»Wir waren mehr als ein Archiv«

Im kommenden Jahr endet die ­Geschichte der Stasi-Unterlagen-Behörde. Mit ihr ­verbindet man die ­Namen ihrer Leiter: Gauck, Birthler, Jahn. Aber niemand war so lange dabei wie Regina Schild, die ­Hüterin über die Leipziger Akten.

Regina Schild, 63 Jahre alt, ­leitete ab 1990 die Leipziger ­Außenstelle der Stasi-Unter­lagen-Behörde. 

SZ-Magazin: Frau Schild, genauso lange wie Deutschland wiedervereinigt ist, ­waren Sie die Leiterin der Leipziger ­Außenstelle für die Stasi-Unterlagen. Nach dreißig Jahren sind Sie Ende ­Februar in den Ruhestand gegangen. Fehlen Ihnen die Akten schon? 
Regina Schild: Ich kann nicht sagen, dass ich das Papier vermisse. Aber ich habe die Arbeit wirklich gern gemacht. Aktuell bin ich ehrlich gesagt froh, nicht den komplizierten Corona-Alltag einer öffentlichen Einrichtung organisieren zu müssen. Aber wichtiger ist: Mit dem im November im Bundestag verab­schiedeten Beschluss, die Stasi-Unterlagen kommendes Jahr in das Bundesarchiv zu überführen, beginnt eine neue Zeit. Aus dem Bürgerkomitee, das ab Dezember 1989 die Akten in der »Runden Ecke« am Ditt­richring in Leipzig gesichert und übernommen hat, gingen neben mir sechs weitere Mitstreiterinnen und Mitstreiter hauptberuflich in die Behörde. Ich war nun die Letzte, die ausgeschieden ist. Der Übergang zum Bundesarchiv bedeutet einen neuen Abschnitt. Es war ein guter Zeitpunkt, aufzuhören.

Begonnen hat es damit, dass die »Runde Ecke«, das Gebäude, in dem die Stasi in Leipzig saß, am 4. Dezember 1989 besetzt wurde.
Und ich war nicht mit drin! Ich stand unten im Protestzug, zu spät dran, um noch ins Gebäude zu kommen, sah hoch zu den Fens­tern, wo Besetzer stolz vom Balkon verkündeten, dass das Haus besetzt ist, und dachte: Mist! Da oben wäre ich gern, um mit eigenen Augen zu sehen, dass es die Stasi nicht mehr gibt. Später las ich in den Stasi-Akten, dass sie mit einer Übernahme nicht gerechnet hatten. Man wollte die Demonstranten reinlassen und durch weniger relevante Bereiche des Gebäudes führen. Aber so einfach war es nicht, das war vorbei: Die Leute schauten sich jeden Winkel an. Und sie verließen die »Runde Ecke« nicht mehr.

Und Sie kamen dann auch noch rein.
Noch im Dezember gab es einen Aufruf: Für das Bürgerkomitee in der »Runden Ecke« werden Leute gesucht. Ich habe mich gemeldet und als Leumund unseren Pfarrer benannt. Aber niemand meldete sich zurück. Also haben eine ebenfalls interessierte Freundin und ich da angerufen, und es hieß: Kommt gleich vorbei! Wir wurden einfach reingeschmissen: Sichert das Schriftgut in den unzähligen Räumen! Setzt euch durch, wenn euch jemand blöd kommt!

Warum wollten Sie überhaupt mit­machen?
Ich wollte selbst erleben, dass die Stasi besiegt war. Später, im Oktober 1990, bin ich in die Behörde gegangen, weil ich eine rechtsstaatliche Aufarbeitung wollte. Ich wollte nicht, dass mit diesen aus Unrecht entstandenen Einblicken in das ­intimste Leben vieler Menschen wieder ­Unrecht geschieht. Dass die wahllos geöffnet werden. Oder verschwinden. Wir waren ein zusammengewürfelter Haufen von unterschiedlich tickenden Bürgerinnen und Bürgern, die zusammen überlegten, was mit diesen Unterlagen passieren sollte. Klar war: Wir lassen uns die Akten jetzt nicht wieder wegnehmen! Nicht von den alten Kadern und nicht vom Westen!

