Ins Licht

Die Künstlerin Oda Jaune hat Deutschland nach dem Tod ihres berühmten Mannes Jörg Immendorff wortlos verlassen. Dabei war längst nicht alles gesagt. Porträt einer Befreiten.

Lange galt Oda Jaune als zurückhaltend und mädchenhaft. Ihr ehemaliger Galerist Michael Fuchs sagt über sie: »Wer so malt, ist nicht scheu.«

Die stärkste Waffe, die es gibt, sei das Schweigen, sagt sie. Und weil sie ein Gespür für Dramatik hat, sagt sie dann erst mal nichts mehr. Sie schaut aus dem Auto­fenster. Das Land ist hügelig, Stoppelfelder unterbrochen von grünen Wäldern, dann wieder Felder, wieder Wälder.

Diese Straße durchs Hinterland Bulgariens verläuft geradeaus, der Asphalt ist ein Puzzle aus Farben und Formen und Strukturen. Die Künstlerin Oda Jaune ist von Paris nach Sofia geflogen, um in einem Steinbruch eine überlebensgroße Skulptur


Oda Jaune war die Ehefrau des deutschen Malers Jörg Immendorff. Dieses Mannes, der zu allem etwas sagte, der gern seine Welt erklärte oder einfach auf seine Bilder schrieb, was er sagen wollte: »Hört auf zu malen«. Oder: »Esst deutsche Äpfel«. Der mit einem schwarz-rot-gold bemalten Klotz am Bein herumlief. Der sich gekrümmt in einem Papierhäuschen ans Bonner Bundeshaus heranhockte, um an die Macht anzudocken. Der einen Bambi in der Kategorie Kunst gewann. Der Künstler war und die Karikatur eines Künstlers. »Jörg hat den Austausch mit den Menschen gesucht, und als er weg war, war nur noch ich als Lebende da«, sagt Jaune.

Oda Jaune verließ Deutschland wortlos. Sie wollte keine Düsseldorfer Witwe sein, die von den Leuten und den Zeitungen beim Trauern beguckt wird. Die mal für zu wehleidig, mal für zu fröhlich befunden wird. Und sie

Oda Jaune ist also eine Lebende, mit diesem Überlebnis in der Biografie. Überlebnis ist ein Wort, das die Suhrkamp-Verlegerin Ulla Berkéwicz nach dem Tod ihres Mannes Peter Unseld geprägt hat. Ein Begriff, der die vielen

Es ist Mitte September 2018, als Oda Jaune nach Deutschland kommt, um erstmals eine Retrospektive von Jörg Immendorff zu eröffnen. Und um einen Tag lang wieder öffentliche Witwe zu sein. Über den Abend im Haus

Die Ausstellung mit dem Titel Für alle Lieben in der Welt zeigt auch Bilder aus den ersten Jahren der Liebe zwischen Oda Jaune und Jörg Immendorff. Es war diese kurze Periode um die Jahrtausendwende, in der er noch selbst den Pinsel führen konnte. Jaune liebt diese hochsymbolischen Kleinformate, deren Entstehung sie so nah begleitet hat. Über die gemeinsame Schaffenszeit in Düsseldorf sagt sie, dass ihr Mann und sie sich gegenseitig beeinflusst hätten. Sie weiß genau, was sie damit auch sagt: dass auch sie ihn beeinflusst hat, die junge Frau den etablierten Maler. Oda Jaune ist selbstbewusst nach Deutschland zurückgekehrt.

