»Wenn eine Liebe halten soll, müssen sich beide im gleichen Maße verändern«

Nick Hornby hat einen Roman über ein ungleiches Paar geschrieben. Im Interview spricht er über die Fundamente einer guten Beziehung und über den richtigen Zeitpunkt, um in Paartherapie zu gehen.

Nick Hornbys Büro in Islington, London, liegt in der Nähe der Wohnung, in der er mit seiner Frau und seinen beiden jüngeren Söhnen lebt. Und in der Nähe der Wohnung seiner Ex-Frau und seines ältesten Sohnes.

Foto: Chad Kirkland / Contour by Getty Images

SZ-Magazin: Ihr neues Buch ist sehr ungewöhnlich für Sie: Es ist nicht lustig.
Nick Hornby:
Meinen Sie? Meine Frau konnte lachen, als sie es las. Es stecken schon einige Gags drin.

Es handelt auch nicht von Männern, die Schwierigkeiten haben, erwachsen zu werden.
Solche Bücher habe ich schon eine ganze Weile nicht mehr geschrieben.

Just Like You ist eine berührende Romanze. Drohen Liebesgeschichten leichter kitschig zu werden als andere Stoffe?Das ist eine Fangfrage.

Wussten Sie überhaupt, dass Ihr Buch eine Liebesgeschichte würde, als Sie es zu schreiben begannen?
Nein. Ich wollte über Trennung schreiben und über das Chaos, in dem sich mein Land befand. In dem es sich immer noch befindet.

Den Brexit.
Alles, worüber man reden konnte, war Politik und wie sie das Land gespalten hat – in die Raus-aus-der-EU-Position und die Drinbleiben-Position. Diese Spaltung hat mich seinerzeit krank gemacht. Ich wollte Punkte finden, an denen sich Menschen verbunden fühlen, die eigentlich nicht miteinander verbunden sind. Themen, die nichts direkt mit ihrer politischen Haltung oder Situation zu tun haben. Meine Romanfiguren sollten die Spaltung im Land überwinden können.

Wussten Sie zu Beginn, wie Ihr Buch und die Liebesgeschichte enden würden?
Nein. Ich wollte, dass sie über alle Hürden hinwegsteigen, die ich ihnen in den Weg lege, ich wusste aber nicht, ob sie tatsächlich zu bewältigen wären.

Lucy ist zwanzig Jahre älter als Joseph. Sie ist weiß, er ist schwarz, sie gehört zur Mittelklasse, er schlägt sich mit Hilfsjobs durch, auch als Babysitter für Lucys Kinder. Welches war die größte Hürde für das Paar?
Ich war überrascht, dass sich ihr Altersunterschied als größtes Hindernis herausstellte. Das hätte ich vorher nicht gedacht.

Die soziale Klasse oder die Hautfarbe sind ja viel prägender, oder?
Ich glaube, Klasse und Hautfarbe verhindern am ehesten, dass sich Menschen kennenlernen. Aber wenn sich zwei Menschen bereits kennengelernt haben und sehen, dass sie sich gut verstehen, so wie Lucy und Joseph das tun, dann bleibt als große Frage übrig, wie man das restliche Leben miteinander verbringen kann, wenn der eine dem anderen zwanzig Jahre voraus ist. Im Leben, nicht in dem Buch, gibt es da einige sehr unterschiedliche Haltungen zwischen den Millennials und meiner Generation, die einen Altersunterschied als weniger gravierend empfindet.

Wie wichtig ist für eine Beziehung, was Außenstehende darüber denken?
Druck von außen kann sehr schwierig auszuhalten sein. Niemand möchte in einer Beziehung leben, die nur in ihrer eigenen Blase existiert. Man möchte den Partner anderen Leuten vorstellen, und man braucht auch die soziale Anbindung im Freundeskreis. Was die anderen denken, spielt immer eine Rolle.

Wie schlimm ist Rassismus in England im Vergleich?
Die USA haben viel größere Probleme. Die Black-Lives-Matter-Bewegung in England ist ganz schnell zur Massenbewegung geworden. In Teilen der USA wäre und ist das nicht passiert. In England ging man gleich bei jedem Fußballspiel auf die Knie, das passierte fast automatisch. Dennoch glaube ich, dass der Rassismus in England seit dem Brexit-Referendum schlimmer geworden ist. 2012 fand der Liberalismus mit den Olympischen Spielen in London seinen Höhepunkt. Die Olympischen Spiele waren ein großes Ereignis für uns. Die Eröffnungszeremonie durch den Regisseur Danny Boyle hat Dinge zelebriert, die meine Generation sehr wertschätzt, und hat sich modern, inklusiv und multikulturell angefühlt. Ich dachte: Jetzt sind wir angekommen. Aber natürlich zeigt dir die Geschichte sehr schnell, dass man nirgendwo ankommen kann. Sie ändert sich ständig.

