»Wir sind schon da«

185 lesbische, schwule, bisexuelle, queere, nicht-binäre und trans* Schauspieler*innen outen sich – und fordern mehr Anerkennung in Theater, Film und Fernsehen. Mit der Initiative #actout und einem gemeinsamen Manifest wollen sie eine Debatte anstoßen. Sechs von ihnen sprechen im Interview über Klischeerollen und die immer wiederkehrende Warnung vor dem Coming-out.

Alle 185 Unterzeichner*innen des Manifests sind in der Galerie im Artikel zu sehen.

Würden Sie alle sagen, dass dieses Interview für Sie eine Lebensentscheidung ist?« Es wird die siebte Frage sein, und die sechs Schauspieler*innen, die hier zusammengekommen sind, werden unisono das Gleiche antworten: »Ja!« Sie zeigen sich in diesem Heft als ­lesbisch, schwul, bisexuell, queer, nicht-binär, trans* – und fordern von ihrer Branche und der deutschen Gesellschaft, Diversität stärker sichtbar zu machen.

SZ-Magazin: In Hollywood ist es – bis auf wenige Ausnahmen wie Jodie Foster und Rupert Everett – immer noch ausgeschlossen, die eigene Homosexualität zu zeigen. Auch in Deutschland gibt es nur wenige Schauspieler*innen, die ihr queeres Begehren öffentlich leben. Sie alle haben sich nun entschlossen, als schwule, lesbische, queere, nicht-binäre, trans* Schauspieler*innen dieses Tabu zu brechen. Warum?
Jonathan Berlin: Ich habe das Gefühl, dass die Zeit sehr reif ist dafür. Es ist für mich fast ein Akt von Selbstliebe. Ich meine längst, dass ich Teil einer offenen, diversen Gesellschaft bin, aber dazu gehört eben auch, dass Minderheiten sichtbar sind. Und wenn ich daran zurückdenke, was mir als Jugendlichem gefehlt hat, um damit vielleicht früher freier umgehen zu können, dann wären das Schauspieler*innen gewesen, die zeigen, dass sie das offen leben. Godehard Giese: Als wir uns im Vorfeld überlegt haben, was wir als Gruppe wollen, ging es immer um eine Sichtbarmachung. Jede*r von uns hat in irgendeinem Lebens­bereich schon ein Coming-out hinter sich, vor Freund*innen, Familie oder auch Kolleg*innen. Aber wir sind mit unserer ­sexuellen Identität in der Öffentlichkeit nicht sichtbar. Es wird immer angenommen, man gehöre zur Norm.
Mehmet Ateşçi: Ich hätte mir als junger Heranwachsender auch Verbündete gewünscht – und das möchte ich hiermit sein. Wenn ich mir den Markt anschaue an Film- und Theaterprodukten, fühle ich mich außer in der sogenannten LGBTQ-Nische nicht repräsentiert. Und dieser Zwiespalt ist riesig: zwischen der abgebildeten Realität auf Bühnen, Leinwänden und Bildschirmen und der gelebten Realität unserer Gesellschaft sowie der gelebten, aber nicht ausgesprochenen Realität in der Branche.
Tucké Royale: Ich war als Jugendlicher damit beschäftigt zu queeren, also mir diese Kulturtechnik zu erarbeiten, mich produktiv misszuverstehen oder andere so misszuverstehen, dass ich mich da reinbauen konnte, in die Dominanzgesellschaft. Aber die Wahrheit ist natürlich: Ich komme aus einer Welt – und ich denke, wir alle –, die mir nicht von mir erzählt hat. Und wenn ich sozusagen von der Möglichkeit, ich zu sein, gehört habe, dann nur unter zwielichtigen Umständen oder in Verbindung mit Kriminalität, Gewalt oder Tod. Das ging so weit, dass ich mich lange gegen meinen Beruf ausgespielt habe. Ich hatte sehr große Angst, nicht in meinen Beruf reinzukommen, keinen Studienplatz zu bekommen, Angst, wieder rauszufliegen. Und ich dachte: Ich kann diese Transition nicht machen, bevor ich in die Ausbildung gehe, ich kann es nicht machen, während ich in der Ausbildung bin, ich kann es danach eigentlich auch nicht machen, mein Rollenfach ändert sich dann total. Aber irgendwann musst du überlegen: Welchem Tempel rennst du da eigentlich hinterher? Dann musst du für dich entscheiden. Das muss einfacher werden für alle kommenden Generationen, und das müssen sich Hochschulen und Theater und die darstellende Branche reinziehen.

Es gibt also ein Tabu in der Szene. ­Können Sie beschreiben, wie das ­aussieht?
Karin Hanczewski: Mir wurde immer gesagt, ich solle mich nicht outen. Wenn ich gedreht habe, habe ich meine Freundin zum Set mitgenommen, dort war es irgendwie kein Problem. Dämonisiert wurde das öffentliche Coming-out, jenes vor dem Pub­likum, vor der Öffentlichkeit. Als ich den Tatort bereits hatte, wurde mir gesagt, ich soll mich nicht outen, bevor ich nicht den Fuß richtig in der Branche habe, und wir wissen ja alle, dass die Leute, die den Fuß so richtig drinnen haben und auch den ganzen Körper, es erst recht nicht tun sollen. Es gibt also nie den richtigen Zeitpunkt. Ständig wird mir gegenüber irgendeine Befürchtung geäußert. Das sind zum Beispiel Caster*innen, die einem Schauspieler sagen: Wenn du dich outest, kann ich dich nicht mehr besetzen. Und mir wurde gesagt, ich solle im Tatort nicht zu viele Karo-Hemden tragen.

Was ist das Problem mit Karo-Hemden?
Karin Hanczewski: Es sind Holzfällerhemden, das haben nur Männer an.
Eva Meckbach: Das entspricht dem homophoben Stereotyp der lesbischen Frau.
Karin Hanczewski: Das Problem entstand aber erst, nachdem ich mich der Person gegenüber geoutet hatte. Sie hat mir gesagt, ich solle nicht die nächste Ulrike Folkerts werden.
Eva Meckbach: Als wäre das eine Beleidigung! Nein, Ulrike Folkerts ist großartig. Und wir alle haben ihr extrem viel zu verdanken.
Karin Hanczewski: Warum ich das für mich wichtig finde, ist der Aspekt der Befreiung, also mich selbst als Mensch zu befreien und zu mir zu stehen. Ich hatte immer den utopischen Wunsch, dass es, wenn ich mich mal oute, eine politisch-gesellschaftliche Relevanz hat. Als Einzelperson müsste ich schon wahnsinnig bekannt sein, damit das irgendwas verändert. Und als wir plötzlich als Gruppe darüber sprachen, war klar, so könnten wir – also in der Gruppe, in der großen Gruppe – etwas verändern. Und wenn ich mich nicht oute, sondern mich selbst unsichtbar mache, trage ich zu einer Welt bei, in der ich eigentlich nicht leben will, und nähre den Boden für Homofeindlichkeit, Queer-Feindlichkeit, Trans-Feindlichkeit. Und dieser Schritt ist ein Schritt, da rauszutreten, um eine Welt zu erschaffen, in der ich selbst auch leben will.

