»Sigmund Freud hätte meine Kurse besuchen müssen«

Ruth Westheimer, die bedeutendste Sexberaterin der USA, ist gerade neunzig Jahre alt geworden. Ein Gespräch über ein unglaubliches Leben.

Ruth Westheimer ist beileibe keine Frau, die die Welt nur durch die rosarote Brille sieht. Aber sie hat nichts dagegen, wenn ihre Welt hier und da so aussieht.

Foto: Jeremy Liebman

SZ-Magazin: Die guten Tage sollten in der Mehrzahl sein, haben Sie einmal gesagt. Am 4. Juni sind Sie neunzig Jahre alt geworden, darf man Sie da also fragen: Hatten Sie bisher mehr gute oder mehr schlechte Tage?
Ruth Westheimer: Ganz bestimmt mehr gute! Schlimme Tage gab es zwar auch. Vor allem, als ich von meiner Familie fort musste. Als Kind. Und als mir später klar wurde, dass ich meine Eltern nie wiedersehen würde. Darüber sprechen wir sicher noch. Aber wenn Sie mich heute so fragen: Ja, ich habe mehr gute als schlechte Tage erlebt, und dafür bin ich sehr dankbar.

Sie unterrichten an zwei Universitäten und stehen in Verhandlungen über eine neue Fernsehsendung. Wollen Sie sich nicht irgendwann zur Ruhe setzen?
Haha, nein, kommt nicht in Frage.

Was haben Sie denn noch alles vor?
Dieser Tage veröffentliche ich ein Buch zum Thema Dating, das heißt, wie man jemanden findet. Außerdem ist eine Show mit mir und einem 30-jährigen Beziehungstherapeuten in Vorbereitung. Den habe ich aus mehreren jungen Männern ausgesucht. Der liebt mich!

Sie haben jahrzehntelang ganz Amerika in Sexfragen beraten. Welche Frage berührt Sie heute am meisten, wenn es um Liebe und Erotik geht?
Einsamkeit. Die Leute sind so allein, trotz Social Media. Im Talmud steht im Buch Kohelet: Besser sind zwei daran als ein einzelner; sofern ihnen guter Lohn aus ihrer Mühe zuteil wird. Das ist jetzt meine Hauptaufgabe: mitzuhelfen, dass nicht so viele allein sind.

Dabei haben Sie im Januar ein Buch veröffentlicht, das Stay or Go heißt und Ratschläge gibt, wie man herausfindet, ob man sich trennen sollte.
Ich will kein Paar dazu animieren, sich zu trennen. Aber wenn in der Beziehung etwas fehlt, dann ist es eben wichtig, dass man sich auch damit nicht allein fühlt.

Was muss man tun, wenn man für immer glücklich zusammen bleiben will?
Eine gute Beziehung basiert darauf, dass die Partner realistisch sind. Nicht jeder Tag kann wie in Fifty Shades of Grey sein. Wichtig ist auch: manchmal einfach den Mund halten. Ich bin nicht dafür, dass sich Paare immer alles erzählen. Jedenfalls wenn man den Partner damit belastet.

Welchen Dr.-Ruth-Ratschlag hätten Sie selbst für Ihre Beziehungen früher gebrauchen können?
Nicht aus Unsicherheit oder Angst vor dem Alleinsein eine Beziehung weiterführen, die nicht gut ist. Ich habe zwei Ehen beendet und danach noch eine wunderbare lange Ehe gehabt. Das ist der beste Beweis für meine These.

Mittlerweile sind Sie verwitwet. Hätten Sie gern noch eine Beziehung?
Ja, wenn ich jemanden finden würde. Ich will Ihnen etwas erzählen: Ich war vor Kurzem auf einer Hochzeit in Kalifornien. Dort waren 200 Gäste, darunter ein 60-jähriger Arzt, den ich aus Israel schon kannte. Zufällig war er ohne seine Frau da. Ich habe mich wunderbar mit dem Mann verstanden und war sehr froh, dass er so viel Zeit mit mir verbracht hat. Wir sind auch ein bisschen mit dem Auto durch die Landschaft gefahren. Da habe ich mir gedacht - wenn so jemand in meinem Alter wäre und allein, dann ... würde ich mich freuen. Schreiben Sie nur: Dann würde ich mich freuen.

Wie sieht ein typischer Tag in Ihrem Leben aus?
Da ich am Abend immer etwas unternehme, erlaube ich niemandem, mich früh zu stören. Eines meiner Gebote des Altwerdens: nicht zu Hause sitzen. Das andere: Termine, Telefonate, Haushälterin - alles erst nach zehn Uhr vormittags, wenn ich ausgeruht bin.

