»Ich hatte nie das Gefühl, dass ich der Beste bin«

Viele andere ­durchaus. Der Musiker Dave Grohl über ­Nirvana, die Foo Fighters, das Gemeinschaftsgefühl des Punk und den wahren Papst des Pop.

Publikum tobt, Job erledigt. Aber Grohl denkt dauernd schon ans nächste Projekt.

Foto: Jen Rosenstein

SZ-Magazin: Herr Grohl, Sie stehen für gleich zwei Riesenbands. Berühmt wurden Sie als Schlagzeuger von Nirvana, danach haben Sie als Sänger und Gitarrist die Foo Fighters gegründet, heute eine der bekanntesten Rock-Bands. Fragen Sie sich manchmal, wo Sie wären, wenn es Nirvana noch gäbe?
Dave Grohl: Ich träume davon. Das ist sehr seltsam. Ich habe Träume, in denen Kurt Cobain zurückkommt. Er hat sich einfach versteckt, kommt raus, und wir sind alle überrascht und erleichtert – und dann sollen wir gemeinsam auftreten. Ich kann es dann im Traum kaum erwarten, dass die Leute Nirvana wieder sehen! Den Traum habe ich immer wieder, herzzerreißend, aber auch wahnsinnig schön. Dann wache ich auf, und natürlich bin ich traurig.

Haben Sie sich je gefragt, was Kurt Cobain von den Foo Fighters halten würde?
Ich glaube, ehrlich gesagt, er wäre höflich, aber nicht unser größter Fan.

Schwingt da Melancholie mit?
Nein, nein! Ich habe immer schon gesagt, um mit mir befreundet zu sein, muss man die Foo Fighters nicht zwingend mögen. Ich würde sogar sagen, ein merkwürdiger Teil von mir denkt eher das Gegenteil: Wenn Leute die Foo Fighters mögen, dann finde ich die sofort nicht mehr so spannend. Aber um auf Kurt zurückzukommen: Zu Nirvana-Zeiten habe ich ihm manchmal Lieder vorgespielt, die ich allein aufgenommen hatte. Und manchmal mochte er was. Eines dieser Lieder ist später auf dem ersten Foo Fighters-Album gelandet, Alone + Easy Target. Und noch eins, das hieß Exhausted. Die Musik fand er gut, aber mit meinen Texten konnte er nichts anfangen. Was ja auch passt. Wir sind sehr, sehr unterschiedliche Songwriter.

Mit den Foo Fighters füllen Sie mühelos Fußballstadien. So weit wären Sie vielleicht mit Nirvana nie gekommen, weil es da immer diesen selbst­zerstörerischen Aspekt gab.
Ach, die Unterschiede sind zu groß, um das zu vergleichen. Nirvana wurde auf eine ganz andere Art populär und in einem viel kürzeren Zeitraum. Mit den Foo Fighters ging es ja eher langsam los, mal ein Album, dann ein paar Konzerte, alles wuchs in Ruhe. Die Entwicklung der Foo Fighters war auf gewisse Weise sehr klassisch, sehr logisch. Bei Nirvana war alles völlig unlogisch.

Was hält der Foo-Fighters-Sänger vom Nirvana-Drummer?
Kennen Sie das, wenn Sie in alten Fotoalben blättern? Da sind die Knie zu dünn, da sind die Zähne zu schief … Ich sehe alte Mitschnitte von Nirvana-Konzerten und denke immer, warum haben die mich nicht gefeuert? Der schlaksige Typ da hinten, das ist doch der totale Trottel.

Und was würde der Trottel von damals über den Rockstar von heute denken?
Och, ich glaube, er fände ihn okay. Wenn Sie mir vor 30 Jahren gesagt hätten, dass ich heute da sein werde, wo ich bin, hätte ich mich, glaube ich, gefreut. Ich wache ja tatsächlich jeden Tag auf und denke: Wie bin ich hierhergekommen? Ist das alles echt? Damals, als Highschool-Abbrecher, als mäßiger Schlagzeuger, war alles, was ich wollte, eine eigene kleine Wohnung und die Möglichkeit, Musik zu machen. Ich hatte nie irgendeinen verrückten Ehrgeiz. Und es ist doch ganz gut gelaufen: Ich habe genug zu essen und ich kann Musik machen.

Sie sind dafür bekannt, dass Sie Ihre Arbeit machen, egal was passiert. Sie sind schon von der Bühne gefallen und haben mit gebrochenem Bein zwei Stunden lang weitergespielt. Sie haben sich danach den berühmten Thron bauen lassen und eine ganze Tournee im Sitzen bestritten. Woher kommt denn diese Arbeitsmoral?
Aus meiner Kindheit, würde ich sagen. Meine Mutter war Lehrerin. Lehrer werden nicht gut genug bezahlt. Dabei sind sie Helden! Sie sind so wichtig! Aber ich musste mitansehen, wie meine Mutter nebenher noch zwei verschiedene Jobs machte, um über die Runden zu kommen. Sie hat nachmittags in einem Kaufhaus gearbeitet, später in einem Teppichreinigungsservice … Sie hat immer geschaut, dass alle glücklich sind und gesund. Das hat mich sehr geprägt, ­glaube ich.