Können Sie das Gefühl der Befreiung beschreiben?
Karin Hanczewski: Ich habe das Gefühl, es nimmt mir Kraft, wenn ich gefragt werde nach dem Traummann, wie der aussieht. Oder wer mein Boyfriend ist. Und ich das nicht korrigiere. Weil ich diese Angst habe – und dieses Verstecken macht einen klein. Das macht mich eng. Ich lüge. Auch die Auslassung ist eine Lüge. Es ist ein Nicht-zu-mir-Stehen.
Godehard Giese: In dem Moment, wo du wahrhaftiger mit dir selbst bist, bist du natürlich auch wahrhaftiger mit den Rollen, mit denen du dich befasst.
Eva Meckbach: Ich fand schon als Kind immer seltsam, dass niemand in Betracht zieht, ich könnte lesbisch sein. Aus meiner Perspektive war es das Normalste der Welt, dass ich Frauen liebe. Und erst durch die Aussagen der anderen habe ich gemerkt: Da ist etwas wie eine Hürde, die es zu überwinden gilt. Es gab ein Erlebnis, da war ich noch auf der Schauspielschule und hatte eine Gastdozentin, eine sehr tolle Schauspielerin. Wir waren nach der Probe am Abend essen, und sie hat zu mir gesagt: Sag mal, Eva, hast du eigentlich einen Freund? Ich habe gesagt: Nee, eine Freundin. Und dann hat sie mich angeguckt: Das ist aber mutig, dass du das so sagst! Sie wollte mir, glaube ich, von Herzen ein Kompliment machen. Trotzdem habe ich es bis heute nicht vergessen, weil es mich auch verletzt hat. Das ist 15 Jahre her. Sie hat vorausgesetzt, das wäre etwas, wofür man Mut bräuchte. Dabei sollte es doch die normalste Sache der Welt sein. Und ja, leider braucht es Mut, offensichtlich – das haben wir ja jetzt auch in der Recherche gesehen: Die vielen Leute, die wir angesprochen haben, was da für Ängste sind, was da für Kummer ist.
Karin Hanczewski Vor allem bei den Kolleg*innen, die jetzt nicht mitmachen wollen. Wir haben mit zum Teil sehr bekannten Schauspieler*innen gesprochen, die sich nicht getraut haben, obwohl sie unsere Forderungen teilen.

Worin besteht die Angst?
Eva Meckbach: 
Das ist einerseits sehr individuell. Eine Freundin von mir hat wahnsinnig Angst vor aller Ablehnung, weil sie bei ihren Eltern homophobe Erfahrungen gemacht hat. Das ist ihr so eingebrannt, dass sie sagt: Ich schaffe das einfach nicht! Eine andere Freundin von mir sagt: Ich glaube, ich werde irgendwann diesen Schritt gehen, aber ich kann ihn noch nicht gehen, denn wenn ich ihn jetzt mit euch gehe, überhole ich mein eigenes inneres Tempo. Das kann ich verstehen, weil es so wichtig ist, wie bei allen großen Lebensentscheidungen, dass man den richtigen Zeitpunkt für sich begreift.

Das sind eher persönliche Gründe. Wo lagen die Gründe, die mit der Branche zu tun haben?
Eva Meckbach: Ich denke, da ist die Befürchtung, nicht mehr so gut besetzt zu werden. Dass die Karriere einen Knick erhält.
Karin Hanczewski: Es gab einige, die andere Gründe geäußert haben, aber ein Kollege, der auch sehr viel dreht und gut im Business ist, hat abgelehnt und geradeheraus gesagt, dass er Angst hat, nicht mehr so arbeiten zu können wie jetzt.

Eben fiel das Wort »Lebensentscheidungen«. Würden Sie alle sagen, dass dieses Interview für Sie eine Lebensentscheidung ist?
Alle:
Ja.

Sie haben zusammen ein Manifest geschrieben, mit dem Sie sich an die Filmbranche und die Öffentlichkeit wenden. Wie ist das entstanden?
Karin Hanczewski: Godehard und ich waren vor anderthalb Jahren auf einem Filmfestival, wo wir einen Film im Wettbewerb hatten. Ich hatte meine Freundin dabei. Ich wusste, es wird einen roten Teppich geben, es werden Fotos gemacht. Meine damalige Agentin riet mir, es sei besser, wenn ich meine Freundin nicht mit auf den roten Teppich nähme. Daraufhin fingen Godehard und ich an, über ähnliche Erfahrungen, die wir in unserem Berufsleben gemacht haben, zu sprechen. Und wie sehr uns das in einen Käfig steckt und uns ständig zeigt: Irgendwas stimmt nicht mit uns. Andere können ihre Partnerinnen und Partner mitnehmen, aber wenn ich homosexuell bin, better not do it! Dann entstand die Idee, dass wir uns outen und dass wir das nicht zu zweit machen, sondern dass wir da ganz, ganz viele Leute solidarisch in eine Gruppe holen. Uns ging es nicht um ein privates Bekenntnis, denn es gibt ja gar nichts zu bekennen. Unser Privatleben soll auch weiter privat bleiben. Wir wollten an die Strukturen ran und einen Impuls zur Veränderung setzen.

Was war besonders schwierig in dem Prozess?
Godehard Giese: 
Es war am Anfang sehr einfach, Kolleg*innen zu finden, weil wir natürlich als Erstes die Leute angesprochen haben, die wir gut kennen. Dann kam irgendwann die Phase, als wir anfingen, Leute anzusprechen, die wir nicht persönlich kannten, sondern von denen wir es wussten, von denen wir aber nicht wussten, wie sie für sich damit umgehen. Das ist ja für einige kein einfaches Thema. Es hat mich eine wahnsinnige Überwindung gekostet, mit denen zu reden. Absurd eigentlich, weil wir es ja als Chance begreifen für jeden Einzelnen.
Mehmet Ateşçi: Es macht mich so unfassbar tief traurig. Ich hatte sogar mal eine längere Affäre mit einem heute sehr bekannten Schauspieler, der immer im Moment, wo eine dritte Person dazukam, die auch eine Öffentlichkeit hat, anfing, mit einer Frau zu flirten oder begehrend über Frauen zu reden, damit man bloß nicht gesehen wird oder in die Richtung rutscht. Ich weiß nicht, ob er das heute noch macht, aber als er das damals machte, lief zwischen uns was. Ich wurde geleugnet, und unsere Beziehung wurde geleugnet.

Sie haben angesprochen, dass in Ihrer Branche offene Homosexualität un­erwünscht ist. Wie wird das formuliert? Sagt da jemand bei Besetzungen: »Nee, ’ne Tunte will ich aber echt nicht in ­der Lover-Rolle haben!« Oder sagt ­jemand: »Mmh, nee, ein bisschen zu schillernder Typ?«
Karin Hanczewski: Ich habe gerade erst mit einem Regisseur gesprochen, der mir erzählte, dass in Besprechungen oft der Satz fällt: »Der ist zu schwul, den besetze ich nicht!«
Mehmet Ateşçi: Ich habe gehört: »Der ist aber schwul!« Das hat eine Casterin neben mir zu einem Regisseur gesagt, als Fotos eines anderen Schauspielers in meiner Gegenwart hin und her geschoben wurden. So nach dem Motto, der geht nicht, der ist schwul! Zu dem Zeitpunkt war ich zwanzig, da habe ich vor Angst natürlich die Klappe gehalten.
Tucké Royale: Ich habe ja sehr viele Coming-outs hinter mir. Eigentlich alle schon, die ihr hattet, und obendrauf habe ich meine Migration zum Mann ankündigen müssen. Ich wurde damals an der Schauspielschule erst mal abgelehnt mit der Begründung, ich sei nicht weiblich genug. Ich wurde da noch als Frau gelesen und hatte mich auch noch nicht als Typ geoutet. Das war natürlich total lesbenfeindlich. Im Verlauf meines Studiums waren es immer die grotesken Frauenrollen, die ich spielen sollte. Im Shakespear’schen Sinne war das drag, das war okay, das ging für mich total gut. Aber wenn Authentizität erwünscht war und ich eine klassisch heterosexuelle Frau verkörpern sollte, sah ich aus wie Charleys Tante. Das ging gar nicht. Und natürlich ist das allen aufgefallen. Auch mir.