Sie sind wirklich jeden Abend unterwegs? Wie halten Sie das durch?
Nicht jeden Abend. Ich habe das Glück, dass gegenüber von meiner Wohnung zwei verheiratete Männer wohnen, ein sehr nettes Paar! Wenn ich abends nichts vorhabe, rufe ich bei denen an und frage höflich: Esst ihr heute Abend zu Hause? Dann laden sie mich ein.

Haben Sie nie einfach mal das Bedürfnis nach Ruhe?
Nein. Normalerweise wache ich in der Früh auf und frage mich: Was mache ich mit meinem Tag?

Was möchten Sie gern noch erleben?
Dass die Menschen noch mehr über Sexualität lernen. Es darf im Schlafzimmer nicht langweilig werden.

Geben Sie mal einen konkreten Tipp?
Ich habe ja vorhin die Hochzeit in Kalifornien erwähnt. Dort habe ich eine kurze Rede gehalten und alle, die einen Partner haben, aufgefordert, am Abend im Schlafzimmer eine neue Position auszuprobieren. Und mir dann am nächsten Tag davon zu erzählen - damit ich auch wieder etwas Neues lerne.

Und?
Haben sie gemacht, haha!

In mehr als 400 Fernsehsendungen verabschiedeten Sie das Publikum mit einem »Have good sex!« in die Nacht. Allerdings haben Sie in einem Ihrer Bücher empfohlen, dass man besser in der Früh Sex haben sollte. Was denn jetzt?
Ältere Leute sollten nicht versuchen, am Abend Sex zu haben, weil der Testosteronspiegel beim Mann morgens am höchsten ist. Ich rate Paaren, die über fünfzig sind: Aufstehen, Badezimmer, bisschen Frühstück, zurück ins Bett und dann Sex.

Und was raten Sie jungen Paaren?
Morgens und abends, damit es Abwechslung im Bett gibt. Das ist natürlich für Leute mit Kindern sehr schwierig. Paare mit Kindern sollten alle zwei Wochen für zwei Stunden ins Hotel gehen. Mit Champagner in der Badewanne, zu Hause passt der Babysitter auf. Das dürfen sie nicht einschlafen lassen!

Sie haben in Ihrem Berufsleben so viel über Sexualität, über Masturbation und Menstruation, Erektion und Verhütung erzählt. Wie wurden Sie selbst aufgeklärt?
Bevor ich als Zehnjährige mit dem Kindertransport in die Schweiz geschickt wurde, erklärte mir ein älteres Mädchen aus der Nachbarschaft alles. Die hat mir sogar die Binde mit Blut gezeigt.

Später haben Sie dazu beigetragen, dass man in den USA Begriffe wie Vagina, Ejakulation oder Masturbation überhaupt ausgesprochen hat.
Nehmen Sie noch das Wort Klitoris dazu, ganz wichtig! Ich sage Ihnen was: Sigmund Freud hätte meine Kurse besuchen müssen. Er war in Bezug auf weibliche Sexualität unwissend. Er dachte, dass nur diejenigen Frauen erwachsen seien, die einen Orgasmus durch Geschlechtsverkehr bekommen können. Und dass eine Frau, die einen Orgasmus durch Streicheln der Klitoris bekommt, unreif sei. Generationen von Frauen haben deswegen gedacht, sie seien unreif! Und die Männer haben das auch geglaubt. Mit diesem Quatsch habe ich aufgeräumt. Dabei war mir egal, ob ich das hundert oder tausend Mal erklären muss. Nicht nur in den USA - auch in Frankreich gab es mal eine ganze Sendereihe von mir dazu. Bei der Gelegenheit habe ich auch gleich erklärt, dass es ein Mythos ist, die Franzosen seien die besseren Liebhaber.

Gab es Zuschauerbeschwerden?
Nein, sie haben es sich wahrscheinlich zu Herzen genommen. Jedenfalls wissen heute alle, dass man zwischen vaginalem und klitoralem Orgasmus nicht unterscheiden soll. Das ist sehr wichtig: Ein Orgasmus ist ein Orgasmus, und die Klitoris ist immer dabei.

Und Sie hatten selbst nie Probleme damit, über diese Dinge zu sprechen?
Nein. Was mir geholfen hat, war mein deutscher Akzent im Englischen. Dadurch wurde es für mich leichter, die Dinge auszusprechen, weil ich eh immer dachte, man versteht mich nicht richtig. Am Ende wurde der Akzent zu meinem Markenzeichen.