Allein in Leipzig trugen Sie 8,6 laufende Kilometer Stasi-Unterlagen zusammen.
Sauber archiviert sind heute 8,6 laufende Kilometer Schriftgut. Dazu kommen 2305 Säcke mit Papierschnipseln, zerrissenen Dokumenten, die bis heute nur zu einem Bruchteil re­-kon­s­truiert werden konnten. Wir haben 1990 versucht, Schnipsel einer wichtigen Abteilung zusammenzusetzen. Haben es aber bald wieder aufgegeben. Im Mai 1990 machten wir auf dem Sachsenplatz eine erste Ausstellung zur Arbeit der Stasi, und die Leute standen Schlange und sagten: Wir wollen unsere Akten sehen!

Manche sagten damals aber auch: Diese Akten sollte besser nie jemand sehen.
Stimmt. Auch im Bürgerkomitee gab es alle denkbaren Perspektiven: von »Eine Befriedung ist nur möglich, wenn wir die Akten vernichten« bis hin zu »Alles muss für jeden offengelegt werden«. Ich gehörte zu denen, die sagten: Wir brauchen diese Akten, um Unrecht zu belegen und die Diktatur aufzuarbeiten. Aber es muss geregelt passieren. Das entsprach, denke ich, dem Wunsch der großen Mehrheit der Menschen aus der ehemaligen DDR. Das Stasi-Unterlagen-Gesetz, das die Akteneinsicht klärte, wurde im Dezember 1991 verabschiedet. Sofort standen die Leute vor unserer Tür Schlange. Schnell gingen uns die Anträge aus. So verteilte ich leere Zettel und sagte: Schreiben Sie Ihren Namen und Ihre Anschrift drauf, wir melden uns! Die Bild druckte dann einen Stasi-Akten-Antrag, den die Leute mitbrachten. Es war wild.

Mit Inkrafttreten des Stasi-Unterlagen-Gesetzes am 29. Dezember 1991 wurde Joachim Gauck Bundesbe­auftragter für die Stasi-Unterlagen, die sogenannte Gauck-Behörde war gegründet. Aber schon ein Jahr vorher, ab dem 4. Oktober 1990, war Gauck ­Sonderbeauftragter der Bundesregierung. Und Sie von da an die Leiterin ­seiner Leipziger Außenstelle.
Das klingt aber viel zu offiziell. Sie können sich nicht vorstellen, wie es damals aussah in der »Runden Ecke«! Die Tapeten und Gardinen vergilbt, alles war alt und komplett abgewirtschaftet. Die Schriftstücke hatten wir in den Etagen der »Runden Ecke« und in zwei anderen Gebäuden in Leipzig untergebracht, und auch in die Kegelbahn in der »Runden Ecke«. Es gab dann einen sogenannten Aufbaustab in Berlin, wo uns Verwaltungsbeamte aus Bonn helfen sollten, eine Behörde zu werden oder wenigstens mal Arbeitsverträge zu erhalten. Als einer der westdeutschen Beamten mein Dienstzimmer sah, sagte er: »Um Gottes willen, Sie leiten doch diese Außenstelle, so können Sie auf keinen Fall arbeiten!« Es gab nur einen Bereich im Haus, der frisch renoviert war: das einstige Traditionskabinett. Das Ministerium für Staatssicherheit hatte das für seinen ­eigentlich geplanten Jahrestag am 8. Februar 1990 herrichten lassen. Die Räume da waren mir viel zu groß. Ich wollte nicht so größenwahnsinnig residieren. Aber es blieb nichts anderes. Wir zogen alle in diese Etage, überall, wo es ging, standen Schreibtische, hier wurden Bewerbungsgespräche geführt, dort bearbeiteten Kolleginnen und Kollegen die ersten Anfragen: Wir sollten die Abgeordneten des neu gewählten sächsischen Landtags prüfen.