Sie wurden also damals als Frau ge­lesen und hatten das Gefühl, Ihre Frauen­rollen seien eine Verkleidung?
Tucké Royale: Ja, natürlich, ich habe mich als Frau verkleidet. Das war die Kunst der Travestie in real life. Die Verantwortlichen der Schauspielschule wollten also, dass ich auch unabhängig von der Probebühne als Frau herumlaufe. Was ich super unprofessionell finde. Man kann durch die Hochschule laufen, wie man möchte. Jetzt hatte ich eine Anfrage für so eine Rolle, wo ich erst mal dachte: »Ach ja, Mensch, Frisör, ist ja interessant. Gut. Mache ich mal das ­Casting.« Lese den Text und merke: ein wahnsinnig blöder, stereotyper Text. Es war von der ersten Zeile an klar: Der Frisör soll ’ne Tunte sein! Das muss ja kein Problem sein. Und dann habe ich dieses Casting gemacht und bin nicht genommen worden, weil es ihnen »nicht schwul genug« war, wie ich das gespielt habe. Du kannst zu schwul, zu lesbisch, zu irgendwas sein. Und die Entscheidungsträger*innen darüber sind Heteros, die überhaupt keine Ahnung haben, wovon sie da kulturell sprechen. Sie argumentieren mit »dem Publikum«, und das ist natürlich Quatsch. Auf der Schauspielschule war das auch die Begründung: »Wir können dich hier nicht gebrauchen, für dich gibt es keinen Markt.« Dabei sind die Hochschulen dafür zuständig, den Markt zu machen. Die bilden aus. Die setzen die nächsten Jahrgänge. Und dann zu behaupten, das Publikum käme damit nicht klar: Das funktioniert nicht. Mit dem Publikum hatte ich eigentlich nie Schwierigkeiten, das war super. Aber es brauchte sehr viel, damit ich das Publikum überhaupt erst mal treffen durfte.

Mehmet Ateşçi, inwiefern ist es für Sie eine besondere Situation, welche Stereotype werden Ihnen zugeschrieben?
Mehmet Ateşçi: Ich muss da differenzieren zwischen Theater und Film. In meinem Erstengagement in Berlin am Gorki-Theater wurde ich zu meinem öffentlichen Coming-out – ich will nicht gezwungen sagen, aber es wurde nahegelegt, dass es jetzt passieren soll. Denn der Grund, warum ich an diesem Haus engagiert wurde, ist neben meinem Können als Schauspieler auch meine persönliche Geschichte.

War das unangenehmer als erwartet?
Mehmet Ateşçi: 
Es war sehr irritierend und beängstigend. Ich hatte nicht das Gefühl, dass irgendjemand mir den Rücken stärkt oder dass man an meiner Person wirklich interessiert ist, sondern mehr an dem, was man aus meiner Seele rausschlagen kann. Ich hatte das Gefühl, man gräbt nach Gold in meiner Biografie. Es war großartig, ein erstes Engagement zu haben, aber doch auch verunsichernd. Und dann hat der Prozess begonnen, dass ich mich durch den Arbeitsort mit meiner Geschichte auseinandergesetzt habe. Das ist ja auch und war vor allem früher noch mehr das Profil des Gorkis, sich mit sich selber auseinanderzusetzen. Und mit der Verirrung zu spielen, ob man sich selbst oder eine Verfremdung darstellt. Letztendlich machen wir Theater. Wir spielen. Es ist ein Kunstwerk. Und nichts Dokumentarisches. In den folgenden Jahren, wenn wir weiter nach Gold gesucht haben in meiner Seele und ich Geschichten weitererzählt habe auf der Bühne und Texte geschrieben habe, wurde oft etwas hineingeschrieben.

Was wurde hineingeschrieben?
Mehmet Ateşçi: Die Homosexualität sollte bei mir, weil ich ja Türke bin, irritieren oder unerwünscht sein. In meiner Geschichte soll dann plötzlich mein Vater auftauchen, der ein Problem mit Homosexualität hat. Oder wenn in einer Szene die Hand meines Freundes über meine wischt, soll mir das unangenehm sein, weil niemand wissen soll, dass ich schwul bin.

Was heißt das für das Schauspielen?
Mehmet Ateşçi: Das Künstlerische leidet, wenn man als Fokus nur die Wunden hat, die man erzählen soll. Und echte Biografien dann irgendwann nicht mehr reichen, und obwohl man politisch einander stützen möchte, wird dann doch marginalisiert. Entweder bin ich als Schwuler besetzt oder als Türke. Und das Raster an Rollen, die dann kommen, ist auf Probleme beschränkt.
Jonathan Berlin: Das hat viel mit Professionalität zu tun. Natürlich treten wir als Figuren auf, die was mit unserer Persönlichkeit zu tun haben. Unter Umständen. Aber eigentlich müsste doch erst mal ganz klar sein, es gibt uns als Privatmenschen – und es gibt die Figur.
Mehmet Ateşçi: Es geht nicht nur darum, man ist zu schwul oder zu hetero, man ist zu türkisch oder zu deutsch, sondern in einem konkreten Fall mit einer Serie bin ich dann auch noch ein bisschen zu intellektuell für den stereotypen Türken, den ich spielen sollte. Mein Großvater, 1968 nach Berlin emigriert, hat immer einen Einlauf bekommen, er soll sich doch bitte integrieren. Jetzt habe ich diese Sprache, diese Kultur zu meinem Beruf gemacht. Und dann heißt es, ich sei nicht mehr repräsentativ genug für das, wonach mein Name klingt oder wie ich aussehe. Jetzt bin ich festes Ensemble-Mitglied am Burgtheater. Mein Name irritiert zwar auch in Österreich, aber ich stehe mit meinen Fähigkeiten als Schauspieler im Vordergrund. Darauf bin ich stolz.

Wie ist es als lesbische Schauspielerin – darf das anders sichtbar sein?
Eva Meckbach: Na ja, erst mal gibt es viel mehr Schauspieler als Schauspielerinnen, die in bezahlten Jobs sind. An den meisten Schauspielschulen ist das 50:50. Aber auf dem Markt, an den Theatern sind es zwei Drittel Männer, ein Drittel Frauen. Begründet wird das mit dem alten Kanon. Da wird dann erklärt: »Ja, das sind halt die Stücke, da können wir jetzt auch nichts machen, wir brauchen einfach mehr Männer.« Insofern ist es als Frau per se schwieriger, überhaupt an Rollen und Jobs zu kommen.