Aber es ist auch eigenartig – war Rock ’n’ Roll nicht immer das Gegenteil von klassischer Arbeitsmoral? Loslassen, aufdrehen, durchdrehen?
Sie meinen, Musiker müssen idealistische, unverantwortliche Träumer sein, die keinen Bezug zur Realität haben? Ja, das ist wohl oft so, und daraus entsteht oft schöne Kunst. Aber ich war einfach nie so ein Mensch. Auch nicht, als ich jung war. Ich bin idealistisch und halte mich durchaus für einen Träumer. Aber es gibt immer auch die andere Seite in mir, die Angst, dass plötzlich alles weg ist. Ich brauche das Gefühl von Sicherheit. Als ich jung war, war ich in allen Sportarten der Torwart. Immer. Ich will das jetzt nicht überpsychologisieren – aber ich war gern der letzte Mann vor dem Netz, der Aufpasser. Und dann wurde ich ausgerechnet Schlagzeuger.

Der Hintermann der Band.
Genau. Schlagzeuger und Torhüter sind sich sehr ähnlich, jede Band ist nur so gut wie der Mensch, der hinten alles zusammenhält. Bei den Foo Fighters stehe ich jetzt vorn in der Mitte – aber dafür steht mein Name unten auf dem Scheck. Ich bin verantwortlich für 50 Leute, von der Road-Crew über das Management bis hin zur Buchhaltung. Und das gefällt mir.

Auch jetzt, in Corona-Zeiten?
Na ja, in dem Fall wäre »gefallen« das falsche Wort, aber ich nehme meine Verantwortung ernst. Als die Pandemie losging, habe ich als Erstes sichergestellt, dass es für unsere Crew stimmt, dass alle versorgt sind, dass wir einen Plan haben.

Vor 30 Jahren waren Sie Punkrock-Schlagzeuger, heute sind Sie auch Geschäftsmann. Wenn Sie den Dave Grohl von damals mit dem von heute vergleichen – was ist der größte Unterschied?
Ich glaube, ich bin heute entspannter als früher. Wenn man jung ist, hat man so viele Unsicherheiten … Ich hatte zum Beispiel nie das Gefühl, ein Instrument richtig zu beherrschen. Ich hatte nie das Gefühl, dass ich der Beste bin in dem, was ich mache.

Na ja, Sie galten schon als hervorragender Schlagzeuger.
Aber bevor es mit den Foo Fighters losging, war ich nie der Sänger in einer Band gewesen. Ich hatte nie mit einer Gitarre vor dem Mikrofon gestanden. Da fühlt man sich nackt.

Erinnern Sie sich an Ihr erstes Konzert als Sänger?
Oje, ja …

War es Ihnen peinlich?
Absolut! Und irgendwie ist es mir heute immer noch peinlich. Aber nach 25 Jahren habe ich mich immerhin ein bisschen daran gewöhnt und kann es auch genießen. Früher war ich nervös und ängstlich. Ich hatte immer das Gefühl, nicht gut genug zu sein. Heute fühle ich mich wohler, weil diese Band schon so lange zusammen ist. Man geht auf die Bühne und fühlt sich beschützt. Wenn ich allein auf die Bühne gehen würde oder mit Leuten, die ich nicht kenne, hätte ich viel mehr Angst.

Am Anfang, in der Frühzeit des Grunge, haben Sie in Bands gespielt, die eine gewisse Scheißegal-Haltung verbunden hat. Heute ist das Gegenteil der Fall, Sie stehen als großer Umarmer in ausverkauften Arenen und laden alle zum Mitmachen ein.
Es gab damals tatsächlich sehr wuchtige politische Ansichten und Botschaften, aber die richteten sich ja nach außen. Nach innen war das damals eine Gemeinschaft. Ich bin am Rand von Washington, D. C., aufgewachsen, da gab es eine sehr ausgeprägte Musikszene, die Achtziger, Punkrock, das war alles total integrativ. Die Musik hat die unterschiedlichsten Leute zusammengebracht, da ist eine schöne und starke Energie entstanden. Diese Art von Gemeinschaft und Verbundenheit habe ich immer als eine der besten Seiten des Musikmachens empfunden. Die ersten Konzerte, die ich noch als Jugendlicher besucht habe, waren Punkrock-Shows. Man stand mit der Brust an der Bühne, den Sänger unmittelbar vor sich. Und im nächsten Moment hatte man den Sänger auf dem Kopf! Auf den Schultern! Es ging um ein großes Miteinander.

Trotzdem basierte dieses Miteinander auf Wut und Frust, oder nicht?
Ja und nein. Wir reden hier von den frühen Achtzigern, Ronald Reagan war Präsident, da gab es extrem viel politischen Frust. Und Wut, ja. Aber die Konzerte, die Bands, all das hatte auch etwas sehr Kathartisches. Man hat sich zusammengetan, um etwas zu erreichen, eigenständig, unabhängig, das war eine Do-it-yourself-Unabhängigkeit. Im Grunde ist das heute noch so bei den Foo Fighters. Wir arbeiten mit Plattenfirmen zusammen, aber wir haben unser eigenes Label. Mir ist immer noch am wichtigsten, dass wir die Dinge selbst machen, ohne dass uns jemand sagt, was wir zu tun haben.

