Absagen kassiert. Aber Walser hat darauf aufmerksam gemacht, dass die Stücke interessant sein könnten. Ihm verdanke ich diesen Anfang.

Im November 1978 sollte in der Münchner Uni eine Lesung mit Ihnen stattfinden, initiiert vom marxistischen Spartakusbund. Sie wurde abgesagt, und Ihre Gefolgschaft war so aufgebracht, dass sie die Lesung eines anderen Schriftstellers dort sprengte, die von Thomas Bernhard.
Ich habe ihn damals für einen Wienerwürsteldreher gehalten, der einen formalistischen Scheiß zusammenschreibt. Das hat sich verändert, als ich seine Prosa las, er kann grandios schreiben. Damals war ich halt sehr links und agitatorisch und dachte, Literatur solle einen praktischen Nutzen haben, nicht nur einen ästhetischen. Ich wollte schließlich die Welt verändern.

Mit der Schreibmaschine?
Ich hab mich auch nach der Tat gesehnt. Wir hatten ja so viel geredet, gegen die Amis, gegen den Vietnamkrieg, wir haben uns gefallen auf den Demonstrationen, aber das war eine sprachgewaltige Hoffnungslosigkeit, in der wir festsaßen. Und dann griff jemand das amerikanische Militär an, das war Tat, das kann man heute nicht mehr erklären. Die Ermordung Ohnesorgs, die Bild-Zeitung, der Filbinger, die ganzen Nazis in den ersten Bundestagen, die ich mit der Welt meines Vaters verbunden habe, die haben uns in einen riesigen braunen Sog gezogen. Wir haben mitschwimmen müssen in dieser neuen Bundesrepublik, es wurde ja niemand belangt, kein Arzt, kein Richter, kein Polizeiinspektor.

Fühlen Sie sich gemeint, wenn es heißt, Ihre Generation sei traumatisiert durch das Schweigen der Eltern?
Kann ich mir gut vorstellen. Ich bin ja ’46 geboren. Wenn ich über Wiedergeburt nachdenke, frage ich mich, was ich wohl angestellt habe im Dritten Reich, was ich in den Genen habe, von meinem Vater. Kann schon sein, dass das Teil meiner Verzweiflung war.

Sie schliefen im Zimmer Ihres Vaters, bis Sie zehn waren.
Die Mutter schlief in ihrem eigenen Zimmer. Ich beim Papa, und das gerne. Wir machten immer den Witz, dass wir uns nie vor Einbrechern fürchten müssten, weil er nachts wie ein Jochgeier schrie. Was er so träumte, weiß ich nicht.

Hat er nie darüber gesprochen?
Nein, da war nur Schweigen. Wer war mein Vater? Ich weiß es nicht, woher auch? Er ist ja so früh gestorben. Kürzlich fand ich Fotos von 1944. Er war Versorgungsoffizier der Eisenbahn hinter der Front, irgendwo in der Ukraine. Ein Bild zeigt ihn mit einer Flasche in einem Güterwaggon, auf der Rückseite hat er notiert: »Ein guter Schnaps«. Er muss also einen ganz guten faschistischen Magen gehabt haben, er grinst so glücklich aus seiner Hauptmannsuniform heraus. Der Rückschluss, dass er ein unbelehrbarer Nazi war, steht mir jedoch nicht zu. Vielleicht hat es ihm einfach gefallen, dass er ein bisserl unterwegs war? Für dieses Ich-weiß-es-nicht bräuchte ich eine literarische Form, finde sie aber nicht.

Woran hapert es?
Vielleicht müsste man einfach ein richtig guter Schriftsteller sein. So wie Daniel Kehlmann. Wenn ich nur halb so gut schreiben könnte, würde ich meine Probleme lösen.

Was ist Ihre schönste Erinnerung an Helmut Dietl?
Der Helmut war das Gegenteil dessen, was seine Filme suggerieren. Der Helmut war magenkrank, humorlos, streng, nervös, schwierig, unangenehm, penibel, für mich als Schauspieler sehr anstrengend. Er hat alles gesehen, war oft unzufrieden. Wenn es geglückt war, gab es ein paar Stunden der vergnüglichen Gelöstheit. Ich habe mich immer sehr gefreut, wenn er zufrieden war. Dann hat er gestrahlt und vergessen, dass er ein Magengeschwür hat, dass seine Alte seit Jahren ein Doppelleben führt und ihn bescheißt.

War die Figur Baby Schimmerlos eine reine Dietl-Erfindung? Man meint, viel Kroetz zu sehen.
Nikolaus Paryla sollte ihn erst spielen, ein langsamer, miauender Schauspieler. Nach drei Tagen haben sie aufgehört, weil er kein Schimmerlos war. Dann sollte Ludwig Hirsch, der Liedermacher, genommen werden. Dietl sagte, bringt mir Filme. Hirsch spielte in Trokadero die Hauptrolle und ich die zweite. Mir wurde kolportiert, dass Dietl sagte, der andere, der Kroetz, der wär’s. Am dritten Drehtag kam der Helmut und meinte, du bist zu hart, du musst ein bisschen weicher werden, so wie der Helmut Fischer, und ich hab gesagt, willst du noch mal umbesetzen? Ich spiel es so, wie ich es mag. Ich kann sowieso nur mich spielen. Damit war’s gegessen. Hätte der Helmut damals gesagt, dann nicht, wäre es mir wurscht gewesen.