Und als lesbische Frau, ist das noch stärker marginalisiert oder weniger sichtbar?
Karin Hanczewski: Es wird einem als Frau in der Branche oft das Gefühl gegeben, dass es vor allem darum geht, »fuckable« sein zu müssen. Also sexy zu sein für die Redakteure, Produzenten und Regisseure. Ich stand mal in einer großen Runde auf einem Agenturempfang, da war ein Regisseur, der mich kennt, und der posaunte auf einmal herum und winkte mich so ab, als würde ich nicht dazugehören: »Ja, aber du bist ja auch Lesbe!« Ich bin also aus dem Pool der für Männer begehrenswerten Frauen oder Frauen­rollen raus. Und exakt das ist die große Angst für lesbische Schauspielerinnen: dass es da keine Fantasie mehr zu ihnen gibt und sie nicht mehr besetzt werden.
Eva Meckbach: Diese Vorstellungen werden auch im Theater nicht gebrochen. Das Theater versucht, ein weltoffener Ort zu sein. Das spiegelt sich aber meist nicht in den Besetzungen wider, auch nicht in den Leitungsebenen. Wer arbeitet dort? Wer wird da wie bezahlt? Und wer kommt an diese Ressourcen nicht ran? Ich habe oft gesagt: »Aber man könnte doch jetzt hier bei dem Schnitzler-Stück ein paar Männerrollen zu Frauenrollen machen oder von Frauen spielen lassen, das ist doch nicht mehr zeitgemäß, dass da im Krankenhaus 14 Männer über die Bühne laufen und eine Frau.« Und dann heißt es: »Da kriegen wir ein Besetzungsproblem.« Dabei ist das Theater ein Ort der Selbsterweiterung. Deswegen schaut man auch Filme, oder ich zumindest. Deswegen gehe ich gern ins Theater: weil ich mich erweitern möchte in meinem Horizont. Darum ging es doch schon im antiken Theater – um die Katharsis, dass man nicht nur entdeckt: Wozu bin ich fähig, wenn ich es gespiegelt sehe? Sondern auch: Wer kann ich sein?

Als wie beschränkt empfinden Sie die Bilder von Männlichkeit und Weiblichkeit, wie sie im Theater oder im Film gezeigt werden?
Godehard Giese: Männern wird nie Zärtlichkeit zugestanden. Das geht vielleicht gerade noch im jugendlichen Alter, aber ab dem Zeitpunkt, wo man sich sexuell angeblich gefunden hat in unserer Gesellschaft, kommt so was wie Zärtlichkeit nicht mehr vor.
Eva Meckbach: Weibliche Hauptrollen in Film und Fernsehen sind meistens heterosexuell, außer es geht darum, dass zwei Lesben versuchen, ein Kind zu bekommen.
Tucké Royale: Ich habe das Gefühl, wenn es denn erzählt wird, dann wird es sehr vordergründig erzählt, und das finde ich super schade. Es geht in Geschichten bei Figuren doch nicht nur um Geschlechtsidentität oder Sexualität. Sondern: Warum ist wer neidisch auf jemanden? Warum will die Person sich rächen? Warum kommt es der Person überhaupt nicht gelegen, da jetzt irgendwie ins Hintertreffen zu geraten? Und so weiter. Das sind eigentlich die Fragen, mit denen sich Figuren beschäftigen. Oder: So werden dramatische Konflikte aufgebaut. Und da stehen eigentlich Geschlecht und Sexualität überhaupt nicht oben, weil das gar keinen dramatischen Wert hat.
Godehard Giese: Wenn ich so überlege, was den Hetero-Mann und somit auch meine Rollen eint … Die Männer, die ich immer spiele, sind sehr kompetent. Ich glaube, Kompetenz ist wirklich etwas, was das Männerbild in Deutschland auf den Punkt bringt. Männer wissen Bescheid, sie haben einen Plan, und der wird dann auch ausgeführt. Das ist oft schon der ganze Plot.

Nun gibt es aber auch Menschen, die sich nicht den Kategorien »männlich« oder »weiblich« zuordnen – was ist mit denen, die ein Dazwischen oder Jenseits leben wollen?
Tucké Royale: Richtig, oft wird vergessen oder geleugnet, dass es Menschen gibt, die sich als nicht-binär verstehen und damit unabhängig von »männlich« und »weiblich« identifizieren. Schauspieler*innen, die an der traditionellen Vorstellung von Zweigeschlechtlichkeit kratzen, haben ganz sicher nicht die gleiche Ausgangsposition wie ihre Cis-Kolleg*innen in der Industrie, die sich problemlos mit dem bei ihrer Geburt zugewiesenen Geschlecht identifizieren. Wir brauchen aber nicht so zu tun, als ob das spielerische Unterlaufen von Zweigeschlechtlichkeit ein Modetrend wäre. Im Theater gibt es eine Vielzahl von Rollen, die man nicht-binär lesen kann: Jeanne d’Arc, oder den Puck aus dem Sommernachtstraum. Und Sandra Hüller hat zuletzt ja auch einen exzellenten Hamlet gegeben. Ich bin generell dafür, jedwede ­Figur mit größtmöglicher Selbstverständlichkeit auszustatten und zu verkörpern.
Jonathan Berlin: Ein Problem an vielen Geschichten ist, dass viele Figuren lediglich eine dramaturgische Funktion erfüllen. Darauf begrenzt, sind das dann aber natürlich keine richtigen Menschen.
Godehard Giese: Ich hatte neulich ein Gespräch mit einem Regisseur, es ging darum, ob man eine Rolle, die schon geschrieben war, nicht auch einfach schwul anlegen könnte. Da sagt er zu mir: »Da kannst du ja was mit Stimme und mit Gestik machen.« Da war ich erst mal total perplex: »Wie, mit Stimme?» – »Na ja, dann kannst du ja vielleicht so ein bisschen anders reden und so.« Dann habe ich gesagt: »Du, ich rede bestimmt nicht anders, nur weil ich jetzt eine schwule Rolle spiele.« Der Regisseur hat einfach ein stereotypes Bild, was er auch wieder aus Filmen generiert hat. Und dieses Bild baut er weiter.
Jonathan Berlin: Ich habe bestimmt schon drei Mal in Drehbüchern homosexuelle Charaktere so eingeführt gesehen: »Lars, 27, schwul«. Das war’s. Als ob damit irgendwas gesagt wäre – außer dass die Figur im ersten Atemzug auf ihre Sexualität reduziert wird, als würde man sie ihr sofort ansehen. Ich hatte Glück, in den vergangenen Jahren zwei Romanverfilmungen drehen zu dürfen, bei denen ich das Gefühl hatte, beide Figuren werden in ihrer Sexualität zwar zunächst hetero erzählt, aber die eigentliche Liebesgeschichte war die zum besten Freund. Für mich ist es essenziell, dass diese Übergänge fließend sind.
Mehmet Ateşçi: Da bist du sehr privilegiert, weil ich komplexe Rollen per se nicht kriege. Es geht immer um die Attribute der Äußerlichkeit, wie ich aussehe. Bei mir steht da nicht »schwul« dahinter, sondern »verlockende schwarze Locken«. Wenn diese Locken nicht mehr locken, dann locken keine Locken mehr! Was ich sagen will: Ich habe noch nicht mal die Möglichkeit, meine Arbeit zu machen.
Eva Meckbach: Es gibt bei den Frauenrollen meistens so eine ungute Klarheit.

