»Wenn du dein Ziel erreichst, ist es vorbei«

Jonathan Anderson ist einer der besten Designer seiner Generation. Seine Mode wird mitunter als »seltsam« ­bezeichnet. Im Interview spricht er darüber, warum er sich seiner Entwürfe nie ganz sicher sein will – und warum er Schnittmuster für Luxus-Teile verschenkt.

Blick nach vorn: Jonathan Anderson am Fenster des Pariser Showrooms von Loewe in der Rue Bonaparte.

Foto: Maciek Pozoga/Webber Represents

Jonathan Anderson, 36, ist Nordire, lebt in London, pendelt aber nach Madrid und Paris, wo sich das Design-Atelier der spanischen Luxusmarke Loewe befindet, deren Chefdesigner er seit sieben Jahren ist. Er entwirft außerdem für sein eigenes Label JW Anderson, Uniqlo und Moncler. Das Interview findet am Telefon statt, was seine Stimme noch mehr zur Wirkung bringt: viel tiefer und voller, als sein jugendliches Aussehen es vermuten lässt. Sollte er ­irgendwann keine Lust mehr auf Mode haben – er müsste sofort

SZ-Magazin: Sie entwerfen für vier Marken gleichzeitig: Loewe, JW Anderson, Moncler, Uniqlo. Das bedeutet mehr als ein Dutzend Kollektionen jedes Jahr. Designer wie John Galliano sind unter dieser Last zusammengebrochen, der Louis-Vuitton-Männerdesigner Virgil Abloh nahm 2019 eine Auszeit. Sie hingegen haben sich in den vergangenen zehn Jahren nicht mal beklagt. Für wie anstrengend halten Sie die Modewelt von heute?
Jonathan Anderson:
Ich sehe das Ganze eher als kontinuierlichen Dialog mit dem, was ich mache. Ich entwerfe für verschiedene Labels, aber am Ende kommt alles in dasselbe Tagebuch eines Jahres, verstehen Sie? Natürlich gibt es Momente, in denen ich denke, puh, ganz schön viel. Aber gleichzeitig fühle ich mich am besten, wenn ich möglichst beschäftigt bin.

Seit Jahren wird die Branche für ihr Überangebot kritisiert, zu viele Kollektionen, zu viele Trends mit zu kurzer Lebensdauer. Wegen der Corona-Krise haben Firmen wie Saint Laurent und Gucci angekündigt, nur noch zwei Shows pro Jahr zu zeigen. Findet jetzt ein Umdenken statt?
Ich habe gerade so eine Art therapeutischen Moment und finde, jeder soll jetzt tun, was er für richtig hält, und weniger darum geben, was die anderen machen. Gleichzeitig muss die Modewelt mehr zusammenarbeiten, um Lösungen für die gesamte Branche zu finden. Aber diese Haltung, dass die Leute von einem auf den anderen Tag den gro­ßen Sinneswandel erwarten – ich glaube nicht, dass wir das Rezept morgen finden werden, womöglich nicht einmal bis Ende nächsten Jahres. Das ist ein stufenweiser Prozess, der Zeit braucht.

Es macht den Eindruck, als hätten Sie schon länger ein Gegenmodell zur Wegwerfmode gefunden. Vor allem bei Loewe setzen Sie seit Jahren auf Handwerk und erwecken alte Techniken zum Leben. Sie haben mit Loewe auch einen Preis für Kunsthandwerk ins Leben gerufen. Liegt die Zukunft der Mode in der Vergangenheit?
Ich glaube schon, dass jetzt eine Zeit anbricht, in der Authentizität wieder eine größere Rolle spielt, in der wir mehr über die Dinge wissen wollen. Woher sie kommen, wer sie gemacht hat, wie sie gemacht sind.

Ein Ledertop für Männer sieht aus, als stecke der Oberkörper in einem halbfertig geflochtenen Korb – eine Koproduktion mit einer Flechterin aus Lugo in Nordspanien. Das ist natürlich immer auch eine nette Geschichte, wenn man sagt: Wir haben irgendwo in Galicien eine Handwerkerin aufge­trieben, die das und das noch kann.
Anfangs hielten manche das sicher für ein Klischee. Aber ich will diese Techniken ja nicht nur bewahren, sondern sie für die nächste Generation neu erfinden.

Inwiefern? Sollte die Zukunft der Mode nicht mal in Kleidung mit eingebauter Technik und innovativen Stoffen liegen– die sich aber kaum durchgesetzt haben?
Innovation kann doch aus allen möglichen Bereichen kommen. Nehmen Sie die Marketerie, eine uralte Intarsien-Technik mit Leder, die wir vor ein paar Jahren wieder eingeführt haben. Früher wurde das alles von Hand mit der Schere gemacht. Wir benutzen jetzt einen Laserstrahl, mit dem das Leder viel dünner, auf den Millimeter genau, geschnitten werden kann. Dadurch können wir viel aufwendigere Designs entwerfen, präziser arbeiten, es fällt weniger Abfall an. Tatsächlich steckt heute im Handwerk sehr viel moderne Technik, man sieht es dem Produkt nur nicht an.

