Ideen für eine bessere Welt

Corona stellt alles auf den Kopf. Das birgt die Chance, unser Zusammenleben endlich gerechter zu machen. Arbeit, Bildung, Politik, Gesellschaft: Eine neue Zeit bricht an – diese sieben Menschen wollen sie zum Guten verändern.

Globales Großreinemachen: Die Corona-Pandemie ist eine Zäsur, die auch die Frage aufwirft, wie die Menschen nach ihr weitermachen wollen.

Foto: Rafael Krötz

Unternehmen

Da ist er. Er hat seine Firma verschenkt, »Einhorn«, zwischen 15 und 20 Millionen Euro wert. Waldemar Zeiler, Bart, Mütze, Ende 30, Gründer. Sein Blick ist müde, er entschuldigt sich dafür, morgen um fünf geht’s wieder los. Er arbeitet weiter für Einhorn, ihr »Testlabor«, wie er es nennt. Niemand ist weisungsbefugt. Ihr Gehalt bestimmen die Mitarbeiter selbst, Urlaub machen sie, wie sie wollen, ach ja, Einhorn macht Gewinn und wächst.

43 Köpfe schauen Zeiler an, Architektinnen, Musikerinnen, Ärztinnen, viele selbst Gründerinnen. Zur Video­runde eingeladen hat »Women’s Hub«, eine Firma, die Frauen zusammenbringt. Sie reden über Ideen und Visionen für Job, Firma, Gesellschaft und geben sich Feedback. Vor der Pandemie fanden ihre Veranstaltungen in Hamburg, München und Rosenheim statt. »Wir glauben an Gemeinschaft«, sagt Maren Jopen, Mit-Gründerin von Women’s Hub. »Wir wollen eine internationale ­Bewegung werden.« Klingt optimistisch, aber die drei ­Gründerinnen sind nüchterne Geschäftsfrauen, Jopens erste Gründung wurde ganzseitig in der Financial Times Deutschland gewürdigt, 2017 stieg sie aus der Firma aus, wollte was Neues wagen, eben wie Zeiler. Der ist Gründer in Serie, auch für Rocket Internet, die weltbekannte Start-up-Maschine. Seine Helden hießen Jack Welch und Milton Friedman, die kühlsten Köpfe des Kapitalismus, und nun sitzt er da, zieht die Mütze über die Augen und hat ein Gedankenspiel mitgebracht: den »Schleier des Nichtwissens« – von John Rawls. Dessen »Theorie der Gerechtigkeit« änderte das philosophische Denken des 20. Jahrhunderts und schwappt nun in die Wirtschaftswelt des 21. über. Zeiler hat es von Maja Göpel übernommen, Politökonomin und Beraterin der Bundes­regierung.

»Schließt eure Augen«, sagt Zeiler, »stellt euch vor, ihr

Schon jetzt ist

Video-Anruf bei Erica Chenoweth, die diese Entwicklung als eine der Ersten entdeckt und erforscht hat. Sie ist Harvard-Professorin, das renommierte Foreign Policy Magazine kürte sie zu einer der 100 wichtigsten politischen Denkerinnen und Denker der Welt. »Es ist schwindelerregend, wie die Zahl der Massenbewegungen wächst«, sagt sie. Bisher habe der Rekord bei 60 gelegen – pro Jahrzehnt. Allein im Jahr 2019 seien es 39 »revolutionäre Ausbrüche« gewesen. Aber gewaltfreie, und das stärkt sie: Wer auf Gewalt verzichtet, ist erfolgreicher. Zeiler und Jopen, sagt Chenoweth, Menschen, die dem alten System neue Ideen entgegenstellen, seien Ausdruck unserer Zeit. Gespannt erwartet sie die Zahlen für 2020.

»Die Pandemie«, sagt

Auch zeigen Studien,

»Ich muss abreisen, die Demokratie braucht mich«, schrieb Tang, Gründerin und Beraterin von Apple, 2014 in einer Chat-Nachricht an die Kollegen im Silicon Valley. Kurz darauf saß sie im Flugzeug nach Taipeh. Die Demokratie – das waren die Sonnenblumen-Studenten, die gegen ein Gesetz und Taiwans Annäherung an China aufstanden. Sie hatten das Parlament besetzt, und Tang sprang ihnen zur Seite, mit ihren Mitteln.

