Die Untat

Eine brüllender Mann, eine wimmernde Frau, das Dunkel der Nacht. Über einen Moment, der unsere Autorin immer quälen wird.

Was sollte man der Polizei sagen, wenn man nicht einmal weiß, aus welcher Richtung die Schreie im Dunkeln kamen?

Foto: Elsa Leydier

Wir sind uns unter den merkwürdigsten Umständen begegnet, wobei »begegnet« vielleicht nicht das richtige Wort ist – du weißt ja gar nicht, wer ich bin, nicht mal, dass es mich gibt. In deinem Leben tauche ich nicht auf. Nur meines, das hast du auf den Kopf gestellt. Das hier wird kein Liebesbrief. Das hier wird das Gegenteil von einem Liebesbrief.

Die Tage bevor wir uns begegnet sind, waren besondere. Sie waren das Ende einer langen Phase, in der ich

Den Tag, bevor wir uns begegnet sind, verbrachte ich mit Schreiben. Über Nacht hatte ich eine Idee für ein

Im Dschungel wird es früh dunkel, das weißt du ja, so gegen sieben, und wahrscheinlich bin ich, wie meistens, früh ins Bett gegangen. An die genaue Uhrzeit erinnere ich mich nicht. Auch nicht daran, was ich geträumt habe. Nur an das Aufwachen erinnere ich mich, und ich denke, ich werde mich für immer daran erinnern.

Schreie wecken mich. Deine Schreie. Einen Moment lang glaube ich, dass ich nur schlecht träume. Einen wertvollen Moment lang, denke ich heute, und: Warum hab ich nicht schneller kapiert, dass das echt ist?

Deine Schreie sind unglaublich laut und nah. Hast du mein Fenster bemerkt? Hast du gesehen, dass da jemand ist? Hast du darüber nachgedacht, dass dich jemand hören könnte? Hast du darüber nachgedacht, dass du es jetzt sein lassen und nach Hause gehen könntest? Hast du überhaupt nach­gedacht? Hast du irgendwas um dich herum wahrgenommen? Ich habe Hunderte Fragen an dich.

Deine Schreie sind voller Gewalt. Noch bevor ich die einzelnen Worte höre und versuche, mir einen Sinn daraus zu machen, ist es das, was mich am meisten erschreckt: Wie wahnsinnig aggressiv du bist. Nie habe ich Gewalt so roh in einer Stimme gehört.

»Never do that again to me! Do you hear that? Never do that again or I’ll fuck you, right here! I’ll fuck you right here, right now«. Immer wieder brüllst du diese Sätze in den Dschungel. Dazwischen höre ich das Wimmern einer Frau. Sie sagt nichts, widerspricht nicht, sie weint nur und wimmert. Und du schreist. Zwei, drei Minuten lang geht das so. Ich bin noch nicht richtig wach. Weil deine Stimme so nah ist, denke ich erst, du wärst bei meiner Nachbarin. Sie hat mich am Vorabend gefragt, ob ich mit ihr und zwei anderen Frauen zum Essen in die Stadt gehen wolle. Ich frage mich, ob das, was ich höre, ein normaler Streit sein könnte, bei dem es unangebracht wäre, sich einzumischen, und der nicht so schlimm ist, wie es klingt. Vielleicht bin ich einfach nur schlecht aufgewacht? Vielleicht hat jemand den Fernseher laut gelassen? Leider nicht.

Deine Schreie entfernen sich. Du bist irgendwohin gegangen, ich kann nicht sagen, wohin. Hast du gemerkt, dass ich wach bin? Hast du dich in Sicherheit gebracht? Ist das dein normaler Heimweg? Oder willst du die Frau in den Dschungel zerren? Ich überlege, ob ich die Polizei rufe. Sie würde mindes­tens eine halbe Stunde brauchen, bis sie zu mir finden würde, und ich könnte ihnen nicht einmal die grobe Richtung sagen, in die du gegangen bist. Noch dazu bin ich in einem Land, in dem immer wieder Frauen, die vergewaltigt wurden, am Ende selbst von der Polizei beschuldigt werden. Während ich nachdenke, verstummen deine Schreie. Ich bin erleichtert, dass es vorbei ist, gleichzeitig weiß ich nicht, ob es einen Grund gibt, erleichtert zu sein. Ist es ein gutes Zeichen, dass ich dich nicht mehr höre?