Während der Corona-Einschränkungen entdeckten auch viele zu Hause das Handwerken wieder für sich. Manche buken, andere bauten Gemüse an, fingen an zu stricken und zu nähen. Liegt es in der menschlichen Natur, etwas mit den Händen schaffen zu wollen?
Der Mensch an sich ist ein schöpferisches Wesen, das ist irgendwo in unserem Gehirn angelegt. Aber wir verstehen unter Erschaffen heute oft etwas anderes, obwohl dieser Schaffensprozess alles Mögliche sein kann: Kochen, Gärtnern, einen Brief schreiben – sogar sich die Nägel machen! Wir tun diese Dinge nur nicht mehr oft genug, und eine der besten Lehren aus dieser Zeit könnte sein, dass wir merken: Mindestens so sehr, wie wir glauben, Sport zu brauchen, spüren wir das Bedürfnis, unsere Hände zu benutzen. Polieren Sie mal einen schwarz angelaufenen Silberlöffel. Etwas mit den eigenen Händen zu tun, kann unglaublich befriedigend sein.

Interessant, dass so viele Menschen die Handarbeit in einer Zeit entdecken, die sehr digital geprägt ist: Man kommuniziert online, geht online einkaufen, per Webcam ins Museum. Braucht man Haptisches als Ausgleich?
Sicher. Weil es länger hält. Wir sind eine digitale Wegwerfgesellschaft, Handyfotos schmeißen wir haufenweise weg. Die sozusagen echten Dinge wie ausgedruckte Bilder oder gutes Brot schätzen wir deshalb wieder mehr.

Nachdem der Sänger Harry Styles einen gestrickten Cardigan Ihres Labels JW Anderson getragen hatte, entwickelte sich auf TikTok ein Wettbewerb, diese bunte Jacke nachzustricken. Sie stellten daraufhin die Anleitung zum Download ins Internet. Das Gleiche machten Sie mit einer gerade erst präsentierten Tunika von Loewe. Schnittmuster für Dinge, die im Laden 1500 Euro und mehr kosten, gratis teilen – das wäre in der Luxusmode früher undenkbar gewesen.
Ich habe das aus zwei Gründen gemacht. Einerseits als Give-away, aber auch, damit die Leute wieder einen Eindruck davon bekommen, wie schwer es eigentlich ist und wie lange es dauert, diese Dinge herzustellen. Wir haben durch »Fast Fashion« heute eine mitunter sehr entrückte Beziehung zu Kleidung. Viele glauben, dass alles aus irgendeiner Maschine kommt und keine Menschen mehr involviert sind. Aber egal, ob ein Kleidungsstück von einer gro­ßen Modekette oder sonstwoher stammt, überall sind Näherinnen involviert, und als Näherin musst du talentiert und gut ausgebildet sein.

Weil im Sommer kaum physische Modenschauen möglich waren, verschickten Sie eine »Show in a Box«, mit Skizzen, Stoffproben, einem persönlichen Brief dazu, und führten die Leute per Live-Schaltung durch die Kollektion. John Galliano soll zeitweise für seine Mitarbeiter kaum mehr greifbar gewesen sein, backstage hatte er seinen eigenen Bereich, den niemand betreten durfte. Ist die Ära der entrückten Designer-Diven vorbei?
Mode muss unsere Realität reflektieren. Wenn wir also jetzt alle durch diese Zeit gehen, kann ich als Designer doch nicht so tun, als ginge mich das nichts an, und nichts dazu sagen. Die Zeiten des Abgehobenseins und des Sich-Rarmachens sind vorbei. Die heutige Generation verlangt nach Verantwortungsbewusstsein, nach echten Menschen, die in derselben Welt leben wie sie selbst.

Sie sind im Nordirland der Achtziger- und Neunzigerjahre aufgewachsen, als der Nordirlandkonflikt noch andauerte. Wie erinnern Sie sich an diese Zeit?
Ich habe furchtbare Dinge gesehen, deshalb rede ich nicht viel darüber. Die Situation war fast bürgerkriegsähnlich. Wenn man damit groß wird, fühlt sich das irgendwann normal an. Aber es hat mich wahrscheinlich auch gelehrt, das Leben umso mehr zu genießen und nichts für unmöglich zu halten – weil du immer wusstest, dass dir im nächsten Moment alles genommen werden kann.

Sähe Ihre Mode anders aus, wenn Sie nebenan in England aufgewachsen wären?
Meine Jugend hat mich in jedem Fall stressresistenter gemacht. Aber ich bin unglaublich froh, in Irland aufgewachsen zu sein. Der Umgang ist manchmal ein bisschen rau, weil das Land so viel mitgemacht hat, aber auch sehr aufrichtig und direkt. Und es ist nicht nur ein komplizierter, sondern auch einer der schönsten Orte der Welt.

Aber würden Sie sagen, Sie trauen sich deshalb mit Ihrem Design mehr aus der Komfortzone heraus?
Definitiv.