Muss Weiblichkeit da immer eindeutig sein?
Karin Hanczewski:
Ja, und die sexuelle Orientierung ist auch immer sehr klar. Ich sehe da keine Figuren, an die ich irgendwie andocken kann. Es gibt fast nie Figuren, die ein Begehren haben, das sich wandeln kann. Zum Beispiel Frauen, die mit einem Mann zusammen sind und dann merken: »Ah, jetzt bin ich einer Frau begegnet, die mich anzieht.« Meine erste Rolle war eine Postbotin, da war die Beschreibung: »wildes Haar, gelbes Kostüm«. Und ich hatte das Gefühl, das musste ich dann auch immer mitspielen. Es gibt bestimmte Stereotypen, was weiblich ist. Dazu gehört, seinen Körper nicht zu verstecken. Mir hat auch mal eine Person, mit der ich zusammengearbeitet habe, vor einer Veranstaltung gesagt, jetzt müsse ich mich aufpimpen, mir solle der Redakteur ruhig mal in den Ausschnitt gucken können. Wenn ich ständig mit Jeans und Pulli und Mütze durch die Gegend laufe, dann sei doch klar, dass ich keine Rollen bekomme.
Eva Meckbach: Frauenrollen müssen sich fast immer an einer männlichen Figur ab­arbeiten. Oder ihr zuarbeiten, und dadurch zeigen sie ihre Stärke. Ihre Daseinsberechtigung ist ihre irgendwie geartete Relation zum kompetenten Mann. Vielleicht gibt es da einen Fight gegen ihn – dann ist sie doch kompetenter, aber er legt ihr natürlich Steine in den Weg. An diesem Punkt sind wir gerade: die männliche Kompetenz vorsichtig in Frage zu stellen, aber natürlich nie ganz. Man traut sich noch nicht, die wirklich kompetente Frau zu zeigen, unabhängig von ­Typen drum herum. Sondern man zeigt die, die jetzt noch kämpft. Aber Geschichten zu erzählen, wo Männer gar nicht so wichtig sind, oder wo sie begleitend sind, aber nicht im Mittelpunkt stehen, weil man sich nicht an ihren Geschichten abarbeitet, an ihren Bedürfnissen, oder ihnen hilft, sie begleitet, sie versteht – das sehe ich total selten.

Sind Männer- und Frauenrollen im ­klassischen Repertoire des Theaters, zum Beispiel bei Shakespeare, ­dynamischer, offener als die Figuren in einem ZDF-Film?
Eva Meckbach: Nein, das würde ich nicht sagen. Ich glaube, man kann dort eine andere Lesart trainieren. Ich kann mich auf die Bühne stellen und sagen: Ich bin eine Birke! Und wenn das entsprechend erzählt wird, denken alle: Ja, das ist jetzt eine Birke. Ich glaube es in dem Moment vielleicht selber. Deswegen ärgert mich auch das Totschlagargument, dass Männerrollen nur von Männern gespielt werden können. Da rauben wir, finde ich, dem Theater und auch dem Film, dem Medium der Fiktion, die Kraft, die das Medium doch eigentlich hat: eben fiktiv zu sein, fantasievolle Geschichten zu erzählen.
Mehmet Ateşçi: Es gibt immer einen Vorwand, warum Stücke, Figuren, Auseinandersetzungen nicht anders gestaltet werden können, als man es gewohnt ist. Bei Klassikern wird oft vorgebracht, sie erfüllten einen Bildungsauftrag, seien auch für Schulklassen. Und beim Film heißt es: »Nein, nein, hier können wir auch keine Räume eröffnen, denn der soll ja die Realität abbilden.« Überall diese Hürden, warum man nicht an diese Fantasie oder diese Welten, die man öffnen könnte, rankommen darf. Es gibt immer einen Auftrag, der das verhindert. Und als Frau im Film in Bezug zu einem Mann zu stehen oder kämpfen zu müssen ist auch so ein Auftrag. Diese Liste kann ich übrigens erweitern, als nicht-weißer Mann oder nicht-weiße Frau dienst du immer der Geschichte der Weißen.
Tucké Royale: Was uns verbindet, ist auch, dass wir alle schon diese Situationen erlebt haben, in denen wir stigmatisiert werden oder missachtet – und alle erwarten, dass sich das so einfach wegstecken lässt. Aber machen wir uns nichts vor, eigentlich sind wir doch genau deswegen hier. Jeder weiß, das dauert Wochen, bis das weggeträumt ist. So viele heiße Bäder kannst du gar nicht nehmen, bis das wieder runter ist. Das finde ich auch eine schwierige Aufgabe: immer noch total easy mit allem zu sein, was andere falsch machen. Man darf auf keinen Fall einen Aufstand machen, dann ist man kompliziert, hysterisch. Alle Fauxpas, die stattfinden, soll man wegstecken. Und wenn man dann sagt, dass das gerade nicht so cool war, und man bemüht sich schon, das nach dem Einmaleins der supernetten Kommunikation zu sagen, dann ist die Person wahnsinnig betroffen, und man muss die auch noch trösten. Das geht überhaupt nicht: verletzt zu werden und dann noch trösten zu müssen.
Godehard Giese: Es sind immer nur die Geschichten von weißen, heterosexuellen Cis-Menschen ohne Behinderung. Ich habe irgendwann festgestellt, dass ich extrem gut geschult darin bin, das, was da oben passiert auf der Leinwand, für mich zu adaptieren. Als Zuschauer. Es ist nie meine Geschichte. Aber ich habe gelernt, es so zu betrachten, als wäre es meine Geschichte. Ich kann mich in diese Geschichte reindenken. Ganz häufig wenden ja he­terosexuelle Menschen ein: »Das ist ein schwuler Film, der interessiert mich nicht.« Als wäre das keine menschliche Erfahrung und als könnten sie nicht einen Teil ihrer selbst in dieser menschlichen Erfahrung wiedererkennen.
Eva Meckbach: Das passiert mit sogenannten Frauenfilmen auch, für Männer zu nischig.

Wie werden in Ihren Augen überhaupt Körperlichkeit und Lust dargestellt?
Tucké Royale: Körperlichkeit und Lust sind oft an Jugend gebunden, und es ist oft auch eine Lifestyle-Frage. Abgesehen von einem Film wie Wolke 9 oder so was sehe ich super wenige Filme, wo alte Leute eine Sexualität haben, das heißt nicht unbedingt eine Sexszene, aber irgendwie leidenschaftlich miteinander sind. Und zwar auch nicht so huschdi-wuschdi schnell weg und umgeschaltet, sondern dass klar ist: Nee, man kann sich vorstellen, die liegen den ganzen Tag im Bett. Die sind in Rente, die können da den ganzen Nachmittag liegen. So sanft ist ja die Realität. Und das sehe ich nicht.
Mehmet Ateşçi: Man muss ja auch kein Genie sein oder Experte sein, um so was zu sehen. Man muss einfach nur die Kameraführung und die Perspektive davon anschauen, dass in solchen Filmen immer die Frau gezeigt wird und du den Mann nur spürst, der Mann sein darfst, wie er in sie eindringt. Und die Reaktion in den Augen – in den Augen der Frau, aber gar nie im Mann. Es wird aus der Männer-Perspektive, mit dem männlichen Blick erzählt.
Jonathan Berlin: Ich merke, dass sich da etwas verändert. Bei der jüngeren Generation. Ich habe vor anderthalb Jahren einen Kurzfilm gemacht, der heißt Jung Fragil. Da wird explizit auch das abgebildet, was du vorhin angesprochen hast, Godehard: diese Zärtlichkeit, zwischen zwei Freunden. Ganz bewusst wurde da auch eine Sexszene inszeniert, die viel mehr aus der Frauenperspektive erzählt wurde, obwohl der Protagonist ein junger Mann war – und das finde ich wichtige Moves im Sinne der Gleichberechtigung. Ich habe das Gefühl, dass da Filmemacher*innen nachkommen, die versuchen, ein neues Narrativ zu schaffen. Und ich glaube, dass wir da echt gefordert sind, gerade bei Bettszenen oder so darauf zu achten: Wie ist gerade die Perspektive der Regie darauf? Das zu überprüfen und dann halt auch in ganz klare Gegenangebote zu gehen. Und das auch anzusprechen: Wollt ihr wirklich diese einseitige Perspektive reproduzieren? Oder wollen wir das nicht auch mal verändern?
Tucké Royale: Im Grunde fehlen natürlich auch Darstellungen von nicht-binären Menschen oder Figuren in Transition und intersektional angelegte Charaktere, wo Geschlecht, Sexualität, Hautfarbe und Herkunft nicht automatisch im Vordergrund stehen.