Ich schreibe meinem Partner. Er hat gerade Fotos geschickt von gemeinsamen Freunden, die zu Besuch sind. In Deutschland ist es kurz nach neun Uhr am Abend. Ich erzähle ihm von deinen Schreien und deinen Drohungen, und es kommt mir vor, als hätte ich mir alles nur ausgedacht. Nicht, dass ein Mann eine Frau vergewaltigt – ich weiß, in welcher Welt ich lebe. Aber dass es jetzt passiert, hier, dass ich davon aufwache wie in einem schlechten Traum, das alles kommt mir absurd vor.

Nach einiger Zeit Ruhe, vielleicht zehn Minuten, höre ich wieder deine Schreie. Sie haben sich nicht verändert, nur bist du jetzt noch weiter weg, und anders als vorher hörst du auch nicht mehr auf. Du schreist und schreist und schreist. Ich höre, wie du die Frau schlägst, es klingt, als würdest du sie vergewaltigen. Ich habe keine konkrete Vorstellung davon, wie eine Vergewaltigung klingt, aber jetzt bin ich mir ziemlich sicher, dass es das ist, was du tust.

Ich will irgendetwas machen, irgendeine Lösung finden, den Horror irgendwie beenden. Ich könnte schreien, dich anschreien, dir drohen, dass du aufhören sollst, dass ich sonst die Polizei rufe, doch ich zögere. Mein Zimmer ist im Erdgeschoss und nur mit einer Glastür verschlossen – und das ist nicht meine größte Sorge. Meine größte Sorge ist, dass du noch weiter durchdrehen könntest. Was, wenn du bisher nicht gemerkt hast, dass dich jemand hört? Was, wenn du dich sicher fühlst und nicht darüber nachdenkst, ob du Spuren verwischen musst? Weil du dir sicher bist, dass der Frau, der du das alles antust, sowieso niemand glauben wird? Und wenn das so ist: Was wirst du tun, wenn du dich nicht mehr sicher fühlst? Wirst du sie umbringen? Hast du eine Waffe dabei? Brauchst du die überhaupt, um sie umzubringen? Schütze ich die Frau, wenn ich mich ein­mische, oder bringe ich sie in Gefahr? Ich entschließe mich, nicht zu schreien.

Stattdessen gehe ich auf die Terrasse. Vielleicht, denke ich, kann ich von dort besser einordnen, wo du bist. Doch das ist sinnlos, ich kann nicht einmal sagen, ob deine Schreie von rechts oder links kommen. Dass ich die Vergewaltigung oder was immer du gerade machst, stoppen kann, glaube ich schon nicht mehr. Also denke ich an danach. Ich denke an eine Frau, die in der Nacht völlig verstört in einem Dschungel voll giftiger Tiere liegen und nicht wissen wird, wohin sie soll. Vielleicht stimmt das nicht, vielleicht habt ihr ein Zimmer zusammen, vielleicht seid ihr ein Paar, vielleicht hast du das, was ich gerade höre, schon öfter gemacht. Aber wenn sie mit dir mitgeht, kann ich sowieso nichts tun. Also glaube ich an die andere Variante und beschließe, das Licht in meinem Zimmer anzumachen. Vielleicht sieht sie es, wie einen Leuchtturm. Vielleicht kommt sie zu mir, dann kann sie selbst entscheiden, ob sie die Polizei ruft oder nicht, und falls du ihr folgst, werden wir zu zweit schon irgendwie fertig mit dir. Hauptsache, sie ist nicht allein. Endlich habe ich einen Plan, der Sinn ergibt. Ich gehe zum Lichtschalter, drücke ihn, und nichts passiert. Stromausfall.