Ihre Entwürfe werden oft als Avantgarde oder als im positiven Sinne seltsam bezeichnet. In einem Interview sagten Sie, jede Kollektion sollte zu 35 Prozent aus Entwürfen bestehen, mit denen Sie sich nicht völlig sicher fühlen.
Wenn du dir zu sicher mit allem bist, läufst du Gefahr, dich zu wiederholen. Man muss die Latte immer höher legen. Denn in dem Augenblick, in dem du dein gestecktes Ziel erreichst, ist es vorbei. Nur aus den Sachen, bei denen du dir noch nicht ganz sicher bist, entsteht letztlich etwas wirklich Neues.

So wie die genderneutrale Mode? Sie waren 2014 einer der Ersten, der Männern Spitzen-Tops angezogen hat, lange bevor Gucci damit großen Erfolg hatte. Die Kritiker fanden Ihre Entwürfe damals furchtbar.
Oh ja, ich kann mich gut erinnern. Für mich dagegen waren diese Sachen damals schon so selbstverständlich, dass es mich fast wieder gelangweilt hat. Das Tolle an Mode ist ja: Du kannst sie in der Gegenwart nie richtig begreifen, sondern erst rückblickend, wenn man sie im Zusammenhang mit anderen Dingen aus der jeweiligen Zeit betrachtet. Was zum Beispiel politisch in dem Moment los war, wohin sich der Zeitgeist bewegte.

Wären Ihre Chefs manchmal glücklicher, wenn Ihre Ansprüche an sich selbst nicht ganz so ambitioniert wären? Vor allem Ihre Taschenentwürfe sind extrem erfolgreich, aber Kleidung verkaufte sich zuletzt am besten, wenn sie möglichst gefällig war.
Ich habe im Fernsehen mal etwas über Tony Blair und Gordon Brown gesehen, da war von »bang and bust« die Rede: Wenn du zu früh einschlägst, gehst du womöglich auch schneller drauf. Das ist bei Marken genauso. Wenn du zu früh Erfolg hast und dich nicht immer wieder herausforderst, erreichst du keine Langlebigkeit.

Ihr Vater war Rugby-Spieler in der Nationalmannschaft. Haben Sie Ihren Ehrgeiz von ihm geerbt?
Mein Vater ist sehr kompetitiv, das habe ich definitiv von ihm, aber was ich vor allem von ihm gelernt habe, ist Mannschaftsdenken. Du kannst kein Rugby-Spiel ohne Team gewinnen. Und in der Mode ist es im Grunde genauso. Du brauchst ein Team, und zwar das beste. Sonst gewinnst du nicht.

Stimmt es, dass Sie nach der Schule Schauspieler werden wollten und dafür nach Washington gingen?
Ja, aber nach zwei Jahren auf der Schauspielschule habe ich gemerkt, dass es mich nicht glücklich macht. Also bin ich zurück nach Dublin, habe in der Herrenabteilung eines Departmentstores gejobbt – und war dann geradezu besessen von Mode. Damals war die Zeit von Tom Ford, Hedi Slimane bei Dior, Prada hatte einen sensationellen Moment, die Männermode erfuhr eine Renaissance. Ich fühlte mich wie verzaubert.

Viele Designer, auch die, die Sie gerade genannt haben, tragen meistens ihre eigenen Entwürfe. Sie hingegen sieht man ausschließlich in Jeans und T-Shirt oder Pullover. Kürzlich sagten Sie in einem Interview: »Ich versuche, mich besser anzuziehen, aber es fällt mir schwer.« Interessante Aussage für einen Designer.
Als ich jünger war, habe ich sozusagen nur Mode getragen. Aber jetzt verbringe ich so viel Zeit damit, meine Vision auf andere zu übertragen – ich kann das jetzt nur noch als Job machen, verstehen Sie? Vielleicht spielt auch eine Rolle, dass wir in der Schule Uniformen hatten. Es fällt mir morgens schwer zu entscheiden, was ich anziehen soll. Also trage ich ganz simple Sachen, um damit keine Energie vor der Arbeit zu verschwenden. Das Entscheidende bei mir ist wohl: Wenn man stundenlang gekocht hat, vergeht einem manchmal der Appetit. Ich muss auf eine blanke Fläche projizieren können. Wenn ich in den Spiegel gucke und mich in einem Entwurf von mir selbst sehe, kriege ich an diesem Tag keine Idee mehr zustande.

Statt Mode sammeln Sie wie verrückt Objekte. Es heißt, Sie hätten ein ganzes Lager und arrangierten Ihr Haus in London ständig um.
Es gibt kein Lager, alles wird gewisser­maßen aufeinander geschichtet, aber das mit dem Sammeln von allem Möglichen stimmt. Keramik kaufe ich, seit ich zwanzig bin. Ich sehe mein Zuhause als eine Art lebendiges Moodboard. Manchmal nehme ich Sachen weg und sperre sie in den Schrank, dann hole ich sie wieder raus und kombiniere sie neu, mit anderen Farben, anderen Künstlern, mit denen sie dann wieder in Dialog treten. Das hört nie auf, wie eine unendliche Geschichte.