Welche Beratungen haben Sie als Erfolg empfunden?
Wenn ich ein Ehepaar lehren konnte, wie die Frau zum Orgasmus kommt, und sie dann wiederkam und sagte »Es hat geklappt!« Und wenn die Menschen auch etwas zum Lachen hatten. Im Talmud heißt es: Wenn man mit Humor unterrichtet, merken sich die Schüler, was unterrichtet wurde.

Und wie kann man Sie zum Lachen bringen?
Mein verstorbener Mann Manfred Westheimer hat auf die Frage, wie er meine Arbeit findet, immer nur geantwortet: »This is all talk.« Er meinte, die Sextante klopft nur große Sprüche. Das hat mich zum Lachen gebracht. Oder als ihn eine Journalistin fragte: »Herr Westheimer, wie ist Ihr Sexleben?« Die Kameras liefen schon, er sah sie an und meinte: »Sie wissen ja, was man sagt: Die Kinder vom Schuhmacher haben keine Schuhe.« Ach, ich habe viel lachen können mit Fred Westheimer.

Hatten Sie eine gute Ehe?
Ja, er war fast 38 Jahre lang der richtige Ehemann für mich. Und er war ein wunderbarer Vater. Wir haben zusammen unseren Sohn Joel bekommen, meine Tochter Miriam aus früherer Ehe hat er adoptiert. Beide hat er ganz gleich behandelt.

Sie haben auch ein Kind verloren.
Ich denke nur sehr selten daran. Fred wollte unbedingt noch ein Kind. Und als ich mit der Doktorarbeit fertig war, bin ich noch einmal schwanger geworden. Das Kind hat sich aber nicht richtig entwickelt. Es sollte nicht sein, und ich bin dankbar dafür, dass ich zwei Kinder habe. Das habe ich von meiner Großmutter mitbekommen: Sei immer dankbar. Das hat sie mir in allen Briefen geschrieben, die sie mir noch ins Kinderheim schicken konnte.

Ihre Kindheit war schwer.
Erst war sie sehr schön. Ich hatte wunderbare Eltern und eine wunderbare Großmutter und viele Puppen. Damals, in Frankfurt.

Wann mussten Sie Ihr Elternhaus verlassen?
Es war der 5. Januar 1939, ich war zehn Jahre alt. Ich stand am Frankfurter Bahnhof und nahm Abschied von meiner Familie. Ich wusste nicht, dass ich sie nie wiedersehen würde. Mein Vater war einige Wochen zuvor abgeholt und in ein Arbeitslager gebracht worden. Ich erinnere mich genau an die Szene, ich hatte schreckliche Angst vor den Männern mit den polierten Stiefeln. Meine Mutter weinte. Die Männer waren nicht unhöflich, keine Schläge. Aber sie nahmen meinen Vater mit.

Sie sind dann mit einem Kindertransport in die Schweiz gebracht worden.
Das war meine Rettung. Das wusste ich natürlich noch nicht. Einige Zeit nachdem sie meinen Vater abgeholt hatten, setzten sich meine Mutter und meine Großmutter am Abend an mein Bett und sagten mir, ich würde mit einer Gruppe anderer jüdischer Kinder nach Heiden im Kanton Appenzell fahren.

Erklärten sie Ihnen auch, warum?
Ich wusste schon, dass den Juden in Deutschland Schlimmes widerfuhr. Das hatte ich ja schon mitbekommen, nicht erst als mein Vater weggebracht wurde. Sie erzählten mir von der guten Schokolade, die es in der Schweiz gebe. Und dass sie alle bald kämen und mich dann wieder nach Hause holen würden. Aber ich wollte nicht weg. Da zeigten sie mir eine Postkarte, die mein Vater aus Buchenwald geschickt hatte. Darin schrieb er, ich müsse aus Deutschland weg, damit er nach Frankfurt zurückkehren könne. Deshalb wollte ich dann doch fahren.

Wie lange blieben Sie in Heiden?

Bis zum Kriegsende.

Und haben Sie in Palästina einen Freund gefunden?
Zunächst einmal schloss ich mich der Haganah an. Das war eine zionistische Untergrundorganisation, die für Israel als Land für die Juden kämpfte. Die konnten mich wegen meiner Größe - oder besser gesagt: Kleinheit - gut als Scout, als Kundschafterin einsetzen.

Sie haben auch das Schießen gelernt.
Ich war eine hervorragende Scharfschützin. Ich kann fünf Kugeln hintereinander ins Ziel schießen. Noch heute. Auf Jahrmärkten habe ich immer wieder geschossen. Mache ich aber seit dem Amoklauf in Columbine nicht mehr.