Das ist der Moment, in dem mein Körper sich ausschaltet. Ich zittere, mein Atem rast, ich fange an zu weinen und höre lange Zeit nicht mehr damit auf.

Ich mache die Taschenlampe an meinem Handy an, doch sie erhellt nicht einmal mein Zimmer. Auf keinen Fall wird das Licht bis in den Dschungel leuchten und der Frau helfen, sich von dir zu befreien. Mit einem Mal kommt mir jede Entscheidung, die ich in der vergangenen halben Stunde getroffen habe, falsch vor. Ich hätte sofort die Polizei rufen sollen, ich hätte dir drohen sollen, gleich am Anfang, als du noch in der Nähe warst, ich hätte durch den Dschungel rennen und dich irgendwie stoppen sollen. Alles an dieser Situation ist falsch. Alles an dieser Welt ist falsch. Alles an mir ist falsch Ich hasse mich für das, was du getan hast.

Irgendwann, vielleicht nach einer Stunde, wird es besser. Ich weine noch, aber das Zittern hat aufgehört. Ich weiß nicht, was ich machen soll, also mache ich das, was ich immer mache, wenn ich nicht weiter weiß: Ich google. »Was mache ich nach einem körperlichen Schock?« Ich finde einen Text, der mir erklärt, was gerade mit meinem Körper passiert ist. Ich lese, dass dieser Zustand ein paar Stunden oder ein paar Wochen dauern kann, manchmal Monate. Ich lese auch, dass ich nicht viel dagegen tun kann: Trinken Sie viel Wasser! Versuchen Sie zu schlafen, soviel Sie können! Gehen Sie an die frische Luft! Essen Sie dreimal am Tag, auch wenn Sie keinen Hunger haben! Seien Sie vorsichtig beim Autofahren und passen Sie auch sonst gut auf sich auf, Ihr Kopf funktio­niert momentan nicht so, wie Sie das gewohnt sind! Sie werden alle möglichen Gefühle haben in dieser Zeit, jeweils extrem intensiv, versuchen Sie, das zu akzeptieren! Schämen Sie sich nicht für Ihre Gefühle! Reden Sie darüber, was Ihnen passiert ist!

Der Text hilft mir. Wenigstens habe ich etwas, an dem ich mich festhalten kann. Nur eine Sache verstehe ich nicht: Warum sollte ich mich für meine Gefühle schämen?

Um kurz vor halb sieben schlafe ich ein. Als ich zwei Stunden später aufwache, denke ich sofort an dich,

Ich versuche, an die Frau zu denken. »Sie ist das Opfer«, sage ich mir immer und immer wieder. Aber es hilft nichts, ich habe Mitleid mit dir. Ich denke: Wie viel Schmerz musst du in dir haben, dass du dermaßen brutal auf einen Menschen eindrischst? In meinem Kopf rede ich mit dir. Ich sage, dass ich dir wünsche, den Schmerz loslassen zu können. Ich fühle mich miserabel dabei. Ich will viel lieber an die Frau denken, ich will ihr etwas wünschen, ich will ihr Kraft schicken. Ich will nicht an dich denken. Auf keinen Fall will ich an deiner Seite stehen. Wenigstens jetzt will ich das Richtige tun. Ich fühle mich schuldig. Nicht nur, weil ich nicht verhindert habe, was du getan hast, sondern auch wegen des Mitleids jetzt. Was ist los, dass ich auf einmal Verantwortung für dich empfinde? Ich wünsche mir, dass ich wütend auf dich werde. Es klappt nicht.

