Familienbande

Anina kommt aus Albanien, Philipp aus Deutschland. »Du hast uns entehrt«, sagt ihre Mutter. »Ich werde dich umbringen«, sagt ihr Bruder. Da beschließt Anina, ihre Familie für immer zu verlassen.

Manchmal sitzt Anina da und wählt in Gedanken die Nummer von zu Hause. Und Philipp bekommt Angst: Was, wenn sie zurückgeht?

Anina kennt da so ein Pärchen. Eins mit der gleichen Geschichte. Wenn das Mädchen traurig ist, wirft sie es dem Jungen vor. »Wegen dir ist mein Leben scheiße«, sagt sie dann. »Wenn du nicht gewesen wärst, hätte ich noch eine Familie.«

Anina würde ihrem Philipp so etwas nicht sagen. Sie weiß, dass sie ihre Familie verlassen musste. Und sie weiß auch, dass sie nicht zurückkehren würde, selbst wenn es Philipp nicht mehr an ihrer Seite gäbe. Doch dann kommen diese Tage, an denen ihr Freunde von ihren Familienbesuchen erzählen. Dann fragt auch sie sich: Hätte es dich nicht gegeben, Philipp, was für ein Leben hätte ich nun?

Ihre Liebesgeschichte begann wie viele zuvor. Ein Mädchen und ein Junge saßen im Unterricht nebeneinander. Anina hielt Philipp für den Klassenclown, Philipp Anina für eine Streberin. Drei Jahre später bat er sie, mit ihm einen Tanzkurs für den Abi-Ball zu machen. In einer Trinkpause zwischen Discofox und Walzer nahm er ihre kalten Hände zwischen seine warmen. Anina sagte: »Das mit uns, das müssen wir verheimlichen. Meine Mutter wird nicht wollen, dass ich mit dir zusammen bin. Ein albanisches Mädchen darf nur einen albanischen Jungen heiraten.«

Nach einem Monat Glück fand Arjeta Popova, Aninas Mutter, eine Pillenpackung, die ihrer Tochter gehören musste. Die Antibabypille. Es war der Morgen des 4. Juni 2011.

Arjeta, in Albanien geboren, zog mit ihren vier Kindern nach Deutschland, nachdem ihr Mann dort einen Arbeitsplatz gefunden hatte. Als sie ankam, liebte er eine andere. Arjeta hatte Angst, dass die Familie, aus der sie kam, sie verstoßen würde. Sie arbeitete von früh bis spät als Putzfrau, heiratete einen neuen Mann und bekam mit ihm noch ein Mädchen, Liridona. Als alle Kinder es aufs Gymnasium packten, hatte Arjeta es geschafft: Sie ist eine ehrenwerte Frau, sagte die Familie in Albanien.

Doch dann, an jenem 4. Juni 2011, lag der Pillenstreifen in ihren Händen. Arjetas Welt drohte zusammenzubrechen.

Am 4. Juni um 14.07 Uhr bekam Philipp eine SMS: »Komm her. Mama will mit dir reden!«

Herbst 2014. Anina, 21, nimmt ein Fotoalbum, setzt sich zu Philipp, der jetzt 22 ist, auf die Couch, streicht sich die schulterlangen Haare aus dem Gesicht und gibt den Personen, die ihre Geschichte prägten, Gesichter. Auf eine der ersten Seiten des Albums hat sie in lilafarbenen Buchstaben das Wort Familie geschrieben.

Sie blättert vorbei an Mutter, Stiefvater, großer Schwester, Bruder. Dann schaut sie auf und lächelt Philipp an. Da ist sie: Liridona, die kleine Schwester. Anina streichelt die Fotos, sagt: »Schau! Da wird sie größer.« Philipp legt den Arm um seine Freundin und zieht sie an sich. Anina weiß nicht, wie es Liridona geht. Sie hat sie seit zwei Jahren nicht gesehen. Ein Besuch wäre zu gefährlich. Wie alles in diesem Fotoalbum gehört Liridona zur Vergangenheit. Die Gegenwart hängt links an der Wohnzimmerwand. Es sind Bilder von Philipp und ihr, zusammen auf dem Rücken eines Kamels, bei einer Schlittenfahrt, an der Themse und im hohen Gras der Ostseedünen. Auf jedem Foto strahlen sie. Doch nun, während Anina abwechselnd Liridonas Fotos und die an der Wand mustert, wird sie traurig.

