»Migration ist Teil der Menschheit«

Der britische Künstler George Butler will auf die Lage von Menschen in Kriegsgebieten und auf der Flucht aufmerksam machen, indem er zu ihnen reist und sie zeichnet. Zwischen allem Leid findet er immer wieder Momente der Hoffnung und Poesie.

»Die Menschen können mir dabei über die Schulter schauen, sie verstehen ohne viele Worte, was ich da tue. Mit einer Kamera wäre das anders, die schüchtert viele Leute ein.« (George Butler) 

Foto: Simon Edmunds

SZ-Magazin: Sie reisen seit vielen Jahren durch Krisengebiete wie Syrien oder Afghanistan, um dort die Menschen zu zeichnen. Wie reagieren die auf Sie?
George Butler: Ich werde fast immer sehr freundlich empfangen. Ich glaube, dass ich es viel einfacher habe, als ein Fotograf es hätte.

Warum?
Weil die Menschen, die ich porträtiere, direkt mitbekommen, was ich dort mache. Ich schaue mich immer erst mal lange vor Ort um und suche mir dann einen guten Platz, um mich hinzusetzen und zu zeichnen. Die Menschen können mir dabei über die Schulter schauen, sie verstehen ohne viele Worte, was ich da tue. Mit einer Kamera wäre das anders, die schüchtert viele Leute ein. Und das Fotografieren wird auch viel öfter von Behörden verboten. Es wirkt bedrohlicher. Schauen Sie sich allein mal die Sprache an, mit der über Fotografie gesprochen wird: Man »schießt« ein Foto …

Im Deutschen gibt es auch das Wort »Schnappschuss«, was wirklich etwas militärisch klingt.
Eine Kamera ist für viele Menschen ein Gegenstand, der eher Distanz herstellt. Es gibt natürlich auch tolle Fotografen, die Nähe zu den Menschen schaffen können. Aber ich finde, in einer Zeichnung steckt mehr Intimität, und sie kann auch die Verletzlichkeit von Menschen besser zur Geltung bringen. Sie öffnen sich mir gegenüber, und dafür bin ich sehr dankbar.

Dafür sind Zeichnungen schwieriger zu transportieren als digitale Fotos, die man auch per Mail verschicken kann. Wie schützen Sie Ihre Bilder auf Ihren Reisen?
Ich schütze sie quasi mit meinem Leben. Ich habe die Bilder in einer Mappe unter dem Arm dabei und lasse sie nie aus den Augen. Und bisher ist den Zeichnungen nie etwas passiert. Na ja, fast nie, einmal hat eine Antilope in Afrika ein Bild einfach aufgefressen. Und in Rumänien war ein Mann so wütend auf mich, dass er eines meiner Bilder zerrissen hat.

Die Bilder, die Sie in Ihrem Buch gesammelt haben, zeigen Menschen auf der Flucht. Manche fliehen vor Krieg und Gewalt, andere wollen der Ausweglosigkeit ihrer Heimat entkommen. Gibt es etwas, was diese Menschen gemeinsam haben?
Was alle Menschen dieser Bilderserie verbindet, ist, dass sie sich dieses Schicksal nicht ausgesucht haben. Die Flucht ist nicht ihre erste Wahl, sie alle suchen ein besseres Leben. Und natürlich schwingt immer die Frage mit, wer Asyl verdient und zum Beispiel zu uns nach Europa kommen darf – und wer nicht. In Europa sind sich viele einig, dass eine Familie aus Syrien es eher verdient hat, an einem sicheren Ort aufgenommen zu werden, als ein Wirtschaftsflüchtling aus Tadschikistan. Aber sollte es nicht so sein, dass jeder Mensch sich frei bewegen kann, um sich ein besseres Leben aufzubauen?

Was ist Ihre Antwort darauf?
Ich kann diese Frage nicht beantworten, hoffe aber, dass mein Buch dazu führt, dass sich Menschen diese Frage stellen. Denn natürlich erreichen meine Bilder vor allem diejenigen, die sich selbst nie auf eine Flucht begeben müssen. Sie sollen zumindest wissen, dass Migration für viele Menschen auf der Welt zum Leben gehört. Migration ist normal, es wird sie immer geben, und sie ist Teil der Menschheit seit mindestens 200 000 Jahren.

Wenn Sie Menschen auf ihrer Flucht zeichnen, kreuzen sich Ihre Leben für einen kurzen Moment. Bleiben Sie mit den Menschen in Kontakt und verfolgen ihr Schicksal weiter?
Das versuche ich, so gut es eben geht. Von einem jungen Mann namens Ezat, der in Afghanistan als Übersetzer für die amerikanische Armee gearbeitet hatte und deswegen von den Taliban verfolgt wurde, weiß ich, dass er mittlerweile in Frankreich lebt. Auch mit manchen Menschen aus Tadschikistan bin ich noch in Kontakt, obwohl es schwierig ist, weil die meisten sozialen Medien wie Facebook dort immer wieder gesperrt wurden. Aber irgendwie kommt man immer wieder an die Menschen heran. Und ich will natürlich wissen, wie es ihnen geht. Einen Satz höre ich dabei immer wieder.

Welchen?
Fast alle Menschen auf der Flucht beschreiben den Ort, von dem sie geflohen sind, als ihre Heimat. Und die meisten verbindet das Ziel, eines Tages nach Hause zurückzukehren. Ich habe fast Schuldgefühle, weil ich nach meiner Arbeit in solchen Regionen oder in Flüchtlingslagern einfach ausreisen und zurück nach Hause fahren kann.

Dieses Gefühl beschreiben viele Kriegsreporter: das Privileg, Leid nur als Beob­achter zu erleben. Wie gehen Sie damit um?
Ich habe vor sieben Jahren die Hilfsorganisation »Hands Up« mitgegründet, die Geld sammelt und damit Ärztinnen, Ärzte und Krankenhäuser in Syrien unterstützt. Diese Idee wurde aus diesem Gefühl heraus geboren, dass ich mit meinen Zeichnungen vielleicht Menschen wachrütteln kann. Aber der Krieg in Syrien tobt jetzt schon seit zehn Jahren. Da habe ich das Gefühl: Die Leute dort brauchen noch eine andere Hilfe als nur Zeichnungen.