Der Dschungel, der in den vergangenen Wochen freundlich und beschützend war, wirkt auf einmal feindlich. Ich fühle mich schutzlos und fremd, vollkommen fehl am Platz. Den ganzen Tag versuche ich, mich gegen dieses Gefühl zu wehren. Ich weine eigentlich durchgehend und überlege immer wieder, ob ich nicht doch noch zur Polizei gehen soll. Aber ich kann nichts aussagen, weil ich dich nicht gesehen habe und nicht einmal deine Stimme erkennen würde. Vor einem Jahr wurde ein Freund von mir von einem Mann vergewaltigt. Er kannte ihn, er kannte seinen Namen, er hatte seine Telefonnummer, er wusste, wo er wohnte. Auch damals habe ich gegoogelt und gelesen, dass man Betroffene nicht dazu drängen soll, Anzeige zu erstatten, weil es eine so weit­reichende Entscheidung ist. Als ich mich daran erinnere, habe ich zumindest eine Frage weniger in meinem Kopf.

Ich trinke literweise Wasser, gehe an die frische Luft, versuche, meine Gefühle zu akzeptieren, mich abzulenken – aber nichts wird besser. Ich fühle mich ausgeliefert, zucke zusammen beim kleinsten Geräusch, ertrage den Anblick des Dschungels nicht länger, schaue in mein Zimmer, ertrage den Anblick meines Zimmers nicht mehr. Ich will mich nicht von dir vertreiben lassen. Ich schaff das, ich schaff das, ich schaff das. Auf keinen Fall gehe ich hier weg!

Kurz bevor die Sonne untergeht, halte ich es nicht mehr aus. Ich miete ein Zimmer im zweiten Stock des einzigen bewachten Hotels, das ich hier in der Nähe kenne. Es ist über die Maßen teuer, aber rund um die Uhr bewacht. Bis gestern war das ein Kriterium, das in meiner Welt nicht existiert hat, heute ist es das einzige, das zählt. Du hast verändert, wie ich mich selbst sehe: Ich will kein Mensch sein, der ein Luxushotel, Überwachungskameras und Security-Service braucht, um sich sicher zu fühlen.

Auf dem Weg zum Hotel bin ich an ein paar Häusern vorbeigekommen. Jedes Mal ist eine riesige Wut in mir hochgestiegen. »Warum habt ihr nichts gehört?«, denke ich. »Warum habt ihr nichts gemacht?« Die Wut wird noch größer, als ich merke, dass meine Wut auch mir gilt, vielleicht sogar vor allem mir. Ich denke an die andere Frau und daran, dass auch sie hier irgendwann entlanggehen wird. Vielleicht nicht genau hier, aber irgendwo, wo Häuser sind. Irgendwo, wo Menschen sind. Menschen, die ihr hätten helfen können und die es nicht getan haben. Menschen wie ich.

Ich denke an die andere Frau und daran, dass sie sich nicht so einfach in Sicherheit bringen kann, wie ich es gerade getan habe. Am Mittag hatte ich überlegt, sie zu suchen, aber noch vor dem ersten Schritt habe ich es aufgegeben. Wie soll das Suchen aussehen? Soll ich von Tür zu Tür gehen und fragen: »Entschuldigen Sie, sind Sie vielleicht die Frau, die ich gestern Nacht wimmern gehört habe?« Und selbst wenn ich sie fände, warum sollte ausgerechnet ich eine Hilfe sein? Wäre ich sie, dann wäre jemand wie ich gerade die letzte Person, die ich sehen wollte.

Vier Stunden lang schaffe ich es in dieser Nacht zu schlafen, in einem hell erleuchteten Raum, die Tür doppelt abgesperrt.

Am nächsten Tag beschließe ich, die Stadt zu verlassen. Weil meine Karte im Hotel nicht funktioniert, gehe ich an einen Bankautomaten. Auf dem Weg dorthin bin ich gehetzt, mein Körper ist angespannt, ich fühle mich unwohl, und ganz sicher strahle ich das auch aus. Auf einmal sind die Leute nicht mehr so freundlich zu mir wie bisher. Während ich das Geld abhebe, telefoniere ich mit einer Freundin. Ich erzähle, was passiert ist, sie hört zu und fragt viel nach, beides hilft. Auf dem Weg zurück zum Hotel merke ich, dass mein Geldbeutel weg ist, zusammen mit dem Geld, das ich gerade geholt habe. Ich gehe den Weg ab, aber der Geldbeutel ist nirgendwo zu finden. Ich war in den vorigen Wochen dreimal an dem Bankautomaten, nie ist mir etwas passiert. Du hast mir nicht nur eine Scheißnacht bereitet, du hast auch verändert, wie ich mich verhalte, was ich ausstrahle und wie andere Leute mich behandeln. Endlich bin ich wenigstens kurz wütend auf dich.