Was fehlt bei der dargestellten Sexualität aus Frauensicht?
Eva Meckbach: Ich finde, dass die Fülle von Filmen, die wir inzwischen gucken können, auch über Streamingdienste, so groß ist, dass ich mich schon wiederfinde in vielen Filmen. Inzwischen. Nicht unbedingt in Deutschland, aber international. Als Teenager ging es mir da anders. Da musste ich – ich bin auf der Schwäbischen Alb aufgewachsen – mit dem Zug nach Ulm fahren, um Aimée & Jaguar zu sehen, und bin fast gestorben: so überwältigt! Das war für mich so bedeutsam, dass ich zwölf Jahre später, als wir schon in Berlin gewohnt haben, auf irgendeiner Berlinale-Party Maria Schrader ansprechen musste, weil die für mich sozusagen »die Lesbe« war, obwohl sie es ja gar nicht ist, aber bis heute projiziere ich das auf sie. Daran sieht man, wie wichtig diese role models sind.
Godehard Giese: Ich habe mal eine Sexszene mit einer Kollegin gespielt. Für die Szene wurde die Kollegin gedoubelt mit einer Darstellerin, die 15 Jahre jünger war als sie selber. Also, ich war Mitte vierzig, meine Kollegin war auch Mitte vierzig. Das Double war dreißig. Da wird ein Bild von einem Mitte-vierzig-jährigen Körper vermittelt, der kein Mitte-vierzig-jähriger Körper ist. Jede Frau kriegt gesagt: So musst du aussehen, wenn du Mitte vierzig bist. Und es war dann immer so, dass der Kopf der Frau rausgehalten wurde, man sah ihren nackten Körper, und ich saß unten auf dem Bett. Auch da war es so, dass man den Mann nicht sieht in seiner Lust oder als Objekt, sondern nur die Frau als Objekt zeigt. Übrigens, Karin, wir hatten ja auch mal eine Sexszene zusammen …
Karin Hanczewski: Ja, die war natürlich besonders! Wir haben einen Moment der Unlust gespielt.
Godehard Giese: Prinzipiell muss ich sagen, dass ich sehr selten Männerkörper entblößt sehe. Und wenn sie entblößt sind, dann sind sie sehr gut durchtrainiert. Es gab diesen Film, den wir zusammen gemacht haben, mit einer Szene, wo ich mit nacktem Oberkörper im Garten irgendwelche Übungen mache. Und dann redet mich nach der Premiere eine Frau an und fragt, wie das denn für mich gewesen sei, mit dieser Szene, wo ich so nackt im Garten was mache, das sehe ja nicht schön aus. Das heißt, da gibt es einen Blick auf die Körper, dass, wenn sie nicht perfekt durchtrainiert sind, sie schon nicht mehr schön sind. Das ist ja absurd.
Karin Hanczewski: Ich habe das Gefühl, wenn Sexualität dargestellt wird oder ich welche darstellen musste, ist das extrem einseitig. Es ist klar, dass die Frau dabei irgendwie gut aussehen muss. Überhaupt muss das Ganze gut aussehen. Ich merke, dass ich Komplexe bekomme von dem, was ich sehe. Von den Körpern, die dargestellt werden.
Jonathan Berlin: Was so großartig ist an dem Film Porträt einer jungen Frau in Flammen: Da gibt es bis auf diesen Typen, der dieses Bild bringt und abholt, einfach keine Männer im Film. Oder wie da Sinnlichkeit gezeigt wird. Ich finde zum Beispiel, ein Kuss kann viel erotischer sein als der Akt als solcher. Und wenn ich fiktional den Weg zu einem Kuss präzise auflade, kann das unheimlich viel erotischer sein als eine ausgestellte Sexszene.

Wer ist schuld daran, dass komplexe ­Figuren, reale Körperlichkeit und Lust nicht repräsentiert werden? Oft wird mit dem Markt argumentiert, der diese oder jene Lebensformen oder Figuren nicht akzeptieren würde. Ist der Markt nicht längst diverser?
Eva Meckbach: Entscheidungsträger*innen, die das Geld mitdenken. Die im Markt die größtmögliche homogene Gruppe suchen. In den Medien sollte die Realität so divers, wie sie in Wahrheit ist, dargestellt werden. Redakteur*innen, Produzent*innen sollten den Mut haben, Verantwortung zu übernehmen, und daran glauben, dass die Zuschauer*innen das gucken wollen. Die Gesellschaft ist viel weiter und diverser, als die Entscheidungsträger*innen meinen. Wir leben nicht mehr in Zeiten von Charleys Tante. Man sollte das Publikum auch nicht für dumm verkaufen. Alles andere ist doch nicht mehr zeitgemäß.
Godehard Giese: Es setzt schon bei den Sehgewohnheiten ein. Weil man annimmt, dass Zuschauer nur das sehen wollen, was es schon gibt und was sie kennen, und dass ihnen bloß nichts zugetraut werden soll. Da tappen die Entscheidungsträger in ihre eigene Falle.

Die Kunst des Schauspielens lebt von der Vorstellungskraft und der Empathie – aber was Sie beschreiben, klingt, als habe die Branche selbst kein Zutrauen in diese Kunst. Als würden ausgerechnet dort Person und Rolle verwechselt.
Karin Hanczewski: Ja. Wir spielen alle möglichen Dinge, die so fern von uns sind. Ich spiele ständig eine Mutter, ohne jegliche Erfahrung zu haben, eine Mutter zu sein. Wenn man einen Mörder spielt, dann sagt doch auch niemand: »Nein, das mit der Mörderin, bitte mach es nicht. Das schadet dir.« Mir wurde eine Weile nachgesagt, dass ich oft die toughen Rollen spiele, die mit trockenem Humor. Und ich vermute, dass manche jetzt den Rückschluss ziehen werden: »Ah, jetzt verstehen wir, warum sie so spielt!« Dass das dann in Verbindung mit meiner Sexualität gebracht wird. Wenn die Leute sagen: »Ach, der ist schwul!« – da klingt so mit, als würde man verstehen, wer diese Person ist. Als wäre damit alles gesagt. Ich hasse Schubladen! Ich will in keine Schublade. Das ist auch die Sorge: dass der Zuschauer diesen Spagat nicht mehr hinbekommt. Obwohl er ganz viele Spagate hinbekommt.
Mehmet Ateşçi: Nach meinen Erfahrungen im Film, durch meine Hautfarbe bedingt oder meine Herkunft oder meinen Namen, scheine ich ein Experte für Straßenkriminalität zu sein. Aber ich möchte doch nicht nur den Murat Ahmed Osman, der kriminell ist, spielen. Sondern ich möchte auch andere Namen spielen. Oder einen Liebhaber. Warum darf ich nicht auch mal denkender, fühlender Mensch sein? Ein richtiges Leben darstellen?
Tucké Royale: Ich würde auch sagen, dass meine Arbeit über die Jahre entprofessionalisiert worden ist. Im Theaterbereich hieß es oft: »Ach ja, das bist ja dann alles du. Dort auf der Bühne.« Und das ist natürlich totaler Quatsch. Es ist eben eine Bühne. Und dazu gibt es einen Text, eine Rollenarbeit und so weiter. Das ist total toll, sich, ja, zu erschaffen an der Stelle. Und es ist natürlich ein Schmerz, wenn immer wieder mein Handwerk weggewischt wird und jemand sagt: »Du bist ja einfach sowieso irgendwie du.« Da hätte ich auch nicht auf die Schauspielschule gehen müssen. Ich habe schon auch große Angst mit diesem Interview hier, dass ich wieder was dafür tue, dass der Blick auf mich ein exotisierender Blick ist, durch den ich, auch wenn es gut gemeint ist, jetzt wieder nur Rollenangebote bekomme, die mich als Privatperson meinen. Das ist ein Dilemma, aus dem ich nicht rauskomme. Aber ich denke, es ist sehr gut, hier heute zu sprechen, ein anderes Zeitalter einzuläuten.