Sie waren gelernte Elektronikfach­arbeiterin. Warum wurden Sie Chefin dieses Akten-Chaos?
Weil es der Pfarrer, den Gauck nominiert hatte, nicht machen wollte. Der rief mich an und sagte: Ich lasse mich nicht fest anstellen, du musst das machen! Und die anderen sagten auch: Mach das! Aber ich habe drei Kinder. Eine große Tochter und Zwillinge, ein Junge und ein Mädchen, die waren zu der Zeit gerade zehn und kamen auf ein neu gegründetes Gymnasium. Die große Tochter war elf. Es war für meine ganze Familie eine Zeit des Umbruchs, mein Mann, bis dahin Zahnarzt in einer Poliklinik, eröffnete seine eigene Praxis. Na gut, sagte ich trotzdem, ich mach’s, aber nur für den Übergang! Als Joachim Gauck uns besuchte, lief ich ihm den ganzen Tag hinterher und sagte: Ich will das hier nicht auf Dauer leiten! Aber davon wollte der nix wissen, es gab für ihn schon genug Baustellen. Auch in Leipzig gab es noch viel zu tun. Während dieser verrückten Monate bewachte die Polizei rund um die Uhr die »Runde Ecke«.

Hatten Sie Sorge, dass jemand die Akten klaut?
Man musste schon mit Einbrüchen rechnen, durch ehemalige Mitarbeiter oder auch durch ausländische Geheimdienste. Mehr Sorge machten mir aber die Drohbriefe, die wir Bürgerkomiteemitglieder bekamen: »Euch könnte auch was passieren, und ihr habt ja auch Kinder!« Ich holte die Kinder danach eine Weile von der Schule ab. Die Stasi-Leute waren ausgesprochen gut ausgebildet. Es war ein Geheimdienst mit großem Kopfwissen.

Was meinen Sie?
Na ja, die wussten so viel aus den Akten, über die Menschen, die sie observiert hatten, dass zu befürchten war, sie könnten ihre ehemaligen Opfer jetzt auch noch erpressen. Auch das, fand ich, mussten wir durch möglichst schnelle Offenlegung verhindern. Die Täter durften nicht mehr wissen als die Menschen, die von ihnen ausgespäht oder verraten ­worden waren. Jeder sollte das Recht haben, ­seine eigene Akte zu lesen.

Hatten Sie mit den ehemaligen ­Stasi-Leuten, in deren Büros Sie nun ­arbeiteten, direkt zu tun?
Ja, aber nur bei der Auflösung in der Bürgerkomitee-Zeit. Ich ging mit den früheren Stasi-Abteilungsleitern Zimmer für Zimmer ab, sie mussten mir sämtliche Schriftstücke aus ­ihrem Verantwortungsbereich über­geben und durften nur private Gegenstände mitnehmen. Für das Archiv, das wir aufbauten, haben wir ­sogar das Registratursystem der Stasi ver­wendet. Der vorherige Leiter des Archivs der Stasi-Bezirksverwaltung hat uns gezeigt, wie überhaupt archiviert wird. Ich glaube, der dachte, eines Tages wird er von uns angestellt. Aber wir wollten keine hauptamtlichen und inoffiziellen Stasi-Mitarbeiter in Leipzig beschäftigten. Das ist uns auch gelungen.

Erinnern Sie sich noch an die erste Akte, die Sie gelesen haben?
An die erste nicht, es folgten so viele, aber eine frühe Akteneinsicht hat sich mir bis heute eingebrannt, da kriege ich sofort Gänsehaut. Eine Frau, alleinerziehend, die mit ihrem vierjährigen Sohn einen Fluchtversuch unternommen hatte und erwischt worden war. Sie kam ins Gefängnis. Der Junge wurde zur Adoption freigegeben. In der Haft nahm die Frau Kassetten auf, mit Nachrichten für ihren Sohn: Ich liebe dich! Ich bin immer für dich da! Sie hat aus glücklichen Tagen erzählt, aber auch von ihrem Schmerz. Die Kassetten wurden ihrem Sohn nie gegeben. Diese Kassetten wollte sie nun aus den Akten haben, die standen ihr auch zu. Meine Aufgabe war, zu prüfen, dass die Bänder wirklich von ihr besprochen waren und nichts anderes drauf ist als ihre Aufnahmen. Ich musste mir alles anhören. Das Schlimme war: Der Frau wurde gesagt, wenn sie verspräche, in der DDR zu bleiben, ließe man sie frei, und sie bekäme ihren Jungen zurück.