Mit meinem letzten Bargeld zahle ich einen Fahrer, der mich wegbringt. Ich buche eine Woche Hotel am Meer, vielleicht kann ich danach zurück in den Dschungel und weiterschreiben. Den Leuten von meinem Gästehaus habe ich nichts von dir erzählt, ich wollte es tun, ich wusste auch, dass ich es tun sollte, aber bis heute habe ich es nicht geschafft. Ich wollte ihnen diesen schönen Ort nicht kaputt machen. Als ich später meinem Partner davon erzähle, sagt er: »Er. Du willst nicht, dass er ihnen den schönen Ort kaputt macht.«

Auf keinen Fall will ich ganz abreisen. Diesen Triumph will ich dir nicht auch noch gönnen: dass ich deinetwegen früher nach Deutschland zurückfliege. Erst viel später wird mir auffallen, wie absurd das ist – du wirst ja ohnehin niemals davon erfahren. Doch in meinem Kopf fühlt sich jetzt alles an wie ein Kampf: eins gegen eins, du gegen mich. In meinem schwächsten Moment will ich ausgerechnet dir zeigen, wie stark ich bin. Warum zur Hölle will ich dir überhaupt irgendwas beweisen? Du hast doch längst gezeigt, dass du das Arschloch von uns beiden bist. Und warum beschäftige ich mich so sehr damit, wie schlecht es mir geht? Die andere Frau ist doch die, die wirklich zu leiden hat.

Das also meinte der Text, den ich gegoogelt hatte: Egal wie ich mich fühle, es fühlt sich falsch an. Wenn ich Mitleid mit dir habe, schäme ich mich. Wenn ich traurig bin, denke ich, ich sollte wütend sein. Wenn ich wütend bin, denke ich, das bringt doch jetzt auch nichts. Wenn ich meinen Schmerz fühle, denke ich, dass ich stattdessen daran denken sollte, wie schlecht es der anderen Frau geht. Meine Brüder, meine Schwester, meine Freundinnen und Freunde, mein Partner, sie alle müssen mir in dieser Zeit immer wieder grundlegende Wahrheiten vorbeten: Es ist das Richtige, dich in Sicherheit zu bringen. Schmerz ist nicht exklusiv, es kann der anderen Frau und dir schlecht gehen. Du konntest es nicht verhindern. Und immer wieder: Er ist derjenige, der etwas falsch gemacht hat. Ich weiß nicht, wie oft ich diesen Satz gehört habe, ich weiß nur, dass ich ihn jedes einzelne Mal dringend gebraucht habe.

Und sie haben recht: Du bist derjenige, der es verkackt hat. Nicht ich.

Trotzdem fühlt es sich lange nicht so an. Vielleicht weil ich von einem wie dir gar nichts anderes erwartet habe. Ein Mensch, der andere misshandelt, misshandelt andere. Das ist schlimm, aber enttäuschen kann es mich nicht. Einfach, weil ich weiß, dass es Leute wie dich gibt, überall.

Enttäuschen kann mich nur, wie ich selbst reagiert habe. Weil ich von mir etwas erwarte: dass ich anderen helfe, wenn sie in Not sind. Dass ich niemanden wissentlich im Stich lasse. Dass ich das, woran ich glaube – dass Frauen und Männer gleichberechtigt sind und sexuelle Gewalt das Allerletzte ist –, mit allem verteidige, was ich habe. Nichts davon habe ich getan in der Nacht, in der wir uns begegnet sind. Und dafür hasse ich mich jetzt, ganz egal wie oft ich mir sage, dass in Wirklichkeit du derjenige bist, der all das zu verantworten hat.