Das ist ja auch nicht so leicht: einerseits von sich persönlich zu sprechen, eine andere Sichtbarkeit zu wollen – und gleichzeitig bei Rollen nicht auf das Authentische reduziert werden zu wollen.
Godehard Giese: Auf jeden Fall. Aber dass wir alle das darstellen können, was wir nicht sind, haben wir jahrelang bewiesen. Es geht hier wirklich nur um den Außenblick. Es ist letztlich eine Sehgewohnheit, und diese Sehgewohnheit kannst du nur ändern, indem du sichtbar wirst. Wenn wir nicht sichtbar sind, wissen die Leute nicht, dass sie gerade einen homosexuellen Schauspieler sehen, der eine heterosexuelle Rolle spielt. Das heißt, niemand kann sich daran gewöhnen. Die Unterstellung ist aber heteronormativ. Das ist der Punkt. Und die These, ein Schwuler kann keinen Hetero spielen, oder eine Lesbe kann keine Frau spielen, die Männer begehrt, die ist ja sowieso schon widerlegt, dadurch, dass wir jetzt hier sitzen und alle schon eine Historie in unserem Beruf haben.
Eva Meckbach: Das ist auch schon seit Jahrzehnten widerlegt, siehe James Dean, Marlene Dietrich, Rock Hudson.
Godehard Giese: Das müssen wir als Branche hinkriegen. Das muss ein Zusammenspiel sein von Risiken, von Lust daran, Rollen anders zu denken und dadurch eventuell auch was Neues in den Rollen zu finden. Und das ist doch total aufregend!
Eva Meckbach: Ich möchte wirklich den Entscheidungsträger*innen ihre Furcht nehmen. Ich habe diese Furcht nicht. Ich glaube daran, dass wir weiter unseren beruflichen Weg gehen können und aufgefangen sind.
Godehard Giese: Für mich ist es schon auch ein Appell an die Entscheidungsträger*innen, das auch wirklich explizit zu überprüfen.

Gibt es auch etwas, was Sie vom Publikum erwarten würden?
Eva Meckbach: Die sollen sich einfach zurücklehnen und sich von uns unterhalten lassen. Und von unserer Kunst profitieren. So wie sie es bisher getan haben. An unserem Talent, an unserer Darstellungskraft, an unserer Fantasie, an unserer Erscheinung, an dem, wie wir als Künstler*innen und Schauspieler*innen in der Welt stehen, ändert sich doch gar nichts, nur weil ich jetzt sage: Ich bin lesbisch.

Aber es könnte auch die Reaktion ­geben: Ich will Eva Meckbach gerne im Shakespeare sehen, aber ich will nicht damit behelligt werden, mit wem sie schläft.
Eva Meckbach: Ja, aber was ist denn die Alternative? Ist die Alternative, dass wir deswegen die Klappe halten? Nein! Tut mir leid, dass ich jetzt so laut werde.
Godehard Giese: Zu uns wird immer gesagt: »Ich will das nicht wissen.« Aber wenn ein heterosexueller Kollege mit seiner Partnerin auf den Teppich geht, erfahre ich das auch über ihn. Da sagt aber niemand: »Warum behelligt der mich damit?«
Eva Meckbach: Genau. Das ist diese Doppelzüngigkeit, dass man einerseits sagt: »Das ist ja deine Privatsache – darüber braucht man doch nicht zu sprechen.« Und andererseits: »Wo ist denn dein Problem? Ich bin gar nicht homophob. Sag das doch einfach, ist doch kein Ding!« Diese Ambivalenz auszuhalten finde ich extrem schwer. Es ist halt nicht eine sexuelle Praktik, sondern es ist eine Frage von Identität. Es ist etwas, bei dem die Gesellschaft mich darauf hinweist, ich würde irgendwas Komisches tun. Deswegen haut es mich auch gerade aus der Kurve. Weil ich das als extrem aggressiv empfinde, diese zwei Botschaften gleichzeitig zu senden: Das ist doch dein Privatding. Und gleichzeitig ist es das eben nicht. Es gab Gesetze dagegen. Leute sind ins KZ gekommen. Leute werden gemaßregelt. Wir sind noch in einem privilegierten Land. In anderen Ländern kämen jetzt noch Leute aus unserer Gruppe ins Gefängnis. Es ist eben keine private Angelegenheit. Der Staat kümmert sich darum. Wir dürfen erst seit Kurzem heiraten. Wir dürfen! Oh, Wahnsinn! Wenn man eine Transition macht, werden einem die schlimmsten Steine in den Weg gelegt, die man sich vorstellen kann …
Tucké Royale: Man wird für psychisch gestört erklärt.
Eva Meckbach: Genau. Darüber kannst du noch viel mehr sprechen als ich. Ich war mit einem Schauspielerkollegen und seiner Frau essen, und wir sprachen über Coming-out und Homosexualität. Mit dem Kollegen habe ich mich sehr gut verstanden, wir haben ganz toll zusammen gespielt. Und ich fand sie auch total reizend und nett. Irgendwann hat sie gesagt: »Ganz ehrlich, Eva, wenn meine Tochter lesbisch wäre, ich würde zu ihr sagen: Bitte sag’s niemandem!« Die Tochter ist, glaube ich, neun Jahre alt. Da habe ich zu ihr gesagt: »Darf ich dir mal sagen, was das in mir auslöst? Was ich gerne hören würde, wenn ich dein Kind wäre? Ich würde hören wollen: Weißt du, was, wenn du lesbisch bist, geh in die Welt raus, sag es jedem. Ich liebe dich und ich stehe ganz hinter dir! Und jeder, der dir blöd kommt, dem haue ich auf die Schnauze.« Also, natürlich umgangssprachlich.
Karin Hanczewski: Yes!
Jonathan Berlin: Ja.
Eva Meckbach: Entschuldigt, dass ich jetzt so laut geworden bin.
Jonathan Berlin: Ich habe vor vier Jahren einen Film gemacht, wo es um den Beginn einer Transition ging. Der wurde auf dem Queer Kampala International Filmfestival in Uganda gezeigt. Am Tag danach wurde dieses Festival von der Polizei gestürmt, der Festivalleiter wurde festgenommen. Wegen solcher Repression ist es auch unsere Verantwortung, uns zu positionieren. Wir werden doch an den Schauspielschulen auch dazu ausgebildet, dass man als Schauspieler*in offen sein muss. Also sich vollsaugen muss mit dem, was gesellschaftlich passiert. Und wir können ja nur Dinge abbilden, die was mit der Realität zu tun haben. Wenn die Realität aber nicht gezeigt wird, wenn sie nicht sichtbar ist, dann haben wir auch ein berufliches Problem. Wenn die Realität quasi hinter verschlossenen Türen stattfindet, dann ist es Zeit, dass die Türen aufgemacht werden.
Godehard Giese: Ich kriege immer Probleme, wenn es um Identität in Bezug auf Homosexualität geht. Für mich ist die Bedeutung dieser Identität, die sie in dem gesellschaftlichen Zusammenhang bekommt, überhaupt nicht die Bedeutung, die sie für mich privat hat. Ich meine, in meinem Privatleben denke ich so gut wie nie daran, dass ich homosexuell bin. Das spielt nur eine Rolle, weil die Gesellschaft sich darauf geeinigt hat, dass das nicht einer Norm entspricht. Da schwingt irgendwas mit, was nicht richtig sei. Defizitär. Mein Vater hat mir mal gesagt, dass er noch nie einen erotischen Gedanken an einen Mann gehabt habe, das könne aber damit zu tun haben, dass er sich diesen Gedanken gar nicht erlaube. Ich finde, das beschreibt das Tabu in Bezug auf die eigene Sexualität sehr genau.