Darauf ließ sie sich ein. Aber

Haben die Geschichten Sie verfolgt?
Sie haben mich auf alle Fälle geprägt. Aber nicht nur solche Schicksale. Auch die ganz banalen Schilderungen, die Stasi hatte eine ganz eigene Sprache – immer in dieser komischen dritten Person. In den meisten Akten sind viele banale Überwachungen. So habe ich den DDR-Alltag in all seiner, nun ja, Normalität nachlesen können – und vor allem eine Vorstellung von der Paranoia der Staatsführung und ihrer Sicherheitsorgane bekommen, die in wirklich jedem Mitmenschen einen potenziellen Feind sahen und überhaupt keine Hemmungen hatten.

Gab es eigentlich auch eine Akte über Sie?
Ja. Ich habe dann ganz regelgetreu bei den Kolleginnen und Kollegen einen Antrag auf Einsicht eingereicht. Daran haben wir uns alle gehalten. Ich habe das bei den anderen be­obachtet: diese Anspannung vor der Öffnung der eigenen Akte. Dieses Bedürfnis, vorher ganz viel zu reden über früher. So war es bei mir auch. Und dann war ich von dem, was ich las, fast enttäuscht.

Warum?
Nein, eigentlich war ich zuerst beruhigt. Weil unter meinen besten Freunden keine Spitzel waren. Vielleicht stand deshalb so wenig über mich drin. Lauter Bausteine, aber kein schlüssiges Bild meiner Biografie. Da stand nur, dass wir in Ungarn im Urlaub Westdeutsche trafen. Oder dass ich mit einer Freundin aus Köln Briefkontakt hatte, die mit einem Abgehauenen aus meinem Kirchenumfeld zusammen war und die ich in Leipzig kennengelernt hatte, wo ich dank der Messe und kirchlicher Austauschprogramme vielen Westbesuchern begegnen konnte.

Und was stand nicht in Ihrer Akte?
Ich bin katholisch, und in der Kirchen­gemeinde hatten mein Mann und ich uns unseren Freiraum geschaffen. Wir hatten die Kinder nicht zu den Pionieren geschickt, obwohl manche Bekannte uns vorwarfen, auf dem Rücken unserer Kinder, denen das Nachteile bringen könnte, unsere Überzeugungen auszuleben. Meine Eltern, beide ­Arbeiter, aus Ostpreußen und Schlesien geflohen, auch gläubig, hatten mir und meinen Geschwistern immer eingebläut: Erzählt da draußen nicht alles, es gibt das Private und das Öffentliche! Vorsicht war immer mein Lebensgefühl. Das wollte ich für meine Kinder anders haben. Mit diesem Risiko rangen mein Mann und ich lange, das war unser Kampf mit dem System. Aber davon stand nichts in der Akte. Und auch nicht von meinem frühen Protest.

Wogegen richtete sich der?
Ich bin in Leipzig geboren und aufgewachsen. Es war zu DDR-Zeiten quasi unmöglich, hier eine Wohnung zu bekommen. Als ich zum ersten Mal schwanger war, lief ich jeden Tag ins Rathaus und habe nach einer Wohnung gefragt. Ich habe mir sogar Listen mit leer stehenden Wohnungen besorgt und sie dort vorgelegt. Mein Mann und ich haben nur deshalb so früh geheiratet, weil es hieß, das steigere die Chancen. Aber nichts. Die ersten drei Monate nach der Geburt unserer Tochter lebte ich mit Baby und meiner Schwester zu Hause im Kinderzimmer. Dann bekamen wir eine kleine Bruchbude mit ­Außenklo, Ausbauwohnung hieß das. Bald wurde ich wieder schwanger, mit den Zwillingen. Wir brauchten also dringend etwas Größeres, mit Bad, wenigstens mit fließend Warmwasser. Aber es hieß, das sei Komfort und stehe mir nicht zu. Jeden Dienstag bin ich zur Sprechstunde ins Wohnungsamt. Es hat mir echt gereicht. Ich habe zu meinem Mann gesagt: Beim nächsten Mal bleibe ich dort, bis die uns was geben! Er hatte Angst, exmatrikuliert zu werden, deswegen nahm ich meinen Vati mit. Mit dem und meinen drei Kindern habe ich ein Amtszimmer besetzt.