Klingt, als wäre die Rolle nur ein Job für Sie gewesen.
Wissen Sie, ich hatte bis dahin genug Ruhm und Geld. Im Nachhinein ist es toll, Kir Royal gemacht zu haben, im Schauspielerberuf mal richtig gut gewesen zu sein, neben anderen guten Schauspielern, denn das war bis in die kleinste Rolle wunderbar besetzt. Aber das wusste ich nicht damals, ich bin so reingerutscht. Sogar die Kostüme vom Paryla haben mir gepasst, ich konnte sofort reinschlüpfen.

Es gibt ein Foto von Ihnen 1987, in »Kay’s Bistro«, da sehen Sie auch privat aus wie Schimmerlos.
Ja, als Baby Schimmerlos trug ich eine Cartier-Uhr und hatte diese ganzen tollen Klamotten, Anzüge von Boss. Gong wollte ein Titelbild machen, mit der Senta und mir, ich hab gesagt, ich möchte eine Gage, oder ihr schenkt mir die Garderobe. Ich habe sie gern getragen, die Anzüge, so was Teures habe ich mir nie gekauft.

Wie viel Verlangen nach Anerkennung steckte in diesen Statussymbolen?
Das hat mir gut getan. Und ja, ich finde, ich komme inzwischen zu wenig vor in der Öffentlichkeit, das war schon eine gute Zeit damals. Ich mag es, wenn das Land aufhorcht und sagt, ach, den Kroetz gibt’s ja noch. Kurz nachdem ich Kir Royal gespielt hatte, habe ich mir eingebildet, dass ich auch leben kann wie Baby Schimmerlos. Ich war in einem glitzernden Fahrwasser drin, mit meiner wunderschönen Frau, Tochter von Maria Schell.

Sie haben Homestorys gemacht mit Ihrer Frau.
Ich war zwei Drittel meines Lebens unglücklich. In dieser Zeit war ich es nicht. Ich war ein Star, war meinem Talent gegenüber verantwortungslos, hatte eine Kolumne in der Bild, hab den größten Schmarrn zusammengeschrieben, aber ich bereue es nicht. Paparazzi hatten wir! Da haben wir uns drüber gefreut. Aber klar, nach Kir Royal war der Dramatiker natürlich kaputt, ich war nur noch der Baby. Und so ist es geblieben.

Lag es am Ruhm, oder passte Ihr engagiertes Arbeitertheater nicht mehr in den Zeitgeist der hedonistischen Achtzigerjahre?
Ja, das hat sich angedeutet. Ein Intendant sagte mir: »Kroetz, Sie müssen sich damit abfinden, das politische Theater ist tot. Und auch Ihres.« Wenn ich heute zu einer Talkshow eingeladen werde, wollen die entweder den bayerischen Rabauken oder den Baby. Deshalb gehe ich nicht hin.

Ist die Vorstellung so schlimm, mit dieser Rolle und nicht als Autor von Stallerhof in Erinnerung zu bleiben?
Mir wäre lieber, ich würde mit einem meiner Gedichte in Erinnerung bleiben. Das ist der Wunsch, im Eigenen zu leuchten.

Aber Sie ahnen, worauf es hinausläuft.
Natürlich. Ich sage auch niemandem mehr, der mich als Schauspieler erkennt, dass ich mal Stücke geschrieben habe.

Waren Sie im Nachhinein sehr froh, Dietl für den Film Zettl, die gnadenlos verrissene Fortsetzung von Kir Royal, abgesagt zu haben?
Der Helmut konnte wie kein Zweiter schreiben, das waren ursprünglich drei Drehbücher, sehr genau, sehr witzig, sehr lang. Aber das wurde eingedampft und eingedampft, als hätte er sich erst den einen Arm abgehackt, dann den anderen, dann den einen Fuß, dann den anderen. Am Ende hat’s mir nicht mehr gefallen, es hatte keinen Charme, keinen Atem. Der Helmut hat seine Figuren geliebt. Aber der Stuckrad-Barre (der Co-Autor, Anm. d. Red.) mit seiner klirrenden Eitelkeit schaute auf unsere Figuren herunter. Da dachte ich, so viel könnt ihr gar nicht zahlen, dass ich mir von euch meine wunderschöne Figur kaputtmachen lasse.

Sind Sie im Frieden oder Unfrieden auseinandergegangen?
Ich war mit Helmut Dietl nie in dem Sinn befreundet. Dem war ich nicht gut genug. Er hatte ein High-Society-Leben, sprach Französisch, Englisch, ich kann bloß Bairisch. Bei Regisseuren sind Sie automatisch Zuhörer. Sie sind nie auf Augen­höhe. Bei Zettl habe ich sogar gesagt, ich helfe dir, wenn du es umschreibst. Aber das sind so Monolithen, die kann man nicht beeinflussen. Es gibt in Kir Royal nur einen einzigen Satz, der von mir ist: »Halt’s Maul.« Als wir von dem Haffen-loher losgehen, nachdem wir die Fotos gemacht haben, sagt der Herbie, ach, ich weiß ja gar nicht, und dann sage ich ein nicht im Text stehendes »Halt’s Maul«. Das hat Dietl durchgehen lassen.

