»Mein Schwulsein wurde instrumen­talisiert«

Volker Beck (Grüne) und Jens Spahn (CDU) sind beide Politiker, homosexuell und haben für die Ehe für alle gestimmt. Ansonsten verbindet sie aber herzlich wenig. Ein Streitgespräch.

Nach mehr als 15 gemeinsamen Jahren im Bundestag kennen sich Volker Beck (links) und Jens Spahn gut, sie duzen sich auch –- beim Interview wurde es trotzdem ziemlich laut.

Foto: Andy Kania

SZ-Magazin: Herr Beck, Herr Spahn, die Ehe für alle wird bald Gesetz. Ist der Kampf um die Gleichstellung Homosexueller nun abgeschlossen?
Jens Spahn: Rechtlich gesehen war das der letzte Meilenstein. Das ist auch gesellschaftlich ein wichtiges Signal, aber das heißt nicht, dass das schon in allen Köpfen angekommen ist. Übergriffe, diskriminierende Äußerungen und Gewalt gegen Schwule und Lesben gibt es nach wie vor jeden Tag. Ich werbe dafür, die Tonlage beim Kampf für die Gleich­berechtigung auf ein Maß herunterzudimmen, das der Situa­tion angemessen ist. Wir sind glücklicherweise nicht mehr im Jahr 1970. Seitdem ist wahnsinnig viel passiert. Ich bin Menschen wie Volker Beck, Klaus Wowereit und Ole von Beust echt dankbar, die unter ganz anderen gesellschaftlichen Bedingungen diesen Kampf mit ausgefochten haben.
Volker Beck: Das Programm der rechtlichen Gleich­stellung für Schwule und Lesben ist damit tatsächlich weitgehend abgearbeitet, offen sind noch Benachteiligungen von lesbischen Co-Müttern im Abstammungsrecht. Aber es gibt immer noch viel zu tun beim Abbau von Vorurteilen und der Verwirklichung von gleichen gesellschaftlichen Chancen. Eigentlich ist die Gleichheit vor dem Gesetz, die in der Verfassung garantiert ist, ja eine Selbstverständlichkeit. Bis 1994 war Homosexualität eine strafrechtliche Kategorie. Danach gab es eine Phase der Toleranz. Man wurde diskriminiert, aber nicht mehr bestraft. Sie dauerte bis 2017. Erst jetzt gibt es die rechtliche Akzeptanz, dass wir Menschen mit gleicher Würde und gleichen Rechten sind.
Spahn: Die Würde war vorher schon die gleiche, die ist bedingungslos.
Beck: Nein. Die Würde, wie sie in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte formuliert ist,konkretisiert sich juristisch in gleichen Rechten. Wer gleiche Rechte abspricht, negiert die Würde des Menschen. Man hatte bei der homosexuellen Person die sexuelle Identität aus ihrem Menschensein herausdefiniert. Und so macht es die katholische Moraltheologie noch heute, indem sie die sexuelle Identität vom Menschen trennt, katholisch gesprochen: die Sünde vom Sünder. Für die Transsexuellen fehlt uns ein ähnlicher Schritt einer Respektgesetzgebung wie die Ehe für alle: Das veraltete Transsexuellengesetz muss durch ein Selbstbestimmungsgesetz ersetzt werden, das absieht von dem bürokratischen Gutachter-Bohei, das angestrengt wird, um die geschlechtliche Identität festzustellen. Geschlecht lässt sich nicht diagnostizieren, nur der Mensch selbst kann kompetent über die eigene geschlechtliche Identität Auskunft geben.

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