Hatten Sie keine Angst?
Nö. Es war ja eine öffentliche Sprechstunde. Die Mitarbeiter drohten irgendwann, sie würden jetzt die Sicherheit holen, meine Babys brüllten, und mein Vati flüsterte mir zu, wir sollten mal lieber gehen, aber ich pochte darauf, dass ich ein Recht hatte, da zu sein. Irgendwann scheuchte die Sicherheit uns weg. Dann ging ich zum Jugendamt und sagte: Der Sozialismus lässt meiner Familie keine Entfaltung! Ich nervte alle. Und eines Tages hatten wir eine Dreizimmerwohnung. Aber all das hat die Stasi nicht mitbekommen.

Ihr Ungehorsam begann also lange vor der Friedlichen Revolution 1989?
Ungehorsam schon, aber ich habe sehr da­rauf geachtet, nur legalen Widerstand zu leisten, deswegen ja nur während der Sprechstunde und mit meinem Vati als Zeugen. Die Staatssicherheit war eine reale Bedrohung für mich. Ich wollte nicht im Knast landen, allein wegen meiner Kinder. Und 1989 wollten mein Mann und ich uns eigentlich komplett zurückhalten und nicht auffallen.

Warum?
Während der Leipziger Frühjahrsmesse 1989 hatten wir uns mit angereisten Westfreunden beraten: Wir wollten nicht mehr in ­diesem Staat bleiben. Die Kinder, fand ich, hatten hier keine Chance. Die Bevormundung war nicht mehr zu ertragen. Unsere Freunde hatten ein Segelboot. Sie schlugen vor, uns über Polen rauszuholen. Mein ­Mann wollte vorher nur noch schnell seine Doktorarbeit fertig machen. Und dann starb sein Vater, und wir wollten meine Schwiegermutter nicht allein zurücklassen. So waren wir doch noch da, als der Herbst 1989 begann. Als am 9. Oktober 1989 in Leipzig 70 000 Menschen auf die Straße gingen, lief ich mit einer Freundin zur Nikolaikirche und sah die bewaffneten Soldaten in den Transportern bereitsitzen.

Heute sind Sie im Kuratorium der ­»Stiftung Friedliche Revolution«. Vergangenes Jahr gab es Streit um Gregor Gysis Rede beim Leipziger Jahrestag am 9. Oktober. Wie sahen Sie das?
Ich fand unsäglich, dass Gysi da gesprochen hat. Und ich hätte gehofft, dass er selber gemerkt hätte, wie unpassend das ist. Er hat diese Diktatur mitgestaltet. Auch wenn er sagt, er habe sich gewandelt, war er doch ein Nomenklaturkader. Sich dann am Jahrestag der Friedlichen Revolution, während der die Menschen befürchten mussten, die SED ließe sie beschießen, auf die Bühne zu stellen, war ein Hohn für alle, die dabei waren.

Der Schriftsteller Christoph Hein, zu DDR-Zeiten dem Staat gegenüber sehr kritisch, sagte dem SZ-Magazin ver­gangenes Jahr: Im wiedervereinigten Deutschland, geprägt durch Filme wie Das Leben der Anderen, sei die Stasi nicht einfach »der Geheimdienst, was sie ja war, ­sondern immer nur ein Macht- und ­Mordinstrument«. Und: »Der Sieger der Geschichte bestimmt das Bild der ­Geschichte.« Was sagen Sie dazu: Ist unser Bild vom Ministerium für Staats­sicherheit ein zu westliches,
zu ­dämonisiertes?

