»Im Stress kann man keine Liebesbeziehung führen«

Wie meistert man das Homeoffice und lässt der Liebe trotzdem genug Raum? Ein Gespräch mit dem Paartherapeuten Wolfgang Schmidbauer über nachhaltige Lösungen, heilsame Zärtlichkeiten und die Notwendigkeit, den anderen auch mal aus dem Zimmer zu schmeißen. 

Der Paartherapeut Wolfgang Schmidbauer würde diesem Paar vermutlich raten, die Tür auch mal zu schließen. 

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SZ-Magazin: Herr Schmidbauer, in der chinesischen Stadt Xi’an ist nach dem Lockdown im Frühjahr die Scheidungsrate in die Höhe geschossen. Wundert Sie das?
Wolfgang Schmidbauer: Nein. Auch bei uns hier in Europa werden die meisten Scheidungen nach Urlauben oder Wochenenden eingereicht. Gerade im Urlaub sind Paare viel beieinander. Konflikte können dann nicht dadurch neutralisiert werden, dass man sich, wie in der Arbeitswoche, separiert. Im Job oder im Büro kommt man auf andere Gedanken und führt einen Konflikt mit dem Partner danach nicht mehr weiter. Diese wichtige Möglichkeit fehlt einem im Homeoffice.

Ist das Homeoffice bei Ihnen in den Paarberatungen bislang ein Thema?
So explizit noch nicht. Was ich schon merke: Viel problematischer ist die Krise für Eltern von Schulkindern. Da beobachte ich eine große Überlastung und eine Sehnsucht nach Normalität.

Was passiert mit Paaren in Zeiten von Homeoffice und Ausgangsbeschränkungen?
Der Rhythmus aus Trennen und Zusammenkommen fehlt, die normale Fluktuation. Das ist ganz ähnlich, wenn Paare zusammenziehen. Eine krisenhafte und von vielen Paaren unterschätzte Situation. Wenn man getrennt wohnt, muss man nicht aushandeln, wann man was alleine machen will oder seine Ruhe haben will. Solche frisch zusammengezogenen Paare habe ich oft in der Beratung. So ähnlich stelle ich mir das jetzt auch vor. Da prallen unterschiedliche Vorstellungen von der Intensität des Zusammenseins aufeinander.

Man könnte ja auch sagen, wenn es stimmt in der Beziehung, kann man vom anderen nie genug kriegen. Wäre doch eine Win-Win-Situation.
Klar, das gibt es auch. Quarantäne ist dann wie Dauerurlaub. Man ist froh, dass man sich hat. Paare, die sich vielleicht sonst viel streiten, aber im Urlaub meistens eine gute Zeit miteinander haben, kommen wahrscheinlich besser durch die Homeoffice-Zeit. Man darf übrigens nicht vergessen: Viel mehr als Paare leiden Singles unter der gegenwärtigen Situation.

Ist so ein Aufeinanderhocken ein Verstärker für bestehende Paarprobleme?
Sagen wir so: Es ist wie ein intensives Training für eine wichtige Beziehungsfähigkeit, nämlich die liebevolle Trennung. Kleine Kinder erleben Trennungen noch als was Aggressives, als Zumutung. Sie fangen an zu heulen, klammern. Sie müssen noch lernen, dass eine Trennung eine gute Sache ist, weil man dann seine Ruhe hat. Weil man sich dann auch wieder freut, den anderen zu treffen. Dieses Trennen können auch viele Erwachsene nicht so gut. Dabei sollte man sich das gerade jetzt gegenseitig gönnen, denn es ist unglaublich stabilisierend für die Beziehung. Ich sollte also nicht gekränkt sein, wenn ich ins Zimmer meiner telefonierenden Frau komme und sie eine Hinausschmeißgeste macht. Auf einer primitiven Ebene ist man ja immer erstmal beleidigt, wenn jemand, von dem ich was will, gerade nichts von mir will. Wir müssen also in der Homeoffice-Zeit neu lernen, Abgrenzung hinzunehmen. Das ist gerade bei Familien mit Kleinkindern nicht immer leicht zu realisieren.