Das Hotel am Strand ist schön, genauso wie das Luxushotel schön war. Nur kann ich nichts davon genießen. Zum Genießen gehört zu wissen, dass ich mich später an diesen Moment erinnern und mich glücklich fühlen werde. Aber ich weiß schon, dass keine Erinnerung aus dieser Zeit mich je glücklich machen wird. Ich gehe jeden Tag schwimmen und am Strand spazieren, doch nichts davon dringt zu mir durch. Einmal mache ich Fotos vom Meer, weil eine Freundin darum gebeten hat, und denke: Wow, die sehen aber toll aus, krass, wie mein Handy das macht! Dann halte ich die Fotos vor das Meer, vor den Strand, und sehe, dass es in echt exakt gleich aussieht – bloß fühle ich da nicht, dass es schön ist.

Jeder Schritt, jeder Tag ist ein Kraftakt. Aufstehen, duschen, Leute sehen, Männer sehen. Auch wenn mir das nicht gefällt: Gerade denke ich, dass alle Männer so gefährlich sind wie du. Als ich einmal am Abend im Pool schwimme, niest jemand, den ich nicht bemerkt habe, und ich erschrecke fürchterlich. Einmal wache ich in der Nacht auf, weil ein betrunkener Mann durch die Hotelanlage grölt. Anders als du bedroht er niemanden, er hat nur zu viel getrunken und singt sehr laut ein Lied. Trotzdem werde ich auf ihn sofort wütend, »dieser Kacktyp«, denke ich. Bei dir klappt das immer noch nicht. Nur wenn ich an das Geld denke, das ich gerade Tag für Tag deinetwegen ausgebe, werde ich zornig.

Grob überschlagen:
1 Nacht in einem bewachten Luxushotel: 360 Euro
Taxi zum Strand: 40 Euro
1 Woche Hotel am Strand: 700 Euro
Geldbeutel und Karten weg: 100 Euro
Abgehobenes Geld weg: 300 Euro
Flug umbuchen, weil ich doch früher zurück nach Deutschland fliege: 100 Euro
Also, du schuldest mir etwas. Nicht nur metaphorisch, du schuldest mir 1600 Euro.

Ich mache mir nicht viel aus Geld. Es kommt und geht, und solange es zum Überleben gut reicht, finde ich alles in Ordnung. Aber dieses Geld hier, das ich deinetwegen ausgebe, macht mich wahnsinnig. Ich denke, dass ich mich rausgekauft habe aus dieser beschissenen Situation und dass die andere Frau das nicht so einfach kann.

Ich esse fantastisches Essen und schmecke nichts. Immer wenn ich von dir erzähle, bekomme ich Kopfweh. Alles passiert genau so, wie es in dem Text, den ich gegoogelt hatte, beschrieben wird. Sogar das mit dem Aufpassen stellt sich als richtig heraus. Erst dachte ich, das sei übertrieben, dann bin ich am ersten Tag schon beim Spazierengehen dreimal so gestolpert, dass ich beinahe auf den Rücken und auf den Hinterkopf gefallen wäre. Ich konnte mich gerade noch festhalten. Sei froh! Mit einem Krankenhausaufenthalt wäre deine Rechnung noch länger geworden.

Sollte ich diesen Text je veröffentlichen, werde ich vielleicht ein paar Euro damit verdienen, die kannst du meinetwegen von deiner Rechnung abziehen. Aber das Geld ist nicht der Grund, aus dem ich dir schreibe. Aus irgendeinem Grund will ich mit dir reden. Vielleicht weil alle anderen, denen ich von dieser Nacht erzähle, nicht dabei waren. Vielleicht weil ich mir nur bei dir sicher sein kann, dass das alles wirklich passiert ist. Vielleicht weil ich nach Antworten suche, auch wenn das im Grunde absurd ist. Was erwarte ich denn? Dass du mir sagst: »Ja, ja, das war richtig, dass du dich nicht eingemischt hast – sonst hätte ich die Frau sofort umgebracht«?