4. Juni 2011. Philipp zog sich ein gebügeltes Hemd an, er wollte ordentlich aussehen. Es ist ein gutes Zeichen, dass Arjeta ihn sehen will, dachte er.

Als er das Wohnzimmer der Popovas betrat, dröhnten aus dem Fernseher Comicfiguren, Liridona spielte auf dem Boden, Anina saß auf einem Stuhl und weinte. Arjeta, mittelgroß, stämmig, die Haare offen, die Augen ihrer Tochter, sprach Albanisch. Irgendwann schrie sie. Aninas große Schwester übersetzte: Philipp hat ihre Tochter entehrt. Er hat ihr Leben zerstört. Mit den beiden ist Schluss. Anina darf nicht studieren, sie muss ihr Jungfernhäutchen annähen lassen. Wenn die Großfamilie etwas mitbekommt, bringen sie Anina nach Albanien und töten sie.

Während Arjeta schrie, schaute Philipp zu, wie Anina den Tisch anstarrte. Nach einer halben Stunde wurde Philipp gebeten zu gehen. Anina hatte ihn die ganze Zeit nicht ein Mal angesehen.

Bedrückt schlich Philipp die nächsten Tage durch die Gassen seiner Heimatstadt. Er wusste nicht, ob es vorbei war. Er hoffte, Anina zu treffen oder wenigstens irgendwo einen Blick auf sie zu erhaschen. Er hatte Angst, dass ihre Familie sie nach Albanien gebracht hatte.

Ein paar Tage später sah er sie im Lebensmittelgeschäft ihres Stiefvaters, auf dem Arm ein fremdes Baby, um sie herum Verwandte. Als sie ihn auf der anderen Straßenseite entdeckte, erschrak sie, das Kind rollte ihr fast vom Arm. Er ging heim. Mitte Juli würde er für ein freiwilliges soziales Jahr nach Südafrika fliegen. Es blieb nicht mehr viel Zeit.

Nach Philipps Besuch konfiszierte Aninas Mutter Handy und Laptop ihrer Tochter. Anina stand konstant unter Überwachung. Sie arbeitete von neun Uhr morgens bis neun Uhr abends im Imbiss des Stiefvaters, ging nach Hause, legte sich hin, weinte.

Dann erbarmte sich aus irgendeinem Grund, den sie nie erfahren sollte, ihr Stiefvater und brachte sie zu Philipp, ohne dass ihre Mutter etwas wusste. Es war ein Glück, sich in die Arme zu nehmen. Es war eine Qual, nicht zu wissen, wann es wieder passieren würde. Oder ob. Am Tag bevor Philipp nach Südafrika flog, sahen sie sich das letzte Mal. Sie versprachen sich, zusammenzubleiben. Wie sie das schaffen sollten, wussten sie nicht.

Als Arjeta Popova erfuhr, dass Philipp nicht mehr in Deutschland war, ließ sie ihre Tochter in einer anderen Stadt studieren. Verzeihen konnte sie ihrer Tochter trotzdem nicht. »Wenn ich sterbe, bist du daran schuld«, sagte sie. Und: »Ich wünschte, du wärst nicht meine Tochter.« Sie sagte es so, dass Anina es glaubte.

Je länger Philipp und Anina sich nicht sahen, desto mehr verblassten die Erinnerungen. Wie fühlt es sich noch einmal an, sie zu küssen?, fragte er sich. Wie riecht er?, fragte sie sich.

Im November buchte Anina einen Flug nach Südafrika, Abflug 28. Januar 2012. Als Tarnung erfand sie ein Pflichtpraktikum der Uni: Zwei Wochen lang müsse sie mit ihrem Kurs nach Brüssel fahren, erklärte sie zu Hause.

