Die Heringsinsel

Mit Schnaps, mit Fenchel, mit Orange, mit Vanille: Auf Klädesholmen gibt es Fisch in allen denkbaren Variationen (und ein paar undenkbaren).

Heringe erinnern mich an meinen Großvater: Wenn er uns besuchte, brachte er immer welche mit; eingelegt in Sahnesauce, mit Zwiebeln, Gurken und Apfelstücken. Es war sein Willkommensessen und jedes Mal der Beginn besonders glücklicher Tage.

Der vertraute säuerliche Geruch steigt mir gleich hinter der Brücke nach Klädesholmen in die Nase. Auf dieser sogenannten Heringsinsel im Westen Schwedens, knapp hundert Kilometer nördlich von Göteborg, soll es die besten Heringe geben. Am Ortseingang steht die Heringsfabrik Klädesholmen, die Einzige von ehemals dreißig Fabriken, die es auf der Insel heute noch gibt – hier werden die eingelegten Heringe für alle Ikea-Filialen weltweit verarbeitet. Schon 1594 war Klädesholmen ein bekanntes Fischerdorf, im Meer tummelten sich Schwärme von Heringen. Anfang des 19. Jahrhunderts verschwanden sie und kehrten nie zurück – warum, weiß keiner so genau. Die Heringe, die heute in der Klädesholmer Fabrik verarbeitet werden, kommen vor allem aus dem norwegischen Meer. Das Markenzeichen der Insel sind sie trotzdem geblieben: Die Klädesholmer haben ein kleines Heringsmuseum gebaut. Und den schwedischen Nationalfeiertag am 6. Juni erklärte die Fabrik zusammen mit dem Hotel/Restaurant »Salt & Sill« zum Tag des Herings. Am Pier können Besucher dann Heringsfilets kosten, eingelegt in Lavendel, in Nelken und Zimt, in Zitrone; oder den »Hering des Jahres 2009« mit Dill, Aquavit und Fenchel – ein neues Gemeinschaftsrezept von Restaurant und Fabrik, das dieses Jahr ausgezeichnet wurde. Wer nach Klädesholmen fährt, sollte also gern Hering essen – dann lohnt sich ein Abstecher von Göteborg aus umso mehr. Für alle anderen gibt es in der Gegend ja noch die Garnelen- oder die Austerninsel.

Dass Hering sogar noch besser schmeckt, wenn man ihn mit Schnaps genießt, hat mir mein Großvater nie verraten: Heringsfilet in Blutorange und Lavendel zum Apfelsinen-Vanilleschnaps; in Dill und Zitrone zum Zitronenschnaps; eingelegt in Schwarze Johannisbeeren zum Johannisbeerschnaps. Oft wird zu einem neuen Heringsrezept eigens ein passender Schnaps entwickelt. Als Beilage isst man gekochte Kartoffeln mit Sour Cream – und das kenne ich dann doch wieder von meinem Großvater.

Meistgelesen diese Woche:

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Übernachten Salt & Sill, Tel. 0046/ 304 67 34 80, www.saltosill.se.
Essen
Heringsplatte mit Schnapsprobe im Restaurant des Salt & Sill auf Klädesholmen.
Unbedingt einen schwedischen Kriminalroman mitnehmen und das Heringsmuseum besuchen bei Pelle Stavfeldt am Pier von Klädesholmen, Tel. 0046/304 67 30 04.

Olivier Kugler (Illustration)

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