Ich wüsste nicht, was an der Stasi zu verharmlosen ist. Aber man muss schon daran erinnern, dass die Stasi nicht an allem Übel in der DDR schuld war. Es gab viele andere, die ein Leben, ein Schicksal, eine Karriere in der DDR beeinflussen oder beenden konnten. Eine Lehrerin konnte dir mit einem Hinweis nach oben den Abschluss verbaseln. Als ich zum ersten Mal wählen durfte, wollte ich nicht, jede Wahl war eine Farce. Da sagten meine Eltern: Damit riskierst du das Abitur. Dass ich 1974 nach der zehnten Klasse noch für den Umweg »Berufsausbildung mit Abitur« zugelassen wurde, obwohl ich nicht an der Jugendweihe teilgenommen ­hatte, war umgekehrt nur einer besonders netten Lehrerin zu verdanken. Leider war dann nur etwas als Elektrofacharbeiterin frei, was mich gar nicht interessierte. Was ich sagen will: Die DDR war nicht nur wegen der Stasi ein Unrechtsstaat. Die Verbrechen, die etwa aus der Partei heraus geschahen, kommen mir viel zu kurz. 1990 dachte ich noch, Gerechtigkeit sei erst hergestellt, wenn alle Bereiche unserer damaligen Gesellschaft aufgearbeitet sind. Aber das geht nicht. Es ist nun mal nicht alles so detailliert dokumentiert und persönlich oder juristisch einzuordnen wie die Arbeit der Stasi.

Die Kritik lautet ja oft: Mit Stasi-Vorwürfen konnten seit der Wiedervereinigung allzu leicht und pauschal Karrieren beendet werden. Ist unser Blick auf Stasi-Biografien vielleicht zu schwarz-weiß? Gibt es Täter-Biografien, bei ­denen Sie in all den Jahren Verständnis aufbrachten: Der unzufriedene ­Student etwa, der sich im naiven Glauben, etwas verändern zu können in ­seinem Land, wenn er Missstände anspricht, auf die Treffen mit der Stasi einließ?
Aber spätestens, wenn Sie über jemand anderen berichten sollten, sage ich immer, mussten Sie doch merken, dass Sie etwas Falsches tun! Man darf nie vergessen: Jeder wusste, dass die Stasi eine politische Polizei ist. Natürlich gibt es Szenarien, wenn Leute etwa geradezu zur Mitarbeit erpresst wurden, bei denen ich mehr Verständnis habe als bei anderen. Was mich aber wirklich oft enttäuscht hat, ist, dass Menschen, die laut Personalakte gar nicht so viel gemacht hatten als Inoffizielle Mitarbeiter, erst mal alles ­abgestritten haben. Die Falschaussage hat ­ihnen mehr geschadet als die Vergangenheit. Vieles wäre einfacher gewesen, wenn mehr Beschuldigte zu ihrem Tun gestanden hätten.

Was haben Sie aus den vergangenen ­dreißig Jahren gelernt?
Man trägt immer Verantwortung für sein Handeln. Das ist die wichtigste Erkenntnis aus den Akten, nicht für gestern, sondern für die Zukunft. Das Thema Staatssicherheit ist emotional und plakativ, damit bringt man junge Leute auch heute und auch morgen noch zum Brennen für diesen Teil unserer Geschichte und für die grundsätzliche Frage: In was für einem Land wollen wir leben?

Wie sahen Ihre Kinder Ihre Arbeit?
Die haben sich dafür wenig interessiert. Woran die sich vor allem erinnern, das sagen sie mir heute: Mit den Akten warst du auf einmal Tag und Nacht weg! All die basisdemokratischen Abstimmungen dauerten. Aber ­es war so eine lebendige Zeit, ich fühlte mich nie erschöpft. Mein Mann und ich teilten uns die Familienarbeit ganz neu auf, vorher hatte ich nur halbtags gearbeitet. Es war eine Emanzipation in jeder Hinsicht. Eine Lebens­erfahrung, die wenige Menschen auf der Welt machen dürfen: dass sich alles komplett verändert. Dass man sich frei fühlt, obwohl man die erste Hälfte seines Lebens Fesseln getragen hat. Warum reden wir zu den ­Jahrestagen nicht viel mehr darüber? Was da Unglaubliches passiert ist in unserem Land! Aber ich weiß, dass viele, mit denen zusammen ich diesen Aufbruch erzwungen habe, mit der Geschichte hadern.