Was für einen Blick auf Sie als Schauspieler*innen wünschen Sie sich?
Tucké Royale: Wenn ich irgendwo angekündigt werde, steht da als Erstes: Performer. Das muss dringend weg! Ich war nicht in Gießen, ich war nicht in Hildesheim, ich war auf der Ernst-Busch-Schauspielschule und bin Schauspieler. Ich bin zum Performer gemacht worden, weil es Menschen wie mich in diesem Beruf noch nicht gab in Deutschland. Da wurde mir eine Art von Futurismus an den Leib getackert, und gleichzeitig wurde damit gesagt: Das geht jetzt im Schauspiel noch nicht, deswegen musst du ein Performer sein. Das muss weg. Das ist einfach: Schauspieler. Und auf jeden Fall mit einem Spektrum vieler interessanter Rollen. Sei eine Birke, finde ich auch total gut.
Eva Meckbach: Oder Hauptkommissar?
Tucké Royale: Oder Hauptkommissar. Oder Kranführer. Verschiedene Rollen. Und da kann Sexualität eine Rolle spielen für die Figur, muss es aber nicht. Ich habe große Vertrauensprobleme, Leuten meine Geschichte in die Hand zu geben, die die Erfahrungen nicht gemacht haben. Ich kann sagen, dass die Rollenangebote der letzten Jahre oft waren: Geschlecht, Geschlecht, Genital, Spekulation. Und da denke ich, da werde ich lieber Florist. Das möchte ich nicht mehr. Deswegen geht es jetzt auch darum, so ungern ich das längerfristig möchte – ich sag’s jetzt mal ganz breit –, dass queere Rollen sozusagen auch von Queers repräsentiert werden sollen. Ich glaube, dass das historisch gerade passieren muss. Es ist auch eine Jobangelegenheit.
Godehard Giese: Die ökonomische Frage.
Tucké Royale: Absolut. Das ist eine Verteilungsfrage. Oder eine Frage: Wer kommt jetzt dran?

Also nicht, weil Queere die queeren Rollen besser spielen könnten?
Karin Hanczewski: Nein.

Also sollen schwule und lesbische ­Figuren auch von schwulen und lesbischen Schauspieler*innen besetzt werden?
Eva Meckbach: Ja, aus zwei Gründen. Wegen des Geldes, der Verteilung, aber auch wegen der sichtbaren Verteilung.
Godehard Giese: Es gibt Geschichten, die über was ganz anderes stattfinden, und die Hauptfigur ist zufällig auch lesbisch oder schwul oder trans* oder wie auch immer. Da gibt es einen Mann, der ist unten an seinem Auto beschäftigt, geht nach oben in die Küche, macht sich sein Brot, küsst mal kurz seinen Partner und geht wieder an die Arbeit.

Aber die Frage bleibt, wie es besetzt ist. Wer darf das spielen?
Mehmet Ateşçi: Im Prinzip sollte jeder alles spielen dürfen. Es sollte keine Grenzen geben. Es ist bloß gerade so, dass heterosexuell, weiß, cis und ohne Behinderung alles spielen darf, und der Rest darf meistens nur sich selber spielen.
Jonathan Berlin: Und auch das meistens nur in Bezug auf Ersteres.
Godehard Giese: Genau. Das heißt, es muss dahin gehen, dass alle alles spielen dürfen. Das ist das Ziel.
Eva Meckbach: Ich glaube auch, wir sind jetzt noch in einer Übergangsphase, in der man darauf pocht: Mensch, dann gebt doch die Trans-Rolle dem Trans-Schauspieler. Diese Gruppe wurde lange genug ausgeschlossen vom Markt.

Aber nicht mit der Unterstellung, dass nur die das spielen können.
Alle: Nein.
Eva Meckbach: Es ist eine Übergangsphase, damit die Gruppe, die bis jetzt nicht zum Vorschein kam, auch mal an die Rollen und auch an die Jobs rankommt. Aber letztendlich, wenn du mich fragst, wie möchte ich denn gesehen werden – dann möchte ich sowohl als auch. Ich würde total gerne eine lesbische Charakterrolle spielen, denn das habe ich noch nie getan. Und wie geil wäre das denn? Ein lesbischer Love Interest. Das wäre doch grandios!
Mehmet Ateşçi: Oder Leute, wo es keine Rolle spielt.
Eva Meckbach: Wo es keine Rolle spielt. Intellektuelle, Bäuerinnen, Bäckerinnen, Kommissarinnen – alles, was die Palette hergibt.
Jonathan Berlin: So geht es mir auch. Ich hoffe schlicht darauf, Figuren spielen zu können, die sich mit der komplexen Realität auseinandersetzen.
Karin Hanczewski: Ich liebe diesen Beruf nicht, weil ich mich ständig selbst darstelle, sondern was Godehard oft in Gesprächen gesagt hat: Das Wesen des Berufes ist die Verwandlung.
Mehmet Ateşçi: Wir kommen nicht als Homo-Front und sagen: Wir wollen auch! Sondern: Wir sind schon da. Und es gibt viel mehr Leute, von denen ihr, liebes Publikum, und ihr, liebe Redakteur*innen, gar nicht wisst, dass es uns gibt. Und vor allem sind wir Künstler*innen, die ihren Job vernünftig machen wollen.
Karin Hanczewski: Das ist eine Antwort auf die letzte, aber auch auf die erste Frage: Mir geht es auch darum, eine positive Identität zu zeigen. Bisher, wenn ich homosexuelle Charaktere in Filmen sehe, sind es meistens Opfer, leidende Figuren. Ich will, dass das aufhört. Dass Homosexualität, Queerness eine positive Identität in dieser Welt wird.

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