Nichts in Kir Royal ist improvisiert?
Der Helmut wollte nicht improvisieren. Dieter Hildebrandt hat mal improvisiert, da sagte der Helmut nach der Szene: Du, sag amal Dieter, hast du des gelesen, was ich geschrieben habe? Dieter: Ja, klar. Helmut: Nein, hast du nicht, denn du hast etwas ganz anderes gesagt. Und dann hat Dieter Hildebrandt Helmut Dietls Text auswendig gelernt, aufs Komma.

Sie haben mal gesagt, die Kulturszene habe Sie immer angekotzt.
Das ist nicht meine Welt. Diese Kulturschickeria habe ich von Anfang an bekämpft. Ich habe mit den Intendanten gestritten, habe diese Kulturleute alle als persönliche Feinde betrachtet. Dabei haben die mich hochgehoben und gefeiert. Trotzdem passten wir nicht zusammen.

Warum haben Sie ein Feindbild daraus gemacht?
Die haben studiert. Waren zum Teil Doktor, während ich Mittlere Reife hatte und am Bauerntheater für zwanzig Mark spielte. Einmal fuhr ich nach Marburg, um für eine Stelle als jugendlicher Liebhaber vorzusprechen. Die haben gefragt, was wollen Sie denn hier? Sie sind kein jugendlicher Liebhaber! Das haut so rein. Ich krieg jetzt noch eine Faust in der Tasche. Du fährst mit solchen Illusionen dahin. Und dann hasst du die alle.

Wie alt waren Sie da?
19, 20. Mit 24 war ich kurz vorm Aufgeben. Ich schaute mir Zerreißprobe von Günter Brus an. Das hat mich so beeindruckt, wie der mit seinem eigenen Körper umging. Ich arbeitete gerade als Fahrer für eine große Firma und traf einen Freund, einen Schauspieler. Er fragte, was machst du so? Ich sagte, ich bin jetzt Fahrer, ich lasse es mit der Kunst. Der Kampf mit meiner Mutter zwischen 15 und 25, dass ich nichts Gescheites werde, dass ich schreiben will und nicht arbeiten, das waren ja auch zehn Jahre Hölle. Und dann kam das Suhrkamp-Bändchen.

Es gibt Brecht-Schüler, Fassbinder-Schüler, aber keine Kroetz-Schüler, es gibt überhaupt keinen Nachwuchs an bayerischen Dramatikern. Warum haben Sie nicht mehr für den Nachwuchs getan?
Ich habe gar kein didaktisches Talent. Ich hasse Nichtskönner. Ich wurde öfter gefragt, ob ich irgendwelche Kurse geben könnte. Ich habe immer Nein gesagt.

Sie haben fünf Kinder, da müssen Sie doch etwas Didaktikgelernt haben.
Ich habe die meiste Zeit geschrieben, die Kinder hat meine Frau erzogen. Auch als Regisseur war ich nie in der Lage, mich mit Anfängern auseinanderzusetzen. Ich konnte nur mit perfekten Schauspielern arbeiten. Aber es ist natürlich ein Manko, man sollte etwas weitergeben. Ich bin halt zu ungeduldig. Ich könnte auch nicht Fahrlehrer sein. Vielleicht rächt sich das jetzt, denn ich habe auch keine Geduld mir gegenüber. Ich bin zu stur. Ich habe oft die falsche Wahl getroffen. Wäre ich damals in die CSU und nicht in die DKP gegangen, wäre ich heute Generalintendant sämtlicher bayerischer Theater.

Bereuen Sie das?
Nein. Aber in meiner Jugend habe ich viel zu viele Dinge angestellt, die mir heute leidtun. Ich wäre gern lockerer, fröhlicher, menschlicher, vernünftiger gewesen. Ich hätte gern mehr Humor und Leichtigkeit und Chuzpe gehabt. Ich wurde mit großen Begabungen geboren, aber an meiner Wiege stand auch immer eine Fee, die mir reinspuckte, die dafür gesorgt hat, dass alle Erfolge bitter waren, dass ich nie zufrieden war. Ich könnte ja jetzt hier auch als fröhlicher alter Mann sitzen.

So unfröhlich wirken Sie gar nicht.
Gott sei Dank! In einem wachen Leben muss das ja beides möglich sein. Ich habe immer beide Seiten gebraucht. Ich weiß auch nicht, ob meine Stücke in hundert Jahren noch gespielt werden.

Und wenn es so wäre?
Das wäre die Bestätigung, dass es funktioniert hat, dass man Menschen berührt hat, dass die Kunst etwas bedeutet hat. Unsere Kunst ist wie ein Schmetterling, so filigran. Die echten Dramatiker, von Shakespeare bis Sean O’Casey, sind tot und werden noch gespielt. Zu denen würde ich gern gehören. Alle Lust will Ewigkeit.