Warum zogen Sie dann 1950 nach Frankreich?
Im Krieg von 1948 wurde ich sehr schwer verwundet, monatelang konnte ich nicht laufen. Israel hatte den Krieg gewonnen und sein Territorium fast verdoppelt. Aber es waren zu viele Menschen gestorben. Ich hatte in der Zeit auch eine Ausbildung als Kindergärtnerin gemacht und meinen ersten Mann David kennengelernt. Er wollte Medizin studieren, das ging in Israel nicht. Wir mussten also woanders hin und entschieden uns für Paris.

Haben Sie dort dann tatsächlich als Kindergärtnerin gearbeitet?
Ja, für eine internationale jüdische Organisation. Da waren viele Kinder, deren Eltern im Konzentrationslager gewesen waren und nach Israel auswandern wollten. Sie wollten nicht, dass ich mit ihren Kindern Deutsch spreche. Hebräisch schon, das konnte ich. Aber vor allem musste ich Französisch lernen. Wir hatten fast kein Geld. Dennoch war es eine wundervolle Zeit in Paris. Dort begann ich, Französisch, Geschichte und Psychologie zu studieren.

Mit welchem Berufswunsch?
Ich wollte Menschen helfen, ich hatte die Vorstellung, so etwas Ähnliches wie Ärztin zu werden. Deswegen konzentrierte ich mich immer mehr auf die Psychologie.

Warum sind Sie dann 1956 wieder aus Paris weggegangen?
David und ich trennten uns, er zog nach Israel zurück. Nach der Scheidung lernte ich einen französischen Juden kennen, sein Name war Dan. Aus der Zeit im Kinderheim kannte ich Leute in den USA, ich sagte zu Dan, komm mit mir nach Amerika. Wir kauften uns die billigsten Tickets für den Dampfer Liberté. In New York machte ich mich an den Master in Soziologie. Es war ein Programm für geflohene Juden, eine Art Exil-Universität. Leute wie Hannah Arendt und Max Wertheimer unterrichteten dort.

Dort bekamen Sie Ihr erstes Kind.
Ich war im siebten Himmel. Als Miriam auf die Welt kam, hielt ich das für das Wunder des Jahrhunderts. Ich hatte das Gefühl, als wäre ich die erste Frau auf der Welt, die ein Baby geboren hat. Es war auch der Moment, in dem ich nicht mehr in meinem tiefsten Inneren glaubte, ich sei hässlich.

Wie lebten Sie in New York, hatten Sie mehr als in Paris?
Eigentlich nicht, aber es ging schon. Schwieriger wurde es, als Dan und ich uns trennten - in aller Freundschaft. Er hat das Auto genommen, ich habe das Kind behalten.

Wie wurden Sie schließlich zu »Dr. Ruth«?
Ich hatte meinen Schwerpunkt von der Psychologie auf die Soziologie verlagert. Ich konnte in verschiedenen Projekten mitarbeiten und erste Artikel veröffentlichen. An der Columbia University bekam ich immer wieder Teilzeitstellen und entschloss mich schließlich, meine Doktorarbeit im Bereich des Gesundheitswesens zu schreiben.

Wollten Sie damals schon ins Fernsehen?
Überhaupt nicht! Ich hätte auch nie gedacht, dass ich mit meinen 140 Zentimetern Körpergröße, meiner Stimme und dem starken Akzent überhaupt eine Chance hätte.

Wie kam es dann dazu?
Ich arbeitete in einem Projekt, das Planned Parenthood hieß. Dabei ging es darum, schwarze Frauen über Familienplanung und Verhütung, also auch über Sexualität aufzuklären. Ich war sehr überzeugt von dieser Arbeit, über die ich dann auch meine Doktorarbeit schrieb. Die folgenden Jahre unterrichtete und forschte ich an verschiedenen Universitäten. Eines Tages kam ein Brief von einem Verbund mehrerer Lokalradios, die jemanden suchten, der ihnen etwas über Sexualaufklärung erzählen könnte.

Und da haben Sie sofort zugesagt?
Es wollte niemand sonst machen! Also ging ich hin und sprach über unerwünschte Schwangerschaften und all die anderen Probleme. Am Ende meinte ich: »Ihr Radioleute seid sehr wichtig für die Aufklärung. Macht mehr zu diesen Themen!«

So kamen Sie zu Ihrer ersten Sendung?
Der Sender WYNY gab mir 15 Minuten am Sonntag um Mitternacht. Das war am 5. Mai 1980. Einige Zeit später bekam ich zwei Stunden Sendezeit. Ich habe das zehn Jahre lang gemacht, jede Woche, ab 1984 kamen die Fernsehsendungen dazu.