Mit acht

Als sie

Es begann

24 Stunden

Taiwan kam

»Die Pandemie

Die Pandemie

Tangs aufregendste

Unsere Demokratie

Tang hat

Audrey Tangs

Als Weyl

»Wir alten

Mit seiner

»Ich muss noch meine Notizen holen«, sagt Judith Heumann, genannt Judy, und fährt mit dem Rollstuhl vom Rechner weg. Für die Menschenrechte ist sie so wichtig wie ein Martin Luther King oder eine Louise Otto-Peters. Kopf der weltbekannten Independent-Living-­Bewegung, Sonderberaterin Barack Obamas, in den USA kennen sie alle. Brille, verschmitztes Gesicht, 73 Jahre alt, auf dem Schoß ihre neue Biografie, Being Heumann.

Mit

Als

Zum

Es

Als

Die

Als

Die

Welche

3,5 Prozent. Aber warum herrscht auf der Welt dann diese Ungleichheit?

Weil

Und

»Die Pandemie hat die Reset-Taste gedrückt«, sagt Chenoweth. »Und das war dringend nötig.« Während der Pause sind viele Bewegungen gereift, haben Aufgaben des Staates übernommen: Essensausgaben, Hilfsfonds – Arbeit fürs Gemeinwohl, neben passivem Widerstand Gandhis zweite Säule der Veränderung. Sie haben Alternativen zur Demo gesucht, etwa massenhafte Krankmeldungen (»Sick-ins«), passiven Widerstand, haben sich fortgebildet, Koalitionen gebildet. Beim Earth Day, einem Klima-Tag, vernetzten sich Hunderte Bewegungen. »Viele sind mit viel größerer Kraft aus der Krise zurückgekommen«, sagt Chenoweth. Und ein Dutzend sind neu entstanden, in den USA, in Belarus, Polen, Israel, Thailand, gegen Despoten und Rassismus, für Frauenrechte und Freiheit, so vielfältig und gewaltig wie die Ungleichheiten.

Man wünscht sich Orientierung. Wo sind die Ideen, die Zauberkugeln, die ganz große Veränderung bewirken könnten? Es gibt eine Frau, die davon überzeugt ist, eine gefunden zu haben, und als sie von ihrer Idee erzählte, auf ­einer TED-Zukunftskonferenz, schien sie auch andere zu überzeugen, 1,7 Millionen Menschen haben sich den Vortrag angeschaut, obwohl diese Frau unbekannt war, Amel Karboul heißt sie, Tunesierin, 47 Jahre alt.

Ihren

Ohne

Im

Karboul

Und

Amel Karboul hat ein Konzept entwickelt, das jedes Kind in die Schule bringen soll. Und dafür sorgt, dass es dort auch etwas lernt. Wie? Jedes Bildungssystem lernt von dem Besten seiner Klasse, Tunesien von Vietnam, Deutschland von Finnland. Und die Finanzierung wird gekoppelt an die Ergebnisse. Pilotprojekt, ob dieses Entwicklungs-Modell in der Bildung gelingen kann, war die NGO »Educate Girls«, mit der die Inderin Safeena Husain Mädchen in die Schule bringt.

»Educate

Teil

Die

Die

Für

Ideen sind nur ein Angebot. Das gilt für alle Ideen hier, die zweierlei eint: Alle wollen Ungleichheit mindern. Und sie sind in der Wirklichkeit verankert, sie wirken bereits. Nicht alle finden sie gut. Auch Amel Karbouls Modell erfährt Kritik: Warum müssen private Investoren daran verdienen? Führt das nicht dazu, dass sich Staaten zurückziehen? Ist Bildung nicht öffentliches Gut?

Wichtige

Es gibt eine ungewöhnliche Aussage von Glen Weyl, dem Gründer von RadicalxChange. Neben seiner politischen Arbeit berät er Microsoft und forscht. Wie viele stört ihn die Macht der großen Tech-Unternehmen, auch sei es ungerecht, dass wir von ihnen nicht für unsere Daten bezahlt werden, wie eben Arbeiter für ihre Arbeit bezahlt werden. Die Welt brauche eine Datengewerkschaft. In dieser Logik hat ein Microsoft-Zukunftsteam, das Weyl leitet, eine App entwickelt, die 60 Cent für jedes Bild zahlt, das Nutzer zur Verfügung stellen, damit eine Firma mit künstlicher Intelligenz die Bilderkennung trainiert. Weyls Versuch: das System von innen zu verändern. »Unser CEO Satya Nadella«, erklärt Weyl in jener besonderen Aussage, »spricht zunehmend über das Referendum zum Kapitalismus, das gerade stattfindet. Dass wir glauben, der Kapitalismus überlebt nicht, wenn er nicht lernt, dass sich ­Unternehmen nicht an dem Wert messen, den sie intern schaffen, sondern an dem Wert, den sie für die Öko­systeme um sie herum schaffen.« Auch im Kapitalismus hat der Wettstreit der Ideen begonnen. Und Waldemar Zeiler, Gründer von Einhorn, ist Teil dieser Bewegung.