Anina und Philipp leben heute ihr neues Leben in einer Stadt, die wir nicht nennen dürfen, mit Namen, die wir nicht drucken dürfen, in einer großen hellen Straße mit türkischen Imbissbuden und bunten Cafés. Frauen schieben Kinderwagen umher, Studenten sitzen am Gehweg und diskutieren die Lage in der Ukraine. Anina läuft in kurzem Blumenrock, engem Top, Sandalen und roten Fußnägeln den Bürgersteig entlang.

Anina und Philipp teilen sich 56 Quadratmeter, zwei Zimmer, Altbau, mit Blick auf einen Kastanienbaum. Hier müssen sie nicht darauf achten, sich mit den neuen Namen anzusprechen. Neben das Bett haben sie ein Bild von sich gehängt, es ist das Erste, was sie jeden Morgen sehen. Darauf ein Spruch von Ovid: »Glücklich ist, wer das, was er liebt, auch wagt, mit Mut zu beschützen.«

Sie studiert Jura, er Medizin. Wenn Philipp zur Uni geht, Anina allein am
Küchentisch sitzt und einen Tee trinkt, horcht sie. Der Hinterhof blockt den
Straßenlärm ab, nur der Kastanienbaum rauscht, wenn Wind aufkommt. Irgendwer war immer da, Mutter, Stiefvater, Verwandte, die zum Tee kamen. Und selbst wenn die Erwachsenen arbeiten waren, gab es immer noch Liridona, die durch die Wohnung jagte.

Es hat Anina genervt, dass sie jeden Tag auf Liridona aufpassen musste. Sie hat mit Liridona geschimpft, weil Liridona ein Kind ist und Kinder stur sind. Doch ihr erzählte Anina vom Philipp. Als Anina ging, war Liridona fünf Jahre alt. Sie fragt sich heute, wann bei Kindern die Erinnerung einsetzt. Sie fragt sich: Hat Liridona mich vergessen?

Wenn Philipp Anina zusammengekrümmt im Bett findet und sie diesen apathischen Blick hat, weiß er, das Heimweh hat sie übermannt. Er legt dann den Arm um sie und hofft, dass das reicht. Was soll er auch sagen? Dass alles wieder besser wird?
Einmal hat er ihr vorgeschlagen, Liridona Briefe zu schreiben, in denen sie ihr erklärt, warum sie nicht mehr bei ihr sein kann. Briefe, die sie nicht abschickt, sondern aufbewahrt, bis Liridona erwachsen ist. Anina hat zwei Briefe angefangen, wurde aber nur trauriger.

»Wenn es nach mir ginge, hätten wir dich schon umgebracht«, sagte die Mutter.

Am 28. Januar 2012, dem Tag ihres Fluges, sagte Aninas Bruder, er würde sie zum Zug bringen, mit dem sie zu ihrem Praktikum fahren würde. Sie wehrte ab. Keine Widerrede. Sie setzte sich mit ihrem Bruder ins Auto und wusste, dass sie auffliegen würde. Sie bat ihn anzuhalten. Er fuhr von der Autobahn ab und brachte das Auto an einem Kornfeld zum Stehen. Keine Häuser in Sicht, keine Menschen. Anina hatte Angst.

Sie sagte ihm, dass es kein Praktikum gab. Er schrie. Fragte, ob sie ihre Familie für dumm verkauft, ob sie tatsächlich dachte, sie bekämen es nicht heraus. Er weinte. Er hatte ihre Flugtickets schon vor Tagen gefunden.

Zur selben Zeit saß Philipp im Bus nach Kapstadt, um Anina abzuholen. Sein Handy klingelte. Es war seine Mutter. »Sie kommt nicht«, sagte sie. »Wir haben beim Flughafen angerufen. Sie hat nicht eingecheckt.«

Den restlichen Tag klingelte im Hause Popova das Telefon. Philipp, seine Mutter, sein Vater – sie wollten Anina sprechen und drohten den Popovas mit einer Vermisstenanzeige. Arjeta schrie, weinte, schlug. Dann zog Anina den Stecker des Telefons. Sie wollte nur noch in Ruhe gelassen werden.

Als Philipps Mutter am nächsten Morgen zum Briefkasten ging, fand sie einen Drohbrief. Die Familie Popova ließ über Dritte andeuten, dass es in solchen Fällen auch die Lösung des Ehrenmordes gebe. Philipps Eltern gingen mit dem Brief zur Polizei.