Es wirkt, als habe das Leben von Oda Jaune eine erste Runde vollendet: Sie ist jetzt 39, ihre Tochter erwachsen, kurz vorm Auszug. Sie ist erfolgreich mit ihrer Arbeit. Wenn ihre Galerie Templon in Paris

Oda Jaune – den Namen hat ihr Jörg Immendorff gegeben. Oda, die Wertvolle. Jaune, Französisch für gelb. Seine Lieblingsfarbe. Ein roter, von Immendorff gebastelter Pass mit gemaltem Stempel zeugt von dieser Ernennung, er hängt bei

Oda Jaune hatte schon viele Namen. Sie wurde als jüngstes von drei Kindern 1979 in Sofia geboren. Da hieß sie Susan Michaela Danovska. Als Jugendliche wurde sie der Form halber von ihrer Tante adoptiert, damit

Und Malerin werden wollte Oda Jaune schon, als sie noch Susan Michaela Danovska hieß. Ihr Vater war auch Künstler, mit Atelier unterm Dach, bis er als Grafiker für eine Fluggesellschaft anfing, um genug Geld für

Jaune hatte sehr früh einen eigenen Anspruch. Oft ging sie als Kind in die Sveti-Sedmochislenitsi-Kirche, nur zwei Blocks von ihrem damaligen Wohnhaus entfernt, um sich die Heiligenbilder anzusehen. Jesus, ­Maria, düster und golden, mit diesem

Oda Jaune übermalt fertige Leinwände, wenn das Dargestellte zwar interessant ist, technisch sauber oder ästhetisch gelungen, aber nicht intensiv genug. In ihrem Atelier in Paris steht das Bild eines schwangeren Mannes, schon leicht übermalt. »Er

Mit der Ausstellung in Sofia schließt sich der Kreis: die Kindheit in Sofia und am Meer, die Jugend in Heidelberg und Düsseldorf an der Akademie, das Leben an der Seite von Jörg Immendorff, die Ehe,

Die Skulptur, die Oda Jaune im Steinbruch an der bulgarisch-rumänischen Grenze aufstellt, ist zweieineinhalb Meter hoch, 850 Kilo schwer, aus Bronze. The Caress hat Jaune sie genannt, die Liebkosung. Sie zeigt einen sterbenden Mann und eine starke Frau.


Es ist ein weiter Himmel, nichts versperrt den Blick. Der Steinbruch liegt vor ihr, die Terrassen in hellem Stein, dann wieder eine Terrasse, ein bisschen dunkler, dann die nächste noch mal dunkler, so arbeitet sich der Steinbruch in Farbnuancen hoch auf die Höhe der Ebene, die ihn umgibt. Oda Jaune sitzt in ihrem Jeans­overall im knetweichen Lehmboden, die Beine aufgestellt, mit den Armen umschlungen. Sie sitzt hinter der Skulptur, sie will sehen, wie die Umgebung aus den Augen der Frau aussieht. Eigentlich besteht die Skulptur aus zwei Menschen: einer Frau und, ebenso groß, einem Mann. Trotzdem ist die Skulptur für Oda Jaune immer bloß sie, die Frau.

Oda Jaune will für sie einen weiten Blick, über den Steinbruch hinweg, über den kleinen grünlichen See hinweg, der sich in der Sohle des Steinbruchs gebildet hat, bis auf die Terrassen gegenüber. Und den hat

Oda Jaune spricht nicht über den Tod von Jörg Immendorff, schon gar nicht konkret. Aber natürlich ist bekannt, wie es passierte: Immendorff, damals 61 Jahre alt, war Ende der Neunzigerjahre an ALS erkrankt, einer seltenen

Einen Tod, der sich zwischen Liebende drängt, hat Oda Jaune nun mit ihren Händen geformt. Was hat diese Skulptur mit ihr zu tun? Oda Jaune findet die Frage indiskret, das sieht man, sie ist aber

Wenn man Oda Jaune eine Weile begleitet, in Bulgarien, in Paris oder zwischen den Kunstwerken ihres Mannes im Haus der Kunst in München, die große Tochter an der Hand, dann merkt man: Sie ist schlau,

Das Bild von Oda Jaune muss man sich aus vielen kleinen Szenen zusammensetzen, mal hier, mal da. Man muss warten. Sie erklärt sich nicht selbst. Sie sagt keine Sätze wie: »Ich bin jemand, der …«.