Ich schreibe dir auch, weil ich gemerkt habe, dass ich, bevor ich dir schreibe, überhaupt nicht schreiben kann. Und Schreiben ist nun mal mein Job.

Ich weiß nicht, womit du dein Geld verdienst. Vielleicht bist du Tauchlehrer oder Manager oder Kassierer oder Bauarbeiter oder Vorstandsmitglied. Stell dir vor, du gehst jeden Tag zur Arbeit, willst deinen Job machen, aber es geht einfach nicht. Sechs Wochen ist es jetzt her, dass wir uns begegnet sind, und seither habe ich keine einzige Zeile geschrieben. Mein Honorar für diese Zeit kannst du noch mit draufschreiben auf deine Rechnung.

Und dann gibt es die Dinge, die man mit Geld nicht bezahlen kann: dass ich nur noch mit Licht schlafen kann. Dass ich es nicht mehr liebe, allein zu sein, sondern mich davor fürchte. Dass du meine Erzählungen prägst – jedes Mal wenn mich jemand fragt, wie meine Zeit im Dschungel war. Dass du auch rückwirkend die Erinnerung an diese Zeit bestimmst.

Das alles wird verblassen, das weiß ich, und am Ende werde ich stärker sein als davor. Aber das kostet Zeit und Energie, und die hätte ich sehr gern in andere Dinge investiert. Dass du mir so viel nimmst und nicht mal weißt, dass es mich gibt – das macht mich rasend.

Mach nicht den Fehler, mich für schwach zu halten. Ich bin das Gegenteil von schwach. Ich kenne Gewalt, ich weiß, wie brutal sie ist, wie schnell und wie unwiederbringlich sie Dinge zerstört. Ich weiß, dass ich in einer Welt lebe, in der mehr Männer Frauen misshandeln als andersherum, und du bist nicht der erste Mann, der mich an diese Tatsache erinnert. Dass es Leute wie dich gibt, weiß ich nicht erst, seitdem wir uns begegnet sind.

Was ich nicht wusste, ist, wie sich Ohnmacht anfühlt, jedenfalls nicht in dieser absoluten Form. Dass ich einer Situation gegenüberstehe und absolut gar nichts tun kann, um sie zu verbessern. Dass ich niemandem zuhören, niemanden in den Arm nehmen, niemandem gut zureden kann. Dass ich nicht einmal den verdammten Lichtschalter drücken kann.

Du kannst das nicht wissen, aber für gewöhnlich bin ich diejenige, die ruhig bleibt, wenn alle anderen durchdrehen. Die auch in lebensgefährlichen Momenten sofort weiß, was zu tun ist, aus dem Bauch heraus. Du hast mich in eine Situation gebracht, in der das nicht geklappt hat, und das hat mir den Boden unter den Füßen weggezogen.

Zwei Tage, bevor wir uns begegnet sind, hatte ich gedacht, dass das Einzige, was ich jetzt noch lernen muss, ist, andere um Hilfe zu bitten. Die ersten Wochen habe ich beim Gedanken an diesen Satz jedes Mal geheult. Auf einmal kam es mir so vor, als hätte ich unsere Begegnung herbeigesehnt. Aber das habe ich nicht. Dass ich aus dem, was du angerichtet hast, etwas gelernt habe, heißt nicht, dass ich wollte, dass es passiert.

Genauso wie die Tatsache, dass du mich verletzt hast, nicht heißt, dass ich schwach bin. Auch die Frau, die du angeschrien, geschlagen und misshandelt hast, ist nicht schwach.

Der einzige Schwache von uns dreien bist du. Du kannst deinen Schmerz nicht ertragen. Und weil in dir drin alles so kaputt ist, versuchst du, andere zu zerstören. Alles andere ergibt für mich keinen Sinn.