Am 29. Januar 2012 stand der Hauptkommissar Wolfgang Bitter mit zwei Kollegen und einem Durchsuchungsbeschluss vor der Wohnungstür der Popovas. Widerwillig ließ Aninas Stiefvater sie ein. Anina kauerte auf einem Stuhl, schaute Bitter nicht in die Augen, sagte, sie sei freiwillig da und wolle auch nicht gehen. Bitter drang nicht zu ihr durch.

Sie könnten glücklich sein, sagt Philipp. Er sitzt im Café in der Stadt, in der sie jetzt leben, streicht mit der Hand die gelb karierte Tischdecke glatt, vor ihm eine heiße Schokolade. »Doch dafür muss Anina das Heimweh überwinden.« Philipp ist höflich, er legt Wert darauf, sich gewählt auszudrücken.

Anina redet in wöchentlichen Sitzungen mit einer Psychologin. Philipp hat keine Psychologin. Er reibt sich ständig die Augen, seine Stimme zittert. Nach einer Stunde ist er erschöpft und bittet um die Rechnung.

Philipps Eltern sagen, ihr Sohn sei traumatisiert. Früher sei er ein unbekümmerter Junge gewesen, fröhlich, aufgeschlossen, vielleicht etwas naiv. Heute sei er pragmatisch. »Er hat wahnsinnig unter dem Stress gelitten und psychosomatisches Asthma entwickelt«, sagt seine Mutter. »Es gibt viel, das er noch verarbeiten muss, aber das gibt er nicht zu.«

Philipps Eltern wohnen noch in derselben Wohnung wie damals. Sie sollte ihren Kindern immer ein Zufluchtsort sein. Doch Philipp kann nicht zurück. »Ich mag Anina wirklich sehr«, sagt sein Vater, »aber ich frage mich manchmal, warum musste es unbedingt dieses Mädchen sein?«

Jeder ist für jeden verantwortlich, so hat es Anina von klein auf gelernt. Der Bruder für die Schwester, die Mutter für die Kinder, die Tochter für die Ehre von allen. Wäre Anina mit Wolfgang Bitter gegangen, hätte sich die Großfamilie von ihrer Mutter abgewandt, und Arjeta wäre allein gewesen. Sie hätten sie verachtet. Wie damals, als Aninas Vater sie verlassen hatte.

So blieb Anina eine Gefangene im eigenen Kinderzimmer. Drei Wochen lang wurde sie beschimpft, geschubst, gekniffen. Sie durfte keinen Kontakt nach außen haben. In einer Kanzlei musste sie eine Generalvollmacht unterschreiben und bei der Polizei Philipps Mutter anzeigen.

Der einzige Halt war das Handy, das Philipps Schwester in den Hinterhof geschmuggelt hatte. Anina fand es, als sie den Müll wegbrachte. Im Eingang eine SMS von Philipp. »Am 7. Februar um ein Uhr nachts rufe ich dich an.«

Jeden Abend nach Mitternacht, wenn alle schliefen, zog sie die Bettdecke über den Kopf und schaltete es an. Er bat sie abzuhauen. Sie konnte nicht.

Anina hörte, wie Mutter, Stiefvater und Bruder Tag um Tag im Wohnzimmer über ihr Schicksal berieten. Eines Abends sagten sie Anina, sie würde heiraten. Anina erinnerte sich vage an den Cousin in Albanien, blond, 16 Jahre alt, mehr Kind als Mann.

»Niemals.«

Stiefvater, Bruder und Mutter sahen sich an. »Dann bringen wir sie um«, sagte Arjeta kalt. Anina wusste, dass sie es ernst meinte.

Ihr Bruder stellte ihr ein Ultimatum: eine Woche Zeit, sich zu verloben und sich zu exmatrikulieren. Oder sie würde sterben.

Anina dachte, dass ihr Bruder niemals riskieren würde, ins Gefängnis zu gehen, weil er Frau und Kinder hatte. Doch er bekräftigte seine Drohung jeden Tag. Arjeta zuckte mit den Achseln. »Wenn es nach mir ginge, hätten wir dich schon umgebracht«, sagte sie. Anina dachte an all die Ehrenmordopfer, von denen sie gehört hatte, und fragte sich, ob die ihren Familien so etwas zugetraut hatten.