Man kann Oda Jaune alles fragen. Aber sie wird die Antwort nicht ausdeuten. Das verweigert sie auch für ihre Bilder.


Womöglich liegt der Fehler schon in der Anlage: eine Künstlerin verstehen zu wollen. Wer sich präzise ausdrücken will, malt ja nicht. Und wer versucht, sich durch Malerei präzise auszudrücken, malt nicht so wie Oda Jaune.

Nackte Menschen mit Pferdeköpfen, Affen in Frauengehirnen, Brüste, aus denen ein erigierter Hundepenis herauswächst, Frauen,

Oda Jaunes Kunst ist nicht massenkompatibel. Die Kunst der zeitgenössischen Stars ist oft großflächig und

Oda Jaunes Kunst ist anders. Sie ist vordergründig lieblich – die Farben, die Formen, die

Oda Jaunes Kunst muss man fühlen, aber man darf nicht zu feinfühlig sein – im

Oder eine sehr naturalistische Darstellung von zwei rohen Kalbszungen, die sanft übereinander gelegt aussehen wie

Vielleicht ist ihre Kunst eine Probe für die Welt, die Widersprüchliches nicht gut nebeneinander stehen


Es gibt ein Aquarell von ihr, das Brigitte Bardot zeigt, mit ihren geschürzten Lippen, den wollüstigen Haaren, in engem Rot, aber ohne Beine. Dort, wo die Oberschenkel anfangen sollten, ist ein rundes rosafarbenes Feld, das aussieht wie eine aufgeschnittene Wurst. »Ich wollte wissen, ob sie so immer noch schön ist«, sagt Jaune in dem Dokumentarfilm Wer ist Oda Jaune? über diese Zeichnung. Über sich selbst sagt sie darin: »Es wäre alles leichter gewesen, wenn ich nicht schön wäre.« Das ist entwaffnend und kokett. Und diese Mischung ist typisch für Jaune.

Sie ist klein, in ihrem Personalausweis stehen 1,65 Meter, sie ist zierlich und sie trägt

Journalisten, die sie getroffen haben, schreiben meistens, Oda Jaune sei schüchtern, scheu und auf eine

Aber man kann sie auch ganz nüchtern erleben. Es ist acht Uhr am Morgen in

Kamilla Pfeffer, die Regisseurin des Dokumentarfilms Wer ist Oda Jaune?, fragte Oda Jaune damals vor Drehbeginn, ob ihr eine Kamerafrau oder ein Kameramann lieber sei. Jaune antwortete sofort: eine Frau. Männer reagierten immer so stark auf sie, das sei vielleicht hinderlich.

Ein warmer Abend Mitte September in München, gerade hat es angefangen zu regnen, vor dem

Es ist ein Gefühl, das Jaune kennt, seit sie mit Immendorff zusammenkam. Immendorff, der schon

Als Immendorff starb, deuteten sie alle sein Leben aus, diese Freunde und Weggefährten, die der auch oft mit in seine kinoleinwandgroßen Bilder hineingemalt hatte. In diesen Bildern zechen sie die Nächte durch und überwinden auch mal nebenbei die deutsche Teilung. Mit der leisen jungen Frau konnten die nichts anfangen. Die beiden engen Freunde von Immendorff, die nach seinem Tod Biografien über ihn verfassten, maßen Jaune keine Bedeutung bei. In Immendorff. Die Biografie von Hans Peter Riegel ist ihr ein Kapitel namens »Die Kindfrau« gewidmet. Es umfasst gerade mal 22 Zeilen. Immendorffs Galerist und Testamentsvollstrecker nannte die Alleinerbin, mit der er plötzlich auf Augenhöhe zu tun hatte, im Spiegel ein »kleines Mädchen« und ein »pain in the neck«, als wäre sie eine Störung im Ablauf. Als er erfuhr, dass Jaune anlässlich der Ausstellungseröffnung vor Publikum über Immendorffs Kunst sprechen wird, sagte er: »Vielleicht hat sie das ja inzwischen mal gelernt.« Die große Eröffnungsrede »auf den alten Freund« hält Gerhard Schröder. Oda Jaune begrüßt er von der Bühne aus, indem er ihren Namen falsch ausspricht. Er sagt Jaune, wie Jause.