Wenn in den Achtzigerjahren die politische Lage der Hauptantrieb war, dann hätten Sie in den vergangenen vier Jahren allen Grund gehabt, eine neue Punkrock-Bewegung ins Leben zu rufen.
Stimmt schon. Aber muss ich mir noch neue Schlachten suchen? Als ich jung war, arbeitete mein Vater als republikanischer Redenschreiber. Meine Mutter dagegen war eine liberale Lehrerin. Ich bin also zwischen diesen beiden gegensätzlichen Richtungen aufgewachsen. Vielleicht hat das dazu geführt, dass ich bis heute die Menschen lieber zusammenbringen will als sie zu spalten. Ich habe mich lautstark für die Rechte der Schwulen eingesetzt. Ich habe oft genug deutlich gesagt, welche politischen Kandidaten ich unterstütze. Ich glaube, die Leute wissen, woher ich komme und was für ein Mensch ich bin. Sollte irgendjemand denken, dass ich ein rechtsradikales, nationalistisches Arschloch bin, wäre ich … überrascht.

Wenn man mit anderen Musikern spricht oder Artikel über Sie liest, kommt sowieso immer das Gegenteil: Alle lieben Dave Grohl. »The Nicest Guy in Rock«, das wird inzwischen fast wie ein Markenslogan verwendet.
Nicht von mir!

Schon klar. Aber jetzt wäre eine gute Gelegenheit, um gegen diesen Ruf zu arbeiten. Verraten Sie mal etwas über die dunkle Seite von Dave Grohl.
Haha, fragen Sie die anderen in der Band, die werden Ihnen verraten, dass ich sehr nerven kann. Ich bin ein Antreiber, ich bin wahnsinnig pingelig und ungeduldig. Ich habe immer das Gefühl, dass es weitergehen muss, dass alle dranbleiben müssen.

Man stellt sich ja vor, dass das vor allem für Ihren Schlagzeuger Taylor Hawkins hart sein muss. Der tut, was er kann, aber jeder im Publikum weiß, er ist nur der zweitbeste Schlagzeuger auf der Bühne.
Ach kommen Sie, das ist gemein. Ganz ehrlich, Taylor und ich, wir sind wie Brüder. Außerdem sind wir zwei völlig verschiedene Schlagzeuger. Ich bin ein Disco-Drummer. Er ist ein Prog-Rock-Drummer. Ich spiele so: Eins, zwei, drei, vier. Und er kann Sieben-Achtel-Takt und völlig kompliziertes Zeug. Das macht unsere kreative Beziehung einfacher. Natürlich gibt es Tage im Studio, an denen er mich hasst, haha. Aber wir lieben uns.

Ich habe vor diesem Interview versucht, alle berühmten Musiker zu notieren, mit denen Sie zusammengespielt haben. Irgendwann habe ich aufgegeben, es wurden zu viele. Man könnte auch einfach ein Lexikon der Popmusik auf den Tisch legen. Queen, Led Zeppelin, Pearl Jam, Paul McCartney, Alice Cooper, Puff Daddy, Prince, Guns N’ Roses, Cat Power, David Bowie, Rick Astley, Bangles, The Prodigy, Lemmy, Queens of the Stone Age, Rolling Stones, Iggy Pop, Tom Petty, Nine Inch Nails …
Ja, es sind ein paar zusammengekommen.

Welche Begegnungen sind Ihnen besonders in Erinnerung geblieben, welche haben Sie besonders berührt?
Prince. Ich durfte genau einmal mit ihm spielen, und das war gigantisch. Nur 15 Minuten bei einem Soundcheck, aber das hat völlig gereicht. Ich am Schlagzeug, er abwechselnd Gitarre und Bass, ganz egal, welches Instrument, jeder Ton bei ihm saß perfekt. Was für ein Genie. Dann … David Bowie! Dass ich tatsächlich mit dem echten David Bowie gespielt habe, allein das ist doch verrückt, oder? Und dann natürlich Paul McCartney. Wenn man so einen Mann trifft, hat man wirklich Schiss. Ein Held, eine Legende. Da fällt es einem erst mal schwer, überhaupt ein Wort rauszubringen. Aber dann geht man an die Instrumente – und plötzlich ist die Kommunikation anders, alles wird ganz einfach. Man hat das Gefühl, jetzt lerne ich den Menschen wirklich kennen. Allein schon dadurch, wie er sein Instrument berührt, wie er spielt.

Vor vielen Jahren habe ich Sie schon mal interviewt – und gefragt: Wenn die Welt der Popmusik eine Kirche wäre, wer wäre dann der Papst? Da haben Sie wie aus der Pistole geschossen gesagt: Paul McCartney.
Stimmt doch auch, oder?

Wenn Paul McCartney der Papst ist, welche Rolle in der Pop-Kirche würden Sie sich selbst zuschreiben? Erzbischof? Fernsehprediger? Organist?
Ich bin der Hausmeister.