Wie

Vor

Kondome?

Während

Ob

Vegan,

Sie

Bisher

Kristina

2014, als Kristina Lunz Studentin war, stellte sie sich gegen das tägliche barbusige Mädchen in der Bild – ihr erster Kampf gegen Stereotype und Sexismus. 2018 schaffte Bild es ab. Der nächste Erfolg gelang Lunz, als sie mit anderen Frauen die Kampagne »Nein heißt Nein« initiierte, die in ein Gesetz für Frauenrechte mündete.
Als sie ihr Studium beendet hatte, wurde Lunz von Scilla Elworthy, Aktivistin, dreimal nominiert für den Friedensnobelpreis, gefragt, ob sie eine Organisation für sie aufbauen wolle. Lunz war geschmeichelt – und baute ihre eigene auf: das »Centre for Feminist Foreign Policy«.
Feministische Außenpolitik? Genau. Es gibt sie bereits in Schweden, Kanada, Frankreich. Und Länder wie Deutschland oder Finnland nehmen es immer ernster – auch weil Lunz und ihr Team sie berät, bis Anfang 2020 auch den Aufbau des feministischen Netzwerkes »Unidas« des deutschen Außenminis­ters Heiko Maas.

»Wir

Lunz

Vor

Ibram

Kendi geht es gut, ihm wurde die prestigeträchtige Andrew-W.-Mellon-Pro­fessur der Boston University zu­gesprochen, die zuvor nur der Nobelpreisträger Elie Wiesel inne­hatte. Twitter-Gründer Jack Dorsey spendete für den Lehrstuhl 10 Millionen Dollar, Selena Gomez überließ Kendi ihren Twitter-Account, das Magazin Time listete ihn als einen der 100 wichtigsten Menschen auf der Welt. Sein Buch How to be an Antiracist, erschienen kurz vor dem Aufbruch von Black Lives Matter, wird in den nächsten Jahren den Blick auf den Rassismus verändern. Den Bestseller gibt es mittlerweile unter dem gleichen Titel auch auf Deutsch.

Er

Sein

1)

2) Rassismus ist nicht an Personen gebunden, sondern an Taten und Worte. Jeder Mensch ist mal Rassist, mal Anti­rassist. Auch er selbst.
Kendi hat das Konzept des Antirassisten nicht erfunden. In den Siebzigerjahren sagte Angela Davis, Grande Dame der Black-Power-Bewegung: »In einer rassistischen Gesellschaft reicht es nicht, nicht-rassistisch zu sein. Wir müssen antirassistisch sein.« Aber die Welt war noch nicht bereit. »In den vergangenen fünf Jahren«, sagt Kendi, »ist das Bewusstsein in der westlichen Welt gewachsen. Immer mehr Menschen er­kennen, dass Ungleichheit nicht das Ergebnis schlechter Menschen ist, sondern schlechter Po­litik. Deshalb suchen immer mehr Menschen nach einer Lösung.«

Diese Bewegung, verstärkt durch Trumps Rassismus, durch den Tod George Floyds, durch Black Lives Matter, erfahre durch die Pandemie einen neuen Schub, sagt Kendi: Wissenschaft wurde wichtig. »Das Gleiche brauchen wir für jedes andere große Problem. Wir brauchen ­Wissenschaftler, die ras­sistische Ungleichheiten in Echtzeit verfolgen. Die auf Grundlage der Forschung politische Lösun­gen entwickeln, die Ungerechtigkeiten re­duzie­ren und beseitigen können. Das wollen wir in unserem Zentrum für antirassisti­sche Forschung aufbauen.«
Das Buch, das er nur weiterschrieb, weil er glaubte, es wäre seine »letzte Botschaft an die Welt«, wird also nur ein Grundstock seiner Arbeit sein. »Weil ich möchte, dass meine Tochter in einer gerechten Welt aufwächst, in der ihre Hautfarbe so irrelevant ist wie die ­Farbe ihres Hemdes.«