Was verbindet das Liebespaar, das so viel trennt?
Ihre Haltung zu den Dingen und Menschen, die ihnen etwas bedeuten. Lucys Kinder sind beiden wichtig. Joseph und Lucy bringen sich gegenseitig zum Lachen. Und Sex verbindet sie. Ich glaube, es verbindet sie mehr, als sie trennt.

Die gleiche Meinung zu haben, scheint in Ihren Augen für Liebespaare überhaupt nicht wichtig zu sein, so kann man es aus Ihrem Roman herauslesen.
Lucy und Joseph haben unterschiedliche Meinungen über den Brexit, aber keiner von beiden hat eine festgemeißelte Ansicht. Sie haben beide erhebliche Zweifel an ihrer eigenen Position. Der Zweifel ist überhaupt etwas, was sie verbindet. Joseph kennt die Argumente und weiß trotzdem nicht so genau, warum er für den Brexit stimmt. Lucy kommt zur Überzeugung, dass sie für den Verbleib in der EU stimmen will, aber sie versteht nicht so viel von der Sache, wie ihre Freunde das von sich behaupten. Die Unentschlossenheit habe ich während des Referendums oft beobachtet.

Halten Sie es für das Gelingen einer Beziehung wichtig, dass beide den gleichen Geschmack haben?
Das glaube ich nicht. Eher, dass Dinge aus dem gleichen Gebiet für beide wichtig sind. Dass Musik oder Literatur einem grundsätzlich etwas bedeuten, ist sehr viel wichtiger als die Frage, welche Songs oder welche Bücher man konkret mag.

Sind gemeinsame Werte wichtig?
Ganz sicher. Und die haben Lucy und Joseph.

Je größer die Einschränkungen sind, mit denen Menschen leben müssen, desto mehr Spaß mache es, über diese Menschen zu schreiben, haben Sie mal gesagt. Lucy und Joseph sind eingeschränkt.
Ja, sehr. Wenn die Personen tun und lassen können, was ihnen so einfällt, verliert die Sache an Dramatik. Das ist wahrscheinlich auch der Grund, warum ich es leid bin, über Männer in einem bestimmten Alter zu schreiben.

War Just Like You Ihr schwierigster Roman?
Nein. Meine ersten drei Bücher – Fever Pitch, High Fidelity und About a Boy – waren alle recht einfach zu schreiben, weil die Dinge darin mit meiner persönlichen Erfahrung zu tun hatten. Das wollte ich dann nicht mehr, und ich musste von Neuem anfangen, meine Bücher wurden stärker fiktional, deswegen musste ich auch mehr daran arbeiten. John Updike hat das auf der persönlichen Erfahrung fußende Schreiben das »Umarmen der Küste« genannt, im Gegensatz zum Segeln auf dem offenen Meer. Ich hatte die Küste umarmt, bis ich mich mit meinen drei Stücken und meinen folgenden Romanen immer weiter von der Küste entfernt habe.

Kennen Sie ein Paar, das als Vorlage r Lucy und Joseph diente?
Ich kenne beide einzeln, aber nicht zusammen als Paar. Ich kenne gemischt-ethnische Paare und solche mit einer ­Altersdifferenz. Aber ich schreibe sowieso nie über jemanden, den ich kenne. Es gibt immer den einen Augenblick, in dem man eine Person im Roman etwas tun lassen will, was im Leben nicht passiert ist, dann machen sich die Romanfiguren selbstständig, und die Vorlage wird für den Autor nutzlos.

Sie sind geschieden, Ihre Eltern waren es auch. Können Sie noch an so etwas wie die ewige Liebe glauben?
Sicherlich. Jeder geht doch in eine Beziehung mit der Absicht, dass sie hält. Man kann nicht voraussehen, was mit beiden über die Jahre in der Beziehung passiert. Man glaubt, sich selbst zu kennen und zu wissen, was geschehen kann, aber das kann man nicht. Wenn eine Liebe halten soll, müssen beide im gleichen Maße ­altern, wachsen und sich verändern.

Joseph und Lucy wollen sich nicht vorstellen, wie ihre Beziehung in zwanzig Jahren aussehen könnte. Ein gutes Rezept?
Ich glaube schon. Solange man in der Gegenwart glücklich ist, können alle Mutmaßungen über die Zukunft Gift sein. Die beiden haben für sich einen Weg gefunden, den wir auch beschreiten sollten.

Sie haben ein zweites Mal geheiratet.
Für meine zweite Ehe gab es einen sehr wichtigen rechtlichen Grund. In England ist es schwierig, als Paar nicht verheiratet zu sein, hinsichtlich der Kinder und Geld. Das Gesetz macht es einem sehr schwer. Und meine Bedenken gegen die Ehe waren nicht stark genug, um meine Frau und meine Kinder irgendeinem Risiko auszusetzen.