Warum?
Ich glaube, von vielen Mitstreiterinnen und Mitstreitern unterscheidet mich, dass ich von Anfang an die Wiedervereinigung wollte. Oft höre ich dreißig Jahre später: Das ging alles zu schnell, wir wurden einverleibt. Das empfand ich nicht so. Ich wollte keine neue DDR, weil mir klar war, dass früher oder später wieder die alten korrupten Kräfte hervorkriechen würden. Ich wollte keine Experimente, weil ich mich zu lange wie ein Versuchskaninchen gefühlt hatte. Ich fand mich nicht machtlos im neuen Land, weil ich es von der ersten ­Minute an mit­gestaltet habe. Diese Chancen hatten alle. Und doch traf ich als Leiterin der Außenstelle so viele, die klagten: Was kann ich schon ändern? Sehr viel, wenn du magst, antwor­tete ich! Aber viele hatten das eben nie gelernt. Das kann ich niemandem vorwerfen.

Wie ist es Ihren Eltern ergangen?
Die sind heute beide 88 Jahre alt, haben nach der Wende kaum noch gearbeitet und eine winzige Rente. Aber denen geht es gut, und sie sind sehr zufrieden. Wenn ich durch Leipzig laufe, sehe ich eine gewaltig schöne Stadt. Früher habe ich die gehasst. Ich bin zum Balaton getrampt, aber ich wäre noch viel weiter weg getrampt, wenn es möglich gewesen wäre. Vieles in Leipzig war marode und drohte einzustürzen, an den Häusern standen Holzpalisaden, damit dir keine Ziegel auf den Kopf fielen. Sicher konnte man in der DDR auch ein gutes Leben führen, wenn man alles mitmachte. Für mich war sie nie lebenswert. Im Frühjahr 1989 hatte ich im Betrieb unterschreiben sollen, dass ich keine Westkontakte mehr haben darf. Ich war die Einzige in meiner Brigade, die das nicht unterschrieben hat. Wir galten plötzlich als ­sicherheitsrelevante Abteilung, weil wir ­einen IBM-Rechner bekommen hatten. Beim Systemfeind sollte niemand erfahren, dass wir ihre Technik brauchten. Der Witz war: Wir hatten nicht mal eine Software, die auf dem Ding lief.

Wenn die Amtszeit von Roland Jahn Ende Mai 2021 endet, gibt es keinen Bundesbeauftragten für die Stasi-­Unterlagen mehr. Diese gehören dann zum Bundesarchiv. Wie ist das für Sie?
Dieser neue Weg ist nicht meiner, das kann ich offen sagen, das war auch ein Grund, warum ich vorzeitig in den Ruhestand gegangen bin. Die Entscheidung des Bundestages ist für mich sehr schmerzhaft. Ein Symbol der Friedlichen Revolution wird weggewischt. Ich hätte mir gewünscht, dass es noch vielleicht dreißig Jahre weitergegangen wäre mit dem Stasi-Unterlagen-Gesetz und mit einer unabhängigen Behörde mit einem im Zweifel unbequemen politischen Leiter, der nur diesem Gesetz unterworfen ist.

Haben Sie das Gefühl, nun werden Ihnen die Akten doch weggenommen?
­Das wäre so gewesen, wenn alle Akten zen­tral beim Bundesarchiv in Koblenz gelagert worden wären. So schlimm ist es nicht gekommen. Immerhin steht im neuen Gesetz, dass die Außenstellen erhalten bleiben. Das ist wichtig. Joachim Gauck sagte immer: Ihr seid meine kleinen Gaucks, ihr haltet die Stellung in der Region und zeigt mit den Akten, dass Freiheit nicht selbstverständlich ist. Wir waren mehr als ein Archiv. Es ärgert mich, dass die zwölf bisherigen Außenstellen oft an ihren Akten-Einsichts-Zahlen gemessen werden, die mit der Zeit zwangsläufig zurückgehen. Das ignoriert, dass wir politische Bildungsarbeit gemacht und die Frage gestellt haben: Welche Werte wollen wir? Das ist Demokratiepflege.