Philipp meinte, sie sollte sagen, sie hätte die Beziehung beendet. Anina weigerte sich. »Wenn er mich umbringen will, dann soll er doch.« Philipp überlegte, ob es seine Pflicht wäre, Schluss zu machen. Zu ihrer Sicherheit. Aber sie allein lassen? Er tat es nicht.

Die Vorstellung, dass mit dem Tod der Druck aufhören würde, erleichterte Anina. Wäre es nicht schön, für immer zu schlafen?, überlegte sie. Einfach alles hinter sich zu lassen. Nichts mehr zu fühlen. Nie mehr.

Das Ultimatum endete am 28. Februar 2012. Doch ihr Bruder kam nicht. Er rief an und sagte, Anina solle die Chance dazu nutzen, noch einmal nachzudenken.

In der Nacht zum 1. März klaute Anina den Familienlaptop aus dem Schrank in der Küche. Sie öffnete Facebook und schrieb einer Freundin. Es war das erste Mal, dass sie mit jemand anderem als Philipp über ihre Situation sprach. Ihre Freundin schrieb: »Du musst da raus! Ich lasse das nicht zu. Ehrlich. Ich hole dich heute Nacht ab.« Sie ließ Anina keine Chance zu widersprechen.

Anina löschte den Verlauf auf dem Laptop, alle Fotos und das Passwort, klappte ihn zu und legte ihn neben sich. Sie wartete bis drei Uhr, dann stand sie auf und schlich zur Wohnungstür. Einmal noch hielt sie inne, um zu horchen, ob Mutter oder Stiefvater aufgewacht waren, schob den Riegel der Haustür beiseite, zog sie hinter sich zu und rannte.

Sechs Stunden später klingelte Philipps Handy. »Anina ist abgehauen«, sagte seine Mutter.

Herbst 2014, Anina und Philipp sitzen auf ihrer Couch. Sie beobachtet, wie er sich ein Glas Wasser einschenkt. Als er ihren Blick bemerkt, nimmt er sie in den Arm.

Drei Monate nach ihrer Flucht kam er aus Südafrika zurück. Sie lebte bereits in der neuen Stadt. Terre des Femmes* hat sie dabei unterstützt, eine Organisation, die Frauen wie ihr hilft, ein neues Leben zu beginnen.

Am Flughafen hatten sie sich verabredet. Er wartete schon einige Minuten, da kam sie durch die Menge auf ihn zu. Alle Erinnerungen, von denen er befürchtete, er hätte sie im Laufe des Jahres vergessen, waren wieder da.

Anina sagt, wenn sie eine gute Note schreibt, zur Therapie geht, also etwas Gutes tut, dann schaut Philipp ihr tief in die Augen und betont, wie stolz er auf sie ist. »Zu Hause hat mir das nie jemand gesagt.« Sie streicht ihm eine Strähne aus dem Gesicht.

Manchmal sitzt Anina da und wählt in Gedanken die Nummer von zu Hause. Sie hat nie aufgehört zu hoffen, dass ihre Familie sich bei ihr entschuldigt. Bei Philipp kommt dann das Gefühl wieder hoch, dass nichts kalkulierbar ist. Er fühlt sich hilflos, kann keine Reaktionen abschätzen, weder von Anina noch von ihrer Familie. Was, wenn sie zurückgeht? Was, wenn die Familie sie in einen Hinterhalt lockt? Und vor allem: Was, wenn sie Liridona an den Hörer holen?

Er würde dann gern schreien, dass sie nicht anrufen soll. Aber er reißt sich zusammen und fragt sie, was sich sie erhofft. Das Wort Familie will Anina nicht mehr benutzen. Sie betont, dass Philipp nicht ihre Familie sei. Auch seine Eltern, so sehr sie sich bemühen, könnten kein Ersatz sein. »Eine Familie«, sagt sie, »werde ich erst wieder haben, wenn ich selbst Kinder bekomme.«

* Informationen über www.frauenrechte.de und www.zwangsheirat.de

Illustration: Alice Pye

Artikel teilen: