Alle für einen

Hans Daiber wurde mit einer kognitiven Behinderung geboren. Als sein Vater starb, hätte er eigentlich aus seinem Hof in einem schwäbischen Dorf ausziehen müssen. Doch stattdessen kümmert sich das ganze Dorf um Hans.

Inklusion ist ein Wort, das die Menschen in Oberwälden nicht weiter diskutieren. Hans ist einer von ihnen, fertig.

An der Tür des Daiberhofs hängt ein großes Schild: »Hans suchen per GPS.« Es folgt eine Anleitung in vier Schritten. Erstens: eine SMS an Hans aufsetzen. Zweitens: *#0# eintippen. Drittens: die GPS-Daten abwarten und dann viertens: mit Google Maps Hans’ Standort ermitteln.

Jeden Tag schlüpft Hans Daiber in seine Wanderstiefel und verschwindet im Nebel. Besonders in den Wintermonaten kommt er erst in der Dunkelheit von seinen Spaziergängen nach Hause. Er trägt eine leuchtende Warnweste, eine rote Ledertasche um den

Das Dorf Oberwälden, 450 Einwohner, ist eine Teil­gemeinde von Wangen, versteckt im schwäbischen Baden-Württemberg. Wobei viele Oberwäldener niemals einen Fuß in die Wangener Kirche setzen würden. Eingerahmt von Weizenfeldern, verbindet der Eselsweg die beiden Dörfer miteinander.

Seit Jahren beobachten die Dorfbewohner durch ihre Küchenfenster, wie Hans leicht schlurfend auf den Eselsweg abbiegt. Dort verschwindet die Warnweste zwischen den Feldern. Die weiße Wollmütze schief auf den grauen Haaren, darunter das Hans eigene Lächeln, von

Der Nachbar namens Glück, die Verkäuferin Wetzel, die alte Friseurin Lohrmann oder Hans’ bester Freund, der Biobauer Rempel – jeder hilft Hans auf eigene Weise. Inklusion ist ein Wort, das die Menschen in Oberwälden nicht weiter diskutieren.

Ein altrosafarbenes Bauernhaus mit vielen Fenstern. Drinnen in der Küche tickt eine Wanduhr so laut, dass man das Verstreichen der Jahre fühlt. Von klein auf hockte Hans hier mit seinem Vater Fritz, der Mutter Rosa

Schneider erzählt, wie alles begann: Sieben Jahre saß Fritz Daiber in russischer Kriegsgefangenschaft. Als er auf den Hof zurückkam, als einziger Überlebender von vier Brüdern, trug er einen hundertfach geflickten Schaffkittel und hatte abgefrorene Ohren. Man hatte ihn vor die Zelle gelegt, in der Erwartung, er würde die Nacht nicht
über­leben. Auf dem Daiberhof lebte Rosa, die Verlobte seines verstorbenen Bruders.

Rosa und Fritz erlebten viele Fehlgeburten. Schließlich hätten die Ärzte Rosa dann was gegeben, »damit’s hebt«, also bewahrt wird, erzählt Anna Schneider. Rosemarie kam mit einer leichten kognitiven Behinderung zur Welt, Hans folgte 1953, stärker

Abends schnitt der Vater mit einem Messer die Zeitungen in gleich große Stücke und legte sie als Klopapier neben das Plumpsklo. Während Rosa am Herd stand, das riesige Bauernbrot in gleich große Stücke teilte und

Jeden Tag stieg Hans mit auf den Traktor. Die Schwester saß rechts, Hans links, der Vater fuhr. Sonntags machten sie kleine Ausfahrten in andere Dörfer, die Kinder auf dem Rücksitz mit dicken Federkissen. Das war

Der Vater wusste, dass auch er bald sterben würde. Mit dem nahenden Tod ergeben sich für Eltern von Kindern mit Behinderung viele Fragen: Was passiert mit dem erwachsenen Kind, wenn ich nicht mehr lebe? Wo

Für Hans würde der Tod seines Vaters den Beginn eines neuen Lebens bedeuten. Er müsste wahrscheinlich sein Zuhause, den Daiberhof, verlassen und in ein Heim für behindertengerechtes Wohnen ziehen. Hinzu kam ja, dass Hans nicht

Kurz vor seinem Tod rang sich der Vater zu einer ungewöhnlichen Idee durch. Das Haus ist groß, beide bewohnten nur das erste Stockwerk. Der Bauer, dem immer am wichtigsten gewesen war, »sein Sach« beisammen zu

Ein Jahr vor dem Tod des Vaters zog jemand ein.

Seit 13 Jahren hängt nun über dem Klingelschild »Daiber« ein zweites mit der Aufschrift »Glück«. Die langen Haare trägt Joachim Glück zum Zopf

Über viele Ecken habe er damals von dem alten Herrn Daiber gehört, der jemanden für die Wohnung über dem Hans suche. Als er

Ein Jahr lang lebten sie zu dritt auf dem Daiberhof, dann kam der Vater ins Krankenhaus, 2008. Hans und Glück fuhren ihn besuchen.

Damit Hans nichts vergisst, hat Herr Glück kleine Zettel in der Wohnung aufgehängt: »Hans, du sollst dein Telefon mitnehmen, wenn du deine Runden

Jeden Morgen kommt ein Bus und bringt Hans zu einem Wohnheim für behinderte Senioren in einem Nachbardorf. Allerdings erst seit Kurzem, denn nachdem

Bis vor zwei Jahren hat er in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung gearbeitet und dort kleine Stifte zusammengesetzt. Mit 65 Jahren müssen

In einem kleinen Regal stehen, säuberlich aufgereiht, zehn Paar Wanderschuhe. Die Sohlen allesamt dünn, die Profile abgelaufen. Herr Glück ist schon oft beim

Zuweilen kommt Hans morgens nicht aus dem Bett, dann hilft Joachim Glück ein wenig nach. Ganz selten regt sich Hans über etwas auf.

Herr Glück fährt ihn auch zum Zahnarzt, geht einkaufen, achtet darauf, dass der Haushalt läuft. Auf ausgedruckten Listen kann Hans ankreuzen, welche Lebensmittel

Jeden Morgen schlappt Hans in seinen grauen Filzschuhen zum Briefkasten, die Neue Württembergische Zeitung steckt darin, außerdem hat er zwei Wochenzeitschriften abonniert: das Wangener Mitteilungsblatt und das Evangelische Gemeindeblatt.

In der Küche bindet er sich eine Schürze um den schmalen Körper. Hans kann sich in seiner einfachen Küche selbst versorgen. Er geht zur Speisekammer: Quarkschmarrn, Haferflocken und in Dosen eingelegte Pfirsiche stehen darin. Daneben blinkt eine Mikrowelle. Hans stellt eine Schüssel mit Cornflakes auf den Tisch. Dann schlägt er das Wangener Mitteilungsblatt auf. Alle großen Geburtstage werden hier aufgelistet. Hans hegt eine besondere Leidenschaft für Geburtstage, Zahlen und überhaupt Wochentage. Er kann die Wochentage der Geburtstage der Dorfbewohner im nächs­ten Jahr voraussagen. Ganz gleich, wer im Dorf Geburtstag hat, Hans schreibt jedem eine Karte. Er verschickt auch Glückwünsche an Menschen, die er nicht kennt.

Hans kann sich nicht gut ausdrücken. Meistens lässt er es bei einem »Ja« bewenden. Aber wenn Hans schreibt, kann er seine Gefühle in

Die Antworten der Dorfbewohner bedecken die Tapeten von Hans’ Wohnung. »Lieber Hans, ich danke dir ganz herzlich für deinen Brief. Das Foto von

An der Wohnzimmerwand hängt ihre abgegriffene Todesanzeige, dünne Linien durchziehen das Papier. Kein Stück Papier in der Wohnung scheint Hans öfter in den

Ein großer Feldstein ist der Stolz des Dorfes Oberwälden. Dreimal Gold, einmal Silber und einmal Bronze ist darauf zu lesen. Jahrzehntelang hat Oberwälden

»Wissen Sie, wenn er Geburtstag hat, dann kommt er vorbei, das geht schon ewig.« Frau Bauer hat ein Auge auf Hans.

An Hans’ Geburtstag wartet Frau Bauer immer mit einem Tisch voller Süßigkeiten. Seit mehr als zwanzig Jahren klingelt er am 11.

Manchmal denkt Frau Bauer, es sei schade, dass man ihn besonders sprachlich nicht stärker gefördert habe. Aber was wäre anders? Er

Sie blickt zu ihrem Fenster: »Einmal habe ich ihn beobachtet, da hat sein Vater noch gelebt. Ich bin mit dem Hund

Die Türklingel läutet, ein kalter Luftzug kommt herein. »Hallo, Hans.« In der Bäckerei in Wangen rückt die Verkäuferin die

Seit neun Jahren ist Frau Wetzel Hans’ Lieblingsverkäuferin. Vom Daiberhof ist es ein zwanzigminütiger Fußmarsch bis zur Bäckerei nach

Hans begutachtet die Vollmilchschokolade. Minuten verstreichen, dann landet sie neben Keksen, Mozartstangen und einer Geburtstagskarte im Korb. Wenn er

Frau Lohrmann lässt gern raten, wie jung sie sei. 88 rät nämlich niemand. »Jetzt machen wir dich

Er setzt sich neben eine Trockenhaube aus den Sechzigerjahren. Die ehemalige Friseurin Frau Lohrmann ist seit vielen

Hans schlurft durch die Regalreihen voller Bücher, biegt falsch ab und steht verloren in der Belletristik. Seit Jahren leiht er sich in der Wangener Bücherei immer Kinderbücher aus, Bücher mit großer Schrift. Frau Henninger trägt alles in sein Konto ein, und wenn Hans vergisst, sie abzugeben, verlängert sie einfach für ihn. Gerade habe er Der kleine Drache Kokosnuss ausgeliehen. Frau Henninger ist Mitte 50 und leitet seit Jahren die Bücherei in Wangen. Manchmal versteht sie nicht ganz, was er genau sucht, dann ist Hans immer etwas frustriert. Frau Henninger sieht Sprache als wichtiges Mittel, denn was würde noch funktionieren, wenn die Sprache wegfiele? Einmal habe Hans ihren Eltern, denen er noch nie begegnet sei, eine Glückwunschkarte zum Geburtstag geschickt. »Man kann ihn nicht beraten, weil man nie weiß, was er in einem Buch sieht.« Hans legt Speedy, das kleine Rennauto auf die Theke. Frau Henninger steckt einen Zettel hinein, auf dem steht, wann sie es für ihn verlängern wird.

Kein Tag vergeht, an dem sich Rolf Rempel und Hans nicht kurz über

Zwei Jungen, im selben Jahr geboren, wuchsen nebeneinander auf zwei Höfen auf. Als

Frau Scheurer sagt, sie sei in die Sache mit dem Hans

Eltern können ihren Kindern mit Behinderung nicht einfach so etwas vererben.

Hans’ Geheimnis war, weit weg von allen anderen Möglichkeiten aufzuwachsen. Ohne

In Hans’ Schlafzimmer steht, hinter den Schiebetüren der Kommode, eine kleine

Hans verarbeitet Dinge, indem er sie ausschneidet, in die Hand nehmen und aufbewahren kann. Zwischen den Todesanzeigen liegen ausgeschnittene Zeitungsüberschriften:
»Wenn Eltern alt werden«
»Nichts wie raus an die frische Luft«
»Zwei Autos landen nach Crash im Acker«

Das Dorf, wie es einst war, verschwindet, und mit ihm verschwinden

In einer früheren Textfassung wurden die Begriffe »Vormund« und »Vormundschaftsgericht« verwendet, die in diesem Zusammenhang nicht korrekt sind. Wir bitten den Fehler zu entschuldigen.