Sie haben mal erzählt, dass Sie regelmäßig davon träumen, Ihre Eltern wiederzusehen. Träumen Sie das heute noch?
Es war eigentlich kein Traum, sondern ein Aufsatz, den ich in der Schweiz als zehnjähriges Mädchen geschrieben habe. Ich habe darin fantasiert, meine Eltern hätten mich wiedergefunden. Ich habe den Aufsatz noch, er hat mich getröstet, wenn ich traurig war, als Kind und als Erwachsene. Obwohl ich natürlich immer wusste, dass er nicht wahr werden konnte.

Ohne die Schweiz wären Sie wohl nicht mehr am Leben. Nun rückt das Land nach rechts, wie auch viele andere europäische Länder. Zugleich macht Donald Trump die Grenzen dicht - in den USA, die für viele jüdische Flüchtlinge das rettende Ufer waren. Was empfinden Sie heute beim Blick in die Welt?
Das alles macht mich traurig. Das Land, in dem ich jetzt lebe, wurde von Flüchtlingen und Emigranten aufgebaut. Das kann man nicht vergessen oder wegwischen.

Welche sind Ihre Argumente gegenüber Einwanderungsgegnern?
All das Wissen, das die europäische Emigration nach Amerika gebracht hat, sollte Argument genug sein. Aber was mich persönlich am meisten betroffen macht, sind die Bilder von Kindern auf der Flucht - weil ich mich genau erinnere. Obwohl ich als Kind nie Hunger leiden musste wie viele der Flüchtlingskinder heute. Da kommt mir ein Lied in den Sinn, das ich im Kinderheim in der Schweiz gelernt habe.

Wie geht das Lied?
»Jeder Mensch auf der Welt hat sein eigenes Land, und da ist er zu Hause. Nur ein Volk auf der Welt hat kein eigenes Land. Wo er lebt, schmeißt man ihn hinaus. Und es steht vor ihm alle Tage die ewige Judenfrage. Jude, wohin? Wer nimmt dich auf auf der Welt? Wo bist du geborgen, brauchst nicht zu sorgen für deinen nächsten Tag? Die Welt ist so groß, für dich ist sie klein.« Aber ob es jetzt um jüdische Flüchtlinge 1939 geht oder um muslimische Flüchtlinge heute, ist ganz gleich.

Die Flucht, das Überleben, das war für Ihr Leben das prägende Erlebnis.
Es gibt ein Theaterstück über mich: Becoming Dr. Ruth. Es wurde als »The Triumphant Story of Karola Siegel, the Girl Who Became Dr. Ruth« angekündigt. Darin hält die Schauspielerin, die Ruth Westheimer spielt, das Bild ihrer Enkel hoch und sagt: »Hitler hat verloren, und ich habe gewonnen!« So ist es.

Karola Siegel ist ihr eigentlicher Name. Wie kam es zu der Änderung?
Siegel ist mein Mädchenname, ich bekam den Namen Karola. So dürfen heute übrigens nur noch Kinder zu mir sagen. Und auch nur, wenn sie mir sympathisch sind. Auf jeden Fall - als ich nach dem Krieg, als 17-Jährige, nach Palästina ging, zunächst ins Kibbuz Ayanot, sollte ich meinen Namen ändern. Die Juden, die dort lebten, schienen uns eine Mitschuld am Holocaust zu geben. Alles, was an Deutschland erinnerte, sollten wir ablegen. So wurde aus dem Franz ein Dror, aus Hannelore eine Aviva und aus Karola eben Ruth.

Als Initial haben Sie das K behalten.
Weil ich befürchtete, dass mich meine Eltern sonst nicht finden. Ich wusste ja damals noch nicht, dass sie ermordet worden waren. Auch heute behalte ich das K bei, weil es mich mit meinen Eltern verbindet. Vor Kurzem war ich mit einem Filmteam in der Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem und suchte den Namen meiner Eltern und Verwandten. Dort fand ich auf einer Liste neben dem Namen meiner Mutter die Bezeichnung »verschollen«. Was für ein schlimmes Wort dafür, was mit ihr geschehen ist. Da musste ich den Filmleuten dringend etwas Lustiges erzählen.

Warum?
Na ja, die armen Leute drehen da einen Dokumentarfilm über mich, ich muss die doch ein bisschen aufheitern. Also habe ich ihnen in Jerusalem ein Haus gezeigt, in dem ich kurz nach dem Krieg wohnte. Einmal war dort ein Boyfriend bei mir zu Besuch, plötzlich klopfte es. Man durfte ihn aber nicht finden. Also habe ich ihn mit zwei aneinandergeknoteten Leintüchern abgeseilt. Hat funktioniert!