Diese Frau mag manchmal entrückt wirken, aber die Realität entgeht ihr nicht. Und es hat


Mitte Oktober in einem Pariser Hinterhof. Es ist Kunstmesse in der Stadt, die Galerien im Viertel Le Marais sind alle geöffnet. Hell erleuchtete Räume mit hohen Decken in den dunklen Straßen, es gibt Rotwein in Plastikbechern, die Leute tragen weiße Turnschuhe und Kleidung ohne Markenembleme. In der Galerie Perrotin hängen vom Boden bis zur Decke Plattencover an der Wand: Die Künstlerin Sophie Calle stellt ein Musikalbum vor, Musiker wie Pharrell Willi­ams, The National und Jean-Michel Jarre haben für deren verstorbene Katze Souris Lieder aufgenommen, Sophie Calle hat diese Lieder kompiliert und auf Vinyl gepresst. Die Galerie verkauft die Platten für hundert Euro pro Stück im Leinenbeutel. Alles absolut hermetisch.

Oda Jaune grinst, als sie aus dem strahlend weißen Souterrain auf die dunkle Straße tritt.

Sie würde also von selbst nichts Schlechtes sagen über diese Indieplatte für die verstorbene Katze

Oda Jaune führt und führte allerhand Prozesse, gegen einen erwachsenen Sohn von Jörg Immendorff, gegen

Die Skulptur The Caress, die nun in Bulgarien von Ort zu Ort wandert, ist ungewöhnlich für Oda Jaune. Sie hat offensichtlich mir ihr zu tun. Angeregt wurde sie durch ein Pressefoto aus dem Jemen. Der spanische Reporter Samuel Aranda hat es am Rande einer Straßenschlacht aufgenommen und wurde dafür 2012 mit dem World Press Photo Award ausgezeichnet. Eigentlich zeigt es eine Mutter, Fatima Alqawas heißt sie, und ihren verwundeten Sohn, Said, in einer Moschee in Sanaa. Bei Oda Jaune wurden die beiden zu Liebenden, die sich im Kuss nur einen Mund teilen. Dass sie sie jetzt ausstellt, mag kaum passen zu dem, wie Oda Jaune sonst mit ihrer Intimsphäre umgeht. Vielleicht steht sie auch deshalb an schwer zugänglichen Orten, unangekündigt taucht sie auf, in irgendeiner Bucht am Schwarzen Meer, in stillgelegten Steinbrüchen im Hinterland, in Nationalparks an Endpunkten von dreistündigen Wanderwegen. Sie soll plötzlich da sein, überwältigend schmerzhaft und dann auch wieder weggehen. Wie die Trauer.

Noch immer kann Oda Jaune kaum über den Verlust sprechen. Inzwischen tut sie es trotzdem.

Oda Jaune beansprucht inzwischen für sich, auch etwas beizutragen. Als am Morgen der Ausstellungseröffnung in

»Wir haben uns gegenseitig etwas gegeben«, sagt sie. All das, was die anderen gesehen hätten,

Freitagmorgen in Paris, es ist Ende Oktober, die Luft ist kalt, aber die Sonne vertreibt

Warum sind es so oft Frauen? »Mit dieser Materie bin ich vertraut.« Aber sie meint

In ihrem Atelier steht ein neues Bild, es soll bei der Werkschau in Sofia zum ersten Mal ausgestellt werden. Es zeigt eine nackte Frau ohne Kopf, die Brüste richten sich gen Himmel und nach der Sonne aus. Jaune ist sich so sicher, dass diese Frau das Glück gefunden hat und man es kaum anders sehen kann, dass dieses Bild sogar einen Titel bekommen soll: Die Befreite, Öl auf Leinwand, 2018.