Streitpunkt bei Doppelverdienern im Homeoffice ist oft: Du musst jetzt mal Haushalt oder die Kinder übernehmen, ich muss arbeiten!
Da muss man eben viel verhandeln. Für Liebespaare ist das oft schwer, weil sich das so kleinlich anfühlt. Jeder wäre ja gerne großzügig. Doch bevor mein großes Herz vor lauter Großzügigkeit schon ganz verkrampft ist, bitte nicht so tun, als ob man nach wie vor großzügig wäre. Das führt auf Dauer zu schwerwiegenden Konflikten. Lieber sagen, wenn man sich ausgenutzt fühlt, am besten noch bevor sich Frust aufgestaut hat, sonst verhindert die schlechte Stimmung eine gütliche Einigung. Ganz verkehrt ist die Regression zu alten Rollenmustern. Der Mann verdient das Geld, die Frau macht den Rest.

Eine produktive Arbeitsteilung zuhause ist das eine, aber wie bleibe ich als Paar nicht auf der Strecke?
Wichtig ist, in solchen Stresssituationen Regression zuzulassen. Sich auf Angebote für Zärtlichkeit und Sex einzulassen, denen eine Priorität zu geben. Das macht Urlaub ja oft so schön, weil man gemeinsam faul sein darf. Dieses Zulassen erst ermöglicht den Raum, das wieder etwas Erotisches passieren kann. Das ist in der Homeoffice-Situation schwer, weil die Arbeitswelt oft bis ins Schlafzimmer reicht. Man muss Rituale finden, die man gegen die Invasion des Leistungsdenkens in Stellung bringt. Zum Beispiel Zeiten, in denen Handy und Computer abgeschaltet werden. Eine feste Zeit fürs Abendessen, das dann auch zelebriert wird. Im Stress kann man keine Liebesbeziehung führen.

Muss man also auch viel mehr als sonst miteinander reden?
Ein beliebter Irrglaube ist, dass man durch viel Reden automatisch zu guten Ergebnissen kommt. Die Stabilisierungen bei Meinungsverschiedenheiten erfolgen aber meistens dadurch, dass man die Schwächen des anderen akzeptiert und sich darauf einstellt. Dann reicht es auch, eine Sache einmal zu klären. Und manchmal kann es helfen, zu schweigen und einen Konflikt nicht zu machen. Aus Rücksicht dem anderen oder sich selbst gegenüber, und einfach auch aus ökonomischen Gründen, wenn man schon weiß, dass es nicht besser, sondern schlechter wird, wenn man den Konflikt jetzt eingeht. Lieber beruhige ich mich selbst, lasse den anderen und bringe so Ruhe ins System.

Muss man seine Erwartungen an eine Beziehung in Krisenzeiten herunterschrauben?
Perfektionismus in Liebesbeziehungen ist immer destruktiv, denn man kommt schnell in diese Vorwurfswelten, wo man sich gegenseitig vorwirft, was der andere alles an Liebesverhalten falsch macht, in der Hoffnung, dass er sich dann bessere. Das führt aber dazu, dass ich dann die Gegenvorwürfe bekomme, zum Beispiel: Immer machst du mir nur Vorwürfe! Worauf der Klassiker kommt: Ich mache keine Vorwürfe, ich mache hier nur Feststellungen! Und so weiter.

Was können Paare tun, wenn sie merken, es steuert auf eine Eskalation zu?
Allgemeine Tipps finde ich schwierig, denn alles kann mal falsch, mal richtig sein. Es kann helfen, bei dicker Luft einfach mal rauszugehen, den Konflikt zu verlassen. Aber erst neulich hatte ich ein Paar, da war gerade das ein Streitpunkt: Er ging immer joggen, während sie mit dem Streit und den Kindern daheimblieb. Er kam entspannt wieder, sie war noch wütender als zuvor. Ich sage meinen Paaren immer: Es gibt keinen Ersatz für Mut und Kreativität. Man muss sich auch trauen zu sagen, dass es kritisch wird. Eine Lösung kann ja nur gemeinsam gefunden werden.