Ihr vorletztes Buch hieß Keiner hat gesagt, dass du ausziehen sollst und handelt von einem Ehepaar in der Krise, das einen Therapeuten aufsucht. Wann ist der beste Augenblick, eine Paartherapie zu beginnen? Noch bevor schwerwiegende Probleme entstehen?
Wer keine Probleme hat, sollte auch nicht zum Therapeuten gehen, denn sobald man einen aufsucht, werden Sie Probleme finden.

Waren Sie je beim Paartherapeuten?
War ich. So wie die meisten Leute, die eine Scheidung hinter sich haben.

Am Ende von Keiner hat gesagt, dass du ausziehen sollst beschreiben Sie Liebe ohne Gefühl als den typischen Zustand nach vielen Jahren Ehe. Was meinen Sie damit?
Wenn wir uns verlieben, hegen wir überhaupt keinen Zweifel an dem, was Liebe für uns in dem Augenblick darstellt. Aber wenn man mal zehn, fünfzehn, dreißig Jahre mit jemandem verbracht hat, die Kinder sind längst abgehauen, die Eltern gestorben, dann hat die Beziehung so viel Druck standhalten müssen, dass man sich nicht mehr verliebt fühlt. Das Paar in meiner Erzählung bekommt einen zynischen Blick auf die eigene Beziehung, in der sie ein tiefes Gefühl verbindet, aber eines, das sie sich zu Beginn niemals hätten ausdenken können. So eine Verbindung macht einen noch nicht glücklich, man braucht mehr als das. Glück ist immer noch der stärkste Kleber in einer Beziehung. Sind Sie verheiratet?

Ich war es. Verstehen Sie unter Ehe einen Zustand permanenter Krise?
Wahrscheinlich. Ich glaube auch, dass es immer gewöhnlicher wird, dass man zwei-, dreimal heiratet. Ich war das einzige Scheidungskind in meiner Schulklasse. In der Klasse meiner Kinder sind viele Eltern geschieden.

Haben Sie unter der Scheidung Ihrer Eltern gelitten?
Ich litt nicht unter der Scheidung, sondern unter dem Verschwinden meines Vaters. Er ging ins Ausland, eine normale Vater-Sohn-Beziehung war da nicht durchzuhalten, ich war zu jung.

Es heißt, Sie kämen gut mit Ihrer Ex-Frau aus.
Ja. Wenn man einen Sohn mit einer starken Behinderung hat, so wie wir (er hat Autismus, Anm. d. Red.), dann überwindet man eine Menge Hindernisse sehr schnell, nach dem Termin bei Gericht gibt man sich die Hand, okay, jetzt sind wir also geschieden, aber wir treffen uns um 16 Uhr wieder. Und morgen um sieben. Andere Scheidungseltern lassen die Kinder an der Haustür aus dem Auto steigen, ohne sich zu sehen. Paare brauchen eine lange Zeit, um wieder miteinander reden zu können, weil sie nicht miteinander reden müssen. Meine Ex-Frau und ich mussten immer miteinander reden. Sie lebt in der Nachbarschaft. Bei vielen Familienanlässen sind zwei Frauen da. Ich war schon mit beiden zusammen im Urlaub.

Über wen war es schwieriger zu schreiben: Joseph oder Lucy?
Bei Joseph war ich nervöser. Frauen habe ich schon oft beschrieben. Einen jungen schwarzen Mann noch nie. Das war neu für mich. Und ich habe das Manuskript vielen Leuten zu lesen gegeben.

Wem zuerst?
Meine Frau ist immer die erste Person, die gegenliest. Weil ich mich erst immer vergewissern muss, nicht verrückt geworden zu sein. Das will ich wissen, nicht, ob eine bestimmte Stelle funktioniert. Die Stelle in Shining, wo der Schriftsteller nicht sieht, dass er seit zwei Jahren immer denselben Satz geschrieben hat, rührt an einer Urangst in jedem Schreiber: nicht mehr sehen zu können, was man geschrieben hat, weil man es schon so lange tut. Deswegen muss ich mich bei meiner Frau rückversichern: Es ist okay, du kannst das Manuskript einem Verlag schicken, ohne anschließend verhaftet zu werden.

Sind die Filmrechte schon verkauft?
Das Buch bedeutet mir etwas, aber – keine Ahnung. Alles, was ich bisher geschrieben habe, wurde an Film und Fernsehen verkauft. Just Like You wird schon auch gekauft werden, weil das Buch von Menschen handelt und eine Geschichte erzählt. Entweder von Hollywood oder irgendeinem jungen Produzenten ohne Geld. Aber das interessiert mich erst, wenn ein guter Film entstanden ist.